Efeu - Die Kulturrundschau

Vor dem Häppchenbuffet unserer Bildschirme

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.09.2018. Nach einem Bad in lauwarmem Humanismus macht die SZ auf dem Literaturfestival echte Entdeckungen: Carmen Boullosa und Patrick Chamoiseau. Im Standard erklärt Jennifer Egan ihre neue Lust am Epischen. SZ und Nachtkritik winken sich in Kay Voges "Parallelwelten" von den Bühnen in Dortmund und Berlin zu. Die NZZ zieht die Lederschuhe aus, streift die Senakers über und baut Muskelmasse auf. Critic gibt sich mit Dorothy Arzners Filmen der Macht des Gefühls hin.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2018 finden Sie hier

Bühne

"Die Parallelwelt". Foto: Birgit Hupfeld


Eine Geschichte über Leben und Sterben eines gewissen Fred, mit zwei Ensembles, zwei Bühnen und einer Aufführung, die parallel am Berliner Ensemble und dem Dortmunder Schauspielhaus stattfand, erzählte am Wochenende der Dortmunder Regisseur Kay Voges. Mit einem Splitscreen auf der Bühne konnte das Publikum im einen Theater das Geschehen im anderen Theater gleichzeitig sehen, wobei die Geschichte Freds auf der einen Bühne vom Anfang erzählt wurde, auf der anderen Bühne vom Ende - "Parallelwelt" (so heißt das Stück) eben. Erstmal sah sich allerdings das Publikum ins Gesicht, notieren in der SZ Alexander Menden (Dortmund) und Peter Laudenbach (Berlin): "Berlin, 19.25 Uhr Das Berliner Publikum sieht das Dortmunder Publikum in der Direktübertragung. Der Dortmunder als solcher scheint deutlich besser gelaunt als die Berliner, man winkt fröhlich in die Kamera. Es kommt eine Stimmung wie beim Eurovision Song Contest auf: Hallo, Dortmund, mal sehen, wer die besseren Schauspieler ins Rennen schickt. ... Dortmund, 19.25 Die Stühle im BE sehen bequemer aus, als sie sich in Dortmund anfühlen. So genau wie jetzt den Berlinern schaut man dem Publikum im eigenen Zuschauerraum nie ins Gesicht."

Nachtkritikerin Esther Slevogt fand die Vernetzung gelungen: "Man winkte sich zu, lachte, freute sich. Ich zum Beispiel sah meine Kollegin und Koautorin dieser Kritik hier - Dorothea Marcus - wie sie mir gerade eine SMS schrieb: 'Wink doch mal! Ich sitze in Reihe 7!' Neue Formen können nur durch Experimentieren, durch konkretes Machen und Erfahrungssammeln entstehen." Ihre Kollegin Dorothea Marcus sekundiert: "Mit Hilfe der Form wird erlebbar gemacht, worum es an dem Abend inhaltlich letztlich geht: dass man sich selbst so wichtig nimmt und doch nur ein winziges, schnell verglühendes Staubkorn ist". Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl hat sich zwar amüsiert, aber das wars auch: "Aber alles in allem bleibt die behauptete Wahrnehmungsphilosophie doch eher ein vages Raunen, manchmal hart an der Kitschgrenze. Und rein erkenntnispraktisch erlebt man hier nichts, was man nicht schon von René Pollesch wüsste. Oder von David Lynch". Ähnlich geht es Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung.

Außerdem: Christine Dössel war für die SZ dabei, als Christoph Marthaler in Oslo mit dem Ibsen-Preis ausgezeichnet wurde.

Besprochen werden Ewald Palmethofers Bearbeitung des Hauptmannstücks "Vor Sonnenaufgang" (Tagesspiegel), Thom Lutz' Inszenierung von Thomas Bernhards "Alte Meister", beide in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin (Berliner Zeitung, Tagesspiegel, nachtkritik), Stefan Bachmanns Adaption des Kehlmannromans "Tyll" fürs Schauspielhaus Köln (nachtkritik), Katharina Kreuzhages Inszenierung von David Mamets "Oleanna" am Theater Paderborn (nachtkritik), die Uraufführung von Joshua Sobols Stück zum Geburtsjubiläum von Karl Marx durch Manfred Langner am Theater Trier (nachtkritik), Tilmann Köhlers Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs "Odyssee" am Dresdener Staatsschauspiel (nachtkritik), Eva Kotátkovás Stück "Justizmord des Jakob Mohr" am Theater Heidelberg (nachtkritik), Armin Petras' "Love You, Dragonfly" am Theater Bremen (nachtkritik), Sönke Wortmanns Adaption von Vicki Baums Roman "Menschen im Hotel" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), die Choreografie "No President" des Nature Theater of Oklahoma bei der Ruhrtriennale (nachtkritik), Christoph Fricks Adaption von Michael Hanekes Film "Das weiße Band" am Staatstheater Darmstadt (nachtkritik), Rares Zaharias Inszenierung von Giuseppe Verdis "Nabucco" am Theater Regensburg (nmz), Henry Purcells Semi-Oper "King Arthur" in der Bearbeitung von Ewald Palmethofer in Basel (NZZ), Werner Düggelins Inszenierung von Büchners "Lenz" als Vortragsstück für drei Stimmen am Zürcher Schiffbau (NZZ), Barbara Freys Inszenierung des "Hamlet" in Zürich (die Simon Strauss in der FAZ zusammen mit Claudia Bauers "Tartuffe"-Inszenierung in Basel (nachtkritik) bespricht: "Man trifft sich in der Mitte, dort, wo statt der Seele die Pointe wohnt.") und Tatjana Gürbacas Inszenierung von Händels "Alcina" in Wien (SZ).
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Literatur

Viel "lauwarmen Humanismus" hat SZ-Kritiker Samir Sellami aus dem Literaturfestival in Berlin erlebt, aber einige großartige Autoren hat er auch entdeckt, etwa Patrick Chamoiseau aus Martinique oder Carmen Boullosa aus Mexiko mit ihrem "irrwitzigen Western-Klamauk 'Texas. Der Große Raub'": "Sein Stoff ist eine historische Episode, die von den Amerikanern gerne verschwiegen wird, der Aufruhr um Juan Cortina, den mexikanischen Robin Hood. Nach der Annexion der texanischen Gebiete durch die USA überschreitet Juan Nepomuceno, wie er im Roman heißt, mit einer Guerillaarmee mehrmals den Rio Bravo, um den Gringos nicht nur politische, sondern auch persönliche Beleidigungen zu vergelten. Zweihundertdreiundsechzig Figuren aus allen sozialen Schichten, strahlte Boullosa, gebe es in ihrem Roman." In der taz hält Jan Jekal fest, wie wenig Will Self damit klar kam, dass niemand Lust verspürte, seinen Roman zu kaufen.

Weiteres: Im Standard-Interview mit Sacha Verna spricht die amerikanische Autorin Jennifer Egan über ihren Roman "Manhattan Beach" und ihre neue Lust am Epischen: "Textexperimente, Ironie und vor allem die Fragmentierung sind die Erzählmodi unserer Zeit. Alle schreiben heute in Bruchstücken. Und weil wir so viel Zeit vor dem Häppchenbuffet unserer Bildschirme verbringen, sind wir daran gewöhnt. Ich bin diese Splittertechnik ein bisschen leid." Die FAZ bringt im Vorabdruck Christian Metz' Hymne auf die deutsche Gegenwartslyrik: "In Begriffe gefasst, wäre die neue Lyrik so etwas wie eine 'experimentelle Erlebnislyrik' und eine 'Postpop-Avantgarde' zugleich."

Besprochen werden Heinz Strunks Erzählungsband "Das Teemännchen" (taz), Juli Zehs "Neujahr" (Standard), Olivier Guez' Roman über "Das Verschwinden des Josef Mengele" (Tagesspiegel), Wolf Haas' Coming-of-Age-Roman "Junger Mann" (SZ), Max Czollek Polemik "Desintegriert euch!" (SZ).

In der Frankfurter Anthologie der FAZ stellt Frieder von Ammon Horaz' "Ode 4,3" vor:

"Auf wen einmal, Melpomene, du,
Da er geboren ward, mit Wohlgefallen geblickt,
Dem wird der Isthmische Kampf nicht
Geben des Fechters Ruhm..."
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Film

Barmädchen oder Tochter aus gutem Haus? Joan Crawford in Arzners "Die Braut trug rot"

Auf Critic startet Michael Kienzl eine Hommage auf die Hollywood-Regisseurin Dorothy Arzner, zu deren großen Filmen "Die Braut trug Rot"  oder "Dance, Girl, Dance" gehörten: "Arzner war eine Studioregisseurin im besten Sinne: Flexibel und wandelbar, weniger einer offensiv nach außen getragenen Handschrift verpflichtet als darauf konzentriert, einen Stoff für die Leinwand zu optimieren. In ihrem Fall brachte das häufig eine gesellschaftlich progressive Stoßrichtung und ein feines Gespür für klassen- und milieuspezifische Unterschiede mit sich. Bei fast jeder von Arzners Regiearbeiten handelt es sich um das, was man, meist nicht besonders wohlmeinend, als Frauenfilm bezeichnet, einen Film über Frauen, der sich vornehmlich an ein weibliches Publikum richtet und von der überwältigenden Macht des Gefühls erzählt."

Besprochen werden Debra Graniks "Leave no Trace" (den FAZ-Kritiker Andreas Kilb leider nicht so zugespitzt findet wie ihr herausragendes Drama "Winter's Bone") und Fernando León de Aranoas "Loving Pablo" auf DVD mit Javier Bardem als Drogenbaron Pablo Escobar (SZ).
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Kunst

Besprochen werden zwei Tintoretto-Ausstellungen in Venedig - in der Accademia Venedig und im Dogenpalast (FAZ).
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Musik

Seit Pop die Hochkultur verdrängt hat, wird der Takt von unten vorgegeben, seufzt Ueli Bernays in der NZZ. man trägt nicht mehr Lederschuh, sondern Sneakers und baut Muskelmasse auf: "Im Gegensatz zur bürgerlichen Hochkultur ist Pop keinem interesselosen, zeitlosen Schönen verpflichtet. Wo die hehre Kunst Triebverzicht und Sublimierung erfordert, feiert Pop die Sinne im Hier und Jetzt. Und bedient dabei auch niedere Instinkte. An sich wäre die Gegenwart oft froh um ein ästhetisches Regulativ, um Impulse von guter alter Genialität und künstlerischem Nonkonformismus - ganz egal, aus welchem Milieu. Doch die wenigen, die Moden und Massen trotzen, wirken weniger elitär als esoterisch, sektiererisch oder einfach rührend. In populistischen Zeiten erweist sich die geringe Zahl eben nicht als federführende Exklusivität, sondern als Handicap."

Weiteres: NZZ-Kritiker Markus Ganz hört die chinesische Pipa-Virtuosin Yang Jing bei den "Tagen für Musik zwischen den Welten" in Zürich. Im Tagesspiegel resümiert Christian Schröder Roger Waters' Interview in der SZ zu seiner BDS-Kampagnen gegen Israel.

Besprochen werden Verdis "Messa da Requiem" an der Oper Halle (NMZ), ein Konzert Gustavo Dudamels mit Schubert und Mahler in Frankfurt (FR), das Finale des Berliner Musikfests mit Stockhausens "Inori" (Tagesspiegel), ein Konzert der südafrikanischen Sopranistin Golda Schultz im Berliner Konzerthaus (Tagesspiegel), eine neue Live-CD-Box von The Grateful Dead (die SZ-Kritiker Max Dax zufolge allen Feinden des Hippie-Rock das Wasser abgräbt), das Album "1982" des Duos Marteria & Casper (FR), Sophie Hungers Konzerte in Berlin (Tagesspiegel, Berliner Zeitung).
Archiv: Musik