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Efeu - Die Kulturrundschau

Ein wandelndes wässriges Würstchen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.06.2019. Der Guardian staunt, wie die Malerin Paula Rego einst mit schmutzigen, bösen Bildern die Legalisierung der Abtreibung in Portugal vorantrieb. Im Börsenblatt beklagt Iris Radisch eine Buchwelt, die sich mit Yoga statt Literaturkritik selbst demontiert. Die SZ lernt in Sao Paulo die Attraktivität dichter Städte kennen. In der Welt antwortet Matthias Heine seiner Zeit-Kollegin Jana Hensel, die sich bei Twitter ereiferte, nun gebe es ja gar keinen Ost-Intendanten auf "ostberliner ground": Es gibt ja auch kaum noch Theater auf West-Berliner-Grund. Und im Zeit-Online-Interview geht Jim Jarmusch mit sehr trockenen Zombies spazieren.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2019 finden Sie hier

Kunst

Bild: Paula Rego. Angel. 1998. Courtesy Marlborough Fine Art.

Den Bildern der portugiesischen Malerin Paula Rego wohnt meist etwas "Wütendes, Schmutziges, Böses" inne, stellt Guardian-Kritiker Adrian Searle nach einem Besuch in der Londoner Milton Keynes Galerie fest, die einen Querschnitt der Werke Regos aus den letzten sechs Jahrzehnten zeigt. 1998 malt sie eine Serie von Bildern über Abtreibung: "Ein öffentliches Referendum zu diesem Thema hatte in Portugal nicht genügend Stimmen erhalten, was sie dazu brachte, eine Reihe junger Frauen zu malen. Sie sitzen auf Handtüchern, mit offenen Beinen oder hocken auf einem gewöhnlichen Plastikeimer. Es gibt Becken und Schalen, traumatisierte und verängstigte junge Frauen, eine mit den Beinen auf Campingstühlen, ähnlich den Steigbügeln beim Gynäkologen. Die Ausstellung dieser Gemälde in Portugal sowie eine Reihe von Radierungen zum gleichen Thema beeinflussten zweifellos das Referendum von 2007, das zur Legalisierung der Abtreibung führte, als ihre Bilder in portugiesischen Zeitungen neu veröffentlicht wurden. Eine weitere Gruppe von Radierungen zeigt Szenen der weiblichen Genitalverstümmelung. Diese sind noch grausamer und schrecklicher, nicht zuletzt wegen ihrer Behandlung fast wie folkloristische Bilder."

Nachdem Nicola Kuhn im Tagesspiegel das offizielle Biennale-Pflichtprogramm in Venedig hinter sich gebracht hat, kann sie sich endlich der Kür, den "Eventi collaterali", jenen Ausstellungen abseits der Biennale widmen, etwa Gemälden von Luc Tuymans im Palazzo Grassi: "Der belgische Maler ist Spezialist für verborgene Geheimnisse, seinen Bildern traut man nicht. Und das zu recht. In pastosen Farben, oft verwischt, malt er Täter und Opfer, häufig des 'Dritten Reiches'. Das Bild 'Schwarzheide' übersetzte er für den Palazzo Grassi in ein Bodenmosaik, auf dem der Besucher steht, sobald er den Lichthof betritt. Erst durch den Blick aus der Ferne, über die Balustrade einer der oberen Etagen, erschließt sich das Motiv: die Zeichnung eines Tannenwalds, die von einem KZ-Häftling stammt."

Weitere Artikel: Viel Sex bekommt NZZ-Kritiker Philipp Meier auf der diesjährigen Art Basel geboten, wo er neben Arbeiten von Balthus, Bellmer und Baselitz auch Werken von Paula Rego begegnet. In der taz schaut sich Brigitte Werneburg Gustave Caillebottes "Straße in Paris, Regenwetter" aus dem Jahr 1877 genauer an, das derzeit in der Berliner Nationalgalerie ausgestellt wird. Ein Tondokument, offenbar mit der bisher unbekannten Stimme von Frida Kahlo, ist in Mexiko aufgetaucht, meldet die Berliner Zeitung. Besprochen werden die Keith-Haring-Ausstellung in der Tate Liverpool (Guardian), die Ausstellung "Stephen Willats - Languages of Dissent" im Migros-Museum in Zürich (NZZ), die Ausstellung "Benjamin Katz - Berlin Havelhöhe 1960/1961" im Kölner Museum Ludwig (FAZ), die Ausstellung "Die nackte Mona Lisa" im Musée Condé in Chantilly (FAZ).
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Musik

Nach sechs Jahren Wartezeit (in der er das Trauma eines Leaks verarbeiten musste) ist die offizielle Diskografie des einst als große Pophoffnung gehandelten Musikers Jai Paul nun sprunghaft von zwei auf vier Stücke angestiegen und auch die damals illegal veröffentlichten Songskizzen sind nunmehr autorisiert auf dem Markt, berichtet Daniel Gerhardt auf ZeitOnline, der hier auf Nachrichten aus zwar jüngster, aber schon weit zurück zu liegen scheinender Vergangenheit stößt: "Der Popstar, der nie wirklich da war, ist zurück. Die Musiklandschaft, in die er zurückkehrt, ist jedoch nicht mehr dieselbe. Im Rückblick erscheint 2013 wie das bislang letzte Jahr der großen Pop-Utopien. ... Die Arglosigkeit aber, die auch aus Jai Pauls kunstvoll überladenen Demoaufnahmen sprach, ist von der Realität eingeholt worden. Mehr denn je etwa ist die Popmusik heute auch Kampfplatz für Gender- und Identitätspolitiken und die race relations. Das hat den Pop grimmiger und verbissener gemacht." Hier eines der beiden neuen Stücke:



Im kurzen FAZ-Interview erklärt Andreas Dorau, warum er auf seinem neuen Album "Das Wesentliche" nur noch Refrains singt: "Refrains sind mein Zugang zur Musik. Der eine mag Sound oder Virtuosität, der andere Coolness, Männlichkeit oder Sexiness - bei mir ist es der Refrain." Hier sein aktuelles Video:



Weitere Artikel: Für den Standard spricht Ljubiša Tošić mit der Geigerin Hilary Hahn. Für die FAZ hat Jan Brachmann das Gewandhausorchester Leipzig und Andris Nelsons nach China begleitet.

Besprochen werden Bruce Springsteens neues Album "Western Stars" (der Boss befindet sich "auf Abwegen und dennoch in Bestform", schreibt Karl Fluch im Standard, Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche rät in Sachen California Noir dennoch lieber zu Lana del Rey), neue Alben zum 50-jährigen Bestehen von ECM Records, bei denen der Kontrabass im Mittelpunkt steht (SZ), Bill Calahans "Shepherd in a Sheepskin Vest" (Jungle World, mehr dazu bereits hier), Odd Nosdams Platte "Mirrors" (taz), das neue Album von Kate Tempest, die im taz-Gespräch beteuert, trotz "Free Palestine"-Aufrufen "keine negative Einstellung" gegenüber der israelischen Bevölkerung zu hegen, sowie Live-Auftritte von Van Morrison (Tagesspiegel) und  der Pianistin Yuja Wang (Standard).
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Literatur

Mehr als 70.000 Buchtitel erscheinen pro Jahr, dennoch werden die Literaturkritiken immer weniger, die Literaturbeilagen der Zeitungen immer dünner, allerdings nicht gehaltvoller, konstatiert Zeit-Feuilletonchefin Iris Radisch im Interview mit dem Börsenblatt. Das hat in erster Linie mit dem Rückgang von Buchanzeigen zu tun, aber auch mit einem veränderten Leseverhalten, das nicht zuletzt von Buch-Bloggern bedient wird, so Radisch: "Man muss sie ernst nehmen, denn das alte Reich-Ranicki-Imperium der Literaturkritik, das gibt es nicht mehr. In den neuen literarischen Fernsehsendungen gibt es kaum noch klassische Literaturkritiker. Auch in der 'Quo vadis?'-Käuferstudie des Börsenvereins, in der es darum ging, verlorene Leserschichten wieder zurückzugewinnen, kam das Wort Literaturkritik an keiner Stelle mehr vor. Stattdessen gab es den Rat, vermehrt auf Influencer und Wohlfühl-Accessoirs in den Buchhandlungen zu setzen. Diese Art der vorauseilenden Selbstdemontage der Buchwelt halte ich für grundfalsch, aber ich werde die Zeit nicht zurückdrehen können."

Besprochen werden unter anderem Rainer René Muellers Gedichtband "geschriebes. selbst mit stein" (Tagesspiegel), Angela Lehners "Vater Unser" (Standard), Antonio Ortuños "Die Verschwundenen" (Tagesspiegel), Szczepan Twardochs "Tagebuch vom Leben und Reisen" (SZ), Jonathan Robijns "Kongo Blues" (Tagesspiegel), Javier Marías' "Berta Isla" (NZZ) und das Panini-Sticker-Album zum 85. Geburtstag von Donald Duck (Satt).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film

Begrenztheiten der Wahrnehmung: László Nemes' "Sunset"


Im Standard-Gespräch erklärt der ungarische Autorenfilmer László Nemes, warum nach seinem Debütlangfilm "Son of Saul" (unsere Kritik) auch sein zweiter, am Vorabend des Ersten Weltkriegs in Budapest angesiedelter Film "Sunset" (unser Resümee) wieder auf Film gedreht wurde und aus einer streng reglementierten Perspektive heraus inszeniert wurde: "Mir geht es um eine Immersion, die zugleich auch von den Begrenztheiten der Wahrnehmung erzählt. Das ist dem Verständnis der Welt, wie es heute gerne propagiert wird, klar entgegengesetzt. Ich halte diesen panoptischen Blick auf die Welt für eine Illusion - ich will zurück zu dem, was uns limitiert. Das erinnert das Publikum daran, dass sein Blick nicht unbegrenzt ist. Die Forderung nach einer objektiven Darstellung des menschlichen Lebens ist doch in Wahrheit nur ein Resultat der Panik, dass man nicht weiß, wie man mit dem Publikum in Kontakt treten soll." In der FR findet es Daniel Kothenschulte trotz aller Begeisterung für den Film äußerst bedauerlich, dass der Film hierzulandelediglich als Digitalisat auf den Leinwänden zu sehen ist.

Iggy Pop - Wurstwasser = Zombie: Szene aus "The Dead Don't Die"
Mit seiner Zombiekomödie "The Dead Don't Die" hat Jim Jarmusch bei der Kritik eher nicht punkten können (unser Resümee, auch Standard-Kritiker Dominik Kamalzadeh kommt im Saal eher das Gähnen). Im ZeitOnline-Interview referiert er kundig die Mythologie des Subgenres und reklamiert für sich, dass bei ihm die Zombies zum ersten Mal aus Staub bestehen: "Wir Lebenden sind zu 75 Prozent oder mehr aus Wasser, aber wenn man tot ist, trocknet man aus. Als ich das Drehbuch geschrieben habe, bin ich einmal spazieren gegangen. Dabei dachte ich also darüber nach und mir wurde klar, dass ich, während ich hier so laufe, halb Wasserball und halb Würstchen bin. Eine merkwürdige Vorstellung: ein wandelndes wässriges Würstchen. Da wusste ich: Meine Zombies mussten Staub sein."

Dass Disney sein Repertoire an Animationsfilmklassikern nach und nach als Realverfilmungen ins Kino bringt, hält NZZ-Kritiker Wolfgang M. Schmitt für einen historischen Tiefschlag für die Vorstellungskraft: Ihr werden "naturalistische Grenzen gesetzt. Es geht in erster Linie darum, die Realität möglichst naturgetreu abzubilden, anstatt sie wie früher zeichnerisch zu verwandeln und damit zu befreien." Besprochen wird das  Reboot des "Men in Black"-Franchise (FR, Tagesspiegel, unsere Kritik hier).
Archiv: Film

Design

Für die NZZ schlendert Daghild Bartels über die Design Miami Basel, wo ein prall gefüllter Geldbeutel conditio sine qua non ist, wenn man insbesondere bei den stark vertretenen Mid-Century-Lieblingen zuschlagen will: "Beim zeitgenössischen Design, so wie es hier präsentiert wird, geht der Trend Richtung Kunstwerk. Diese Objekte wollen nicht in erster Linie mit Funktionalität auftrumpfen, sondern mit ihren Schaueffekten. Am schrillsten kommen die bunten Sessel, Stühle und Regale von Orta Miklos bei Functional Art (Berlin) daher, sie sind zwar durchaus gebrauchstüchtig, doch zielen sie vornehmlich auf Irritation und Spaß (15.000 bis 25.000 Euro)."
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Architektur

Sonntags für den Autoverkehr geschlossen. Sao Paulo. Foto: Ciro Miguel. 2018

Dass gerade die Dichte eine Stadt lebenswert machen kann, erkennt Laura Weissmüller in der SZ im Münchner Architekturmuseum, das anhand von Fotos, Zeichnungen und Videos aus verschiedenen Blickwinkeln die soziale Infrastruktur Sao Paulos zeigt: "Gerade für deutsche Augen ist es dabei erstaunlich, was in São Paulo alles in ein Haus passt. Herrscht hierzulande ja panische Angst davor, mehrere Nutzungen unter einem Dach zu vereinen - was die allermeisten Gebäude dazu verdammt, viele Stunden des Tages nutzlos in der Gegend herumzustehen, ein Luxus, den man sich heute eigentlich nicht mehr leisten kann - lautet der Arbeitsauftrag in São Paulo: Multitasking und zwar so viel wie möglich! Etwa beim SESC 24 de Maio mitten im Büroviertel São Paulos. Seit 2017 gibt es dort Ausstellungsräume, eine Bibliothek, Platz für Sport, Tanz und Theater, aber eben auch eine öffentliche Kantine und eine Zahnklinik. Das alles wird von einem Schwimmbad auf der Dachterrasse gekrönt."
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Stichwörter: Sao Paulo

Bühne

"Keines der fünf wichtigen Berliner Theater hat nun eine oder einen aus Ostdeutschland stammenden Intendanten, obwohl vier der fünf Häuser auf ostberliner ground stehen", twitterte Zeit-Journalisten Jana Hensel nach der Pollesch-Wahl. In der Welt spielt Matthias Heine den Ball an die Kollegin, die er eine "Ein-Frau-Grenztruppe ostdeutscher Identitätsgebiete" nennt, zurück: "Wenn heute so ein hoher Anteil von wichtigen Berliner Theatern auf 'ostberliner ground' stehen, dann vor allem deshalb, weil so viele Bühnen auf West-Berliner Grund nach der Wende zugemacht wurden. (…) Eine Benachteiligung Ost-Berlins lässt sich jedenfalls aus der Theatergeschichte der Nachwendezeit keinesfalls ablesen. Der Kahlschlag fand eindeutig im Westen statt. Dort wurden nicht nur großsubventionierte Theaterkombinate wie das Schiller-Theater, das Theater des Westens und die Freie Volksbühne abgewickelt. Es gab auch ein Massensterben unter den kleineren Häusern, denen etwa das Hansa-Theater, die Tribüne und die Berliner Kammerspiele in Moabit zum Opfer fielen."

Besprochen wird Pedro Martins Bejas Inszenierung von Miroslava Svolikovas "Der Sprecher und die Souffleuse" beim Dramatikerinnenfestival (Nachtkritik), Michael Laubs "Rolling" beim Berliner Hebbel am Ufer (Nachtkritik).
Archiv: Bühne