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Efeu - Die Kulturrundschau

Schlaglicht auf den Riss

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.10.2017. Auf Dezeen wirft Joep van Lieshout dem Louvre vor, seine Skulptur "Domestikator" aus Feigheit vor religiös Konservativen und Tierschützern nicht aufstellen zu wollen. Die SZ denkt über die Schizophrenie der Frankfurter Stadtplanung nach. Die Literaturkritiker feiern die französische Literatur, die gerade eine Glanzzeit erlebt. In der Berliner Zeitung erklärt Michael Haneke, warum sein neuer Film "Happy End" nicht einfach ein Film über Migranten ist: Kunst muss verkomplizieren. In der taz erklärt Musiker Tricky, warum er gern in Berlin lebt: Es ist so klein.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2017 finden Sie hier

Kunst



Jedes Jahr präsentiert der Louvre in den Tuilerien einige neue Skulpturen. Eine wurde jetzt gecancelt: Joep van Lieshouts "Domestikator", eine Skulptur, die erstmals 2015 auf der Ruhrtriennale präsentiert wurde, berichtet India Block auf Dezeen. Die Skulptur, die entfernt an einen Mann erinnert, der von hinten ein Tier penetriert, ist dem Louvre offenbar zu explizit. Und dann sind da ja auch noch die Tierschützer. Lieshout, der gegenüber Dezeen darauf besteht, dass sein Werk nichts mit Sex zu tun hat, sondern eine Auseinandersetzung mit der "Ethik technologischer Innovation", ist jedenfalls stinksauer: "Van Lieshout glaubt, dass der Louvre die Kritik von konservativen religiösen Gruppen und Tierschützern vermeiden wolle, die sein Werk missverstehen könnten. 'Sie haben kein Rückgrat', sagt er. 'Museen werden heute von Anwälten und Marketing-Leuten geleitet, statt von Menschen mit einer Leidenschaft für Kunst.' Er besteht darauf, dass seine Skulptur wertvoll ist und kein bisschen expliziter als viele andere Kunstwerke in der Kollektion des Louvre. 'Im Louvre gibt es Bilder und Skulpturen, die nackte Frauen zeigen, Vergewaltigung und Grausamkeit, sie sind viel expliziter als mein Werk', sagt er."

Weitere Artikel: In der NZZ ärgert sich der Sammler Philippe Rey über die Geringschätzung von Sammlern. Im Interview mit der Presse erklärt Museumsdirektor Eike Schmidt, warum er die Uffizien für das Kunsthistorische Museum Wien verließ.

Besprochen werden Diorama-Ausstellung der Frankfurter Schirn (FR), eine Ausstellung des Fotografen Adolphe Braun im Münchner Stadtmuseum (Zeit online), die Jeanne-Mammen-Retrospektive in der Berlinischen Galerie (Art, Berliner Zeitung, Tagesspiegel, Welt), die Chagall-Ausstellung im Kunstmuseum Basel (FAZ) und die Ausstellung "Wetterbericht" in der Bundeskunsthalle Bonn (SZ).
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Bühne

In der nachtkritik denkt Gerhard Preußer über die Ästhetik und Politik von Ausweichspielstätten nach. In der FAZ berichtet Marc Zitzmann vom jährlichen Treffen von Laien und Berufsschauspieler beim Theatre du Peuple in den Vogesen.

Besprochen werden Andreas von Studnitz' Adaption des Lars-von-Trier-Films "Dogville" am Theater Ulm (nachtkritik), eine Performance von Eva Löbau im Theaterdiscounter in Berlin (Tagesspiegel), eine Adaption von Scorseses "Taxi Driver" durch das bernhard.ensemble fürs Im Off Theater Wien (nachtkritik), Karoline Grubers Inszenierung der Prokofjew-Oper "Der Spieler" in Wien (FAZ) sowie Jan Bosses Inszenierung von "Richard III." und Roger Vontobels Inszenierung des "Woyzeck" am Schauspiel Frankfurt (SZ).
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Literatur

Anlässlich der Frankfurter Buchmesse, wo Frankreich Gastland sein wird, blicken die Feuilletons in die Literatur des westlichen Nachbarlandes. "Frankreich streckt mehrstimmig wieder den Kopf über die Grenzen hinaus", lautet Josph Hanimanns auf umfänglichen Lektüren fußender Befund in der SZ. "Das Erzählverbot aus dem 'Nouveau Roman' ist vergessen, die Leuchtkraft der 'Ecriture' aus den Blütejahren des Strukturalismus erloschen. Und wenn französische Autoren heute gewichtige Themen angehen, gleiten sie nicht mehr sofort ins Philosophische ab. ... Theoretiker wie Pierre Bourdieu und Michel Foucault bleiben zwar für die Literatur bedeutsam, wirken aber mehr durch die individuelle Erfahrung der Autoren mit ihnen."

NZZ-Kritiker Jürgen Ritte ist unterdessen aufgefallen, "dass sich gerade in der französischen Literatur der letzten beiden Jahrzehnte langsam, aber sicher eine Tendenz zum Rückzug aus den Fiktionen durchgesetzt hat. Es mag daran liegen, dass sich hier, wo die Debatte um den Status von Fakten und Fiktionen, von Konstruktion und Dekonstruktion des Wirklichen besonders eindringlich geführt wurde, ein besonderes Sensorium für diese Frage entwickelt hat. ... In Zeiten multimedialer Beliebigkeiten, des Realitätsverlusts vor Bildschirmen und im Dschungel der Netzwerke begibt sich die Literatur auf die Suche nach dem, was ist - und was war."

In der französischen Literatur ist aufsässige Verweigerung immer schon ein Wert, bemerkt Wolf Lepenies in der Literarischen Welt - kommt dann aber vor allem auf neue Bücher deutschsprachiger Autoren über Frankreich zu sprechen. Außerdem bringt die FAZ heute ihre Buchmessen-Beilage, die wir in den kommenden Tagen auswerten werden. Im Frankreich-Spezial schreibt Mathias Énard über Bernhard von Clairvaux und dessen Reise nach Frankfurt im Jahr 1147. Andreas Platthaus wirft einen neidischen Blick auf die französische Comicszene, Katharina Teutsch porträtiert französische Autoren, die nach Berlin gezogen sind, Dietmar Dath liest sich durch französische Science Fiction und Alexander Kluge und Georges Didi-Huberman kommen miteinander ins Gespräch.

Alexander Menden freut sich in der SZ über den Nobelpreis für Kazuo Ishiguro: In Zeiten, in denen sich Großbritannien wieder auf eine exklusive Britishness zurückziehe, werfe diese Auszeichnung "ein Schlaglicht auf den Riss, der durch ein Land verläuft, das sich einerseits gern seiner kulturellen Vielfalt rühmt, dessen Premierministerin aber andererseits unter Applaus verkündet, wer sich als Weltbürger fühle, sei in Wirklichkeit nirgends daheim."

Germanist Heinrich Detering, erklärtermaßen keiner, der auf eine Karl-May-Lesebiografie zurückblicken kann, zeigt sich im literarischen Wochenend-Essay der FAZ nun doch beglückt von May, nachdem er für ein Seminar zum Thema "Der Islam in der deutschen Literatur" zunächst argwöhnisch zu Mays "Durch die Wüste" gegriffen hat: "Selten bin ich in den letzten Jahren so gründlich eines literarisch Besseren belehrt worden. ... 'Durch die Wüste' erwies sich gerade im ausdauernden autodidaktischen Bemühen um Belehrung der Leser als eine anrührende, nein: ergreifende Lektüre." Wobei "der koloniale Grundzug der Orient-Romane mit alldem nicht verschwindet. Karl der Deutsche erzählt unter den Bedingungen des Kolonialismus..."

Weiteres: Jan Küveler porträtiert in der der Literarischen Welt den Schriftsteller Geoff Dyer. Die Welt bringt einen Interview-Vorabauszug mit Margaret Atwood aus dem Band "200 Frauen. Was uns bewegt".

Besprochen werden unter anderem Marion Poschmanns "Die Kieferninseln" (Welt), Leïla Slimanis "Dann schlaf auch du" (taz), Gerhard Falkners "Romeo oder Julia" (taz), Katie Kitamuras "Trennung" (NZZ), Han Kangs "Menschenwerk" (taz), Daniel Schönpflugs "Kometenjahre" (Zeit), Miljenko Jergovićs "Unerhörte Geschichte meiner Familie" (FAZ) und Daniel Kehlmanns "Tyll" (Welt, FAZ).
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Archiv: Literatur

Film

Für die Berliner Zeitung spricht Christina Bylow ausführlich mit Michael Haneke über dessen neuen Film "Happy End", der von der Begegnung einer bürgerlichen Familie in Calais mit Migranten erzählt. Ihm gehe es mit dem Film nicht um Flüchtlinge, sagt Haneke, sondern "um unsere Haltung dazu. Ich kann gar keinen Film über Migration machen, weil ich darüber viel zu wenig weiß. Ich habe nicht mit Migranten gelebt. Natürlich werden dauernd irgendwelche Fernsehfilme über irgendwelche Themen gemacht, bei denen die Regisseure keine Ahnung haben, aber im Fernsehen werden eh nur Klischees abgehandelt. ... Wenn ich über das heutige Leben etwas sagen will, dann muss ich es auch wirklich kennen und nicht nur davon gelesen haben. Das ist der Unterschied zwischen Kunst und Journalismus. Der Journalist muss recherchieren, zusammenfassen und auf den Punkt bringen, sprich, er vereinfacht die Dinge. Kunst muss sie verkomplizieren, auffächern und in ihrer Widersprüchlichkeit sichtbar machen."


James Franco (re.) als Tommy Wiseau in "The Disaster Artist"

Großes Vergnügen hatte FAZ-Kritiker Marco Schmidt beim Besuch des Filmfestivals in San Sebastián, wo James Francos "The Disaster Artist" mit der Goldenen Muschel ausgezeichnet wurde: Der Film erzählt die Dreharbeiten zu Tommy Wiseaus "The Room", einem Drama von 2003, das krachend gescheitert ist und sich seitdem zu einem Kultfilm unter Trash-Liebhabern entwickelt hat. Francos Film darüber entpuppt sich als liebevolle Hommage: "Er imitiert nicht nur brillant Wiseaus skurrile Manierismen, sondern lässt auch seine Unsicherheit und Verletzlichkeit durchschimmern; er verspottet ihn nicht platt als talentlosen Verlierer, sondern nimmt ihn und seine Künstlerträume durchaus ernst." Weniger ernst nimmt ihn der Nostalgia Critic in dieser ausführlichen Video-Besprechung:



Jenni Zylka freut sich in der taz über den Detail- und Ausstattungsreichtum der Großserie "Babylon Berlin", die ab 13. Oktober hinter der Paywall von Sky und erst in einem Jahr im freien Empfang der (diverse Millionen beisteuernden) ARD zu sehen sein wird. Basierend auf einem Kriminalroman von Volker Kutscher entwift die Serie vom Berlin der 20er Jahre "ein rundum atmosphärisches Sittenbild, in das man am liebsten einsteigen würde (...), nicht, weil es damals so schön war, sondern um endlich zu erleben, wie es sich anfühlte."

Karoline Meta Beisel und Katharina Riehl haben für eine große Reportage im Buch Zwei der SZ unterdessen herausgefunden, warum das deutsche Fernsehen oft zum Erbarmen hasenfüßig erscheint, wenn es um Qualitätsserien geht, sodass sich jetzt alle Hoffnungen auf "Babylon Berlin" legen müssen: Netflix und Co. gestatten ihren Autoren und Regisseuren große Freiheiten - "diese Freiheit ist kein Selbstzweck: Ein TV-Anbieter, der neue Abonnenten gewinnen will, muss mit seinen Programmen auffallen; für das Geschäftsmodell von ARD und ZDF, das ja letztlich keines ist, reicht es auch, wenn eine gewisse Zahl an Zuschauern jede Woche über 'In aller Freundschaft' oder einer 'Soko' einschläft."

Weiteres: Der Standard hat bei Filmschaffenden Erinnerungen an prägende Erlebnisse im Österreichischen Filmmuseum eingeholt, dessen Leiter Alexander Horwath jetzt seinen Posten verlässt. Thomas Schacher hat sich für die NZZ beim Filmfest Zürich die Finalisten für den besten Soundtrack angehört. Susanne Ostwald fragt sich in der NZZ zudem, wie sich das Filmfest Zürich künftig besser profilieren könnte. Thomas Stillbauer berichtet in der FR vom Frankfurter Jugendfilmfestival Lucas. Für die SZ spricht Johanna Adorján mit Denis Villeneuve über dessen "Blade Runner 2049" (hier unsere Kritik).

Besprochen werden Tarik Salehs Thriller "Die Nile Hilton Affäre" (Tagesspiegel), die Italo-Mafiaserie "Suburra" von Netflix (ZeitOnline), Adrian Goigingers "Die beste aller Welten" (Freitag) und Alain Gomis' "Felicité" (Jungle World).
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Architektur

In der SZ denkt Laura Weissmüller über die Schizophrenie der Frankfurter Stadtplanung nach: Da wird Altes erst abgerissen und dann baut man es neu nach, wie zum Beispiel die "putzig kleinteilige" Altstadt zwischen Dom und Römer. Neubauten dürfen dagegen so hässlich sein, wie die seelenlosen neuen Sandsteinklötze direkt am Main. "Der heimatliche Zufluchtsort ist so falsch wie der Lehmputz echt. Es reicht eben nicht, den Frankfurtern eine Mini-Attrappe ans Herz zu legen und den großen Rest währenddessen ausbluten zu lassen, durch immer mehr Bürohochhäuser und Luxusappartements für Menschen, die offenbar kein Zuhause brauchen, zumindest keines am Main. Eine Stadt kann nur dann so etwas wie Heimat bieten, wenn sie die Zugänglichkeit für möglichst viele bewahrt: für Arme wie Reiche, Kinder wie Alte, neu Hinzugezogene wie hier Aufgewachsene."

Außerdem: Auf domus berichtet Léa-Catherine Szacka von der Architektur-Biennale in Chicago. Im Standard lobt Anne Kathrin Fessler das neu renovierte Dommuseum Wien als "schönes neues Mit- und Nebeneinander von alter und neuer Kunst". In der FAZ lobt Tilman Spreckelsen Neubau sowie die neue Dauerstellung des Historischen Museums Frankfurt.
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Musik

Für die taz plaudert Jens Uthoff mit Tricky, der seit zwei Jahren in Berlin seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat, über den er ziemlich glücklich ist. Berliner, die auf ihre Stadt gern schimpfen, werden hier eines Besseren belehrt: "Berlin ist mehr so ein Daytime-Ding. ... Viele Leute gehen einfach herum oder fahren Rad. Die Leute sind nicht so geldbesessen hier. In London geht es nur um Arbeit und um Geld, Geld, Geld. Weil es so teuer ist." Besonders lobenswert: Berlin "ist so klein. Man kann gut überall hingehen. Ich wähle einfach eine Himmelsrichtung und laufe los." Auf Instagram gibt es dann manchmal Eindrücke von Trickys Spaziergängen.

Christian Broecking erinnert in der taz an Thelonious Monk, der am 10. Oktober hundert Jahre alt geworden wäre. Unter anderem kommt er auf die Einschätzung zu sprechen, "Monk würde falsch spielen und die Klaviertechnik nicht beherrschen". Diese "konterte er mit der Ansage, dass es gar keine falschen Töne auf dem Klavier gibt. 'Es sind nicht die Noten, es ist der Sound, der swingt.' Monks Kompositionen sind Harmonien, die man singt."

Mit diesem swingenden, singenden Sound erklären wir das Wochenende für eröffnet:



Weiteres: Jeder zweite verkaufter Tonträger mit heimischer Musik ist in Österreich dem Schlager oder der Volksmusik zuzurechnen, hat Karl Fluch vom Standard herausgefunden. Besprochen werden neue Alben von St. Vincent (The Quietus) und Wanda (ZeitOnline).

Außerdem gibt der Elektro-Musiker Shigeto in der Spex Youtube-Tipps. Unter anderem empfiehlt er das Ambientalbum "Unseen Forces" von Justin Walter - "ein Muss für lange Nächte und den Sonntagmorgen".


Archiv: Musik