Zum einzigen Ergebnis weitergeleitet

Efeu - Die Kulturrundschau

Himmelfahrt für wenig Geld

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.09.2019. Ein Triptychon des Schmerzes sah und hörte die nachtkritik bei der Ruhrtriennale in Kornél Mundruczós "Evolution". Im Tagesspiegel denkt Frank Castorf über die Schönheit des Katholizismus nach. Die Welt erkennt am Fall des Yann Moix, das der uralte Dreyfus-Antisemitismus in Frankreich nie ganz überwunden wurde. Der Tagesspiegel besucht eine Ausstellung chinesischer Medienkunst. Die taz begibt sich mit dem neuen Album von Devendra Banhart in den Tanzbereich zwischen René Magritte und Groucho Marx.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2019 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Evolution". Foto © Heinrich Brinkmöller-Becker/Ruhrtriennale


Im Rahmen der Ruhrtriennale wurde in der Bochumer Jahrhunderthalle das Musiktheaterstück "Evolution" uraufgeführt, ein "immer wieder verblüffendes Triptychon des Schmerzes und der Klagen" über Holocaust und Antisemitismus, dass Kornél Mundruczó auf der Grundlage von György Ligetis "Requiem" inszeniert hat, schreibt ein tief beeindruckter Sascha Westphal in der nachtkritik: Zu Beginn betreten drei Männer zu den Klängen des "Requiems" eine Gaskammer, die sie reinigen sollen. "Ganz zuletzt hören sie Babyschreie und entdecken schließlich unter dem Gitterboden der Gaskammer ein Neugeborenes, ein Mädchen namens Éva, das diesem ersten Teil von Kornél Mundruczós Musiktheater-Kreation 'Evolution' seinen Titel gegeben hat. Mundruczó gelingt es, in dieser Evokation der Gaskammer nicht ins zu Eindeutige oder gar ins Abstoßende abzugleiten. Er findet in der albtraumhaften Choreografie dreier Männer ebenso eindringliche wie rätselhafte Bilder für die Schoah und damit für das eigentlich kaum künstlerisch Darstellbare."

Frank Castorf geht's gut, die Volksbühne scheint er nicht zu vermissen, erfahren wir aus einem Interview mit dem Tagesspiegel, dafür ist er zu beschäftigt, vor allem mit Operninszenierungen. Bei Verdis "Macht des Schicksals" hat ihn stark der Katholizismus beschäftigt: "Wenn man die politisch-historischen Hintergründe mitbedenkt, dann wird die Sache klarer. Und dann geht es auch um Religion, um die katholische Kirche. Bei der Leonora in der 'Macht des Schicksals' ist es ähnlich wie bei der Margarethe in Gounods 'Faust', den ich an der Oper in Stuttgart gemacht habe. Beide warten auf die Himmelfahrt für wenig Geld. Der Katholizismus hat die hohen Kathedralen, und wenn man da drin steht, hat man das Gefühl, es muss noch etwas anderes geben als unseren Alltag in der Demokratie. Man schaut hoch und denkt, es ist wunderschön. Verdis Musik versucht eine Assoziation für das Empfinden eines kleinen Menschen zu finden, der einen Dom betritt."

Weitere Artikel: Dass die neuen Intendanten des Zürcher Schauspielhauses, Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann, es ernst meinen mit ihrem Veränderungswillen, sieht man schon rein äußerlich, schreibt eine gut gelaunte Daniele Muscionico in der NZZ: "Ab dieser Spielzeit regieren Stahl, Beton und offenliegende - vom neuen Art-Director Laurenz Brunner kreierte - neongelb gestrichene Kabelkanäle. Genau das ist der Punkt: Das neue Schauspielhaus will die neue Offenheit und Offenlegung. Die Verjüngungskur des Raums soll auch eine Wahrheitskur des Raums sein." Felix E. Müller erklärt dagegen, ebenfalls in der NZZ, warum er nicht mehr ins Theater geht: Zu schön war die Zeit in den Siebzigern, als das Theater von Peter Stein und Ivan Nagel noch "zentrale Fragen unserer Zeit" behandelte und die gute Gesellschaft vor den Kopf stieß. Heute dagegen finde Theater in einer gut subventionierten Blase statt: "Das gleiche Milieu, das regiert, trägt die Organisationen und besucht auch die Aufführungen, die - wie es aufgrund der viel seltener publizierten Aufführungskritiken scheint - primär das Weltbild der Blase bestätigen."

Besprochen werden Katie Mitchells mit viel Videomaterial angereicherte Adaption von Viriginia Woolfs Roman "Orlando" für die Berliner Schaubühne ("Besonders altbackene Geschlechterklischees", moniert Christine Wahl im Tagesspiegel. "Was an diesem Drehabend entsteht, ist eine Art 'Orlando'-Teaserfilm, der hier und da mit Doku-Material von einer Brexit-Demonstration oder einem schmelzenden Gletscher angereichert wird", meint ein kritischer Simon Strauß in der FAZ) und Jette Steckels Adaption von Nino Haratischwilis Roman "Die Katze und der General" am Hamburger Thalia Theater (taz).
Archiv: Bühne

Film

Verheißenes Glück: Bernd Böhlichs "Und der Zukunft zugewandt"

Bernd Böhlichs "Und der Zukunft zugewandt" könnte man erst für dröges DDR-Historienkino halten, doch es lohnt sich, den Saal nicht zu verlassen, schreibt Bert Rebhandl in seiner online nachgereichten FAZ-Kritik. Denn "der Film kommt in dem Moment zu sich, in dem das totalitäre System unter Stalin drei deutsche Frauen freilässt - und sie 1952 in der jungen DDR in einem Staat ankommen, der die allerbesten Absichten hat, dabei aber keinerlei Zweifel daran lässt, dass er das verheißene Glück notfalls mit drakonischen Mitteln zu erreichen gedenkt."

Lyrisch-abstrakt: "Waiting for the Barbarians" von Ciro Guerra

Das Filmfestival von Venedig geht zu Ende. Es waren Tage voller Kontroversen, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel - insbesondere auch, weil Jurypräsidentin Lucrecia Martel dem Festivalleiter Alberto Barbera immer wieder gut Paroli gab. Auf der Zielgeraden empfahl sich dann noch Ciro Guerra mit seinem englischsprachigen Debüt "Waiting for the Barbarians", einer Verfilmung von J.M. Coetzees gleichnamigem Roman, für eine Auszeichnung: "Guerra ist ein auch in seinen Ambitionen großer Historienfilm gelungen, der sich dennoch nie von der Landschaft oder seiner Ausstattung überwältigen lässt. Die Bildkompositionen tendieren zum Lyrisch-Abstrakten, doch die Gewalt ist erniedrigend und schonungslos."

Außerdem: Mit vier Thesen zum Festival verabschiedet sich Dominik Kamalzadeh im Standard vom Lido: Unklar sei die Favoritenlage, Netflix begüngstigt ein neues Interesse am Formenspiel, mit der Gender-Frage sieht es in Venedig gar nicht gut aus und die kuratorische Kalkulation auf den saisonalen Aufreger geht manchmal auch nach hinten los. Daniel Kothenschulte liefert in der FR Notizen zu Václav Marhouls "The Painted Bird" und Tiago Guedes' "The Domain" nach. Letzteren fand auch tazler Tim Caspar Boehme sehr beeindruckend. Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland feiert Gong Li und steht etwas ratlos vor den "Vignetten der Depression", die Roy Andersson in seinem videoinstallationsartigen "About Endlessness" zeichnet. Dietmar Dath wartet die Juryentscheidungen gar nicht erst ab, sondern vergibt die Goldenen Löwen im FAZ-Blog kurzerhand selbst.

Weiteres: Katrin Doerksen beobachtet für kino-zeit.de, wie der deutsche Edgar-Wallace-Krimi zum italienischen Giallo wurde. Im Filmdienst porträtiert Patrick Holzapfel den israelischen Filmemacher Nadav Lapid. Für The Quietus blickt Emily Mackay auf 40 Jahre "Alien" und dessen komplexes feministisches Erbe zurück. Besprochen werden Anna Odells "X&Y" (NZZ) und die neue "Mindhunter"-Staffel (Freitag).
Archiv: Film

Literatur

Eine Art Schizophrenie attestiert Martina Meister in der Literarischen Welt Yann Moix, der in seiner Heimat gerade im Mittelpunkt eines Skandals steht, nachdem antisemitische Hetze aus seiner Studentenzeit aufgetaucht ist (unsere Resümees hier und dort): Bis vor wenigen Jahren habe der französische Schriftsteller noch gute Kontakte zu rechtsextremen Autoren unterhalten. "Es scheint", schreibt Meister, "als werde nicht nur Moix von seinen Dämonen heimgesucht. Die Art und Weise, wie sich in dieser Affäre alles vermischt, Moral und Interessen, Freund- und Seilschaften, Geld und Werte, Antisemitismus und ausgestellter Philosemitismus, gibt Einblick in eine Gesellschaft, die ihren uralten Dreyus-Antisemitismus nie ganz überwunden und das Verbrechen der Kollaborationen lange verdrängt hat. Insofern ist die Schizophrenie des Yann Moix vielleicht Symptom eines kulturellen Unwohlseins."

Im Aufmacher der Literarischen Welt führt Marc Reichwein angesichts jüngster Aufregungen um die "Rehlein"-Affäre und den Hashtag #dichterdran als Folge durch die Geschichte visueller Strategien in der Literatur: Darf man als Kritiker über das Äußere von Schriftstellerinnen schreiben? Polemik, erinnert Reichwein, gehört seit jeher zum rhetorischen Reservoir des Feuilletons. Und "wer öffentlich auftritt, sich mit Fotos oder Fotoposen öffentlich ausstellt, darf nicht davon ausgehen, dass das unkommentiert vonstattengeht. Die Vorstellung, dass Schriftstellerinnen gar nicht mehr als öffentliche Figuren kommentiert werden, erscheint absurd. Treten sie doch - genauso wie Autoren - mehr denn je öffentlich in Erscheinung", zumal in der Digitalkultur der Gegenwart. Dass der Betrieb von Kritikern über Autoren bis zu den Verlagen mit der visuellen Schwemme durch Instagram und Co. noch nicht recht umgehen kann, lässt Reichwein dabei allerdings durchaus gelten.

Weiteres: Das Dorf ist ein zentraler Topos vieler für den Buchpreis nominierter Romane, stellt FAZ-Kritiker Uwe Ebbinghaus fest - einen "poetischen Spürsinn für den zeitkritischen Konflikt zwischen Regionalität und Mobilität" kann er jedoch nur Karen Köhlers "Miroloi" bescheinigen. Schriftsteller Andreas Maier erinnert sich in der Literarischen Welt an seinen 2013 verstorbenen Kollegen Peter Kurzeck. Für die SZ hat Alex Rühle die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck besucht.

Besprochen werden unter anderem Nora Bossongs "Schutzzone" (taz), Deniz Utlus "Gegen Morgen" (Berliner Zeitung), Denise Minas Krimi "Klare Sache" (taz), Christoph W. Bauers "Niemandskinder" (Standard), Guillermo Corrals und Paco Rocas Comic "Der Schatz der Black Swan" (taz), Terézia Moras "Auf dem Seil" (Literarische Welt) und Sibylle Lewitscharoffs "Von oben" (NZZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Kunst

Cao Fei, Asia One, Detail, 2018 (still), Multichannel color video installation, with sound, dimensions variable © Cao Fei


Stoff zum Nachdenken findet Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Meixner in einer Ausstellung mit chinesischer Medienkunst, "Micro Era" im Berliner Kulturforum mit Werken von Cao Fei, Zhang Peili, Lu Yang und Fang Di. Letzterer "lässt sich viel Zeit, um den Aufstieg eines Botanikers in Port Moresby zum autoritären Politiker zu verfolgen. Seine aktuelle Video-Installation 'Minister' speist sich aus einer 'Belt and Road Initiative' zwischen China und Papua-Neuguinea. Fang Di begleitet das Projekt in der Hauptstadt der Inselnation künstlerisch und dokumentiert die schleichenden Veränderungen als Konsequenz jener interkontinentalen Handels- und Infrastrukturnetze, die der chinesische Staat seit 2013 vorantreibt."

Weiteres: Helmut Ploebst berichtet im Standard von der Ars Electronica in Linz. Tal Sterngast betrachtet für die taz noch einmal ausgiebig in der Berliner Gemäldegalerie Jan Vermeers "Junge Dame mit Perlenhalsband". Besprochen wird die Ausstellung "California Institute of Arts" in der Kestnergesellschaft Hannover (taz).
Archiv: Kunst

Musik

Dem auch nicht mehr ganz neuen Neo-Hippie Devendra Banhart gelingt auf seinem neuen Album "Ma" ein nicht ganz alltägliches Kunststück, schreibt Julian Weber in der taz: Nämlich "den Tanzbereich zwischen René Magritte (Pfeife) und Groucho Marx (Zigarre), zwischen Äppelwoi und Apple Watch [...] mit neuem Leben zu füllen und sein Scherflein dazu beizutragen, das Leben erträglich klingen zu lassen. ... Für Banhart-Verhältnisse ist 'Ma' ein Popalbum, delikat arrangiert bis ins letzte Saxofonsäuseln und nah mikrofoniert, so dass seine spitzbübische Baritonstimme angenehm kirschkernkissenhaft abstrahlt. 'Ich wurde ja schon so manches geziehen, aber Pop schlägt dem Fass den Boden aus. Pop ist Monkeybusiness.'" Ein aktuelles Video:



Die gesellschaftskritische Rapperin Ebow hält nicht allzu viel vom gängigen Gegensatzpaar, dass politischer Rap gut, Gangsta-Rap hingegen böse sei, verrät sie im taz-Interview: Diese Unterscheidung werde "sehr oft aus einer weißen Position heraus entschieden. ... Es gibt einen Grund dafür, warum es Gangster-Rap gibt, und der hat viel mit Stigmatisierung zu tun. Um das zu verstehen, um also Gangster-Rap zu verstehen, müssten sich weiße Leute mit den Hintergründen der Rapper auseinandersetzen."

Wenn jemand einen anderen einer Straftat beschuldigt, dann zeigt er ihn an - jedenfalls wenn er es ernst meint. Im Fall einer Beschuldigung wegen sexueller Nötigung oder gar Vergewaltigung schlägt Reinhard J. Brembeck in der SZ Prominenten wie Placido Domingo eine Umkehrung vor: Sie sollen ihre Unschuld beweisen, indem sie die Beschuldiger anzeigen und so eine gerichtliche Klärung erzwingen. Dass das die Unschuldsvermutung völlig entwertet, kommt Brembeck nicht in den Sinn.

Weitere Artikel: Für die SZ hat sich Andrian Kreye mit der Pretenders-Sängerin Chrissie Hyde zum Gespräch getroffen. In der FAZ gratuliert Jürgen Kesting dem Dirigenten Christoph von Dohnányi zum Neunzigsten. Besprochen werden ein "Figaro" in Wien mit dem Musicaeterna Orchestra unter Teodor Currentzis (Standard), Ezra Furmans neues Album (Tagesspiegel), Konzerte des Israel Philharmonic Orchestras und der Wiener Philharmoniker beim Lucerne Festival (NZZ), Andreas Oplatkas Biografie des Dirigenten Ádám Fischer (FAZ) und Lana del Reys "Norman Fucking Rockwell" (FAZ).
Archiv: Musik