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Efeu - Die Kulturrundschau

Mit Sirenen, Bohrern und einem Motorrad

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.03.2018. Tellkamp und kein Ende, aber man hat bei dieser Debatte doch dazugelernt, freut sich die taz. Die SZ hätte sich etwas mehr Humor gewünscht und eine Würdigung der Tatsache, dass Walser und Enzensberger ostdeutschen Nachwuchs haben. Der Standard nimmt ein Schnäuzchen von der Bildwelt Keith Harings. Im Filmdienst erklärt Regisseur Robert Schwentke, was für ihn einen Antikriegsfilm ausmacht. Die Musikkritiker amüsieren sich in der angenehm durchgeknallten Ausstellung "Underground und Improvisation. Alternative Musik und Kunst nach 1968".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2018 finden Sie hier

Literatur

Nach kaum einer Woche ist die Tellkamp-Debatte eigentlich schon jüngere Literaturgeschichte geworden, die Feuilletons jedenfalls ziehen Bilanz. Dirk Knipphals' Fazit in der taz fällt, nach anfänglichem Ärger über Tellkamps Äußerungen, fröhlich aus: Die Debatten, insbesondere auch in den sozialen Medien, zeigen seiner Ansicht nach einen Lern- und Reifeprozess. Zum Beispiel, was "die Meinungsfreiheit betrifft. Dass in ihr keineswegs automatisch eingebaut ist, für jede noch so krude oder zusammenfantasierte Meinung gleich Applaus zu bekommen, ist eine Einsicht, die sich in den vergangenen Jahren im Umgang mit den neuen Rechten allmählich aufgebaut hat. Tatsachenverdrehungen sind keineswegs durch die Meinungsfreiheit vor Richtigstellungen geschützt. ... Das aber trifft das PR- und Provokationskonzept der neuen Rechten im Kern." Von post-tellkamp'scher Aufbruchstimmung berichtet auch Marc Felix Serrao in der NZZ, allerdings in die andere Richtung: Rund um eine Dresdner Bücherhandlung formiert sich ein widerständig rechtes Milieu.

Suhrkamps Distanzierungs-Tweet zu Tellkamp war unnötig, aber die Reaktionen darauf findet SZ-Autor Lothar Müller völlig überzogen. Vor allem den Vorwurf, Suhrkamp habe sich links anbiedern wollen. Der Verlag habe politisch schon immer eine "bipolare Binnenspannung" aufrecht erhalten. Und: "Zu den diskursiven Spielen auf Buchmessen gehört die fiktive Besetzung von 'Planstellen' der Gegenwartsliteratur. Wären die aktuellen Debatten nicht so humorlos, könnte in Leipzig mit Aufatmen festgestellt werden, dass sich im Streitgespräch von Tellkamp und Grünbein endlich Neubesetzungen der Stellen des bodenständigen Martin Walser und des kosmopolitischen Hans Magnus Enzensberger ankündigen, mit Autoren, die nicht in der alten Bundesrepublik geboren wurden."

In der FAZ ist Stefan Locke erschüttert, "wie leichtfertig heute Leute klagend von 'Diktatur' reden, die nie unter einer zu leben hatten. Geradezu befremdlich wirkt diese Klage bei jenen, deren Erfahrung mit einer Diktatur noch nicht lange her ist."

Wir freuen uns: Im taz-Gespräch mit Martin Reichert erklärt die Schriftstellerin Angelika Klüssendorf ihre morgendliche Arbeitsroutine: Sie beginne am frühen Morgen mit dem Schreiben, "dann ist mein Kopf am klarsten. Der Alltag mit seinen Ablenkungen hat sich noch nicht eingeschlichen. In der Frühstückspause lese ich den Perlentaucher, danach versuche ich intensiv bis zum späten Mittag zu arbeiten."


Laurence Sterne in einer Darstellung von 1760.

Zum 250. Todestag von Laurence Sterne hat der Berliner Galiani Verlag eine starke Überarbeitung von Michael Walters Sterne-Übersetzungen als Werkausgabe veröffentlicht. Und auch die Feuilletons nehmen das Datum zum Anlass, den britischen Autor zu würdigen. In den 1760er Jahren sorgte Sterne in London mit seinen süffisant-frivolen Werken für einiges Aufsehen, erklärt Sylvia Prahl in der taz: Er war ein "Salonlöwe, der sich um Gattungskonventionen des sich gerade eben etablierenden Romans nicht scherte, Leser*innen mit seitenlangen Satzgirlanden selbst zum Abschweifen verführt, und dessen eigentümliche Interpunktion eine weitere Geschichte erzählt - wenn man sie hören will."

Und Werner von Koppenfels führt in der NZZ aus: "Paradoxie, die durch Humor beglaubigte Koexistenz des Unvereinbaren, war Sternes literarisches Lebenselement. Zartheit und Zynismus, geistiger Höhenflug und kreatürlicher Absturz, Spiel und Tod sind im 'Tristram Shandy' wie in der 'Empfindsamen Reise', zwei Texten aus einem Guss, aufs Engste benachbart." Für die FAZ bespricht Jürgen Kaube die Galiani-Ausgabe und freut sich besonders über Sternes Briefe. Deutschlandfunk Kultur bietet Michael Langers "Lange Nacht" über Laurence Sterne zum Nachhören.

Weitere Artikel: Taz-Redakteur Dirk Knipphals freut sich über die Auszeichnung der Leipziger Buchmesse für Esther Kinskys "Hain".  In der NZZ fragt sich Cees Noteboom beim Lesen von María Gainzas Geschichten und Erzählungen, wer diese argentinische Schriftstellerin eigentlich ist. Gabriele Detterer porträtiert für die NZZ den Schriftsteller Richard Long. Ulrich Gutmair berichtet in der taz von Helmut Lethens Präsentation seines neuen Buches "Die Staatsräte" auf der Leipziger Buchmesse. Oliver Jungen freut sich in der FAZ über die LItCologne: "Eine Party, die man um keinen Preis verpassen möchte." Patrick Bahners und Sandra Kegel sprechen im Feuilletonaufmacher der FAZ mit der Schriftstellerin Brigitte Kronauer unter anderem über das Älterwerden und ihre Biografie.

Besprochen werden unter anderem Martin Mosebachs "Die 21" (Tagesspiegel), Monika Marons "Munin oder Chaos im Kopf" (Tagesspiegel), Friedrich Christian Delius' "Die Zukunft der Schönheit" (FR), Karosh Tahas "Beschreibung einer Krabbenwanderung" (Welt), Maik Siegels "Hinterhofleben" (taz) und Judith Burgers "Gertrude grenzenlos" (taz).
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Kunst


Keith Haring, Ohne Titel, 1983, Sammlung KAWS, The Keith Haring Foundation

Kurz und ungerührt bespricht Roman Gerold im Standard die große Wiener Keith-Haring-Schau, "die der Albertina wohl Touristenströme bescheren wird". Das Ausstellungskonzept mit seinen erklärenden Wandtexten ist ihm zu bieder. Aber dann packt es ihn doch ein bisschen: "Es ist eine Bildwelt, die es gut mit uns meint und von der ein Schnäuzchen zu nehmen wohl keinem schaden kann. Und diese im Comic-Hieroglyphen-Stil bemalte Vase, auf der ein kopulierendes Paar mit einer Tonbandmaschine und einem Schwein zusammenkommt, das soeben von einem Ufo entführt wird, die sollte man sowieso gesehen haben."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung zum 90. Geburtstag des Architekten Gustav Peichl im Wiener MAK (Presse), die Ausstellung "Underground und Improvisation" über das Schaffen von Jazz- und Rock-Ikonoklasten in Ost und West der Sechziger in der Berliner Akademie der Künste (taz) und die Schau "Night Fever" zur Ästhetik der Club- und Disco-Ära im Vitra Design Museum in Weil am Rhein (SZ).
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Film

Barbara Wurm hat sich für den Filmdienst zum Gespräch mit Regisseur Robert Schwentke getroffen, der sich in seinem neuen Film "Der Hauptmann" mit den Gewaltexzessen eines Wehrmachtsoldaten befasst (mehr dazu im gestrigen Efeu). Dabei geht es insbesondere um filmethische Entscheidungen darüber, was einen Kriegs- von einem Antikriegsfilm unterscheidet. "Ein Antikriegsfilm kann nicht zulassen, dass man den Krieg als Abenteuerspielplatz darstellt, sondern man muss ihn als eine Riesenmaschine zeigen, die sich übers Land wälzt, mit nur einer einzigen Absicht: andere Menschen zu töten. Diese Art von Geisteshaltung findet sich eigentlich in jeder Szene von 'Der Hauptmann'. Es ist da so viel außer Kraft gesetzt, was uns normalerweise in Zaum als Menschen im Zaum hält."

Besprochen werden Alex Garlands auf Netflix veröffentlichte Verfilmung von Jeff VanderMeers Science-Fictions-Romans "Auslöschung" mit Natalie Portman in der Hauptrolle (NZZ), Nikolaus Geyrhalters neuer, bei der Diagonale in Graz gezeigter Film "Die bauliche Maßnahme" über die Brenner-Grenze (Standard), Robert Schwentkes "Der Hauptmann" (Welt, FAZ, mehr dazu im gestrigen Efeu) und die ZDF-Miniserie "Ku'damm 59" (FAZ).
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Bühne


Oliver Frljićs "Gorki - Alternative für Deutschland?" im Berliner Gorki Theater. Foto: © Ute Langkafel / Maifoto

Oliver Frljićs Theaterabend "Gorki - Alternative für Deutschland?" im Berliner Gorki Theater fängt gut an, lobt Esther Slevogt in der nachtkritik. Nämlich mit Selbstkritik und Infragestellung der eigenen Positionen: Sechs SchauspielerInnen "mit Migrationshintergrund" bewerben sich beim Theater, manipulieren geschickt ihre Biografien und plötzlich sieht der gesellschaftliche Fortschritt, für den das Gorki steht, recht alt aus: "Selbstkritische Fragen werden laut: Machen wir hier nicht ebenso identitäre Politik wie die AfD? Tritt also das Gorki-Theater nicht selbst mit dem Anspruch an, sein Profil sei als Gesellschaftsmodell eine Alternative für Deutschland?" Danach wird es leider platt, alles Nazis und so, bedauert die Kritikerin.

Weitere Artikel: "In Konstanz blüht ein Theaterwunder", ruft in der NZZ Daniele Muscionico: Zu verdanken habe es die Stadt dem Intendanten Christoph Nix, der zum Dank jetzt vom "Kulturbürgermeister" Andreas Osner ganz unzeremoniell abserviert werde. Dirigent James Levine verklagt New Yorker Metropolitan Oper, die ihn nach Missbrauchsvorwürfen entlassen hat, auf 5,8 Millionen Dollar Schadenersatz, meldet der Tagesspiegel. "In der Klage wird zudem festgestellt, dass Levine 'klar und unmissverständlich jegliches Fehlverhalten in Zusammenhang mit diesen Anschuldigungen bestritten' habe." Ronald Pohl porträtiert im Standard den ehemaligen Heiner-Müller-Mitarbeiter und heutigen Leiter des Schauspiels in Linz, Stephan Suschke. Und im literarischen Wochenendessay der FAZ berichtet Gerhard Stadelmaier von seiner ersten Lektüre von George Bernard Shaws Stück "Der Arzt am Scheideweg".

Besprochen werden Stephanie Mohrs Inszenierung von Felix Mitterers Stück "In der Löwengrube" am Wiener Theater in der Josefstadt (Presse, Standard, nachtkritik), die "Edda", neu erzählt von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason am Schauspiel Hannover (nachtkritik), Jasper Brandis' Inszenierung von Hans Henny Jahnns "Die Krönung Richards III." am Theater Ulm (nachtkritik), Harald Poschs Adaption von Harriet Beecher Stowes Roman "Onkel Toms Hütte" im Wiener Werk X (nachtkritik), Maxi Blahas Solo "Emilie Flöge - Geliebte Muse" zum Klimt-Jahr im Wiener Belvedere (Standard), Susanne Kennedys Arbeit "Die Selbstmord-Schwestern" nach dem Roman von Jeffrey Eugenides an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik), Barbara Nüsses Solo "Penelope" im Berliner Renaissance-Theater (taz), die Choreographie "Wegehen", eine Hommage an das choreografische Erbe der früheren Ausdruckstänzerin Karin Waehner, im Berliner Dock 11 (taz)  sowie Udo Zimmermanns Oper "Weiße Rose" am Münchner Gärtnerplatztheater (nmz).
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Musik

Die Kritiker bestaunen die Materialfülle, die die Berliner Akademie der Künste in ihrer Ausstellung "Underground und Improvisation. Alternative Musik und Kunst nach 1968" aufgehäuft hat. Zu sehen gibt es zwei thematische Schwerpunkte: Einmal die Geschichte des in den 6ßern von Peter Brötzmann und Jost Gebers gegründetem Westberliner Jazzlabels FMP (eine bereits in München gezeigte Schau, hier unser Resümee) und dann die Geschichte dissidenter Musik der Ostblockstaaten (eine Ausstellung, die zuerst in Lodz gezeigt wurde). Insbesondere der letztere Fokus "wirkt angenehm durchgeknallt", schreibt Birgit Rieger im Tagesspiegel: Zu sehen gibt es etwa "verrückte, selbst gebastelte Instrumente. ... Punkrocker der achtziger Jahre wie die ungarische Band mit dem schrillen Namen Galoppierende Leichenbeschauer sahen ihre Musik als schamanistische Handlung. Auch viele andere, wie die Ost-Berliner Band Ornament & Verbrechen, begeisterten sich für den Primitivismus und bastelten Instrumente aus alten Schuhsohlen, Gartenschläuchen und Auspuffrohren." Taz-Kritiker Robert Mießner staunt vor allem über die tschechische Band Aktual, die sich nach dem Prager Frühling gründete: Die Band "musizierte, als es den Begriff Industrial noch nicht gab, bereits mit Sirenen, Bohrern und einem Motorrad. In ihren Texten karikierten sie lustvoll den Jargon offizieller Verlautbarungen, indem sie ihn ins Aberwitzige trieben. Underground, in der Tat!"

Michael Jäger fragt sich nach dem Berliner Ultraschall-Festival, was uns Neue Musik über das Heute zu sagen hat. Mark Andres "woher...wohin" zum Beispiel, in dem es zentral um das Verschwinden als Moment der Erkenntnis geht. "Lehrt uns diese Musik, an der Gegenwart nicht zu verzweifeln? Wenn sie in ihrer unglaublichen Klanggestaltungskraft an Arnold Schönbergs Fünf Orchesterstücke op. 16 (1909) denken lässt, entdeckt sie doch nicht wie diese das Schreckliche - das damals wirklich bevorstand -, sondern ist eine Aufforderung, das Potenzial einer besseren Zukunft in der Gegenwart zu suchen, auch wenn sie nicht laut ist." Hier eine Aufnahme:



Weitere Artikel: Für Skug plaudert Frank Jödicke ausgiebig mit der Band Kreisky. Für den Tagesspiegel traf sich Regine Müller mit der Mezzosopranistin Christa Ludwig, die gerade 90 Jahre alt geworden ist. In der Welt verneigt sich Manuel Brug vor ihr. Florian Bissig schreibt in der NZZ über den Auftakt des Taktlos-Festivals in Zürich. In der FAZ feiert Wolfgang Sandner die Nachwuchs-Jazzbassistin Kinga Głyk und deren "ausgereifte Grifftechnik, flüssige Phrasierung, gutes Timing und originelle Improvisationsmuster". Hier ein Auftritt bei den Leverkusener Jazztagen:



Besprochen werden ein neues Album von Yo La Tengo (Standard), Mount Eeries neues Album "Now Only" (Pitchfork), das neue Young-Fathers-Album "Cocoa Sugar" (Pitchfork), ein Beethoven- und Rachmaninow-Abend mit Jewgeni Kissin (Standard), die Ausstellung "Night Fever" im Vitra Design Museum in Weil am Rhein über die Geschichte der Clubkultur (SZ, DLF Kultur), die Veröffentlichung von Keith Jarretts erstem Konzert in den 90ern nach seiner Erschöpfungserkrankung (SZ) und Tracey Thorns Soloalbum "Record", das ZeitOnline-Kritiker Jens Balzer für "ihre schönste und reifste Platte" hält. Wir hören rein:

Archiv: Musik