Efeu - Die Kulturrundschau

Manchmal auch edle Wahrheiten

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18.06.2019. FAZ und Libération ergreift ontologischer Schwindel, wenn sie mit Marguerite Duras die Verlassenheit des Menschen in Paris und den Höhlen der Steinzeit erkunden. Die NZZ bewundert, mit welcher Grazie der große graue Elefant in Basel seine Augen öffnen und schließen kann. In der NZZ pocht auch Elif Shafak auf ihr Recht, schamlos und unanständig zu schreiben. Die SZ freut sich über den schmutzigen Klang der Compilation-Reihe "Nigeria 70". Und ZeitOnline leistet sich eine Cordjacke.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2019 finden Sie hier

Kunst

Die Vénus von Lespugue, ungefähr 23.000 v. Chr. Foto: MNHN, Jean-Christophe Domenech

Ist die prähistorische Kunst eine Erfindung der Moderne? Eine große Schau im Pariser Centre Pompidou setzt Picasso und Kandinsky, Tacita Dean und Louise Bourgeois in Bezug zur Venus von Lespugue oder den Malereien von Lascaux. Sensationell findet FAZ-Kritiker Peter Geimer die Ausstellung, vor allem, weil sie ganz ohne humanistisches Pathos und anachronistische Zuschreibungen auskomme: "Zu den eindrücklichsten Exponaten gehört der Kurzfilm 'Les mains négatives' von Marguerite Duras - benannt nach den Negativabdrücken menschlicher Hände, die man in abgelegenen Felshöhlen entdeckt hat. Die Stimme aus dem Off erzählt von der Verlassenheit dieser ersten Menschen, die Bilder zeigen dazu eine Kamerafahrt durch das noch leere, frühmorgendliche Paris. Auf den Boulevards gehen die Lichter der Cafés an, in der Dämmerung tauchen die ersten Autos auf, ein Trupp von Straßenfegern säubert das Trottoir. Die Erzählung von den frühesten Menschen entrückt die Bilder der erwachenden Metropole in eine andere Zeit. Zugleich kommen Text und Bild, Vergangenheit und Gegenwart nicht einfach zur Deckung. Es war ein langer Weg vom Höhlenmenschen bis zu den Straßenfegern von Paris." Libération-Kritikerin Elisabeth Franck-Dumas fühlte sich nach der Ausstellung gar von einem "ontologischen Schwindel" ergriffen.

Weiteres: Die Welt meldet den Tod der Malerin, Designerin und Mode-Ikone Gloria Vanderbildt. Im Tagesspiegel kann Arianne Bemmer nur müde lächeln über die Wallungen des Kunstmarkts: Kaum wirft ein Kind auf der Art Basel eine Arbeit um, wird sie gleich doppelt so teuer.

Besprochen werden eine Schau naturkundlicher Zeichnungen aus der Neuzeit (Guardian) im Barber Institute in Birmingham und eine Ausstellung der Malerin Gisela Breitling in der Petruskirche in Berlin (Tsp).
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Architektur

Das Meret-Oppenheim-Hochhaus in Basel. Abb.: Herzog und de Meuron Architekten

Mit Entsetzen hat Basel auf das Meret-Oppenheim-Hochhaus reagiert, das die Architekten Herzog und de Meuron errichteten. Die Basler Zeitung nannte es ein architektonisches Monster, Gefängnisarchitektur, Verschandelung lauteten die Verdikte. Sabine von Fischer verteidigt in der NZZ den Bau, dem sie durchaus eine gewisse Anmut attestiert: "Das rohe, farblos eloxierte Metall wirft wenig Licht zurück, vielmehr schlucken die vielen Falten und Löcher die Helligkeit. Die hellen Renderings lassen vermuten, dass die Entwerfer mehr Reflexionen und Glanz erwartet hatten. Ob Absicht oder nicht, diese matte Erscheinung des amorphen Riesen ist auch eine Art der Zurücknahme des Hauses gegenüber der Stadt. Das Metall um das Hochhaus wirkt wie eine graue Haut, die sich auffalten lässt. Wenn einmal gar niemand zu Hause und jeder Fensterladen geschlossen wäre, dann sähe das ganze Meret-Oppenheim-Hochhaus wie ein Cluster von ummantelten, abstrakten grauen Kuben aus. Wer aber nicht durch gelochtes und gefaltetes Aluminium nach außen schauen will, drückt einen Knopf, und die Haut klappt sich weg. Mit der Grazie eines Elefanten öffnen oder schließen sich die Faltläden, langsam. Das Hochhaus blinzelt, aus jeder Faltung wird ein vertikales Auge."
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Film

Besprochen werden Tuva Nowotnys "Britt-Marie war hier" (taz), die Netflix-Serie "When They See Us" (Welt) und die Netflix-Serie "Dschinn", die erste arabischsprachige Serie der Onlinevideothek, die in Jordanien prompt mit Empörung zur Kenntnis genommen wurde, weil Jugendliche darin Alkohol trinken und sich küssen (FAZ).
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Stichwörter: Netflix, Jordanien

Literatur

Unter anderem über die betrübliche Lage von Schriftstellern und Schriftstellerinnen in der Türkei spricht im Interview mit der NZZ die Schriftstellerin Elif Shafak , die kürzlich schon der Berliner Zeitung ein lesenswertes Interview gegeben hat (unser Resümee). Aktuell ermittelt die türkische Staatanwaltschaft gegen sie, ob ihr neuer Roman gegen Obszönitätsgesetze verstoßen habe. "Die Ermittler picken einzelne Sätze heraus und verbreiten sie über die sozialen Netzwerke. Wenn ein fiktionaler Charakter etwas sagt, nehmen sie dieses Zitat heraus und sagen: 'Das ist die Meinung dieser Autorin!' Es wird immer schwieriger, sich in der Türkei künstlerisch zu betätigen oder Literatur zu schreiben." Denn "für Autoren ist es schwierig, politische Tabus zu hinterfragen, und für Autorinnen ist es noch schwieriger, sexuelle Themen anzusprechen. Wenn ein Mann über solche Sujets schreibt, sagen die Leute: 'Er ist ein großartiger Schriftsteller und hat viel Phantasie.' Wenn eine Frau es wagt, über Sexualität zu schreiben, fragen sie: 'Oh, ist dir so etwas passiert?' Und dann wird man beschuldigt, schamlos und unanständig zu sein."

Für die FAZ hat sich Katharina Teutsch in Berlin mit dem polnischen, beziehungsweise wie er sagen würde: schlesischen Schriftsteller Szczepan Twardoch getroffen. Einst als eher von rechts im Jünger-Ton raunender und das Arbeiterethos hochhaltender Autor skeptisch beäugt, sieht er sich heute als "herrenlos", eher links und PiS-kritisch. "Twardoch ist provokant, aber undogmatisch. ... Um seinen Landsleuten ein paar unangenehme Wahrheiten über sich selbst zu verkaufen, zwirbelt er sie in eine packende Story. 'Der Boxer' ist ein tarantinohafter Actionroman am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, der seinen Lesern polnischen Faschismus und Antisemitismus des Jahres 1937 nicht erlässt" und in seinem "Tagebuch vom Leben und Reisen" stoße man "auf einen etwas melancholischen Beobachter. Und auf einen großen Leser, der sich nach alter Kumpeltradition überall das herausklopft, was ihn interessiert. Manchmal kommen dabei alternative Geschichtsentwürfe heraus. Manchmal auch edle Wahrheiten."

Ein ziemlich depressives Gespräch hat Jan C. Behmann für den Freitag mit Schriftsteller Andreas Maier geführt. Es geht um prägende solipsistische Erfahrungen in der Kindheit, um Gottesglaube, Zweifel am Raum-Zeit-Gefüge, den abgebrochenen Kontakt zur Familie, die beschwerliche Arbeit als Schriftsteller und den tröstenden Gang in die Kneipe: "Ich kenne viele Menschen, die meine Arbeitsbedingungen nicht aushalten würden. Vielleicht gehe ich deswegen so oft in die Kneipe, um mir einen Feierabend zu simulieren. Die Texte gären immer in mir und überfallen mich dann ab und an. Wenn ich dann in einer Arbeitsphase bin, kann ich draußen vor anderen Menschen oft nur noch lallen. ... Die Gespräche in Apfelweinwirtschaften sind überdies angenehm nichtssagend."

Weitere Artikel: Petra Ahne reist für die Berliner Zeitung mit dem tschechischen Schriftsteller Jaroslav Rudiš per Zug von Berlin nach Tschechien. René Hamann berichtet in der taz vom Auftakt des 20. Berliner Poesiefestivals. Besprochen werden unter anderem Michael Rutschkys postum veröffentlichte Tagebuchaufzeichnungen "Gegen Ende" (ZeitOnline), Katarina Frostensons "K" (Standard), Thomas Kielingers Biografie über Königin Elisabeth I. (NZZ) und André de Richauds im Original 1931 veröffentlichter, jetzt erstmals auf Deutsch vorliegender Roman "Der Schmerz" (FAZ).
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Design

Lange war Cord déclassé, jetzt erlebt der Stoff ein Comeback in den aktuellen Kollektionen namhafter Häuser, erklärt Tilllmann Prüfer im ZeitMagazin. "Cord war noch ein Lieblingskleidungsstück der Linken, als die Arbeiterklasse schon kaum mehr Cord trug. ... Nun ist er wieder da - allerdings mitunter in einer Preislage, die ihn unverdächtig macht, ein Symbol gegen das Establishment zu sein." Das kann man allerdings laut sagen.
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Stichwörter: Cord, Modedesign

Bühne

Viel Selbstbefragung und -Kritik erlebte Nachtkritikerin Sarah Heppekausen beim Impulse-Festival der Freien Szene in Düsseldorf und Mühlheim. Diskursfest muss die Avantgarde natürlich sein, meint, Heppekausen, aber sie sollte sich nicht selbst lähmen: "Verhärten sich die Fronten? Der Theatermacher und machina eX-Performer Yves Regenass zumindest fragte sich - äußerst zurückgenommen -, ob er als sehr weißer, heterosexueller Mann der Richtige sei, um über Kunstfreiheit als Privileg der Mehrheitsgesellschaft an dieser Stelle zu reden. Ja, darf er das? Jedes Hinterfragen der eigenen Position ist angebracht, sinnvoll und dringend notwendig. Aber in der Kunst kann Selbstbefragung nicht alles sein. Kunst muss weiterhin der Anlass für Verunsicherungen sein (dürfen)."

Besprochen werden Johan Simons' Hamlet-Inszenierung am Bochumer Schauspielhaus mit Sandra Hüller in der Rolle des Dänenprinzen ("Muss man gesehen haben", jubelt jetzt auch Martin Krumbholz in der SZ), Puccinis "Tosca" an der Wiener Staatsoper, der Piotr Beczala "tenoralen Glanz" verlieh (wie Ljubisa Tosic im Standard vermerkt), Arrigo Boitos Oper "Mefistofele" in Stuttgart (SZ), Felix Rothenhäuslers Bühnenfassung von Lars von Triers Weltuntergangsfilm "Melancholia" an den Münchner Kammerspielen (taz, FAZ), Gian Carlo Menottis "The Medium" und Bruno Madernas "Satyricon" im Bockenheimer Depot in Frankfurt (FR) und Rimski-Korsakows Oper "Mozart und Salieri" beim Würzburger Mozartfest (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

Große Freude hat SZ-Afropop-Kolumnist Jonathan Fischer mit der mittlerweile vierten Folge der Compilationreihe "Nigeria 70", die den Untertitel "No Wahala: Highlife, Afro-Funk & Juju 1973-1987" trägt. Gut beobachten lasse sich hier, welche Freiheit die nigerianischen Musiker hatten, um "James Brown und andere Soul- und Jazz-Vorbilder zu reafrikanisieren. ... Funk jedenfalls wird hier noch einmal ganz neu buchstabiert", denn "dieser Soundfluss überrascht ständig, verästelt und verunreinigt sich auf interessante Weise. Und überzeugt gerade wegen seinem schmutzigen Klangbild. Was langweilt schon schneller als eine polierte Produktion?" Überzeugt! Glücklicherweise steht die Compilation auf Bandcamp:



Hier und da, etwa in der SZ, wird gemeldet, dass die Rapperin Haiyti gemeinsam mit dem Künstler Paul Spengemann in eben jener Ibiza-Absteige, in der sich HC Strache in den politischen Absturz gedampfplaudert hat, ein Musikvideo gedreht hat, für das das Ambiente jener heißen Sommernacht in seiner Tristesse "souverän stillos nachgestellt" wurde: "Die Villa zu buchen, so die Macher, ging via booking.com ganz fix und der Original-Sektkübel war auch noch im Schrank", schreibt Jens-Christian Rabe.



Mathieu Praun klärt in der Welt auf, wer eigentlich dieser Rapper Kontra K ist, der gerade Rammstein von der Spitze der Charts geholt hat. Mit ihm verhält es sich nämlich ein wenig anders als bei seinen Berufskollegen wie dem Erfolgsrapper Capital Bra: "Dem selbstzerstörerischen Rausch und dem Wahnsinn setzt Kontra K die Disziplin und Gelassenheit des Sportlers entgegen, den überdrehten Partyhymnen entgegnet er mit vermeintlich tiefgründigen Sprüchen über Liebe, Familie und Freundschaft." Verloren gehe dabei allerdings "auch die Ironie, der Witz, der doppelte Boden." Er "besinnt sich wie die meisten Schlagerkünstler auf traditionelle Werte, bietet Sicherheit und ist damit sehr nah dran an Helene Fischer und Co."

Weitere Artikel: Für die taz ist Ole Schulz zur Messe Indian Ocean Music Market gereist. Besprochen werden Madonnas "Madame X" (Pitchfork) und Leifs Ambient-Album "Loom Dream" (Pitchfork).
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