Efeu - Die Kulturrundschau

Heilung auf dem Dancefloor

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.07.2019. Die neue musikzeitung hört beim Festival in Erl in Walter Braunfels' "Die Vögel" ein paar verträumte Künstler scheitern. Hyperallergic bekommt Gänsehaut vor den Bildern Amy Bennetts. Die SZ lernt in Kattowitz die Geschichte des polnischen HipHop. The Quietus stellt fest, dass Spike Lees dreißig Jahre alter Film "Do The Right Thing" durchaus noch revolutionäres Potential hat.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2019 finden Sie hier

Bühne

Betört kommt Roland H. Dippel (nmz) aus zwei Opernaufführungen bei den Tiroler Festspielen Erl: "Guillaume Tell" von Gioachino Rossini und "Die Vögel" von Walter Braunfels. Insbesondere mit der Inszenierung der "Vögel" liefert Tina Lanik eine gründliche Abrechnung mit verträumt ästhetisierenden Eliten in Gestalt einer Schauspieltruppe, die sich nach dem Fremden sehnt: "Erst bedecken Heidi Hackls üppig schöne Abendkleid-Kreationen die dann mit rapider Gewalt implodierende Pracht poetischer Verwandlungskunst. Am Ende füllen zugeknotete Plastiksäcke den Saal. Vorbei auch der Zauber vom 'Leben der Anderen', in dem sich Ratefreund locker, Hoffegut aber mit Leib und Haaren verliert. Nach der Pause verwirbeln und verzwirbeln sich Visionen, Probe, Spiel und innere Wahrheit wie in Braunfels' meisterhafter Partitur, in der Chor und Soli mit üppigen Klanggemischen verschmelzen und vergehen."

Weitere Artikel: In Avignon sieht SZ-Kritiker Joseph Hanimann mit dem Schwelgen des Posttheaters im großen Wir auch die Zeit der Postkritik andämmern. Im Interview mit der SZ spricht Regisseur Tobias Kratzer über Wagners "Tannhäuser", den er für Bayreuth inszeniert.

Besprochen werden die Uraufführung des "Requiems für einen Lebenden" von Manuel Schmitt, Felix Leuschner und Reto Finger in der Werkstatt der Münchner Opernfestspiele (nmz) und der Salzburger "Jedermann" (FR).
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Literatur

Auf Seite Drei der SZ beschreibt Willi Winker - etwas nachgereicht - die Verstörungen und Erschütterungen, die die postume Veröffentlichung von Michael Rutschkys drittem Tagebuchband im Literaturbetrieb auslöste: Nicht nur wurden darin die Rutschkys, zuvor das intellektuelle Traumpaar des hiesigen Geisteslebens, als an Depressionen, Alkohol und Missgunst gescheiterte Eheleute kenntlich, sondern Rutschky schrieb auch in schmerzhaftem Klartext über Freunde und Kollegen. "Hat Michael Rutschky Schlimmes getan? Er hat getan, was Schriftsteller tun: Er hat geschrieben. Er ist weiter gegangen als andere, weiter als Peter Rühmkorf und Fritz J. Raddatz in ihren Tagebüchern, denn er schont sich nicht, scheut nie die Peinlichkeit, sucht den Entblößungsexzess. Sogar wenn ihn das Selbstmitleid übermannt, formuliert er kristallklar. Bei einer Fernsehaufzeichnung im Berliner ARD-Studio wird er als bedeutendster Essayist Deutschlands seit 1945 vorgestellt. Beim Weggehen findet er ein paar Meter weiter Unter den Linden eins seiner Bücher in der Ramschkiste. ... Eine Tragödie. Eine Komödie. Aber trotzdem nur schwer zu ertragen. Das Tagebuch hilft. Alles ist da, alles, was sonst nicht nach draußen dringen darf, ist hier der Mit- und Nachwelt vor die Füße geschleudert: Größenwahn, Verzweiflung, das Trinken."

Klaus Ungerer glossiert im Freitag über seinen Kummer und Ärger darüber, dass Oskar Panizzas seiner Ansicht nach offenbar schwer überschätzte Erzählung "Die Menschenfabrik" vom Klappentext zum Meisterwerk dystopischer Literatur hochgejazzt wurde, was schließlich von zahlreichen Rezensenten kommentarlos übernommen wird: "Klappentext ist Deppentext. Weiß man ja. Und er wird immer wichtiger in einer Zeit, in der das Deppentum die Welt übernehmen zu wollen scheint. Wer hätte denn noch Zeit, ein ganzes Buch zu lesen? Als unterbezahlter Journalist zumal. ...  Bei den Rezensenten hat das Buch fast niemand gelesen, im Sinne von: klaren Geistes und unvoreingenommen auf sich wirken lassen. Überall dröhnt's, rumpelt's und robotert's brav nach, was Klappi vorgab."

Weiteres: Andreas Maier schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Dichter Werner Söllner. Besprochen werden unter anderem Sophie von Maltzahns "Liebe in Lourdes" (SZ) und Ocean Vuongs "Auf Erden sind wir kurz grandios" (FAZ, online nachgereicht von der Welt).
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Kunst

Amy Bennett, "Fashion Show" (2018)


Die Künstlerin Amy Bennett bastelt aus Styropur ganze Gebäude und Wohnungen, die sie bemalt und dann aus verschiedenen Perspektiven abmalt. John Yau hat für Hyperallergic ihre New Yorker Ausstellung in der Miles McEnery Gallery besucht und verlässt sie mit einer Gänsehaut: "So gewöhnlich einige von Bennetts Szenen zunächst auch erscheinen mögen, bald wird deutlich, dass sie die Ängste des Vorstadtalltags kennt. In 'Fashion Show' (2018) posiert ein blonder Teenager im orangefarbenen Badeanzug in einem Vorstadtwohnzimmer, während sechs Personen - von denen eine ein Baby hält - im Zimmer sitzen und sie ansehen. Was zum Teufel ist hier los? Ist dies eine Familie, die ihren Nachwuchs oder, im Falle der älteren Erwachsenen ganz rechts, ihr Enkelkind objektiviert? Es ist unbestreitbar etwas Unheimliches im Gange, das Bennett auf uns überträgt. Schließen wir uns den Leuten im Raum an, die das Mädchen anstarren? Oder betrachten wir die Leute, wie sie sie anstarren?"

Weiteres: Marcus Woeller schreibt in der Welt den Nachruf auf die Arte-povera-Künstlerin Marisa Merz.

Besprochen werden die Ausstellung "Empathische Systeme" im Frankfurter Kunstverein (taz), eine Ausstellung des Fotografen Ingar Krauss in der Galerie Pankow (taz), eine Ausstellung der Porträts des Fotografen Walter Schels in den Hamburger Deichtorhallen (taz), die neue Dauerausstellung "Wo ist Afrika?" im Stuttgarter Linden-Museum (taz) und die Miriam-Cahn-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst (FAZ)
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Film

Spike Lees "Do the Right Thing"

Für The Quietus wirft David Stubbs einen Blick zurück auf Spike Lees vor 30 Jahren veröffentlichten Anti-Rassismus-Klassiker "Do The Right Thing". Sein Fazit, was die Wirkmächtigkeit des Films betrifft, ist ernüchternd: "Das Jahrhundert ging dann doch nicht so revolutionär zu Ende, wie es sich der Film oder Public Enemy vorgestellt hatten. Der Mainstream-Hiphop schlug die Gangsta-Richtung ein: amoralisch und mateialistisch, reflektierte er die relativ unbeschwerte, opulente Leichtigkeit der 90er. Public Enemy hatten irgendwann das Nachsehen. Und obwohl Hip Hop in den 90ern zum großen Teil von einem weißen Publikum konsumiert wurde, zeichnete er eine Welt, in der Weiße selten einmal auftauchten und dann gewiss nicht als Unterdrücker. Im Hip Hop, wenn nicht sogar in der echten Welt, beschränkten sich Konflikte auf Schwarze gegen Schwarze. ... Die Themen, die Spike Lee vor 30 Jahren mit schneidender Dringlichkeit ansprach, sind heute so aktuell wie damals."

Besprochen werden Brady Corbets "Vox Lux" (ZeitOnline), Julien Abrahams französische Komödie "Made in China" (FAZ), das Remake des 80s-Horrorfilms "Child's Play" (Presse) und Luc Bessons "Anna" (Presse).
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Musik

Staunend berichtet Florian Hassel in der SZ von einer Ausstellung in Kattowitz, die sich mit dem polnischen Hip Hop der 90er und frühen 00er Jahre befasst: "Junge Musiker schufen in einem krisengeschüttelten Land aus dem Nichts eine der spannendsten Musikszenen Polens", die sich seinerzeit mangels Platten und Geld mit getauschten MTV-Mitschnitten über den Stand der Dinge informierte. Die heutige Szene ist demgegenüber davon ein Schatten, die sich auch politisch kaum positioniere, stellt Hessel bekümmert fest: "Als Rap-Star Don Guralesko seine Fans auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle nach Europa im Herbst 2015 zu Mitgefühl aufrief, wurde er mit Hunderten rassistischer Kommentare überschüttet. 'Früher haben Rapper in ihren Texten genau das geschrieben, was sie dachten', sagte der Rapper Adam Szymura ('Aes') der Tageszeitung Gazeta Wyborcza zur Eröffnung der Kattowitzer Ausstellung, 'heute sagen mir Kollegen, dass sie zwar gern einen politischen Songtext schreiben würden, um die heutige Situation in unserem Land zu kritisieren, aber dass sie es nicht tun, um es sich nicht mit Regierung und Publikum zu verderben.'" Zu den großen Zäsuren des polnischen Hip Hop zählt dieses Album von Kaliber 44, erfahren wir.



Airen porträtiert in der Welt den britischen DJ El Búho, dessen "eigenwillige Klänge, die da aus den Dschungelraves Lateinamerikas hervorgekrochen kommen, der Soundtrack einer neuen Partygeneration sind, die auf Spiritualität schwört statt auf Hedonismus, eher Ayahuasca nimmt als Ecstasy, Yogi statt Drogi, Heilung auf dem Dancefloor." Entsprechend verschlufft ist El Búhos Boiler-Room-Set auf Youtube - ein mittlerweile legendäres Video, schreibt Airen:



Weitere Artikel: Im Standard annonciert Ljubisa Tosic den 40. Jahrgang des Impro-Festivals Konfrontationen in Nickelsdorf. In der FAZ atmet Josef Oehrlein erleichtert auf: Auch nach dem Tod Enoch zu Guttenbergs werden die Herrenchiemsee-Festspiele in seinem Geiste weitergeführt.

Besprochen werden eine Rekonstruktion von Beethovens ersten Konzertprogramm von 1800 in Passau (SZ), ein Pärt-Abend des BR-Chor und des Ensembles œnm unter Howard Arman (Standard), Angélique Kidjos Auftritt beim Wassermusik-Festival (Tagesspiegel), eine ergänzte Neuausgabe von Brian Enos Ambientklassiker "Apollo: Atmospheres & Soundtracks" (Pitchfork), der Auftakt des Festivals Young Euro Classic in Berlin (Tagesspiegel) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter die 12 CDs umfassende Box "French Piano Concerts" - eine "wahre pianistische Wundertüte", verspricht SZ-Klassikkolumnist Helmut Mauró.
Archiv: Musik
Stichwörter: Hiphop, Polen, 90er, Rap