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Efeu - Die Kulturrundschau

Erfüllte Weite und Offenheit

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24.09.2019. Die linke Prominenz der britischen Literatur springt Kamila Shamsie zur Seite, die das Recht auf Boykott für sich geltend macht, aber nicht unbedingt für die Stadt Dortmund.  Die SZ verteidigt die Paulskirche gegen die Verfechter der Rekonstruktion. Die taz lernt im  Ballhaus Naunystraße, über die Schwerkraft des Rassismus hinauszuwachsen. Die NZZ beklagt die Gängelung der kubanischen Filmszene.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2019 finden Sie hier

Architektur

Leider ohne das wunderbare Oberlicht: Die Paulskirche in Frankfurt am Main. Foto: Wikipedia /BlueKnow, CC BY 3.0

Der Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt-Fassaden war für SZ-Kritiker Gerhard Matzig schon schlimm genug, aber dass die Verehrer der Rekonstruktion jetzt auch noch die Paulskirche umbauen wollen, geht für ihn über jede Vernunft. Der alte Bau war auch nur eine Behelfskonstruktion war, erinnert Matzig, der moderne Saal dagegen mit seinem markanten Oval und Oberlicht sei ein Monument der deutschen Nachkriegsgeschichte: "Steigt man aus diesem Erdgeschoss in den schmucklos weißen Saal hinauf, ist man von der strahlenden Helligkeit und der elegant schweifenden Weite begeistert. Dass die Rotunde sich in die Breite weiter dehnt als in die Länge, verstärkt das Gefühl der Besonderheit. Der Blick wird nicht, wie in historischen Kulträumen, auf ein festes Ziel hin ausgerichtet, er gleitet entspannt an den Wänden entlang und streift wie beiläufig das in das Rund geschmiegte Rednerpodium und die Orgel. Sucht man nach einem Raum mit vergleichbar erhabener Leere und Tiefe, muss man zum Höchsten greifen: Nur das viel größere Pantheon in Rom übertrifft die Paulskirche an erfüllter Weite und Offenheit."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Frankfurt, Paulskirche

Literatur

Die Entscheidung der Stadt Dortmund, den Nelly-Sachs-Preis schlussendlich doch nicht an Kamila Shamsie zu vergeben (mehr dazu hier und dort), wird im Ausland weitaus mehr zur Kenntnis genommen als hierzulande. Auf die 15.000 Euro Preisgeld verzichten und damit selbst etwas von der eigenen Medizin schmecken zu müssen, passt der Schriftstellerin und BDS-Unterstützerin überhaupt nicht: Unter ihrem von zahlreichen Kolleginnen und Kollegen per Unterschrift unterstützten Statement macht sie ihr "Recht auf Boykott" geltend. Der Gegenseite will sie dieses Recht freilich nicht zugestehen, kommentiert Stefan Laurin von den Ruhrbaronen: "Boykott ist für sie offenbar nur aus antisemitischen Motiven heraus gerechtfertigt. ... Dortmund hat mit seiner Entscheidung ein deutliches Signal ausgesandt: In Deutschland wird es immer enger für Antisemiten. Israel zu boykottieren dürfte den meisten Künstlern nicht schwer fallen, es ist ein kleiner Markt. Deutschland ist da wirtschaftlich schon eine größere Nummer."

Zu den prominentesten Unterzeichnern gehören neben den üblichen Verdächtigen Naomi Klein, Brian Eno, Ken Loach und Noam Chomsky: John Burnside, Amit Chaudhuri, J.M. Coetzee, Teju Cole, William Dalrymple, Katy Derbyshire, Kiran Desai, Marlene Dumas, Geoff Dyer, Barbara Ehrenreich, Deborah Eisenberg, Annie Ernaux, Richard Ford, John Freeman, A.L. Kennedy, Alexander Kluge, Rachel Kushner, Yann Martel, Colum McCann, Claire Messud, Pankaj Mishra, Michael Ondaatje, Sally Rooney, Arundhati Roy, George Saunders, Gloria Steinem, Janne Teller, Kate Tempest, Eliot Weinberger, Irvine Welsh, Jeanette Winterson, Mona Younis.

In der taz spricht Stefan Hochgesand mit dem Schriftsteller Ocean Vuong, der mit seinem Roman "Auf Erden sind wir kurz grandios" den amerikanischen Bildungsroman janusköpfig von einer rück- wie vorwärts blickenden Perspektive aus umschreiben wollte: "So konnte ich Gewalt in Amerika von seinem Epizentrum aus verfolgen. ... Amerika basiert auf Arbeit: Tabakfarmen, Kohleminen, Nagelstudios. Aber der amerikanische Traum bröckelt, wenn man auf die gebrochenen Körper blickt, die ihn ermöglichen. Meine Hoffnung mit dem Buch ist, südostasiatische Identität in den USA zu unterscheiden von allgemein-asiatischer Identität in den USA à la 'einfach alle gelb': Südostasiaten in den USA haben, verglichen mit anderen Asiaten dort, die größten Probleme mit psychischer Gesundheit; die höchste Schulabbrecherquote - und das geringste Einkommen und die geringste Englischsprecherquote. Die Geschichte von Asiaten in den USA ist sehr divers: Chinesen bauten dort schon im 19. Jahrhundert Eisenbahnen; Vietnamesen kamen in erster Linie seit 1975."

Orwell und Huxley sind bestens bekannt, Jewgeni Samjatins Dystopie "Wir" demgegenüber deutlich weniger. Ein Versäumnis, meint der Historiker Niall Ferguson in der NZZ: Nicht nur lieferte das Werk den beiden erstgenannten Autoren wichtige Impulse, sondern es beschreibt den Terror der Zwangsbeglückung mancher Utopien auch sehr treffend. Heute müsste man die Staats-Szenarien der drei Dystopisten allerdings ergänzen, meint Ferguson: "Die Technologie, die Menschen dazu dient, Geld zu machen, scheint letztlich weniger gefährlich zu sein als eine Technologie, die dazu dient, Bürger 'glücklich' zu machen."

Weiteres: In Magnus Klaues "Lahme Literaten"-Kolumne wird diesmal die Schriftstellerin Nora Bossong der "Langeweile an der Wirklichkeit" bezichtigt. Tilman Spreckelsen schlendert für die FAZ durch die neuen Räumlichkeiten des Struwwelpeter-Museums in Frankfurt. In der SZ schreibt Frauke Meyer-Gosau einen Nachruf auf den Schriftsteller Günter Kunert (weitere Nachrufe bereits im Efeu von gestern).

Besprochen werden unter anderem Ulrich Alexander Boschwitz' "Menschen neben dem Leben" (NZZ), Drago Jančars "Wenn die Liebe ruht" (Standard), Roy Jacobsens "Die Unsichtbaren. Eine Insel-Saga" (NZZ), Javier Marías' "Berta Isla" (Titelmagazin), Maarten 't Harts "So viele Hähne, so nah beim Haus" (SZ) und zahlreiche neue Comics (The Quietus).
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Bühne

Shermin Langhoff profilierte das Ballhaus Naunystraße zum ersten Theater mit postmigrantischer Programmatik, unter Wagner Carvalho wurde es zum ersten schwarzen Theater in Deutschland, stellt taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller fest und blickt auf die Produktionen der kommenden Saison. Zum Beispiel von Raphael Hillebrand: "'Rassismus ist wie die Schwerkraft, sie zieht dich runter, sie fesselt dich am Boden. Die Herausforderung ist, dagegen anzuwachsen.' Die Kraft seines Körpers, die Stärke seiner Knochen, die Schnelligkeit seiner Beine, die Raphael Hillebrand zu einem berühmten Hiphop-Tänzer und Choreografen machten, beschreibt er in seiner autobiografischen Performance 'Auf meinen Schultern' als gewachsenen Widerstand gegen die Demütigungen, die sich während seiner Schulzeit in Berlin nach und nach in seinen Alltag drängten. Erst als B-Boy fand er die Anerkennung und Zugehörigkeit, die ihm fehlte."

Besprochen werden Leoš Janáčeks Oper "Die Sache Makropulos" in Zürich (bei der NZZ-Kritiker Christian Wildhagen zufolge Evelyn Herlitzius als weiblicher Methusalem von 337 Jahren brillierte), Simon Solbergs Bühnenfassung von Helene Hegemanns Roman "Bungalow" am Düsseldorfer Schauspielhaus (Nachtkritik), Ödön von Horváths "Italienische Nacht" (die Judith von Sternburg in der FR "äußerst überzeugend" findet), Wajdi Mouawads Stück "Vögel" und eine Bühnenversion von Carolin Emckes Aufruf "Gegen den Hass" am Schauspiel Köln (denen SZ-Kritiker Alexander Menden Seifenopernhaftigkeit beziehungsweise bleiernen Ernst attestiert), Patrick Kinmonths Inszenierung von "Tristan und Isolde" in Köln (FAZ), Martin Kušejs "Weibsteufel" mit Birgit Minichmayr am Wiener Akademietheater (Standard) und Giacomo Meyerbeers Oper "Le Prophète" in Linz (Standard).
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Kunst

Als "synästhetische Sinnenkunst par excellence" feiert Stefan Trinks in der FAZ Adolph Menzels Pastelle, Gouachen und Aquarelle, die in einer schönen Ausstellung im Berliner Kupfterstichkabinett zu sehen sind und es schaffen "Licht, Rauch oder Wolken in Farbe zu bannen". Beate Scheder berichtet in der taz vom Stadtteilkunstfestival "48h Nowosibirsk",  das vom Goethe Institut aus Neukölln nach Sibirien gebracht wurde.

Besprochen werden die Ausstellung "1989-2019: Politik des Raums im Neuen Berlin" im n.b.k. (taz) und Mark Leckeys Schau "O' Magic Power of Bleakness" in der Tate Modern in London (Guardian).
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Design

Kurios, dass eine Ausstellung über Design im Nationalsozialismus als erstes in den Niederlanden stattfindet, meint Bernhard Schulz im Tagesspiegel und wünscht sich dringend, dass die Ausstellung auch hierzulande Station macht. Zu sehen gibt es hier ein Regime, das alles, was gestaltbar ist, in den Dienst des völkischen Projekts und der nationalen Mobilmachung stellt, und dabei durchaus differenziert: Völkischer Tand für die Landbevölkerung, urbane Eleganz mit Hakenkreuz für die Stadt: "Es ist dieser Doppelcharakter von Volkstums-Ideologie und technisch-effizienter Moderne, der die Gestaltung unter dem NS-Regime kennzeichnet. Für jede Zielgruppe der 'Volksgemeinschaft' wurde die passende gestalterische Ansprache gefunden. ... Doch alle Schichten trafen sich in der Sucht nach Gepränge, nach Uniformen, Abzeichen, Aufmärschen, nach Sich-groß-Fühlen."
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Stichwörter: Nationalsozialismus

Film

Die nach einem Treffen ihres Leiters mit AfD-Politiker Jörg Meuthen seitens der Branche mächtig unter Druck geratene "Hessen Film und Medien" ruft heute eine Sondersitzung ein, meldet Andreas Busche im Tagesspiegel: "Der Protest aus der Branche habe die Förderanstalt handlungsunfähig gemacht, heißt es ... Gegenüber dem Aufsichtsrat wird Mendig sich nicht mit halbherzigen Erklärungen aus der Affäre ziehen können, er hat die Situation offensichtlich falsch eingeschätzt." Allerdings bestehe auch der Verdacht, "dass das Meuthen-Foto auch ein dankbarer Vorwand ist, sich Mendigs, mit dem sich die Branche bestenfalls arrangiert hat, zu entledigen."

Knut Henkel hat sich für die NZZ in der kubanischen Filmszene umgehört, die mitunter desillusioniert auf ein neues Filmgesetz reagiert, das ursprünglich das Ziel verfolgte, den unabhängigen Film des Landes zu legalisieren: "Voraussetzung ist allerdings, dass sich die autonomen Produktionsfirmen beim Nationalen Institut für Kunst und Film (ICAIC) registrieren lassen, wo fortan auch der Filmförderungsfonds angesiedelt sein wird. Dadurch wird das Institut zur Zentralinstanz für den unabhängigen Film auf der Insel. Darin sieht Yaima Pardo nur einen weiteren Schachzug eines auf Kontrolle und Gängelung setzenden Regimes. 'In Kuba gibt es eine Autonomie-Phobie, alles, was unabhängig von den staatlichen Institutionen entsteht, wird kritisch beäugt', meint sie."

Weiteres: Für die Berliner Zeitung berichtet Ralf Schenk vom Filmfestival in Gdynia. Außerdem meldet der Tagesspiegel, dass die "Open Memory Box" mit über 400 Stunden Privataufnahmen aus dem DDR-Alltag nun online ist. Besprochen werden John Crowleys Verfilmung von Donna Tartts Roman "Distelfink" (Berliner Zeitung) sowie Antje Vollmers und Hans-Eckardt Wenzels Biografie über den DDR-Filmemacher Konrad Wolf (FAZ).
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Musik

Miles Davis, John Coltrane, Dave Brubeck, Charles Mingus und Ornette Coleman: Vor 60 Jahren, im Jahr 1959, brachten sie alle binnen weniger Monate Epoche machende Alben heraus und verliehen dem Modern Jazz damit von Manhattan aus eine bis heute anhaltende Prägung, erinnert Andrian Kreye in der SZ. In der Gegenwart des Jazz sieht er ganz ähnlich aufregende, wenngleich über die ganze Welt verteilte Vektoren: In Tel Aviv ist das Yonathan Avishai, in Deutschland die Jazzrausch Big Band, doch "der Ort, der dem New York von 1959 am deutlichsten ähnelt, ist derzeit London. Die Flut der großartigen Alben von dort reißt nicht ab. Wie dicht die Szene dort ist und welche Gemeinsamkeiten sie in ihrem radikalen Pluralismus findet, kann man auf dem Album 'Untitled (18 Artists)' (Vinyl Factory) nachhören. Da haben sich Leute wie Shabaka Hutchings, Nubya Garcia und Joe Armon-Jones mangels stilistischer Gemeinsamkeiten von den Arbeiten des Malers Jean-Michel Basquiat inspirieren lassen, um über diesen Umweg auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, der zwischen Jazz, Fusion, Club Grooves und Hip-Hop ein kraftvolles Schlaglicht auf London jetzt in diesem Augenblick wirft."

Weiteres: Dass die 90er in Berlin nie zu Ende gegangen und nahtlos in eine nostalgische Sehnsucht nach den Clubs der 90ern umgeschlagen sind, wie auch eine aktuelle Foto-Ausstellung im C/O Berlin widerspiegelt, findet Tagesspiegel-Kritiker Gerrit Bartels nur noch langweilig: "Langsam wird es Zeit, dass die Millennials und ihre Nachfolger diesen neunziger Jahren einmal etwas entgegensetzen."  Vor 50 Jahren erschien das Beatles-Album "Abbey Road", schreibt Karl Fluch im Standard: Die Platte "war ein letzter Versuch der Beatles, noch einmal die Beatles zu sein."

Besprochen werden Jóhann Jóhannssons "12 Conversations With Thilo Heinzmann" (Pitchfork), Liam Gallaghers "Why Me? Why Not." (Pitchfork) und die Debüt-CD von Shirin David, Deutschlands populärster Youtube-Produkte-Auspackerin (Tagesspiegel).
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