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Efeu - Die Kulturrundschau

Tausende von Einzelheiten

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05.01.2018. Weltkunst besucht das riesige Ausstellungsfestival "Pacific Standard Time: LA/LA", das den Einfluss lateinamerikanischer Kunst auf die kalifornische Kultur erforscht. In der Oper werden jetzt auch die Partituren dekonstruiert, meldet, beglückt vom Ergebnis, die nachtkritik. Regisseurin Susanne Kennedy beschert uns im Deutschlandfunk Wahrnehmungsstörungen. Die Feuilletons trauern um den israelischen Schriftsteller Aharon Appelfeld.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2018 finden Sie hier

Kunst

Im Großraum Los Angeles findet gerade ein riesiges Festival mit mehr als achtzig Ausstellungen statt, "Pacific Standard Time: LA/LA", das den Einfluss lateinamerikanischer Kunst auf die kalifornische Kultur belegt. Sebastian Preuss hat das Festival für die Zeitschrift Weltkunst besucht: "Sehr originell und ein Höhepunkt von 'Pacific Standard Time' ist die große LACMA-Schau 'Found in Translation'. Sie zeigt mit einer Fülle von Werken, die so noch nie zu sehen waren, das Wechselspiel von Design, Architektur und Wohnstil in Mexiko und Kalifornien. Nach 1900 kam auf beiden Seiten der Grenze das Revival eines spanischen Kolonialstils in Mode. Ihre Blüte erlebte diese Bewegung in den Zwanzigern und Dreißigern, als sich die Schauspieler von Hollywood Pseudo-Haziendas errichten ließen. Auch die präkolumbische Kunst diente als Stilelement, das ging von Keramikskulpturen über eine selbst gestaltete Maya-Kette, die Frida Kahlo der Hollywood-Schauspielerin Paulette Goddard schenkte, bis zum exaltierten 'Rathskeller' der Aztec Brewing Company in San Diego. Seit den Dreißigern, mehr noch nach 1945, entwickelte sich Südkalifornien zum Zentrum einer lichten, transparenten Moderne. Zunehmend griffen nun reiche Auftraggeber in Mexiko diesen neuen Lebensstil auf."

Das Stedelijk Museum in Amsterdam hat seine Sammlung neu geordnet, nicht mehr thematisch, sondern chronologisch, berichtet Bernhard Schulz im Tagesspiegel. Plötzlich steht nebeneinander, was sonst sorgfältig getrennt ist - Gemälde, Plakate, Design- oder Alltagsobjekte, sogar Kataloge und Dokumente wie die Zeitschrift der Internationale Situationniste. "Alles ist Kunst: Das ist die Botschaft, die von der Neupräsentation ausgeht. Schuhmode steht neben einem Pop-Gemälde Roy Lichtensteins, das wiederum als Poster weit bekannter ist denn als singuläres Werk. Aber gilt das nicht auch für die Bilder Malewitschs, die Kaffeepötte und Mousepads zieren? Und ist nicht überhaupt der Rundgang durch ein Jahrhundert Kunst wie ein Durchlauf durch den Museumsshop? "

Weitere Artikel: Gabriele Detterer stellt in der NZZ den gerade in Florenz ausstellenden britischen Künstler Richard Long vor, der sich zu seiner Kunst vor allem von der Natur inspirieren lässt. In der FAZ sucht Niklas Maak das Wesen der "Virtual-Reality-Kunst" zu ergründen. In der SZ gratuliert Hannes Vollmuth der Fotoagentur Magnum zum Siebzigsten.

Besprochen werden die Ausstellung "Schloss-Straße 8" im Kunstverein Wolfsburg, die einen Eindruck von der Aufbruchstimmung in den 60ern vermittelt (taz), die Ausstellung "Die Etrusker - Weltkultur im antiken Italien" im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe (SZ),
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Literatur


Der Schriftsteller Aharon Appelfeld in einer Aufnahme von 2014 (Bild: Jwh at Wikipedia Luxembourg, CC BY-SA 3.0)

Der Schriftsteller und Shoah-Überlebende Aharon Appelfeld ist tot - alle Feuilletons trauern. Sein Schreiben war eine "Überlebens-Form", erklärt Jürgen Verdofsky in der FR. In der Literatur des jungen Staates Israel bezog Appelfeld lange Zeit eine Außenseiterposition, schreibt Jakob Hessing in der FAZ: Appelfelds Erinnerungen an die Traumata und Versehrungen der Schoah standen quer zum israelischen Narrativ einer selbstbewussten Gründungsgeneration - doch "Appelfelds beharrlicher Blick auf eine schmerzhafte Vergangenheit erwies sich als ein sinnvolles und sogar notwendiges Pendant israelischer Selbstfindung. Die Juden, die der Schriftsteller in seinen Romanen der israelischen Wirklichkeit entgegengestellt hat, sind keine Idealgestalten einer nostalgischen Erinnerung, sie sind die Suchbilder eines Gedächtnisses, das in jahrzehntelanger Arbeit erst gefunden werden musste." Und diese "Erinnerungsarbeit", merkt Hessing in einem zweiten, für den Tagesspiegel verfassten Nachruf an, war "nicht naiv", sondern "kunstvoll."

Parfümiert ist diese Kunst allerdings nicht, wie Paul Jandl, der den Verstorbenen erst vor kurzem noch besucht hatte, in der Welt anmerkt. Vielmehr biete Appelfelds Literatur ein "Beispiel dafür, dass die Kunst nicht dazu dient, die Dinge zu beschönigen. Die Sprache Appelfelds war fast schmerzhaft lakonisch und schmucklos, sie suchte in einfachen Worten nach dem Sinn hinter all dem Unfassbaren des Zwanzigsten Jahrhunderts, deren Zeuge er geworden war." Unverwechselbar wurde diese "literarische Stimme" in den Augen von Manuel Gogos durch eine "einzigartige Balance von Entbergen und Verbergen, von 'Biografie' und 'Fiktion'", schreibt Gogos in der NZZ. "Seine Erinnerungsarbeit vergleicht er dem Traum, der ebenfalls bestimmte Details hervorhebe, bis scheinbar belanglose Kleinigkeiten plötzlich riesige Schatten werfen: 'Ich habe gesagt, ich erinnere mich nicht. Und doch sind da Tausende von Einzelheiten. Schon mehr als zwanzig Bücher habe ich über diese Jahre geschrieben. Und es gibt Momente, da glaube ich, ich hätte noch gar nicht angefangen.'"

Weitere Nachrufe in taz, Berliner Zeitung und in der SZ. SpiegelOnline hat ein 2005 von Martin Doerry geführtes Gespräch mit Appelfeld online gestellt. Im Archiv der New York Times findet sich außerdem Philipp Roths 1988 verfasster Bericht von einer Begegnung mit Appelfeld.

Außerdem: Im Freitag spricht Peter Kuras mit Schriftsteller Joshua Cohen unter anderem über die politische Lage in den USA. Tilman Spreckelsen gratuliert in der FAZ dem Schriftsteller Ngugi wa Thiong'o zum Achtzigsten.

Besprochen werden J. J. Voskuils Romanzyklus "Das Büro" (SZ), Anna Galkinas "Das neue Leben" (FR), Catalin Dorian Florescus Erzählband "Der Nabel der Welt" (NZZ), neue Comics, die sich mit weiblicher Sexualität befassen (NZZ), David Constantines Erzählband "Wie es ist und war" (NZZ), Daniel Suarez' Science-Fiction-Krimi "Bios" (Welt), Sebastian Guhrs Science-Fiction-Roman "Die Verbesserung unserer Träume" (Tagesspiegel), die Neuübersetzung des chinesischen Zhuangzi (Tagesspiegel), Régis Loisels Hommage-Comic "Micky Maus - Café Zombo" (Tagesspiegel) und eine Ausstellung aus dem Nachlass des "Mosaik"-Schaffers Hannes Hegen in Leipzig (FAZ).
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Bühne

Dekonstruktion ist selbst in der Oper ein alter Hut - jedenfalls solange es um Libretto und Inszenierung geht. Doch das jetzt auch Partituren verändert werden, ist neu, freut sich in der nachtkritik Regine Müller, die das in drei aktuellen Fällen außerordentlich erhellend findet: "In Wuppertal verklammern Jay Scheib (Regie) und Johannes Pell (musikalische Leitung) den dritten Akt der 'Götterdämmerung' mit Teilen von Heiner Goebbels' 'Surrogate Cities'. Die scheinbar krude Paarung ergibt einen schlüssigen Abend, der Wagner keineswegs beschädigt, sondern geradezu irritierend elegant andockt an Goebbels' scharf pulsierenden Metropolen-Sound. Ist der nicht wiederum eigentlich eine Avantgarde-Fortschreibung von Wagners Nibelheim-Geräuschmusik aus dem 'Rheingold'? Das ist die erste Assoziation, die sich aufdrängt, wenn der Abend mit Teilen aus 'Surrogate Cities' anhebt."

Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk erklärt die Theater-Regisseurin Susanne Kennedy, was sie beim Inszenieren besonders interessiert: Wahrnehmungsstörungen. Wiederholungen sind da nützlich, oder die Ungleichzeitigkeit von Körper, Stimme und Sprechen, meint sie: "Wenn ich von mir selber ausgehe, waren eigentlich immer die Erfahrungen, gerade im Theater, aber auch ansonsten in der Kunst, die mich nachträglich geprägt haben, die, in denen ich meinen eigenen Wahrnehmungen nicht mehr ganz trauen konnte, also Momente, in denen ich nicht wusste, was ich jetzt eigentlich finde, was meine Meinung ist, sondern erst mal irritiert, fasziniert war und mich länger damit auseinandersetzen musste. Eigentlich dieser Moment beinah zwischen, wenn man Atem holt, diese Lücke, bevor man ausatmet, also so ein Zustand von kurzem Übergang, Nichtsein, ich weiß nicht genau, wie man den beschreiben kann, und den auszudehnen."

Außerdem: Im Tagesspiegel schreibt Sandra Luzina zum Auftakt der Tanztage Berlin mit Joy Alpuerto Ritters Choreografie "Alter Egos".
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Film

Für die SZ trifft sich Susan Vahabzadeh mit Helen Mirren, die derzeit gemeinsam mit Donald Sutherland in der (im Tagesspiegel und in der Welt besprochenen) Alzheimer-Tragikomödie "Das Leuchten der Erinnerung" zu sehen ist. Dass die Siebziger ein Jahrzehnt des gesellschaftlichen Aufbruchs gewesen sein sollen, lässt die Schauspielerin nicht gelten, denn "dieses Jahrzehnt, erzählt sie, war unter feministischen Gesichtspunkten der größte anzunehmende Unfall. Sexismus war auf dem Höhepunkt - 'schlimmer als in den Vierzigern und Fünfzigern' - und komplett normal. Heute verlangt Helen Mirren nach mehr Regisseurinnen, damals wäre sie wahrscheinlich schon froh gewesen, hätte eine Frau eine Talkshow gehabt."

Weiteres: Auf Artechock bilanziert Rüdiger Suchsland das Kinojahr 2017. Für epdFilm wirft Rudolf Worschech anlässlich des Kinostarts von Andy Bauschs "Alte Jungs" einen Blick ins Kino Luxemburgs.

Besprochen werden Agnieszka Hollands "Die Spur" (FR, Tagesspiegel), die bulgarische Satire "Glory" von Kristina Grozeva und Petar Valchanov (Tagesspiegel), das Filmmusical "The Greatest Showman" mit Hugh Jackman (FR) sowie Paolo Virzìs Road Movie "The Leisure Seeker" und David Ayers für Netflix gedrehter LA-Polizei-Noir "Bright" (perlentaucher).
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Musik

Dave Longstreths Album "Dirty Projectors" gehört mit zum Besten, was das Popjahr 2017 hervorgebracht hat, schwärmt Julian Weber in der taz. Auf Electronic Beats stellt Boris Dlugosch zahlreiche Tracks aus den 80ern vor, die damals in Hamburgs legendärem schwulen Club Front gespielt wurden. Für die taz spricht Gudrun Holz mit Tangerine-Dream-Musiker Thorsten Quaeschning über David Bowie. Seit 1991 wurde nicht mehr so viel Vinyl verkauft wie 2017, meldet The Quietus. Im Standard schreibt Karl Fluch einen Nachruf auf den Soulproduzenten Rick Hall. Die Wiederveröffentlichung der ersten drei Alben der Postpunk-Band A Certain Ratio aus Manchester laden zur neuerlichen Überlegung ein, warum die Band nie Legendenstatus erreicht hat, freut sich Lars Fleischmann in der taz. Hier eine Hörprobe:



Besprochen werden das neue Album "Eco do Futuro" der brasilianisch-schweizerischen Band Da Cruz (taz), Hello Skinnys Album "Watermelon Sun" (taz), eine Anthologie mit Pauline Anna Stroms New-Age-Aufnahmen aus den 80ern (Pitchfork) und Jon Brions Soundtrack zu Greta Gerwigs Film "Lady Bird" (Pitchfork). Außerdem präsentiert die Spex einen neuen Track von Kendrick Lamar und SZA aus dem Soundtrack des kommenden Marvel-Films "Black Panther":

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