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Efeu - Die Kulturrundschau

Schier endloser Atem

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.07.2019. Die SZ wünscht sich für München eine Stadtverdichtung à la Herzog & de Meuron, Hochhäuser inbegriffen. Außerdem bestaunt sie den "Tod einer Dame", den der isländische Künstler Ragnar Kjartansson in Stuttgart inszeniert. Die Berliner Zeitung lauscht dem deutschen Klang des Komponisten Heinrich Schütz. Die Opernkritiker applaudieren Barrie Koskys nüchterner Inszenierung der Händel-Oper "Agrippina". Die Filmkritiker trauern um den Schauspieler Rutger Hauer.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2019 finden Sie hier

Bühne

Szene aus Händels "Agrippina". Foto: © Wilfried Hösl


Joachim Lange hörte für die taz vier Stunden Händels "Agrippina" bei den Opernfestspielen in München - und hat sich offenbar keine Sekunde gelangweilt. In dem Drama um die Kaisergattin, die nach dem vermeintlichen Tod seines Vaters ihren Sohn Nero auf den Thron hieven möchte, überraschte ihn Regisseur Barrie Kosky, sonst eher für überschäumende Inszenierungen bekannt, "mit geradezu analytischer Nüchternheit. Umso mehr besticht er mit gewohnter, körperlich packender Personenregie. Opulenz fürs Nachdenken liefert er also. Mit der fürs Auge hält er sich zurück. Bei einem Vollblutkomödianten wie Franco Fagioli [Nero] ist das schnuppe. Der imaginiert den Prinzenglanz auch so, wenn er an der Rampe seine Koloraturen ins Publikum feuert. Das eigentlich vorgesehene lieto fine - Ende gut, alles gut - unterläuft Kosky durch einen sehr elegischen Nachsatz aus einem Händel-Oratorium. Alle haben Agrippina verlassen. So hat sie sich ihren Triumph wohl nicht gedacht. Auf den 'anderen' Kosky darf man für Salzburg wetten."

Für nachtkritiker Georg Kasch "fügt sich eine konzentrierte Polit- und Seelenstudie voller falschem Applaus und falscher Versprechen, bei der vor allem überrascht, wie weit die Strippenzieherinnen mit Chuzpe und List kommen. Dass man dem über knapp vier Stunden so aufmerksam folgt, liegt auch an Ivor Bolton und dem Bayerischen Staatsorchester, das, um eine Continuo-Gruppe mit Originalinstrumenten erweitert, klingt wie ein Alte-Musik-Ensemble - ohne Details zu vernachlässigen, besitzt es einen weiten, schier endlosen Atem. Sobald man sich über die kühl berechnenden Taktiker auf der Bühne wundert, muss man nur genau auf diese Musik hören, in der Zweifel, Melancholie, Trauer pulsen, um zu begreifen, dass Macht immer von Menschen gemacht wird." Weitere Kritiken: NZZ, BR Klassik, nmz, FAZ und SZ, und die Abendzeitung bringt ein Interview mit Kosky.

Weiteres: In der nmz berichtet Christian Kröber von den 10. Heidenheimer Opernfestspielen unter Marcus Bosch. Besprochen werden außerdem ein Auftritt der brasilianischen Tanzcompagnie Balé da Cidade de São Paulo beim Wiener Impulstanz (Standard) und ein Sammelband über Wieland Wagner (Tagesspiegel).
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Musik

Lange vor Bach begründete der Komponist Heinrich Schütz den deutschen Klang, schreibt Peter Uehling in der Berliner Zeitung. Nur stand es aufnahmeeditorisch bislang nicht allzu gut um dessen Werk. "Eine integrale, verbindliche Sicht auf das Gesamtwerk gibt es erst jetzt, da Hans-Christoph Rademann und sein Dresdner Kammerchor ihre Gesamtaufnahme nach 13 Jahren Arbeit mit der 20. Veröffentlichung abgeschlossen haben.Sie erschließt ein umfangreiches, zugleich sehr geordnet vorliegendes Schaffen von beeindruckender künstlerischer Konsequenz. ... Es wäre zu wünschen, dass diese Aufnahme mithilft, Schütz aus dem protestantischen Milieu zu lösen, in dem seine Musik unter Wert versauert."

Tief traurig, darin aber sehr anrührend ist das nun nach zehn Jahren Pause (und Depressionen, Trennungen, Erfahrungen nahe am Selbstmord...) vorliegende Comeback des Silver-Jews-Musikers David Berman unter dem Namen Purple Mountains, schreibt Martin Pfnür in der SZ: "Bermans liebster Kniff auf dem Album: das Bleischwere und das Federleichte, das extrem Depressive und das Beschwingte derart lustvoll ineinander laufen zu lassen, dass es zu einer Art Frontalcrash zwischen Text und Musik kommt. Zwar war er als Songwriter der Silver Jews schon immer ein Meister des Sardonischen, der seine Texte mit randständigen Existenzen, entlaufenen Haustieren oder depressiven Ponys bevölkerte. Die Transparenz aber, mit der er hier um sich selbst kreist, ist ebenso neu wie die edlen Arrangements, die ihm die New Yorker Indie-Folk-Band Woods lieferte." Ein aktuelles Video aus dem Album:



Weitere Artikel: Dem Berliner Publikum empfiehlt Stephanie Grimm in der taz das Festival A l'Arme. Der österreichische Rapper Kid Pex hat nach einem Freispruch - der zumindest krypto-rechtsoffene Musiker Andreas Gabalier hatte wegen einer deftigen Textzeile eine Anzeige erwirkt - im Standard-Interview nur noch Häme für den unterlegenen Prozess-Gegner übrig: "Jede Oma weiß besser als er, wie Rap funktioniert." Munter agitiert fühlt sich Standard-Kritiker Christian Schachinger nach dem Durchhören der Musik der politischen Post-Punk-Disco-Band Gauche und nimmt sich fest vor: "Flagge verbrennen, Regierung ertränken, abends in die Disco." Wir hören rein:



Besprochen werden das Konzert des schwedischen Orchesters O/Modernt beim Berliner Festival Young Euro Classic (Tagesspiegel) und eine Zusammenstellung von Patrice Rushens Aufnahmen für Elektra aus den Jahren 1978-1984 (Pitchfork). Auf Bandcamp können wir reinhören:

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Architektur

In der SZ empfiehlt Gerhard Matzig Kritikern wärmstens, den Masterplan der Basler Architekten Herzog & de Meuron für das Areal rund um die Paketposthalle im Westen der Stadt (mehr hier), genau zu studieren. Auch mit den Hochhäusern sei es ein vortrefflicher Beitrag zu einer gelungenen städtischen Verdichtung: "Das von Herzog und de Meuron vorgeschlagene Stadtviertel wäre allein durch die Belebung der Erdgeschosszone, durch die Autofreiheit, das Näherrücken der sechsgeschossigen Blöcke (die zum Ausgleich mit viel Grün innen ausgestattet sind) und durch die Vielgestaltigkeit des Raum-Mix-Angebotes in genau diesem Sinne eine städtisch-urbane Bereicherung für München. Die Hochhäuser, die mit dieser Form städtischer Dichte auf logische Weise verknüpft sind, wären zwar weithin sichtbare Zeichen des neuen Stadtviertels. Aber das eigentliche Novum des Masterplans liegt in seinem Begriff einer urbanen Dichte, der ebenso fortschrittlich wie traditionsgebunden wirksam wäre."

Weiteres: Marlene Militz stellt in der taz Konrad Wachsmann vor, ein Spezialist für Holzbauten, der mit Albert Einstein dessen Sommerhaus in Caputh entwarf. Christine Lemke-Matwey besucht für die Zeit in Estland das neue Arvo Pärt Centre.
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Literatur

Ijoma Mangold (Zeit) und Judith von Sternburg (FR) schreiben Nachrufe auf die Schriftstellerin Brigitte Kronauer (weitere Nachrufe hier). Katja Nicodemus unterhält sich für die Zeit mit der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang.

Besprochen werden unter anderem Hans Magnus Enzensbergers Essayband "Eine Experten-Revue in 89 Nummern" (SZ), Sally Rooneys "Gespräche mit Freunden" (Tagesspiegel), Schuldts "Hamburgische Schule des Lebens und der Arbeit" (Tagesspiegel) und Ann Cottens "Lyophilia" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Kunst

Ragnar Kjartansson, Scenes From Western Culture, Dinner (Jason and Alicia Hall Moran), 2015, Courtesy der Künstler, Luhring Augustine, New York und i8 Gallery, Reykjavík


Till Briegleb porträtiert in der SZ den isländischen Künstler Ragnar Kjartansson, dessen Ausstellung "Scheize, Liebe, Sehnsucht" - seine drei deutschen Lieblingswörter - gerade im Kunstmuseum Stuttgart eröffnet hat, als "Schamane sich wiederholender Rituale, der auf Video oder im Theater, mit Freiluftmalerei oder Konzept-Konzerten seinen melancholischen Expressionismus zelebriert, stets einladend, ironisch und warm. ... Ironie und Melancholie, Weltschmerz und Sehnsucht verbinden sich in Kjartanssons Opus. Vor allem, wenn er sein Leidthema 'Tod' aufführt. In Stuttgart wird über die gesamte Dauer der Ausstellung live gestorben. 'Tod einer Dame' zeigt eine lebende Darstellerin als Leiche mit Pelzjäckchen, die mit einer blutenden Wunde auf dem Boden liegt und mit Schnee berieselt wird. Stundenlang. Das ist Kjartanssons Vorstellung von einem Drama, von Theater, das ohne Erzählung erzählt."

Besprochen werden die Ausstellung "Point of No Return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst" im Museum der bildenden Künste in Leipzig (Zeit), eine Ausstellung der israelischen Künstlerin Sigalit Landau im Museum der Moderne in Salzburg (Presse) und eine große Retrospektive zum hundertsten Geburtstag der Künstlerin Maria Lai im Maxxi in Rom, mit Schwerpunkten auf Lais Nähe zum Kunsthandwerk und zum Feminismus  ("Beide Ansätze ... sind zwar vage zutreffend, aber so reduktionistisch, dass sie Lai einen Bärendienst leisten. Denn die Bedeutung von Lais Kunst liegt nicht zuletzt in ihrer Zeitgenossenschaft und der Auseinandersetzung mit der italienischen Arte Povera, der sie eine weibliche und vor allem sardische Note verlieh", kritisiert Benjamin Paul in der FAZ).
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Film



Rutger Hauer ist tot. Als melancholischer Replikant Roy, der in Ridley Scotts großem Science-Fiction-Klassiker "Blade Runner" um sein Leben kämpft, bleibt er nicht zuletzt wegen seines packenden Schluss-Plädoyers (s.o.) in Erinnerung. "Das Blau seiner Augen war nicht ganz von dieser Welt", schreibt Tobias Kniebe in der SZ. "Sein Kinn gehörte einem Krieger aus fernen Zeiten, die blonden Strähnen machten das Bild perfekt. Ganz echt konnte der Mann nicht sein - weshalb Ridley Scotts Idee, ihn in dem Film 'Blade Runner' zu einem künstlichen Menschen zu machen, Rutger Hauer seine berühmteste Rolle einbrachte."

Die beiden letzten Sätze - "All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen. Zeit zu sterben" - stammten im übrigen von Hauer selbst, erfahren wir aus Holger Kreitlings Nachruf in der Welt: Seitdem hatte Hauer seine Rolle als Bösewicht "immer wieder variiert" mit dem "obersten Ziel, glaubwürdig und faszinierend böse zu sein. Dazu genügen minimale Bewegungen. Rutger Hauer hat Furcht verbreitet durch Blicke oder Stirnrunzeln, hat Charaktere durch seine langsame Bewegung geprägt. Manchmal reckt er nur das Kinn und der Zuschauer weiß schon, dass Schlimmes passieren wird. Lakonie ist unter den Waffen des Kinos nicht die harmloseste."

Im Wust der Daten: "The Great Hack" (Bild: Netflix)

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass nun ausgerechnet ein datengetriebener Anbieter wie Netflix mit Karim Amers und Jehane Noujaims "The Great Hack" eine Doku über den Big-Data-Skandal um Cambridge Analytica veröffentlicht, immerhin handelt es sich doch um ein entschiedenes, sehr detailliert dargelegtes Plädoyer "für einen verantwortlicheren Umgang mit privaten Userdaten", schreibt Oliver Jungen in der FAZ, der als Erkenntnis mitnimmt: "Propaganda auf Basis exakt vermessener Internetnutzer funktioniert. Alles, was Nix und seine Mitstreiter in aller Branchenöffentlichkeit selbstbewusst behauptet haben, scheint korrekt zu sein. Dank der etwa fünftausend Datenpunkte, die man zu jedem Amerikaner vorliegen habe (Facebook besitzt und nutzt solche Daten übrigens ganz legal), sei man in der Lage, jede Persönlichkeit exakt vorherzusagen und per 'Microtargeting', also durch 'genau zugeschnittenen Video-Inhalt', im gewünschten Sinne zu beeinflussen."

Deutlich skeptischer äußert sich Dirk Peitz auf ZeitOnline, der daran erinnert, dass wissenschaftliche Belege für die behavioristischen Methoden des Unternehmens bislang kaum vorliegen. Damit habe der Film mit einer ähnlichen Herausforderung zu kämpfen wie seinerzeit die erste Berichterstattung über Cambridge Analytica, deren Firmengeschichte "zu einem Gutteil im Land der Verschwörungstheorien spielt. Sie machte sich welche zunutze, versuchte, unentschlossene Wähler mit ihnen zu beeinflussen. Und sie ist am Ende vielleicht selbst Auslöser einer einzigen Verschwörungstheorie - die eben besagt, dass sich mit geschickt in Social Media gestreuten Unwahrheiten das wichtigste Machtzentrum der Welt neu besetzen lässt. Noujaim und Amer haben sich offenkundig dazu entschlossen, die Plausibilität des Produktversprechens, das Cambridge Analytica einst politischen Campaignern machte, nicht weiter zu hinterfragen."

14 Stunden Leichtigkeit: Mariano Llinás "La Flor" (Bild: Grand Film)

Mariano Llinás "La Flor" mag mit 14 Stunden Laufzeit nicht zu den kürzesten Filmen der Filmgeschichte zählen, aber ihn kennzeichnet schlussendlich "doch eine beachtliche Lockerheit", schreibt Dennis Vetter in der taz "und macht unglaublich viel Spaß. 'La Flor' verdient den Titel eines Kinomanifests und zählt dennoch zu den leichtesten und erfrischendsten Kinoerfahrungen des Jahres."

Weitere Artikel: Im Perlentaucher empfehlen Michael Kienzl und Thomas Groh allerwärmstens das Festival "Terza Visione", das sich ab heute vier Tage lang im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt mit dem italienischen Genrefilm befasst - den Auftakt macht heute Abend Dario Argentos "Suspiria", gezeigt von einer original Technicolor-Kopie. In der SZ spricht Pedro Almodóvar über seinen neuen, heute in der taz von Carolin Weidner besprochenen Film "Leid und Herrlichkeit" (weitere Kritiken bereits hier). Für die NZZ hat Josef Nagel das neue, Manoel de Oliveira gewidmete Filmhaus in Porto besucht. In der taz freut sich Detlef Kuhlbrodt auf eine Berliner Reihe mit Filmen des Außenseiter-Regisseurs Lothar Lambert.

Außerdem meldet der Tagesspiegel mit der dpa, dass der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof zu einem Jahr Haft verurteilt worden ist und das Land zwei Jahre lang nicht verlassen darf.

Besprochen werden Gerd Conradts Dokumentarfilm "Face_It!" über digitale Gesichtserkennung (taz), "Vox Lux" mit Natalie Portman (Tagesspiegel, Welt, SZ), Erik Schmitts Versuch, mit "Cleo" eine Art "Fabelhafte Welt der Amelie" in Berlin zu drehen (Standard, Welt), Guy Nattivs "Skin" über einen Aussteiger aus der Nazi-Szene (NZZ) und eine Ausstellung über Filmentwürfe aus der Weimarer Zeit im Museum für Architekturzeichnung in Berlin (Tagesspiegel).
Archiv: Film