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Efeu - Die Kulturrundschau

Kitsch und kühle Konzeptkunst

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.05.2019. In der SZ fragt sich Ian McEwan, wen selbstfahrende Autos in China  retten werden.  In der NZZ stellt Sibylle Lewitscharoff klar, dass Gottfried Keller kein Gemütsspießer war, sondern ein Tiger. FAZ und Standard blicken mit gemischten Gefühlen auf die große Ai-Weiwei-Schau in Düsseldorf. Der Tagesspiegel fragt, ob jetzt René Pollesch Chef der Volksbühne wird. Eher lau reagieren die Kritiker in Cannes auf Quentin Tarantinos Sechzigerjahre-Film "Once Upon a Time in Hollywood".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.05.2019 finden Sie hier

Kunst

Ai Weiwei: Calais 2018. Aus dem Film "Human Flow"

In der Düsseldorfer Ai-Weiwei-Ausstellung "Wo ist die Revolution?" im K20 und K21 erlebt Georg Imdahl (FAZ) das ganze Werk des chinesischen Künstlers, die etwas mainstreamigen Arbeiten zu Flucht und Migration, aber auch die überwältigenden Werke zum Erdbeben von Sichuan oder die sechzig Millionen hangefertigten Sonnenblumenkerne aus Porzellan "Seeds": "Kaum ein Künstler der Gegenwart zeigt seine Stärken so unmissverständlich wie seine Schwächen, selten sind Kitsch und kühle Konzeptkunst so deutlich aufgeteilt wie in Düsseldorf." Auch im Standard kann Alexandra Wach nicht entscheiden, "ob man es nun mit einem geschäftstüchtigen Zyniker zu tun hat, der den Voyeurismus bedient, oder mit einem Aufklärer, der die Konfrontation mit einer unliebsamen Wahrheit fern der üblichen Nachrichtenbilder erzwingt."

Im Tagesspiegel berichtet Nicola Kuhn von einem Symposium in Berlin, das erkennen ließ, wie unbewältigt die Verstrickung deutscher Expressionisten in den Nationalsozialismus noch immer ist. Nicht nur Emil Nolde konnte seine Legende unhinterfragt bilden: "Auch im Berliner Brücke-Museum huldigte man bis vor Kurzem noch vornehmlich dem autonomen Werk, dem 'Unmittelbaren und Unverfälschten', wie es im Manifest der Künstlergruppe heißt, zu der vorübergehend auch Nolde gehörte. Das Haus am Rande des Grunewalds befand sich im Bann des übermächtigen Gründungsdirektors Leopold Reidemeister, der die bewundernde Würdigung der Moderne als Akt der Wiedergutmachung verstand. Auch das zweite Narrativ vom vermeintlichen Widerstand der Brücke-Künstler im 'Dritten Reich', das die Ausstellungsmacher nach 1945 auf diese Weise gerne bis zu ihrer eigenen Person verlängerten, demontieren heute junge Kunsthistoriker."
Archiv: Kunst

Bühne

Rekosntruktion von Pina Bauschs Macbeth-Version "Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloß, die anderen folgen" am Tanztheater Wuppertal. Foto: Uwe Stratmann

Als großen Tanztheaterabend feiert Anne Linsel in der SZ die Wiederaufnahme von Pina Bauschs "Macbeth" in Wuppertal, radikal und kühn. Jo Ann Endicott, die als junge Tänzerin bei der Uraufführung dabei war, hat ihn durch die Zeit getragen, berichtet Linsel. Allerdings war diesmal der Beifall groß: "Das war 1978 anders. Dieser 'Macbeth' war eine Auftragsarbeit für Pina Bausch von Peter Zadek, damals Intendant des Bochumer Schauspiels. Die Uraufführung geriet zum Skandal. Die Mitglieder der in Bochum tagenden Shakespeare-Gesellschaft, darunter eine große Anzahl an Professoren, pöbelten lautstark gegen diese Inszenierung. Da trat Jo Ann Endicott an die Rampe und forderte die Schreier auf, nach Hause zu gehen, damit sie in Ruhe auf der Bühne weiterspielen könnten. Ein Donnerschlag. Danach war Ruhe." Erwartbar harsch fällt dagegen das Urteil von Wiebke Hüster in der FAZ aus, die dem Abend nicht einmal museale Qualitäten zubilligen will: "Kann man womöglich irgendwann nicht anders, als das Tanztheater Wuppertal zuzumachen?"

Weiteres: Auch im Tagesspiegel macht Rüdiger Schaper dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer Dampf, der bis zum Sommer eine Lösung für die Volksbühne gefunden haben muss. Lederer Favorit, weiß Schaper, ist René Pollesch. Zum Abschluss des Berliner Theatertreffens berichtet SZ-Kritikerin Christine Dössel auch von der Konferenz "Burning Issues", bei der sich alle in im Prinzip waren, außer bei einer verbindlichen Quote. Die Nachtkritik erfuhr auf der Konferenz zum Beispiel von Kitte Wagner, der Chefin des Malmö Stadsteater, mit welchen Maßnahmen Geschlechtergerechtigkeit in Schweden durchgesetzt wird: Mit Transparenz und der Rechtfertigung jeder Ungleichheit, Elternzeitregelungen, dem Einfrieren von Verträgen während der Schwangerschaft und einem verbindlichen Verhaltenskodex."

Besprochen werden Jetske Mijnssens "glanzvolle" Inszenierung von Rameaus "Hippolyte et Aricie" am Opernhaus Zürich (FAZ) und Händels "Orlando" am Staatstheater Darmstadt (FR).
Archiv: Bühne

Literatur

Um Science-Fiction ist es Ian McEwan mit seinem neuen, heute erscheinenden und in fast allen Zeitungen (NZZ, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, FAZ) besprochenen Roman "Maschinen wie ich" nicht gegangen, erklärt der Schriftsteller im SZ-Gespräch. An der Dreiecksgeschichte, in der einer ein Roboter ist, der behauptet, Gefühle zu haben, interessierten ihn insbesondere auch moralische Fragen, wie er an einem Beispiel aus unserer Gegenwart verdeutlicht: "Wenn ein autonomes Fahrzeug einen Unfall macht, könnte es jemanden töten. Wir müssen unsere Autos programmieren, damit sie auf eine solche Situationen reagieren - und sie könnten durchaus rationaler reagieren als wir. Aber die universellen Werte sind nicht universell. Eine Gruppe aus den USA und der EU befand, Kinder seien die wertvollsten Menschen. In China sagten die Leute: Ein alter Mensch ist wertvoller als ein Kind. Wir müssten also chinesische Autos anders programmieren als britische. Dieses Detail zeigt, dass wir schon jetzt ethische Entscheidungen an Maschinen übertragen."

In der NZZ-Reihe über Gottfried Keller verneigt sich heute Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff vor dem Schweizer Literaten. Dessen "Die drei gerechten Kammmacher" hat sie nämlich bei nächtlicher Lektüre lauthals losprusten lassen. "Ein aberwitziges Schmuckstück Literatur war mir da in die Hände gefallen, das in behäbigem Ton daher spaziert kommt, in den ersten Sätzen sogar etwas steif und biedermeierlich wirkt - aber dann öffnet die Hölle ihr Fraßmaul und reißt die sorgfältig porträtierten Personen der Erzählung allesamt in den Abgrund. ... Was so niedlich und rechtschaffen begann, endet im Orkus des Bösen. Wahrlich, Gottfried Keller ist kein Gemütsspießer à la Theodor Fontane, sondern ein Tiger, der mit der Pranke dreinschlägt."

Weitere Artikel: Intellectures hat mit dem argentinischen Schriftsteller César Aira gesprochen, der als heißer Kandidat für den dieses Jahr gleich doppelt vergebenen Literaturnobelpreis gilt. Hätte H.C. Strache nur mal gelesen, was Brecht einst über Cäsar geschrieben hat, dann würde ihm heute auch nicht die Ibiza-Affäre um die Ohren fliegen, meint Ronald Pohl im Standard. Im Logbuch Suhrkamp meditiert Thomas Köck über den Jetlag. Der Man Booker International Prize geht an die Autorin Jokha Alharthi, meldet unter anderem ZeitOnline.

Besprochen werden Szczepan Twardochs "Wale und Nachtfalter. Tagebuch vom Leben und Reisen" (NZZ), Marguerite Yourcenars "Alexis oder der vergebliche Kampf" aus dem Jahr 1929 (Tell), Jacques Tardis Comic "Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B - Nach dem Krieg" (taz), Kai Meyers und Jurek Malottkes Comic "Das Fleisch der Vielen" (Tagesspiegel) und Claus-Steffen Mahnkopfs "Philosophie des Orgasmus" (Zeit).
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Archiv: Literatur

Film

Sinnentleerter Spaß: Brad Pitt und Leonardo DiCaprio in "Once Upon a Time in Hollywood"

In Cannes hat mit "Once Upon a Time in Hollywood" der kurz vor knapp fertig gewordene, neue Film von Quentin Tarantino Weltpremiere gefeiert. Im Mittelpunkt steht das Hollywood der späten 60er, Brad Pitt und Leonardo DiCaprio spielen Hauptrollen und um die Manson-Morde geht es am Rande auch. "Ein typischer Tarantino also", schreibt Verena Lueken im FAZ-Festivalblog, aber "mit etwas weniger Gewalt und etwas mehr Freundschaft, aber alles in allem kein Aufbruch zu neuen Ufern." Tarantino zeigt Hollywood an einer Kippstelle, ist Hanns-Georg Rodek aufgefallen: Schon in der Studiokrise, aber noch nicht von New Hollywood erlöst. Ein bisschen Erlösung hätte sich der Welt-Kritiker zumindest in der ersten, sich arg ziehenden Stunde für sich selbst gewünscht: "Das ist die größte Enttäuschung, der raffinierte Geschichtenerzähler Quentin Tarantino, der weder eine raffinierte Geschichte hat, noch sie raffiniert in Szene zu setzen weiß. Ja, es macht durchaus Spaß, den Buddies DiCaprio und Pitt zuzusehen; ja, das L.A. vor 50 Jahren ist liebevoll zum Leben erweckt; ja, Tarantinos neue Geschichtsumschreibung ist - als sie dann endlich kommt - ziemlich witzig. Mehr als witzig aber auch nicht."

Der Film hat tatsächlich nur eine einzige Pointe, pflichtet auch Hannah Pilarczyk auf SpOn bei. Was aber überhaupt nichts macht, denn bis zu dieser Erkenntnis gibt sich der Film ziemlich pointenreich und macht "grenzenlosen, sinnentleerten Spaß. Es fließen die Bilder ineinander, es geben sich die Stars (Al Pacino, Kurt Russell, Lena Dunham, Damien Lewis) die Klinke in die Hand. Doch dann schwingt er sich auf der Zielgeraden zu einer Heldentat auf, die ganz und gar anmaßend ist. ... Tarantino will sie einfach alle retten - Juden, Schwarze, Frauen." Für Esquire haben sich Tarantino, Pitt und DiCaprio zum ausgiebigen Klönen an einen Tisch gesetzt, wobei Pitt die leicht irritierende Erinnerung zum Besten gibt, dass er als Teenager in den 90ern Luke Perry angehimmelt haben will - wobei Pitt drei Jahre älter ist als Perry und Pitt in den 90ern auch schon knapp 30 war.

Unscharfer Befund: "Young Ahmed" von den Brüdern Dardenne.

Mit "Young Ahmed" erzählen die Brüder Dardenne die Geschichte einer islamistischen Radikalisierung - dies einmal mehr "im Stil ihres humanistischen Sozialrealismus", schreibt Beatrice Behn auf Kino-Zeit, doch falle "dieser diesmal recht flach aus. Der Film erlaubt seiner Hauptfigur nicht genug Finesse und Ambivalenz, als dass er sie zu einer vollen, in all seiner Ambiguität zerreißenden Persönlichkeit ausbilden würde." Philipp Schwarz von critic.de hat den Eindruck, dass der Film "mit ein bisschen emphatischer Menschlichkeit kaschieren will, dass er von der endlosen Vorwärtsbewegung in seinem Zentrum schon längst nur mehr mitgeschleift wird. So zerfällt die faszinierende, auch unheimliche Mehrdeutigkeit der Hauptfigur von 'Young Ahmed' am Ende in die Gegenüberstellung von zwei allzu idealisierten, allzu lebensfernen Prinzipien: der mechanischen Unmenschlichkeit und dem treuherzigen Humanismus." Im Tagesspiegel zeigt sich auch Andreas Busche wenig überzeugt: Zu "unscharf" sei diesmal der "gesellschaftliche Befund" der beiden Autorenfilmer. Dafür kommt er aber auf ein interessantes Detail am Rande zu sprechen: Hinter insgesamt 23 in Cannes gezeigten Filmen - satte zehn davon im Wettbewerb - steckt der Schweizer Produzent Michel Merkt.

Außerdem aus Cannes: Josef Lederle sichtet für den Filmdienst in Cannes Filme von Frauen, darunter Céline Sciammas "Portrait of a Lady on Fire" (mehr dazu in der taz und bereits hier) und Karim Aïnouz' "La vie invisible d'Euridice Gusmão". Außerdem besprechen Andrey Arnold (Presse) und Joachim Kurz (Kino-Zeit) Andreas Horvaths "Lillian". Weiteres aus Cannes auf Artechock, Kino-Zeit und critic.de, letztere auch mit täglichen Podcast-Lieferungen. Mehrfach täglich einen Blick wert: Der critic.de-Kritkerinnenspiegel. Mit Tweets vom Festival versorgen uns Jenny Jecke und Beatrice Behn. Und ebenfalls sehr fein: Der regelmäßig aktualisierte Cannes-Ticker vom Blogger Negative Space.

Selbstverständlich hat auch Slavoj Žižek etwas zum Ende von "Game of Thrones" zu sagen. Beziehungsweise etwas zum Unmut der Fans über die letzte Staffel, was ihn Lunte riechen lässt, das hier ideologisch was im Argen liegt. "Es geht in dem abschließenden Konflikt zentral um die Frage, ob die Revolte gegen die Tyrannei sich lediglich in einem Kampf für die Rückkehr der alten, freundlicheren Version derselben hierarchischen Ordnung erschöpfen sollte, oder ob sie weiterführen sollte zu einer Suche nach einer dringend benötigten neuen Ordnung", erklärt der Philosoph im Independent. "Das Finale weist den radikalen Wechsel mit einem alten antifeministischen Motiv von sich, das schon bei Wagner anzutreffen ist: Für Wagner gibt es nichts Abscheulicheres als eine Frau, die im politischen Leben interveniert."

Weitere Artikel: David Steinitz hat für die SZ in Frankfurt das neue Rainer Werner Fassbinder Center besucht. Im ZeitMagazin spricht die Filmemacherin Lola Randl über ihr Leben in der Uckermark. Besprochen werden die neue Serienadaption von Umberto Ecos "Der Name der Rose" (Welt), der beim japanischen Filmfestival in Zürich gezeigte Dokumentarfilm "Life is Fruity" (NZZ) und der Actionfilm "John Wick 3" mit Keanu Reeves (FAZ).
Archiv: Film

Musik

Im Berliner Konzerthaus hat Vladimir Jurowski mit Bravour Gérard Griseys Orchesterparcours "Les espaces acoustiques" dirigiert, berichtet Wolfgang Schreiber in der SZ. "Jurowski, der Intellektuelle aus Lust, entzündet hier die Fackel des sogenannten Spektralismus. ... Grisey hat die Geheimnisse des physikalischen Klangs analytisch erforscht, und Vladimir Jurowski ordnet sie als das organisch-sinnliche Kompendium rein musikalischer Erfindung, deshalb ohne literarische Krücken oder mythologische Hintergedanken. Etwas Lichtregie auf abgedunkeltem Podium, mit zielsicher gesetzten Leuchtstrahlen, erhellt die klingenden Prozesse. In einem Epilog treten vier Hornisten auf die Empore und markieren rhythmisierte Signale ins nunmehr ätherisch wispernde Klangkontinuum. Endlich gibt jetzt das übergroße Orchesterkollektiv sein Äußerstes an magischer Klanggewalt. Krachende Schläge der großen Trommel markieren das Ende."

Weiteres: Im Dlf Kultur spricht Jens Balzer über sein neues Buch über die Popkultur der 70er. Besprochen werden das neue Album von Tyler, the Creator ("Weg mit dem Handy, Konzentration", rät Standard-Kritikerin Amira Ben Saoud den geneigten Interessenten), Helms "Chemical Flowers" (The Quietus) und "Flamagra", das neue Album von Flying Lotus mit Musik so "warm, körperlos und melancholisch wie ein Internetlagerfeuer", erklärt SZ-Popkolumnistin Juliane Liebert. David Lynch hat darauf auch einen irritierenden Auftritt:

Archiv: Musik