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Efeu - Die Kulturrundschau

Klaviatur der Ignoranz

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30.09.2017. Tell liest Eugen Gomringers "Avenidas" mit Goethe und fragt: Geht's vielleicht doch um Vergewaltigung? Im Perlentaucher stößt Peter Truschner Wolfgang Tillmans vom Sockel. Die FAZ betrachtet lieber Collagen von Rolf Dieter Brinkmann. Der Tagesspiegel schaut mit Daniel Barenboim in die Tiefe der Berliner Staatsoper. Die Kritiker feiern das Berlin der Zwanziger in der Serie "Babylon Berlin" und fürchten sich vor Jan Bosses "Richard III". Und die Zeit sehnt sich nach der Jeans für den Mann.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2017 finden Sie hier

Literatur

Eugen Gomringers Gedicht "Avenidas", das an der Außenfassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule in den letzten Wochen für Trubel gesorgt hat, lasse sich nicht ohne weiteres ins Nicht-Interpretierbare auflösen, wie das Gomringers Apologeten in der Debatte vorbringen. Meint jedenfalls Jonathan Schaake auf Tell. Das Wort "Avenidas" könne nämlich auch Zugang bedeuten und "flores" auf eine poetische Aufladung des weiblichen Geschlechts hindeuten. Und im Lichte von Goethes "Heideröslein" betrachet, das wieder als Beschreibung einer Vergewaltigung gedeutet werden könne, entstehe somit ein völlig neuer Bedeutungskontext: "Trägt Eugen Gomringers avenidas womöglich mehr von 'Heidenröslein' in sich, als seinen Verteidigern im Hellersdorfer Gedichtstreit lieb sein kann? Der Symbolgehalt der 'flores' lässt zumindest die Assoziation mit dem auch bei Goethe vorkommenden Thema 'Blumen brechen' zu. Damit wird zwar nicht automatisch eine bevorstehende Vergewaltigung heraufbeschworen. Jedoch lässt die tiefensymbolische Unbestimmtheitsstelle den 'admirador' nachgerade unheimlich erscheinen."

"Erste Erde Epos" von Raoul Schrott lässt Arno Widmann nicht los: Warum bündelt da einer das Wissen der Wissenschaften über den Hergang der Entstehung der Welt in literarischer Form? Für die FR hat er sich daher mit dem auf große Gesten und Ur-Mythen spezialisierten Autor zum großen Gespräch zusammengesetzt. Darin bezeugt Schrott "eine existenzielle Notwendigkeit, die Narrative der Naturwissenschaften über die Entstehung der Welt, über den Gang der Evolution bis zum Menschen erst einmal zu verstehen. Doch um etwas verstehen zu können, muss ich es in meine Sprache bringen. Ich muss schreiben. 'Epos' steht da, weil es sich um eine Mischform von Prosa und Poesie handelt. Ezra Pound nannte das Epos: a poem containing history."

Der Literaturwissenschaftler Markus Fauser berichtet in der FAZ von der neuesten Anschaffung der Arbeitsstelle Rolf Dieter Brinkmann an der Universität Vechta: Notizbücher des Malers Henning John von Freyend, mit dem Brinkmann rege korrespondierte und in denen zahlreiche Texte, Briefe und Postkarten des 1975 bei einem Unfall ums Leben gekommenen Popliteraten dokumentiert sind: "Besonders reizvoll sind die von Brinkmann selbst gefertigten Collagen, die er aus Austin einzeln oder eingelegt in Briefe nach Köln schickte. Das Konvolut umfasst alles in allem über dreihundert Seiten Text, teils sehr eng mit der Maschine getippt. Ein über mehrere Tage geschriebener Brief ist allein fünfzig Seiten lang. Das allermeiste davon ist bis heute unbekannt geblieben."

Weiteres: Tobias Müller bringt in der Jungle World Hintergründe zu Ari Folmans und David Polonskys Comicadaption von Anne Franks Tagebuch. Im Tagesspiegel macht sich Peter von Becker Gedanken über Komik in Literatur und Philosophie. Zum heutigen "Internationalen Übersetzertag" würdigt Lothar Müller in der SZ den Übersetzer Walter Widmer, der zeit seines Lebens zahlreiche Werke aus dem Französischen ins Deutsche übertragen und sich für die Belange von Übersetzern eingesetzt hat. Die FAZ bringt Auszüge aus Léon Werths Tagebuch "Als die Zeit stillstand" aus den Vierzigern, das kommende Woche erscheint. Andreas Platthaus gratuliert Schriftsteller Jeremy Adler in der FAZ zum Siebzigsten. Deutschlandfunk Kultur befasst sich in einem Literaturfeature von Siegfried Ressel mit Mäzenen bibliophiler Ausgaben.

Besprochen werden Katharina Greves Architektur-Comic "Das Hochhaus" (taz), Ben McPhersons Krimi "Die Spur der Lügen" (Tagesspiegel), Marion Poschmann: "Die Kieferninseln" (taz), Irvine Welshs Thriller "Kurzer Abstecher" (FR), René Daumal: "Der Berg Analog" (taz) und Lana Lux' "Kukolkas" (Berliner Zeitung).
Archiv: Literatur

Bühne

Bild: Szene aus "Richard III.", Schauspiel Frankfurt. Arno Declair

Anselm Weber hat seine Intendanz am Schauspiel Frankfurt mit Jan Bosses Inszenierung von "Richard III." eröffnet. Ein gelungener "Paukenschlag", meint Nachtkritikerin Esther Boldt und verlebt einen "aufregenden Abend", "der die ganze Spannweite zwischen dem scheinbar Rationalen und dem Unheimlichen auszuschöpfen weiß. Bosse lässt alptraumhafte Figuren auftreten, seine Henker, Soldaten und Stiefelknechte sind Maskierte und Gehörnte, bizarre, fremd-vertraute Todesboten. Und er spielt die Klaviatur der Ignoranz, der kleinen Feigheiten und falschen Nachsicht gnadenlos durch, das systematische Wegschauen der Anderen, das die Machtergreifung schließlich ermöglicht.

FAZ-Kritiker Hubert Spiegel vermisst zwar die "Subtilität" der Shakespeare'schen Verse im "Schnodder" von Bosses Alltagssprache, großes Lob gibt es aber für Wolfram Kochs Richard: "Koch ist mit nie nachlassender Präsenz der Entertainer des Bösen, ein fideler Alleinunterhalter, der die Bühne liebt, die große wie die kleine. Denn was er tut, tut er allein aus Selbstgenuss. Er erzählt zotige Limericks, hüpft wie ein Schrat seinem riesenhaften Schatten hinterher, flegelt sich probeweise auf den Thron oder lädt ihn sich auf den Buckel. Er ist verschlagen, demütig, großmäulig."

Weiteres: Erleichtert, dass die Volksbühnenbesetzung (unser Resümee) ein Ende gefunden hat, meint Katrin Bettina Müller in der taz, die Aktion habe nur den Druck auf Dercon erhöht und die Räume der Kritik verengt: "Jedes Urteil über Kunst und Performances dort erhält ein falsches Gewicht, wird als für oder gegen den Intendanten gelesen. Nicht der differenzierte Blick wird ermutigt, sondern das pauschale Urteil. Das ist keine gute Entwicklung." In der Welt gratuliert Matthias Heine Peter Stein zum Achtzigsten: "Zu den Eigenschaften, mit denen Stein das Theaterwunder bewirkte, gehörten neben dem Genie auch so irdische Qualitäten wie eine gehörige Portion großbürgerliche Arroganz (den teuren BMW parkte er in der anarchokommunistischen Anfangsphase des Theaters immer ein paar Ecken weiter weg), unternehmerische und organisatorische Fähigkeiten, eine laute und oft verletzende Berliner Schnauze sowie das Charisma eines Sektenführers." In der FAZ erinnern sich Beteiligte der ersten "Kabale und Liebe"-Inszenierung von Peter Stein am Bremer Stadttheater, darunter der Regisseur selbst.
 
Besprochen werden: David Martons Inszenierung von Jack Kerouacs "On the Road" bei den Münchner Kammerspielen (nachtkritik), Jacob Höhnes Inszenierung der "Räuber" am Rambazamba-Theater (nachtkritik), das Programm "Debüt" von Carlos Acostas National Ballett of Cuba im Londoner Tanzhaus Sadler's Wells (Standard), das Stück "Golem oder Der überflüssige Mensch" am Wiener Schauspielhaus (Standard), Dušan David Parízeks Kafka-Inszenierung "Amerika" und Christopher Rüpings Stück "It Can't Happen Here" am Deutschen Theater (Tagesspiegel).

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Musik

Nach langer Sanierung steht die Berliner Staatsoper kurz vor ihrer Eröffnung. Für den Tagesspiegel hat sich Ulrich Amling mit Daniel Barenboim getroffen. Der Dirigent "schwärmt von der enormen Weite der Bühne, wenn man jetzt bis ganz in die Tiefe sehen kann, fast bis zur Hedwigs-Kathedrale", erfahren wir. Aus München unkt jedoch die SZ mit einem Schildbürger-Vergleich unter Verweis auf die aus dem Ruder gelaufenen Kosten der Sanierung und der Verspätung deren Fertigstellung um knappe vier Jahre. "Gibt es in Berlin eigentlich irgendwo ein von Steuergeldern finanziertes Bauvorhaben, das sich noch nicht komplett lächerlich gemacht hat", fragt Gerhard Matzig.

Weiteres: Die einstigen Porno- und Macker-Rapper Bushido und Sido sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, seufzt Thore Barfuss in der Welt: Auf ihrem ersten gemeinsamen Album führen sie "ihren Mainstream-Kurs fort. ... Sie sind bequem geworden." In der SZ porträtiert Andrian Kreye den Jazzmusiker Roberto Di Gioia, bei dessen Musik er sich regelmäßig spirituelle Kicks holt. Im Kommentar auf der Website des Eurovision Song Contest erinnert Jan Feddersen an die vor kurzem verstorbene Sängerin Joy Fleming: Sie war "ein Gigant der deutschen Popmusik der Nachkriegszeit", sagt er.

Besprochen werden Ben Frosts "The Centre Cannot Hold" (Pitchfork) und Götz Alsmanns "In Rom" mit Coverversionen alter italienischer Schlager (FAZ).

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Archiv: Musik

Film

In Berlin hat die seit langem mit einigen Hoffnungen beladene, in den 20ern spielende Kriminal-Serie "Babylon Berlin" Premiere gefeiert (im Fernsehen zu sehen ist sie zunächst ab 13. Oktober auf Sky, in einem Jahr dann auch bei der ARD). Die Kritiker staunen Etat, Schauwerte und große Geste der Produktion. Hier wurde "virtuos an den Turntables der Kulturgeschichte gedreht", freut sich Carolin Ströbele auf ZeitOnline und deutet die rauschenden Partys in den Goldenen Zwanziger schon als Vorläufer des heutigen Berghain. Was auch für ein wenig Grusel sorgt: "Wenn man sich die Serie ansieht, beschleicht einen - nicht nur als Berlinerin - das bange Gefühl, dass auch die Stadt, wie sie jetzt ist, nur ein vorübergehender Zustand sein könnte." Hier werde "europäisches Erzählkino in die Serie zurückgeführt", freut sich Elmar Krekeler in der Welt. "Berlin ist Trumpf, Berlin ist Protagonist. Kosmopolitisch, kriminell, kreativ", schlagwortet es aus Joachim Huber im Tagesspiegel. "Welcher zivilisatorische Wert und Unwert hat sich da am Ende der 20er Jahre nicht gezeigt?"

Weiteres: Daland Segler (FR) und Hanns-Georg Rodek (Welt) schreiben zum Tod des Schauspielers Andreas Schmidt.

Besprochen werden der ZDF-Historienschinken "Maximilian" (Welt),  und Adrian Goigingers "Die beste aller Welten" (FAZ, mehr dazu im gestrigen Efeu).
Archiv: Film

Kunst

Bild: Die Madonna mit dem Granatapfel, um 1504

Hingerissen hat sich SZ-Kritiker Gottfried Knapp Raffaels vielfältiges Werk in der Wiener Albertina angeschaut. Von Kitsch keine Spur, meint er: "Gerade am Beispiel seiner Madonnenfiguren, denen ein langweiliges Grundmuster nachgesagt wird, lässt sich eine Fülle feinster psychologischer Kontaktnahmen zwischen Mutter, Kind und den beigesellten Figuren beobachten. Mal wird der Granatapfel, dieses Symbol der Passion, aber auch der Herrschaft, das die Mutter in der Hand hält, vom Kind nachdenklich betastet; mal hängt sich der Knabe mit einer Hand frech in den Halsausschnitt der Mutter; mal greift er übermütig nach einem Stab oder streckt den Arm neugierig nach einem Buch aus; mal blickt er, auf einem Lamm reitend, beifallhungrig zu Josef hin. All diese genau beobachteten kindlichen Gesten machen aus den Andachtsbildern Werke von anrührender Besonderheit und überzeitlicher humaner Schönheit."

Ein bisschen Widerstand von KuratorInnen, KritikerInnen und KunsthistorikerInnen hätte dem stets "verhätschelten" Wolfgang Tillmanns im Laufe seiner Karriere vielleicht ganz gut getan, stellt Peter Truschner im Perlentaucher nach genauer Betrachtung des von Theodora Vischer herausgegebenen Katalogs zur Retrospektive in der Fondation Beyeler fest: "Eine gewisse Erschöpfung macht sich breit. Ratlosigkeit. Wo ist die 'Erneuerung des Stilllebens und des Porträts'? Wo sind - abseits der 'buddy pics' - die 'ausdrucksstarken' Bilder? Desillusionierung macht sich breit, die in einen Groll gegen mich umschlägt, als ich meinen Bekannten vorschlage, sich vorzustellen, das Gesehene (immerhin hundert Seiten) stammte nicht vom allseits verklärten W. T., sondern von einer Bayrischen Verwaltungsbeamtin namens Erna Gangelmaier, Mitte 50, aus Rosenheim: wie dann wohl ihr Urteil ausfallen würde?"

Weiteres: Im Tagesspiegel schreibt Christian Schröder zum Tod der Mäzenin und Künstlerin Gabriele Henkel.
Archiv: Kunst

Design

Im ZeitMagazin erzählt Dirk Peitz vom Elend, das Männerjeans darstellen: Lange Zeit musste man als Mann auf mit Stretch durchsetzten Frauenjeans zurückgreifen, wenn man sich die Beine nicht am rauhen Stoff aufreiben wollte. Und dann erst dieser Einheitslook, der in viel zu langen Modezyklen zementiert werde. "Die Labels haben uns Männer aufgegeben", klagt Peitz. "Bei Jeans beträgt die Mindesttragbarkeit einer Form sieben, womöglich sogar zehn Jahre. ... Und nun stecken wir seit ungefähr fünf Jahren in der schier endlosen Übergangszeit der Slim-Fit-Jeans, die letztlich nur ein ungeliebtes Kompromissangebot von Designern an Männer ist. Im Grunde sagen uns die Label damit: Wir haben kapiert, dass ihr Jeans als Gut betrachtet, das man nur ersatzbeschafft, wenn die alten kaputt sind oder nicht mehr passen; demnach bleiben wir Modefirmen bei der am wenigsten extremen und also eingetragensten Form."
Archiv: Design
Stichwörter: Männermode, Modedesign, Jeans