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Efeu - Die Kulturrundschau

Leichte, ja lustige Kunst

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.09.2017. Die FAZ staunt über den Furor, mit dem sich der britische National Trust zu seinem queeren Erbe bekennt. Die Berliner Zeitung freut sich aufs Mittanzen in der neuen Volksbühne. Frauen, ärgert sich der Tagesspiegel, sieht man beim Filmfestival in Venedig fast nur als Huren, Heilige und Gewaltopfer.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2017 finden Sie hier

Kunst


Queer British Art in der Tate Britain: Henry Scott Tukes "The Critics", 1927. Courtesy of Leamington Spa Art Gallery & Museum

Britannien zelebriert derzeit mit einer Anzahl von Ausstellungen - in der Tate Britain, dem British Museum, der British Library,  - den 50. Jahrestag einer Strafrechtsreform, die einvernehmliche sexuelle Handlungen unter Männern entkriminalisiert hatte. Besonders der National Trust feiert stolz sein "LGBTQ-Vermächtnis". Und er tut es mit einem Furor, der Gina Thomas unangenehm ist: Da wurden Künstler nachträglich geoutet und freiwillige Mitarbeiter aufgefordert, einen Regenbogen-Sticker als Zeichen der Soldarität zu tragen. "Wer sich gegen diese Politisierung der Denkmalpflege sträubte, wurde vom Publikumsbereich abgezogen und mit Hinterzimmeraufgaben betraut. Erst als dem National Trust ähnliche Protestwellen entgegenschlugen wie bei seinem Versuch, die christliche Bedeutung des Osterfestes herunterzuspielen durch die Entfernung des Wortes Ostern von der Werbung für die traditionelle Eiersuche auf seinen Anwesen, lenkte er ein. Es bleibe jedem Einzelnen überlassen, ob er das Abzeichen trage, hieß es dann."

Weitere Artikel: Die FAZ hat Camilla Blechens Artikel zum Tod des Malers Arno Rink online nachgereicht. Beate Scheder berichtet in der taz von einem 46-stündigen Gesprächsmarathon Berliner Galeristen zur Vorbereitung der Berlin Art Week. Roman Gerold berichtet im Standard vom Ars-Electronica-Festival in Linz. Außerdem hat die SZ heute zwei Seiten zur Biennale für aktuelle Fotografie.

Besprochen werden eine Ausstellung der Waldboden-Stillleben von Otto Marseus van Schrieck im Staatlichen Museum Schwerin (taz), die Ausstellung "The Encounter - Drawings from Leonardo to Rembrandt" in der National Portrait Gallery in London (SZ) und die Ausstellung der Art-brut-Sammlung von Hannah Rieger in Krems (Presse).
Archiv: Kunst

Bühne


Fitmachen für "Fous de danse"

Am Sonntag wird die neue Volksbühne unter Chris Dercon mit einer ersten Inszenierung eröffnet - mit drei Tanzprojekten des Choreografen Boris Charmatz allerdings nicht im Haupthaus, sondern in der neuen Nebenspielstätte, dem Hangar 5 auf dem Tempelhofer Flughafen, berichtet Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung: Es beginnt mit "Fous de danse - Ganz Berlin tanzt auf Tempelhof" einer "zehnstündigen Aktion mit der Charmatz auf dem Tempelhofer Flugvorfeld Berlin für die neue Volksbühne gewinnen soll. Die Zuschauer sind eingeladen über einige Strecken der insgesamt zehnstündigen Veranstaltung selbst mitzutanzen. Bei Workshops kann man die hierfür erforderlichen Bewegungsabläufe erlernen. Oder man studiert sie allein mittels sechs auf der Volksbühnen-Website veröffentlichten Tutorials." Derweil lassen die Castorf-Anhänger ihren Hass auf Facebook aus: "Charmatz und seine Tanzprojekte etwa werden als 'lächerlich', 'Kindergeburtstag' oder 'woher kommt der, aus Rennes' abgetan. Als ob das ein Kriterium wäre."

Weiteres: Patrick Wildermann macht für den Tagesspiegel mit Oliver Reese einen Rundgang durchs BE. Andreas Rüdenauer besuchte für die taz in Leningrad die Proben des deutsch-russischen Ensembles des Teatr Pokolenij für ihr Stück "67/871" über die Blockade Leningrads im Zweiten Weltkrieg, das heute in Berlin aufgeführt wird.
Archiv: Bühne

Literatur

Sehr beeindruckt ist Sandra Kegel von Arundhati Roy, die im Frankfurter Literaturhaus - unter Anwesenheit viel Sicherheitspersonals - ihr literarisches Comeback "Das Ministerium des Äußersten Glücks" vorgestellt hat. Die indische Schriftstellerin wurde dabei nicht müde, die politische Lage in ihrem seit 2015 rechtsnationalistisch regierten Land anzuprangern, berichtet Kegel in der FAZ: Sie "lächelt furchtlos, (...) wenn sie die naive Vorstellung des Westens über ihre angeblich so anarchische Heimat aufspießt, während sich hinter dem pittoresken 'Mix aus Yoga, Bollywood und Gandhi' tatsächlich ein fundamentalistisches Regime verberge, das sich längst nicht mehr nur mit der Indisierung der Kultur begnügt. Indien mag sich nach außen hin als durchlässig präsentieren, in Wahrheit regiere das Kastenwesen mit eiserner Gewalt, 'eines der brutalsten Systeme der Gegenwart'. Bis heute wagten es nur fünf Prozent aller Inder, außerhalb ihrer Kaste zu heiraten."

In Berlin wurde das Internationale Literaturfestival unter enormem Publikumsandrang eröffnet. Elif Shafaks Eröffnungsrede war politisch aufrüttelnd und streifte so ziemlich alle politischen Schieflagen der Gegenwart, berichtet Gregor Dotzauer im Tagesspiegel nicht ohne ausgiebig nachzuweisen, dass ein Antonio Gramsci zugesprochenes Zitat gar nicht von dem italienischen Marxisten stammt, sondern von Romain Rolland. Ebenfalls auf dem Literaturfestival sah SZ-Kritiker Lothar Müller den Film "What Matters", in dem 30 Künstler die Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte rezitieren: "Es geht nicht immer gut, wenn politische Inszenierungen auf liturgische Formen zurückgreifen. In der Eröffnungsveranstaltung des 17. Internationalen Literaturfestivals Berlin ging es gut." FAZ-Kritiker Andreas Kilb war bei Robert Menasses Lesung aus seinem neuen Roman "Die Hauptstadt".

Außerdem: In der Welt tritt Lucas Wiegelmann das Nibelungenlied in die Tonne. Jan Wiele spricht in der FAZ mit Schriftsteller Geoff Dyer über dessen literarische Methode zwischen Halb-Fiktion und Essayismus. Sonja Zekri sucht für die SZ-Reihe über die Sommerhäuser bekannter Literaten Anna Achmatowas Datscha in Komarowa auf. Ulrike Baureithel schreibt im Tagesspiegel zum Tod der feministischen Literaturwissenschaftlerin Kate Millett.

Besprochen werden Friedrich Anis "Ermordung des Glücks" (Welt), Ingo Schulzes "Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst" (Berliner Zeitung), Robert Menasses "Die Hauptstadt" (Zeit) und die Neuübersetzung von Rétif de la Bretonnes "Monsieur Nicolas oder Das enthüllte Menschenherz" (Tagesspiegel).
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Archiv: Literatur

Film


Blickt von gestern aufs Morgen der türkischen Gesellschaft: Emin Alpers "Abluka"

Noch vor dem gescheiterten türkischen Militärputsch 2016 gedreht, entpuppt sich Emin Alpers Thriller "Abluka" als "Film von gestern über das Morgen", schreibt Janis El-Bira im Tagesspiegel. "Anders als in Alpers Debüt 'Beyond the Hill' figuriert der äußere Feind des Kontrollapparats hier auch als Sichtbarmachung innerer Zerrüttungen. Das System der gegenseitigen Denunziation findet erst in den Brüchen innerhalb der türkischen Gesellschaft und seiner entgleisten Biografien den geeigneten Nährboden. Daraus entwickelt Alper eine tragfähige Doppelbödigkeit." Für den Perlentaucher bespricht Lukas Foerster den Film, der "der politischen Wirklichkeit einen entscheidenden Schritt näher" komme.

Das Filmfestival in Venedig ist weiterhin im vollen Gang: Christiane Peitz ärgert sich im Tagesspiegel: Frauen sind auf diesem Festival - mit wenigen Ausnahmen - vor allem als "Huren, Heilige, Gewaltopfer" zu sehen. Hanns-Georg Rodek von der Welt kriegt unterdessen bei dem Camorra-Musical "Ammore e Malavita" der Manetti-Brüder richtig gute Laune. Auch Thomas Steinfeld von der SZ, der ansonsten viel Naturalismus und Realismus im Wettbewerb gesehen hat, wird fröhlich darüber, wie sich in diesem Film "Mord und Totschlag in leichte, ja lustige Kunst verwandeln und das Verbrechen doch seinen Ernst behält."

Standard-Kritiker Michael Pekler erahnt einen Sinnzusammenhang bei der Auswahl der Wettbewerbsfilme: "Ein Thema, das einzelne Beiträge im Wettbewerb miteinander verbindet, lautet etwa: Wie kommt man der Wahrheit am nächsten? Und wie weit kann man dabei dem eigenen Urteilsvermögen trauen?" Im Festivalblog der FAZ ärgert sich Dietmar Dath über bei Tisch mitgelauschte Gespräche angereister Deutscher über die chinesische Filmindustrie. Taz-Kritiker Tim Caspar Boehme kämpft am Lido unterdessen mit dem Schlaf.

Weiteres: Jackie Thomae ärgert sich im Freitext-Blog auf ZeitOnline darüber, dass deutsche Komödien auf politisch korrekt machen, aber keine bissigen Satiren über Rassismus hinkriegen. Im Deutschlandfunk Kultur spricht Antje Vollmer über Christoph Schlingensief, auf dessen "Chance 2000"-Projekt derzeit ein aktueller Kino-Dokumentarfilm zurückblickt.

Besprochen werden Oskar Roehlers als "Roman" getarnte Abrechnung "Selbstverfickung" mit dem deutschen Filmbetrieb (SZ), Emir Kusturicas "On the Milky Road" (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), die Verfilmung von Dave Eggers' Roman "The Circle" (Standard, unsere Kritik hier), die französische Komödie "Barfuß in Paris" mit Emmanuelle Riva (Tagesspiegel), die Komödie "Barry Seal" mit Tom Cruise als Drogenschmuggler (FR, Welt, FAZ) und die ZDF-Serie "Zarah - Wilde Jahre" (FR).
Archiv: Film

Musik

Ulrich Amling besuchte für den Tagesspiegel in Wien den "heiß gehandelten" Dirigenten Teodor Currentzis, der jetzt mit seinem Ensemble MusicAeterna in Berlin gastiert: "Teodor Currentzis elektrisiert und polarisiert die Klassikwelt wie kein Zweiter. Der 1972 in Athen geborene und im russischen Perm arbeitende Dirigent stellt den Musikbetrieb leidenschaftlich auf den Kopf. Gewerkschaftlich geregelte Probenzeiten kennt er nicht, man verbringt ohnehin den ganzen Tag im Theater und die Nacht dazu. Akribisch und fordernd wird ausprobiert, stehend, weil sich die Artikulation, die Körpersprache, die Emotion für Currentzis so einfach stärker überträgt.

Weitere Artikel: In der NZZ freut sich Marcus Stäbler über eine Konzertreihe mit Quartetten in der Zürcher Kirche St. Peter. Und Thomas Sacher schreibt zum Saisonauftakt der Hamburger Elbphilharmonie mit dem Orchester der Lucerne Festival Academy. Steffen Greiner unterhält sich in der taz mit den Pop-Exzentrikern Sparks. In Dresden gibt es nicht nur Pegida, sondern zu allem Unglück auch Scharen manischer Roland-Kaiser-Fans, berichtet Bernhard Honnigfort in der FR. Welt-Kritiker Michael Pilz besucht die Beatsteaks. Im Rolling Stone schreibt Jens Balzer zum Tod von Can-Bassist Holger Czukay (weitere Nachrufe hier).

Besprochen werden der Auftakt des "Herbstgold"-Festivals in Eisenstadt (Standard), ein Auftritt des Genfer Star-Flötisten Emmanuel Pahud mit dem Flötenkonzert von Phillippe Hersant in Winterhur (NZZ), Nadine Shahs Album "Holiday Destination" (Jungle World), das neue Album von Deerhoof (Pitchfork), "Sleep Well Beast" von The National (Pitchfork), Tristan Murais Konzert im Rahmen der Frankfurter Neue-Musik-Reihe "Happy New Ears" (FR) und neue Pop-Veröffentlichungen, darunter "Take Flight" von Maya Jane Coles (ZeitOnline).

Archiv: Musik