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Efeu - Die Kulturrundschau

Die verpeilteste Nostalgie

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.08.2019. Die Filmkritiker streiten darüber, ob sich Roman Polanski in seinem skandalumwitterten Film "J'Accuse!" ernsthaft mit Alfred Dreyfuss vergleicht. Zeit Online erfährt von der Übersetzerin Katy Derbyshire, wie man Briten von deutschem Humor überzeugt. In der Jungle World fordert die Berliner Rapperin Babsi Tollwut eine Diskussion über die Machtverhältnisse im Rap. Und die SZ verdankt Lana del Rey den perfekten Soundtrack für den Spätsommer und klettert auf Sou Fujimotos weißem Baum von Balkon zu Balkon.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2019 finden Sie hier

Film

Jean Dujardin als Picquart in Polanskis "J'Accuse!"


In Venedig ist mit Roman Polanskis "J'Accuse!", einer Verfilmung der Dreyfus-Affäre, einer der im Vorfeld skandalumwitterten Filme des Festivals gelaufen. Vergleicht Polanski, dem im Falle einer Auslieferung an die USA ein juristischer Prozess wegen Haftflucht nach der Vergewaltigung einer Minderjährigen droht, sich gar hier selbst mit Alfred Dreyfus?

Na sicher, glaubt Andreas Busche im Tagesspiegel, der an dem Film allenfalls dessen "biedere Kulissenschieberei" aussetzen kann: "'Technisch gesehen ist er frei', sagt am Ende der von Jean Dujardin gespielte Picquart in der Rolle des Chefermittlers. 'Aber er wird immer als Schuldiger betrachtet werden.' Der Satz ist in jeder Hinsicht anmaßend. Am Dreyfus-Skandal wäre die französische Republik Ende des 19. Jahrhunderts fast zerbrochen. Über Polanski hat die Geschichte das Urteil bereits gefällt." Polanski hält sich natürlich nicht für Dreyfuss, entgegnet Dietmar Dath in der FAZ: "Er ist ja nicht verrückt." Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland hatte sich im Vorfeld eine Provokation erhofft, aber leider nicht erhalten. Immerhin hält er dem Regisseur, der hier auch den entbehrungsreichen Kampf der politischen Linken des 19. Jahrhunderts zeigt, zugute, dass er "die Erinnerung an eine vergessene Zeit in die Gegenwart zurückbringt. Darüber hinaus ist dies zwar kein sehr zeitgemäßer Film, aber eine zeitgemäße Geschichte: Über die Hexenjagden der Gegenwart, von denen Polanski selbst ein Lied singen kann; über den Antisemitismus unserer Zeit in Frankreich wie Deutschlands, über Überwachungswahnsinn, über Whistleblower."

Auf einen sanften Widerspruch kommt SZ-Kritiker Tobias Kniebe zu sprechen: "Die Art, wie Georges Picquart hier gefeiert wird, suggeriert einen starken Glauben an Rechtsstaatlichkeit: Es kommt gar nicht darauf an, wen man mag oder nicht, es geht nur darum, die Lüge niemals Wahrheit zu nennen. Dann könnten die Übeltäter ausgesondert werden und die Institutionen gerettet. Dass Polanski seinen Prozess in den USA gern beenden würde, ist bekannt - aber wenn er die Botschaft seines Films wirklich glaubt, müsste er sich den amerikanischen Gerichten eigentlich persönlich stellen." Außerdem aus Venedig: Hanns-Georg Rodek (Welt), Tim Caspar Boehme (taz), Dominik Kamalzadeh (Standard) und Dietmar Dath (FAZ-Blog) besprechen James Grays Weltraumdrama "Ad Astra" mit Brad Pitt (mehr dazu gestern).

Weiteres: David Auer empfiehlt im Standard einem dem "Giallo", dem italienischen Thriller der 60er und 70er Jahre gewidmete Reihe im Österreichischen Filmmuseum, deren Kurator Christoph Huber im Dlf Kultur über die Reihe Auskunft gibt. Claudia Lenssen (Tagesspiegel) und Tobias Sedlmaier (NZZ) gratulieren Richard Gere zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden die Mediensatire "Late Night" mit Emma Thompson (Welt), Peter Evers' Neo-Heimatfilm "A Gschicht über d'Lieb" (Tagesspiegel) und die Fantasyserie "Carnival Row", mit dem Amazon in die nach dem Ende von "Game of Thrones" entstandene Lücke preschen will (ZeitOnline).
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Literatur

Konstantin Richter hat sich für die Literarische Welt ausführlich mit Thomas Middelhoff unterhalten, der als Ex-Manager im Knast seine schriftstellerische Ader fand und jetzt sein zweites - in Freiheit geschriebenes - Buch vorlegt. Momentan schreibt er an einem Roman, außerdem setzte Rainald Goetz ihm mit "Johann Holtrop" ein böses, verklausuliertes literarisches Denkmal. Gelesen hat er das Buch allerdings nicht: "Ich weiß nur, dass der Holtrop am Ende von einem Zug überrollt wird. Aber wenn das eine Anlehnung an die Figur Middelhoff sein soll, dann finde ich doch seltsam, dass der Autor nie mit mir gesprochen hat. Der hat sich das aus Zeitungsartikeln zusammengesucht. Das ist bloß ein Blick von außen."

Für ZeitOnline spricht Johannes Schneider mit Katy Derbyshire, die Bücher aus dem Deutschen ins Englische übersetzt - eine Maßnahme, die nicht nur den Zweck verfolgt, die ungläubigen Briten davon zu überzeugen, dass es auch hierzulande Humor gebe, sondern auch, um dem Brexit etwas entgegenzusetzen: "Überzeugte Brexiteers werde ich niemals umstimmen. Aber für die, die sich weiter europäisch fühlen wollen, möchte ich eine literarische Landschaft pflegen, die ihnen das ermöglicht."

Weiteres: Verlegerbüros werden deutlich kleiner, notiert Dirk Knipphals in der taz. Für das "Literarische Leben" der FAZ ist Paul Ingendaay zur Sommerfrische ins böhmische Zürau gereist, wo Kafka einst Monate der Rekonvaleszenz verbrachte und seine Aphorismen verfasste. Im Feature für Dlf Kultur geht Ute Rüenauver der Frage nach, was die Romantik heutigen Lyrikerinnen und Lyrikern bedeutet.

Besprochen werden unter anderem neue Kriminalromane von Selim Özdogan und Max Annas (Perlentaucher), Sally Rooneys "Gespräche mit Freunden" (Freitag), David Wagners "Der vergessliche Riese" (SZ, Literarische Welt), Frank Witzels Tagebuch "Uneigentliche Verzweiflung" (SZ), Robert Prossers "Gemma Habibi" (taz), Dror Mishanis "Drei" (Dlf Kultur), Thomas Langs "Freinacht" (Tagesspiegel), Rebecca Solnits Essay "Wanderlust" (Tagesspiegel), eine Ausstellung in Weimar über Goethes naturwissenschaftliche Seite (Tagesspiegel), Sibylle Lewitscharoffs "Von oben" (Literarische Welt) und Steffen Kopetzkys "Propaganda" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur

Kunst

Le Rodeur: The Lock, 2016. Courtesy the artist and Hollybush Gardens. Photo by Andy Keate


Alle Abstufungen von Grautönen lernt FAZ-Autor Michael Watzka im New Yorker New Museum kennen, das der britischen Künstlerin Lubaina Himid, eine der Begründerinnen des Black Art Movement, unter dem Titel "Work From Underneath" die erste Einzelausstellung ausrichtet: "Ihr Werk setzt sich zentral mit Fragen schwarzer Identität im Königreich auseinander, wozu auch die Geschichten der aus den ehemaligen Kolonialgebieten verschifften Sklaven gehören. In 'Work From Underneath', der neuen Schau in New York, steht man deshalb gleich zu Beginn vor einem riesigen Phantomschiff: Als übermannshohes Gerippe füllt die Installation einen Gutteil des großen Hauptraums, wie eine Welle bricht es sich an der selbstverständlich grau gestrichenen Wand. Zusammengesetzt ist die Konstruktion aus dreißig in verschiedenen Grautönen gehaltenen und in unterschiedlichen Winkeln an die Wand gelehnten Holzplanken, samt deren an die Wand geworfenen Schatten."

Im Dlf-Gespräch mit Steffen Wurzel erzählt der chinesische Künstler San Mu von dem "Riss", der auch in der Kunstszene Hongkong und Festlandchina trennt: "Für die meisten Hongkonger sind Festlandchinesen einfach nur Schmuggler oder Shopping-Süchtige. Oder sie betrachten sie pauschal als unzivilisiert: Festlandchinesen wollen sich nicht in Warteschlangen anstellen und sie pissen auf die Straße. Das sind die gängigen Vorurteile. Und ich bin sicher: Die da oben sind ganz froh darüber, dass der untere Teil der Gesellschaft sich über so etwas die Köpfe einschlägt."
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Musik

Lana Del Reys neues Album "Norman Fucking Rockwell" bietet den perfekten Soundtrack zu einem Spätsommer, der in Sachen Popkultur von Quentin Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood" geprägt wird, meint Juliane Liebert in der SZ: Del Reys mit wehmütiger Nostalgie den Fundus amerikanischer Kulturgeschichte durchstöberndes "Album ist eine Meta-Traumfabrik. Ihr Produzent Jack Antonoff schafft es, makellos poppig kompositorische Ideen aus dem Spektrum einfacher Kadenzen mit einer warmen, fast klassischen Klangästhetik zu verbinden. Obwohl er erkennbar Spaß daran hat, animierende Soundverzierungen einzubauen, weiß er, wann es aufs Weglassen ankommt." Begleitet wird die Veröffentlichung des Albums von einem Doppel-Video, schreibt Tobi Müller auf SpOn, dem sich in den beiden Songs offenbart, "dass auch die verpeilteste Nostalgie nicht mehr an der polarisierten Gegenwart vorbeikommt. Erst geht es noch um die entgrenzten kalifornischen Gefühle im Angesicht des Ozeans und nach dem Konsum von Heroin. Doch 'The Greatest' kippt danach in reine Krisendiagnostik." Wir schauen rein:



Im Zank zwischen Christian Thielemann und Nikolaus Bachler, ob ersterer 2022 einen "Lohengrin" bei den Salzburger Osterfestspielen bringen wird, rät Helmut Mauró im SZ-Kommentar Thielemann zu etwas mehr Contenance. Der Vertrag der Dresdner mit den Osterfestspielen gehe derzeit ja ohnehin nur bis 2020: "Thielemann und seine Dresdner Philharmoniker sollten sich nicht für unersetzbar halten. Mit diesem Hochmut scheiterten schon ihre Vorgänger aus Berlin."

Die Jungle World befragt Babsi Tollwut über Sexismus in der Rapszene, worüber in den Szenemedien seit einiger Zeit gestritten wird. Die Berliner Rapperin sieht weniger Bedarf an einer MeToo-Debatte, sondern fordert "ein generelles Bewusstsein über Machtverhältnisse im Rap, und dazu zählt nicht nur Sexismus. Es kann nicht sein, dass es in der Verantwortung der Opfer liegt, sich um die Täter zu kümmern. Im Gegenteil müssen die Leute, die von den Machtverhältnissen profitieren, anfangen zu reflektieren, ihre Privilegien hinterfragen und mal überlegen, ob sie das wirklich noch so sagen können oder nicht. Es ist nicht Aufgabe der Frau, zu sagen, dass sie Gewalt erfahren hat, weil - ganz ehrlich - das hat jede schon mal. Man ist ja nicht erst von Sexismus betroffen, wenn man einen sexualisierten Übergriff überlebt hat."

Weiteres: In der taz gratuliert Guido Schirmeyer dem Berliner Café M, in dem einst nicht nur West-Berlins Musikbohème ein und aus ging, zum 40-jährigen Bestehen. Dlf Kultur bringt eine Lange Nacht von Knut Benzner über Musik im Zweiten Weltkrieg.

Besprochen werden ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko beim Lucerne Festival (NZZ), das neue Album von Taylor Swift (taz), beim Lucerne-Festival aufgeführte Auszüge aus Thomas Kesslers "Control"-Zyklus (NZZ), Joshua Redmans Auftritt beim Jazzfestival Willisau (NZZ) und der Dokumentarfilm "Carmine Street Guitars" über einen New Yorker Gitarrenladen (SZ),

Außerdem bringt das Logbuch Suhrkamp die 71. Folge von Thomas Meineckes "Clip//Schule ohne Worte".


Archiv: Musik

Bühne

Viel "konzeptuelle Langweile" hat Sandra Luzina im Tagesspiegel bei der 31. Ausgabe von "Tanz im August" erlebt - mit wenigen Ausnahmen. Die Performance "Deepspace" etwa, in der der australische Choreograf James Batschelor seine Eindrücke einer zweimonatigen Forschungsexpedition in die antarktische See verarbeitet: "Anfangs hat man das Gefühl, auf einem schlingernden Schiff zu stehen. James Batchelor und Chloe Chignell gleichen hier Hochpräzisionsinstrumenten: Konzentriert vermessen sie den Raum mit ihren Körpern und zeigen ein Wechselspiel aus Nähe und Distanz. Zu den hypnotischen Klängen von Morgan Hickinbotham loten sie die physikalischen Kräfte aus und schwanken zwischen Stabilität und Instabilität. Wie sie mit geschärften Sinnen durchs Kirchenschiff navigieren, gleicht einem Trip ins Unbekannte. Eine meditative Performance, die hellwach macht."

Weiteres: "Leise Zwischentöne" vernimmt Paul Gäbler im Tagesspiegel im Heimathafen Neukölln, wo Susanne Chrudinas Stück "Mädchenorchester" über das Mädchenorchester von Auschwitz aufgeführt wurde. In der SZ porträtiert Egbert Tholl den Regisseur David Marton, der derzeit Henry Purcells "Dido und Aeneas" in Duisburg inszeniert.

Besprochen wird Carola Schiefkes und Sandra Strunz' Stück "Nichts, was uns passiert" am Stadttheater Giessen (Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Architektur

Quelle: Larbreblanc.net/le-projet/

Balkone für alle, fordert Peter Richter im Aufmacher des SZ-Feuilletons nachdem er in einem Randbezirk von Montpellier das von dem japanischen Architekten Sou Fujimoto mit Kollegen entworfene "L'Arbre Blanc" gesehen hat: "Ihr Haus erinnert im Ganzen an nichts, das man aus der Architektur kennen würde. Dass es stattdessen vage an einen Baum mit üppigem Astwuchs erinnert, hat ihm den Namen 'L'Arbre Blanc' eingetragen, der weiße Baum. Denn es gibt tatsächlich hinter diesen Ästen noch so etwas wie einen Stamm. Hinter den Balkonen befinden sich auf 17 Etagen verteilt 113 Wohnungen unterschiedlicher Größe. Aber alle haben einen oder mehrere Balkone, die zum Teil über sieben Meter weit ins Freie ragen, manchmal überdeckt von einer luftigen Pergola, manchmal über eine äußere Treppe mit anderen Balkons verbunden, die dann zur gleichen Doppelstock-Wohnung gehören. Diese Außenflächen können bis zu 35 Quadratmeter groß sein, größer als so manche Wohnung in Paris. Und sie sind unbedingt als Wohnraum gedacht. Die Architekten sagen, dass sie die Bewohner zum 'Draußenwohnen' ermutigen wollten."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Fujimoto, Sou