Efeu - Die Kulturrundschau

Wahrscheinlich ein Gürteltierfötus

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.06.2019. Fassungslos blickt die SZ nach Norwegen, wo die Frau des FRP-Justizministers Tor Mikkel Wara ein besonders perfides Theaterstück inszenierte. Tagesspiegel und Zeit Online tanzen mit Xaver Cylophon und sinistren Hexen traumverloren durch Berliner Nächte. Hyperallergic kühlt sich ab im arktischen Eis der Lorna Simpson. Und die FAZ erkennt die "unsägliche Vulgarität" des Harvey Weinstein in John Malkovich.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2019 finden Sie hier

Bühne

Black Box Teater Oslo. Leif Gabrielsen

Fassungslos berichtet Kai Strittmatter in der SZ von einem Skandal in Norwegen: Nach der Premiere des Theaterstücks "Ways of Seeing", in dem sich die Schauspielerinnen und Co-Autorinnen Hanan Benammar und Sara Baban, die eine mit algerischen, die andere mit irakischen Wurzeln, mit dem Rassismus in Norwegen auseinandersetzten und Rechtsaußen-Netzwerke unter anderem um den FRP-Minister Tor Mikkel Wara offenlegten, häuften sich Angriffe auf Waras Familie - unter anderem wurde dessen Auto angezündet - die von Waras Frau, der Journalistin Laila Anita Bertheussen medienwirksam hervorgehoben wurden. Nachdem sich dann auch die Premierministerin gegen die Künstler stellte, nahm der Fall eine überraschende Wende: "Am Tag nach den Angriffen der Premierministerin auf die Theatermacher, am Donnerstag, dem 14. März, griff ein Deus ex machina ein, in Gestalt des norwegischen Nachrichtendienstes PST. Während Justizminister Wara im Parlament einer Sitzung zum Brexit beiwohnte, stürmte ein Sonderkommando des PST sein Haus - und nahm seine Lebensgefährtin fest. Laila Anita Bertheussen, teilte eine PST-Sprecherin später der nun noch fassungsloseren Nation mit, sei dringend verdächtig, sämtliche Angriffe auf ihr Haus und Auto selbst inszeniert zu haben, 'um den Eindruck zu erwecken, es sei ein Anschlag verübt worden'."

John Malkovich. Szene aus "Bitter Wheat"

Viel Slapstick, aber keine Zwischentöne bekommt FAZ-Kritikerin Gina Thomas am Londoner Garrick Theatre geboten, wo David Mamet sein Harvey-Weinstein-Stück "Bitter Wheat" mit John Malkovich in der Hauptrolle selbst inszeniert - weil sich kein anderer Regisseur bereit erklärte: "Malkovich, der auf der Leinwand die Obsessionen und Perversionen seiner psychopathischen Schurken oft durch träge Distanziertheit ins Diabolische steigert, markiert hier den hektisch animierten Macker. Launisch, unkonzentriert, grenzenlos zynisch und von unsäglicher Vulgarität, kommandiert er die Sekretärin Sondra herum, die Doon Mackichan mit wunderbar abgebrühter Herablassung verkörpert."

Weitere Artikel: Im großen NZZ-Interview mit Thomas David spricht der neue Ifflandring-Preisträger Jens Harzer über Bruno Ganz, Gert Voss und die Bedeutung des Theaters. Besprochen wird Alexander Hauers Inszenierung von Feridun Zaimoglus und Günter Senkels "Babylon" bei den Sommerspielen Melk (Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Kunst

Lorna Simpson. "Darkening". 2018 © Lorna Simpson. Courtesy the artist and Hauser & Wirth

Fasziniert taucht Seph Rodney auf Hyperallergic in der New Yorker Galerie Hauser und Wirth in die kalten Untiefen des arktischen Eises, in das ihn die menschenleeren Bilder Lorna Simpsons ziehen: "In 'Darkened' (2018) rauscht alles zusammen: der Himmel aus Preußischblau, der Gletscher mit ultramarinen Vertiefungen, ein helleres Blau, in dem das Eis näher ans Licht rückt und Frost und Himmel fast in Einklang bringt, und das Kobaltblau, in dem sich die Tinte, mit der Simpson malt, zu amorphen Flecken zusammengeschlossen hat. Das beschreibt aber nur den Teil des Gemäldes über der Wasserlinie. Darunter findet sich eine ähnliche Palette von Farbtönen. Mit dem Eis und dem Meerwasser verwoben sind dünne, vertikale Schriftzüge, auf denen Sprachfetzen wie 'Hit', 'Act', 'Out', 'Lab', 'Con' stehen. Diese Fragmente sind wie ein Stammeln oder Murmeln von Bedeutungen, die sich losreißen aus dem Sog zwischen Objekt und Abstraktion, (…) - all dies bewegt sich im arktischen Eis."

Überrascht von der überschäumenden Schaffenskraft der junge Dora Maar, die zu Unrecht lange nur als Picasso-Muse galt, kommt SZ-Kritiker Joseph Hanimann aus dem Pariser Centre Pompidou, wo derzeit Fotografien und Fotomontagen der zwischen Mode- und Reportagefotografie und "surrealistischer Vision" switchenden Künstlerin zu sehen sind: "Dora Maars Magie der Fotomontage in der Folge von Max Ernst und Georges Hugnet erreichte ihren Höhepunkt in ihren surrealistischen Arbeiten. Das 1936 bei der Surrealistenausstellung der Pariser Galerie Charles Ratton gezeigte 'Portrait d'Ubu', ein halb ulkiges, halb widerliches Tierwesen, wahrscheinlich ein Gürteltierfötus, ist zur Ikone der surrealistischen Bewegung geworden. Ebenso interessant ist das ein Jahr zuvor entstandene Blatt 'Le Simulateur', auf welchem die Künstlerin in einen schneckenhausartig gewundenen Spiralraum - die Umkehrung eines Gewölbefotos aus dem Schloss Versailles - einen in Barcelona geknipsten Knaben in verdrehter Körperhaltung hineinmontierte."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel stellt Birgit Rieger das vierköpfige KuratorInnen-Team für die Berlin Biennale 2020 vor.
Archiv: Kunst

Architektur

Angetan schreibt Judith Leister in der NZZ aus Breslau, wo mit Hilfe von privaten Stiftungen das frühere Haus der Bankiersfamilie Oppenheim und die Mikwe der Synagoge zum Weißen Storch restauriert worden sind. In der NZZ bewundert auch Marion Löhndorf die "Poesie" des von dem japanischen Architekten Junya Ishigami gestalteten Serpentine Pavillons. Für die FAZ hat auch Laura Wurth den neu eröffneten Konzertsaal im österreichischen Andermatt besichtigt (Unser Resümee) - und wünscht sich nun für das ein oder andere sächsische Dorf einen ägyptischen Milliardär wie Samih Sawiris, der es auffrischt.
Anzeige
Archiv: Architektur

Musik

Im SZ-Gespräch unterstreicht Lena Krause, Leiterin des Vereins Freie Ensembles und Orchester in Deutschland, die wichtige Rolle der Freien Ensembles im Klassikbetrieb: "Neue Musik, so wie sie heute in Deutschland stattfindet, ist nur mit freien Ensembles möglich. Die großen Innovationsbewegungen der Kunstmusik im 20. Jahrhundert gingen von freien Ensembles aus. Nur sie bieten die Spezialisierung und das Fachwissen. Und nur aufgrund der freien Strukturen und der Möglichkeit, Probenprozesse an die Bedürfnisse eines Projekts anzuschmiegen, können freie Ensembles auch Workshops oder Experimentierphasen mit Komponistinnen anbieten."

Weitere Artikel: Marie Schmidt meldet in der SZ, dass Rio Reisers Nachlass künftig in Marbach aufbewahrt wird. Für die NZZ plaudert Melanie Biedermann mit Julia Holter. In der FR gratuliert Thomas Stillbauer Ray Davies von den Kinks zum 75. Geburtstag. Auf FAZ.net schreibt Tobias Rüther einen Nachruf auf den französischen DJ Philippe Zdar.

Besprochen werden Vivien Goldmans Buch "Revenge of the She-Punks" (taz), Krzysztof Urbańskis und Jean-Yves Thibaudets Gastauftritt beim Tonhalle-Orchester Zürich, wo sich laut NZZ-Kritiker Thomas Schacher diverse Klischees über Klassikkonzerte in Luft auflösten,  Sinkanes Album "Dépaysé" (taz), ein Mahler-Abend des DSO unter Jakob Hruša (Tagesspiegel) und ein Konzert des Ural-Jugendorchesters unter Frank Beermann (FAZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Freie Ensembles, Klassik

Literatur

In der FAZ gratuliert Patrick Bahners dem Germanisten Heinz Schlaffer zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Friedrich Anis "All die unbewohnten Zimmer" (Welt), Jonathan Franzens Essayband "Das Ende vom Ende der Welt" (NZZ), Ian McEwans "Maschinen wie ich" (Standard), Violaine Huismans "Die Entflohene" (taz), Angela Krauß' "Der Strom" (SZ) und Simon Wades "Foucault in California" (FAZ).
Archiv: Literatur

Design

Paul Jandl schreibt in der NZZ einen Nachruf auf die Krawatte, die nun auch in auf Seriosität bedachten Unternehmen von der Kleiderordnung für die Mitarbeiter gestrichen wurde.
Archiv: Design

Film

Unberlinisch durch die Nacht: Xaver Cylophons Neon-Märchen "O Beautiful Night" (Komplizenfilm)

Ziemlich umgehauen berichtet Jens Balzer auf Zeit Online von "O Beautiful Night", dem Lang-Realfilmdebüt des Animationsfilmers Xaver Böhm, der sich den Namen Xaver Cylophon gegegeben hat. Er verspricht uns eine sehr kunstvolle Berliner Nachtfantasie: "Die Stimmung, die Farben und Temperaturen seines Werks und auch die Arten der Figurenzeichnung erinnern an die mythisch verrätselten Animationsfilme von Hayao Miyazaki. Das leere Berlin, durch das der junge Mann und sein Tod des Nachts taumeln, ist jedenfalls gut gefüllt mit gleichermaßen drolligen, sinistren und gefährlichen Hexen und Frauen mit dem zweiten Gesicht. ... Wie der Film seinen Rhythmus aus der inneren Logik der Bilder und ihrer Montage entwickelt, ist von einem visuellen Gespür und einer unaufdringlichen, gleichsam traumwandelnden Genauigkeit, wie man solches im deutschen Film sonst selten findet." Für Tagesspiegel-Kritikerin Esther Buss ist dieser Film innerhalb der Berliner Szene "ein schillerndes Unikat", denn "unberlinischer" habe man die Spreemetropole im Kino noch nicht gesehen: "Böhms Idee von Neo-Noir ist von der Grundierung jedoch leicht und optimistisch, das romantische Märchen interessiert ihn, nicht der dunkle Albtraum; am Ende wird die Liebe sehr unschuldig als Todesüberwinderin gefeiert."


Die zweite Staffel der deutschen Netflix-Mystery-Serie "Dark" bietet ein Kondensat dessen, "was in den letzten Jahren im Fernsehen (und vor allem auf Netflix selbst) gut funktioniert hat", erklärt Kristoffer Cornils auf ZeitOnline. Netflix habe "aus dem absehbaren Totalversagen klassischer TV-Serien wie 'Game of Thrones' gelernt. Während die vielleicht letzte große Erzählung des 21. Jahrhunderts vor allem deswegen an die Wand fuhr, weil sie ja irgendwie enden und dabei ziemlich viele lose Fäden zusammenzurren musste, gibt 'Dark' eben jene Fäden dem Publikum direkt in die Hand. Es geht eigentlich nur noch darum, wie eigentlich alles zusammenhängt, nicht so sehr um den Aus- oder gar Weitergang der Handlung." Weitere Besprechungen in Berliner Zeitung und FAZ.

Weitere Artikel: Simon Rayß empfiehlt im Tagesspiegel die Carlos Reygadas gewidmete Retrospektive im Berliner Kino Arsenal. Besprochen werden Vahid Jalilvands "Eine moralische Entscheidung" (Tagesspiegel, mehr dazu bereits hier), Dome Karukoskis Biopic über J. R. R. Tolkien (ZeitOnline, mehr dazu bereits hier), die Ausstellung "Kino der Moderne - Film in der Weimarer Republik" im Filmmuseum in Berlin (Tagesspiegel) und die neue Staffel der Netflix-Serie "Black Mirrors", der laut NZZ-Kritiker Reto Stauffacher neue Impulse mal ganz gut tun würden.
Archiv: Film