Efeu - Die Kulturrundschau

Lust am großen Krach und groben Ton

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10.07.2019. Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss bekommt den Georg-Büchner-Preis. Bei den Kritikern stößt die Entscheidung auf ein geteiltes Echo: Die Welt lobt seine sprachlich und gedanklich konzentrierten Werke, die taz stört sich jedoch an seiner Neigung zur Abwertung der Gegenwart. Der Guardian hinterlässt einen schmutzigen Fußabdruck in der Olafur-Eliasson-Schau in der Tate Modern. Die NZZ erzählt, wie die HBO-Serie "Chernobyl" die russische Öffentlichkeit aufstöbert. Und die SZ schwebt im Glück mit Abdullah Ibrahims neues Album.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2019 finden Sie hier

Literatur

Der Georg-Büchner-Preis geht in diesem Jahr an Lukas Bärfuss und damit seit der Auszeichnung für Adolf Muschg im Jahr 1994 nach langer Zeit wieder an einen Schweizer Schriftsteller. Ausgezeichnet wird ein scharfer Kritiker der Verhältnisse, lautet das Fazit der Feuilletons, die sich im einzelnen sehr unterschiedlich zu dieser Auszeichnung äußern. Der Hinweis darauf, dass Bärfuss' literarisches Werk gegenüber seinem dramatischen eher schmal ist, fällt indessen fast überall.

Überraschend, aber überzeugend findet Richard Kämmerlings in der Welt diese Entscheidung, denn "mit zwar wenigen schmalen, aber sprachlich und gedanklich hoch konzentrierten Werken ist Bärfuss eine unverwechselbare erzählerische Stimme und zugleich einer der profiliertesten und streitbarsten Intellektuellen". Überdies scheint die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung sich in den letzten Jahren um Verjüngung zu bemühen, ist Kämmerlings aufgefallen: "Bärfuss, geboren 1971, ist exakt der gleiche Jahrgang wie seine beiden Vorgänger Terézia Mora und Jan Wagner. Der älteste Büchnerpreisträger der letzten fünf Jahre ist damit der ewig junge Rainald Goetz." Die Akademie "scheint sich auf Autorinnen und Autoren in der Lebensmitte eingependelt zu haben", hält auch Paul Jandl in der NZZ fest. "Er ist also auch ein Vorschuss auf Werke, die erst zu schreiben sind." In der FAZ preist Sandra Kegel die stilistische Brillanz des Schweizers: "Bärfuss schreibt eingreifend, er schreibt ernsthaft, empathisch und sprachlich gekonnt."

Ziemlich skeptisch zeigt sich Dirk Knipphals in der taz. "Die Entscheidung für Bärfuss hat auch etwas Brutales. Denn nun wird das Werk dieses 1971 geborenen Autors daran gemessen, ob es repräsentativ für die politische deutschsprachige Gegenwartsliteratur stehen kann. Und die Antwort ist leider: eher nicht." Mitunter hat Knipphals den Eindrück, als wolle Bärfuss "einen ermahnen und wachrütteln aus einer falschen Existenz. Dass einen das nerven kann, ist literarisch keine Nebensächlichkeit. Spätestens in dem letzten Roman dieses Autors, 'Hagard', geht diese handwerklich gut gemachte Erweckungsprosa nämlich auf Kosten der Gesellschaftsanalyse. Das Problem ist Bärfuss' Neigung zu einer pauschalen Abwertung der Gegenwart, die mit starken, literarisch klingenden Beschreibungen ins Bedeutsame hochgejazzt wird."

In diesem "formbewussten Seiltänzer steckt ein Energiebündel", schreibt Lothar Müller in der SZ, nämlich ein "Poltergeist mit einer unbändigen Lust am großen Krach und groben Ton. ... Lukas Bärfuss ist alles andere als ein formvollendeter Autor. Aber er passt zu Georg Büchner. Und dazu, dass der Preis, der nach ihm benannt ist, nicht nur die Literatur der Bundesrepublik im Auge hat." Ulrich Seidler würdigt in der Berliner Zeitung Bärfuss' Werk: Es "ist formal vielgestaltig, strebt stets nach Genauigkeit und frisst sich beharrlich zum Detail vor, in dem sich die mythische Tragik der Existenz abbildet, die man als geschäftiger Gegenwartsteilnehmer in der heutigen Welt gar nicht vermutet."

Gegenüber Bärfuss' gepfefferten Interventionen im "Bemühen um moralische Universalität" - "die Schweiz ist des Wahnsinns", rief er 2015 in der FAZ - verblassen die seiner Eidgenossen Frisch und Dürrenmatt zu onkeligen Einwürfen, schreibt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel: "Bärfuss braucht den Gegenwind zum Atmen, und er macht dem Ärger über sein Land Luft, um nicht an den Verhältnissen zu ersticken. ... Man muss aber auch sagen, dass erst mit Bärfuss wieder ein nennenswertes Maß an Unmut die Grenze nach Deutschland überquerte." Dlf Kultur hat mit Bärfuss gesprochen.

Besprochen werden neue, im Berliner Bezirk Wedding spielende Romane von Regina Scheer und Nicola Karlsson (taz), Sorj Chalandons "Am Tag davor" (NZZ), eine mit den Fotografien von Helmut Schlaiß bebilderte Ausgabe von Goethes "Italienischer Reise" (Welt), Alan Carters "Marlborough Man" (online nachgereicht von der FAZ), der Briefwechsel zwischen Bettine von Arnim und Julius Döring (SZ) und Lina Atfahs Gedichtband "Das Buch von der fehlenden Ankunft" (FAZ).
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Architektur

Foto © Denys Vinson


Etwas lückenhaft, aber doch instruktiv erscheint SZ-Kritiker Joseph Hanimann eine Ausstellung zum Architektenmobiliar seit 1960 in der Pariser Cité de l'Architecture et du Patrimoine: "War das Mobiliar bisher meistens eine Verlängerung des architektonischen Gestaltens, scheint bei der jüngeren Generation heute manchmal eher das Gegenteil der Fall zu sein. Die Formentwicklung der Gebrauchsobjekte geht in Architektur über. Der 1977 geborene und in London arbeitende Nürnberger Daniel Widrig entwarf mit seiner Mobiliarserie 'SnP' aus zusammengestöpselten Plastikmodulen ein Raummodell, das zwischen Benutzbarkeit und Bewohnbarkeit kaum mehr unterscheidet. "

In der Berliner Zeitung preist Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die anstehende Eröffnung der James-Simon-Galerie.
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Film

In Russland stößt die von HBO und Sky produzierte Erfolgsserie "Chernobyl" zwar geradezu reflexhaft auf breite Ablehnung, schreibt die NZZ-Korrespondentin Inna Hartwich. Doch zugleich findet die Serie über die hausgemachte Atomkatastrophe von 1996 auch Anerkennung, weil die Russen plötzlich über die Tragödie von damals reden: "Es wird vor allem deshalb darüber geredet, weil 'Chernobyl' es schafft, dass sich die Russen ihrer eigenen Vergangenheit bewusst werden. Einer Vergangenheit, in der aus ideologischen Gründen oft das große Verdrängen und Vergessen eingeübt wurde, in der das Hinterfragen auswendig gelernter Losungen zur Lebensgefahr werden konnte und das Leben ohnehin auf die Zukunft ausgerichtet war. Craig Mazin und Johan Renck, der Drehbuchautor und der Regisseur der Serie, hätten die Russen aus dem Informationssarkophag herausgeholt und das Volk zum realen Subjekt der Geschichte gemacht, schreibt der Politologe Andrei Kolesnikow vom Moskauer Carnegie-Zentrum." Sehr hörenswert ist im übrigen der fünfteilige Podcast, den HBO mit dem Drehbuchautor als flankierendes Angebot produziert hat:



Besprochen werden die vom BR online gestellte, restaurierte Fassung von Dominik Grafs Actionfilm "Die Sieger" (SpOn), Danny Boyles "Yesterday", in dem alle Menschen - bis auf einen einzigen - die Beatles-Songs vergessen haben (SZ) und Thomas Vinterbergs "Kursk" (FAZ).
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Kunst

Olafur Eliasson: Big Bang Fountain. Ausstellungsansicht aus dem Moderne Museet, Stockholm 2015 Foto: Anders Sune Berg. © Olafur Eliasson

Irritiert kommt Guardian-Kritiker Adrian Searle aus Olafur Eliassons großer Schau "In Real Life" in der Tate Modern, die den Menschen im Angesicht der Klimakrise zeigen will. Vor allem, weil Searle gar nicht sagen kann, ob die Bilder von Nebel und schmelzenden Gletschern ob all der Dringlichkeit wirklich weit genug gehen. Und dann: "Wohin führt das alles, frage ich mich, wohin gehört mein Körper, mit meinem schmutzigen ökologischen Fußabdruck, meinem innerem Zynismus, meiner Genervtheit von Nebel und Spiegeln, während ich draußen den temporären Wasserfall über die Klippen rauschen sehe, im Komfort des Terassencafés der Tate Modern sitzend, wo es das faire Bio-Essen gibt, das auch Eliassons Koch in dessen Berliner Studio serviert? Ist das eine neue Art von Künstler, eine neue Art von Kunst?"

Olivier Mosset: Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2019. Foto: Stefan Altenburger

Das subversive Potenzial der reinen Form entdeckt NZZ-Kritikerin Gabriele Bollerer in einer Schau des Schweizer Künstlers Olivier Mosset im Zürcher Haus Konstruktiv. Mosset empfiehlt uns Bollerer als Doyen der geometrischen Abstraktion mit Hang zum distinguierten Revoluzzertum: "Das Hinterhältige dieser Malerei zeigt sich darin, dass sich in ihr zwei gegensätzliche Positionen der Kunst der Moderne treffen. Während man noch glaubt, sich gegenstandslose Malerei in der langen Tradition von Malewitschs 'Schwarzem Quadrat' anzusehen, schmuggelt sich mit Duchamp plötzlich die zweite große Referenzfigur der Kunst der Moderne hinein. Kein Maler, sondern einer, der Bilder gerne als erweiterte Ready-mades betrachtete, davon ausgehend, dass Farbe eine vorgefundene Materie ist und ein Bild somit auch bloß ein Gegenstand der Alltagswelt. Bei Olivier Mosset geht es hingegen auch dann um Malerei, wenn er, mit einem Hauch von Jack Kerouac, chromglänzende Motorräder als Ready-mades neben monochrom bemalte Leinwände stellt."

Weiteres: In der FAZ polemisiert Marco Stahlhut gegen das Documenta-Kollektiv ruangrupa, das seine Vision künstlerischer bei einem Abend im Goethe-Institut von Jakarta etwas ungefähr vorstellte: "Dass in Jakarta so viel vom Potential künstlerischer Praxis für eine Veränderung der Gesellschaft die Rede war, ohne das Thema Religion auch nur zu erwähnen, ist bizarr."

Besprochen werden "die Ausstellung "Afronautic Tales" in der Schwartzschen Villa in Berlin, für die der Leipziger Künstler Maix Mayer die Afrika-Bilder der DDR untersucht (taz) und Ausstellungen zu Karin Föll und der Künstlergruppe Image Bank in den Berliner Kunst-Werken (Tsp).
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Bühne

Hans Ackermann Staatoper begutachtet im Tagesspiegel, wie die Berliner Staatsoper mit einem Kinderprogramm um ihr Publikum von morgen wirbt.  In der FAZ unterhält sich Jürgen Kesting mit Markus Hinterhäuser über die anstehenden Salzburger Festspiele. Besprochen werden Verdis "Tosca" und Mozarts "Requiem" bei den Opernfestspielen in Aix-en-Provence (taz).
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Stichwörter: Hinterhäuser, Markus

Musik

Andrian Kreyes Glück beim mehrfachen und mehrfach belohnten Anhören von Abdullah Ibrahims neuem Album "The Balance" kennt keine Grenzen. Ibrahim flirtet hier sehr mit dem Township Jazz, schreibt der SZ-Kritiker: Wobei der südafrikanische Musiker es schaffe, "das hymnische Harmonieverständnis einer Musik, die ihre Spannung eher im Rhythmus findet, in dem Stück 'Jabula' mit amerikanischen Backbeats zu brechen, die den Taktschlag so weit hinauszögern, dass das fast zu harmonische Thema danach den kathartischen Effekt erzielt, den der Jazz sonst im Blues findet. ... Überhaupt schafft Ibrahim mit dem Bläsersatz seiner bewährten Gruppe Ekaya aus Flöten, Posaune, Tenor- und Baritonsaxofon ein warmes Klangbild, das die symphonische Breite seine Vorbildes Duke Ellington auf seine eher minimalistische Ästhetik übertragen kann." Wir hören gerne rein:



Weiteres: Gerald Felber berichtet in der FAZ vom Gustav Mahler Festival in Steinbach am Attersee. Martin Schäfer (NZZ) und Jan Wiele (FAZ) gratulieren der Soul-Sängerin Mavis Staples zum 80. Geburtstag. Hier ein Live-Video:



Besprochen werden Martin Scorseses neue, auf Netflix veröffentlichte Doku über Bob Dylan (online nachgereicht von der FAZ), Lizzos Berliner Konzert (Tagesspiegel, taz), die Ausstellung in der Pariser Philharmonie zur Geschichte der elektronischen Musik (Welt), ein Auftritt von The 1975 (Presse) und neue Popmusik-Veröffentlichungen, darunter das neue Album von Banks (SZ). Ein aktuelles Video:

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