Efeu - Die Kulturrundschau

Der Tarnumhang ihrer Träume

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17.07.2019. Aktualisiert: Die italienischen Medien trauern um Andrea Camilleri, der im Alter von 93 Jahren gestorben ist. Der Tagesspiegel denkt über fremd gewordene Heimat nach im Bucerius Kunst Forum. Die SZ feiert das fotorealistische Spektakel von Jon Favreaus Film "König der Löwen". Der Tagesspiegel sehnt sich dagegen nach dem derangierten Charme des Originals. In der FAZ würdigt der Filmwissenschaftler Johannes Rhein die Shoah-Filme Arthur Brauners.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2019 finden Sie hier

Literatur

Aktualisiert: Die italienischen Medien trauern um Andrea Camilleri, der im Alter von 93 Jahren gestorben ist. Ilpost.it würdigt ihn als einen der erfolgreichsten italienischen Schriftsteller der letzten Jahrzehnte. "Addio a Camilleri, il geniale inventore del Commissario Montalbano", ruft der Corriere della Sera in seinem Aufmacher und bringt ein letztes Interview: "Ich sehe nicht, aber ich träume." auf die Frage, was er in seinem Leben bereut, antwortet er: "Zum Beispiel hätte ich ein überzeugteres 'Nein' zum Faschismus sagen können und sollen, aber um ehrlich zu sein, hätte es einen unmenschlichen Mut erfordert. Ich sagte nein, aber spät, nachdem ich wie alle anderen dran geglaubt hatte. Wenn ich jetzt zurückblicke, sehe ich aus wie jemand, der darauf reingefallen ist, und das macht mich so wütend." In Repubblica feiert ihn Silvia Fumarola als "Meister der Ironie und Sensibilität. Im Herzen Italiens bleibt er ewig jung."

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Weiteres: Das Logbuch Suhrkamp dokumentiert Heinz Helles Dankesrede zur Auszeichnung mit dem Bremer Förderpreis. Auch Thea Dorn bleibt vor Magnus Klaues böser Jungle-World-Kolumne "Lahme Literaten" nicht verschont: Mögen ihre blutigen Krimis und Thriller - etwa dieser hier - einst noch willkommene Abwechslungen vom deutschen Krimi-Einerlei gewesen sein, stößt dem Kolumnisten allerdings Dorns in den letzten Jahren an den Tag gelegte "Lust am vergrübelten Deutschfühlen" auf.

Besprochen werden Alice Zeniters "Die Kunst zu verlieren" (Tagesspiegel), Walter Benjamins "Berliner Kindheit um neunzehnhundert" in der Ausgabe der kritischen Gesamtausgabe (SZ), die hybride Quellen-Edition von Goethes "Faust" (SZ), Kriemhild Buhls "Papa Lalalaya" (Standard), Radka Denemarkovás "Ein Beitrag zur Geschichte der Freude" (NZZ), Yambo Ouologuems "Das Gebot der Gewalt" (NZZ), Jáchym Topols "Ein empfindsamer Mensch" (taz), Johann Karl Wezels wiederveröffentlichtes Opus "Herrmann und Ulrike" aus dem Jahr 1780 (Tagesspiegel) und Frank Heiberts Neuübersetzung von Raymond Queneaus "Zazie in der Metro" (FAZ). Und Tell Review empfiehlt Bücher für den Strand.
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Film

Mit etwas Abstand zur Hektik des Nachruf-Tagesgeschäfts wirft der Filmwissenschaftler Johannes Rhein in der FAZ einen konzentrierten Blick auf die "Filme gegen das Vergessen", mit denen die gerade verstorbene Produzentenlegende Artur Brauner immer wieder die Schrecken der Shoah in Erinnerung gerufen hatte - Filme, die nicht nur zu Brauners sonstigem Schaffen quer stehen, das eher auf Eskapismus setzte, sondern auch zu gängigen Auffassungen darüber, wie das bundesrepublikanische Kino sich der Vergangenheit stellte: So liefen Brauners frühe Shoah-Filme schon vor der Zäsur der "Holocaust"-Serie und die späteren "verstoßen etwa durch ihre drastische, fast splatterhafte Brutalität eindeutig gegen konventionalisierte Darstellungstabus". Für Rhein stehen sie damit in "einer Tradition der quasimessianischen Überhöhung des Kinos. Deutlich wird dies bereits in der Eröffnungsszene von 'Morituri': Hinter Stacheldraht sind Männer in Häftlingskleidung zum Appell angetreten und rufen nacheinander ihre Häftlingsnummer, bevor sie von einer Liste gestrichen werden. In einer Überblendung durchkreuzt der Stift dabei den ganzen Menschen." Brauners "Hitlerjunge Salomon" steht derzeit noch in der ZDF-Mediathek und Arte hat derzeit noch einen Porträtfilm über Brauner im Angebot.

Die Wüste des Digitalen: "König der Löwen"

Jon Favreaus "Real"-Verfilmung von Disneys Animationsfilmklassiker und "Hamlet"-Adaption "König der Löwen" wird in der Filmkritik vor allem als Technologie-Spektakel zur Kenntnis genommen: Bei der verblüffend fotorealistischen Ausgestaltung der Tiergeschichte stehen einige Kinnladen im Saal steil nach unten. Schier ekstatisch taumelt SZ-Kritiker Tobias Kniebe aus dem Kino und frohlockt: "Es ist, als hätten Bernhard Grzimek, David Attenborough oder Alastair Fothergill, die legendären Tierfilmer, endlich den Tarnumhang ihrer Träume ersonnen, mit dem sie sich unsichtbar und unhörbar in die Herden und Rudel hineinbegeben können, die sie all die Jahre mit ihren Teleobjektiven so intensiv aus der Ferne verfolgt haben." Genau gegenteilig wirkt sich dieser Effekt auf Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche aus, der nach einem langen Referat der popkulturellen Kontroversen um Disney auch auf den Film als solchen zu sprechen kommt: "Vom derangierten Charme des Originals bleibt kaum etwas übrig. Stattdessen erwartet man in jeder Sekunde, dass Bernhard Grzimek über Favreaus Serengeti-Bilder referiert. ... Da 'Der König der Löwen' aber einerseits jegliche Illusion suspendieren will, und man gleichzeitig ständig zum Staunen aufgefordert wird, verliert sich dieser spektakuläre Effekt schnell." Auch nicht gut ist, dass "sich die realistischen Figuren jetzt wie echte Tiere verhalten", da "sind auch die Tanz- und Musicaleinlagen auf ein Minimum reduziert."

Rajko Burhardt fordert auf Moviepilot Netflix dazu auf, die hauseigenen Produktionen endlich via DVD und BluRay zugänglich zu machen: "Auf Netflix können selbst Ultra-HD-Streams nicht mit gewöhnlichen HD-Datenträgern mithalten: Während die Videospuren einer Blu-ray bis zu 40 Mbps (Megabit pro Sekunde) und die einer Ultra-HD Blu-ray auch mal doppelt so viel beanspruchen, dümpelt das angebliche UHD-Streaming von Netflix bei Werten zwischen 8 und 16 Mbps herum. Zwar wirbt der Streaming-Dienst mit 4K-Qualität, doch ist eine hohe Auflösung angesichts derart schwacher Datenübertragungsraten nicht viel wert."

Weitere Artikel: Filmemacher Nicolas Wackerbarth würdigt in der Welt den mexikanischen Auteur Carlos Reygadas. Im Tagesspiegel begleitet Gunda Bartels die Figur des Astronauten durch die Popkultur- und Filmgeschichte. Besprochen wird Luc Bessons Thriller "Anna" (taz).
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Kunst

Shirin Neshat: Roja (Filmstill), 2016, courtesy of the artist and Gladstone Gallery, New York and Brussels © Shirin Neshat


Keine Kunstform nimmt gegenwärtige Probleme so direkt auf wie Fotografie und Video, stellt im Tagesspiegel Ulla Fölsing fest, die bei der Neueröffnung des Hamburger Bucerius Kunst Forums war, das vom vom Rathausplatz ein paar Schritte weiter zum Neuen Wall gezogen ist und mit der Ausstellung "Here we are today" seine neue Bleibe einweiht: Neben Fotografien beschäftigen sich Videos mit Fragen zu Identität, Heimat, Vergangenheit und Verbrechen. "Den Auftakt macht Shirin Neshats poetisches Schwarz-Weiß-Video 'Roja'. Es handelt von einer jungen Frau auf ihrer schmerzlichen Reise durch eine harsche Traumwelt. Wie in allen Arbeiten seit den 1990er Jahren setzt sich die aus dem Iran stammende New Yorker Filmemacherin und Fotografin mit der Lage von Frauen in der muslimischen Welt und der eigenen Sehnsucht nach dem Land ihrer Kindheit auseinander. Das Ende des Videos, in dem die junge Schönheit von einer älteren Frau brutal weggestoßen wird, symbolisiert Neshats leidvolle Ausgrenzung aus dem Iran und ihre Erfahrungen als Exilantin."

Weiteres: Dorothea Zwirner besucht für den Tagesspiegel das Haus, das Fischli und Weiss in der Berliner Galerie Sprüth Magers errichtet haben. Besprochen werden die Schau "Ticket to the Moon" in der Kunsthalle Krems (Standard) und eine Performance der ghanaischen Künstlerin Va-Bene Elikem Fiatsi an der Hamburger Kunsthochschule (taz).
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Stichwörter: Kunsthalle Krems

Bühne

Alexandra Föderl-Schmid besucht für die SZ das arabisch-hebräische Theater in Jaffa, es ist das einzige in Israel, in dem Juden und Araber zusammen spielen. Doch ist es von dem "Loyalitätsgesetz" bedroht, das Kulturministerin Miri Regev nach den nächsten Parlamentswahlen durchbringen könnte: Danach soll nur noch Geld bekommen, wer sich dem israelischen Staat gegenüber "loyal" verhält. "'Das Loyalitätsgesetz in der Kultur ist angsteinflößend', sagt [Direktor Igal] Ezrati. Wie er sich die Zukunft vorstellt in einem so zerrissenen Land? 'Theaterleute mögen es, wenn sie in der Opposition sind. Wir sind hier und wir machen weiter. Der Hass gegen die Kultur, gegen Medien, gegen Andersdenkende gibt mir Energie. Wir nähren uns von der Wut, sie ist der Antrieb für die Kreativität.' Sein Theater sieht Ezrati als 'Modell für einen demokratischen, säkularen Staat': Kultur, davon ist er überzeugt, sei 'die Brücke, um zusammenleben zu können'."

Weiteres: In der nachtkritik berichtet Sascha Westphal vom Asphalt Festival Düsseldorf. Und Ljubiša Tošic unterhält sich für den Standard mit Philipp Stölzl über dessen "Rigoletto" an der Bregenzer Seebühne.
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Musik

Für die FAZ ist Jan Brachmann zum Hindsgavl Festival nach Dänemark gereist, wo sich "seit Jahren führende Interpreten der Kammermusik" einfinden. Ulrich Amling gratuliert im Tagesspiegel Milva zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Martin Scorseses Netflix-Doku "Rolling Thunder" über Bob Dylan (NZZ), das neue Banks-Album (Pitchfork) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter "King's Mouth", das neue Konzeptalbum der Flaming Lips (SZ). Daraus das akteulle Video:

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Stichwörter: Netflix, Dänemark

Architektur

In der SZ porträtiert Gerhard Matzig den 26-jährigen an der TH Lübeck studierenden syrischen Architekturstudenten Ammar Teibi, der ein "tollkühnes" neues Kulturzentrum für das zerstörte Aleppo entworfen hat. "Zu den Zehntausenden der beschädigten oder kaum mehr vorhandenen Gebäuden der Stadt Aleppo, deren Kerngebiet auf der Roten Liste des gefährdeten Welterbes der Unesco steht, gehört auch ein Ensemble um das ehemalige Rathaus, direkt unterhalb der mittelalterlichen Zitadelle. Teibi plant nun, die erschreckend plastischen Ruinen für ein Museum zu verwenden, das sozusagen auch als Mahnmal fungiert. An Ort und Stelle wird es zum Erinnerungsraum des Katastrophischen. Doch zugleich arrondiert der angehende Architekt ... rund um das Ruinenmuseum ein zu einer Art Souk verdichtetes Raumprogramm, das eine Bürgerbibliothek und ein Konferenzzentrum sowie einen gewaltigen 'Liwan' aufnimmt", einen Versammlungsraum, an dem die Familie zusammenkommen kann. Jetzt müsste das Zentrum nur noch gebaut werden, wünscht sich Matzig.

Christiane Peitz besucht für den Tagesspiegel die neue James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel und ist schnell verwirrt: "Mit der James-Simon-Galerie feiern die Staatlichen Museen einen Riesenerfolg. Nur leider nutzen sie ihn nicht. Locken das Publikum mit Sonderpreisen auf die Museumsinsel, aber nur für einen einzigen Tag, nur am Samstag und nur fürs Neue Museum und fürs Pergamonmuseum. Und sie würdigen James Simon, endlich, während sie ihn ein paar Meter weiter schon wieder verstecken."

Weiteres: Die Ruhrtalbrücke, einst von Gerhard Richter verewigt, soll abgerissen und neu gebaut werden, meldet Elisabeth Binder im Tagesspiegel. Sabine Fischer besucht für die NZZ das neue Aeschbachquartier in Aarau.
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