Efeu - Die Kulturrundschau

Sie kneten Brot

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.01.2020. Die FAZ fragt, warum Designer nicht mehr für die Freiheit der Bürger arbeiten, sondern zur Verschleierung des Überwachungsapparats. Der Tagesspiegel staunt vor dem Palais de Lomé, wie wenig brutal deutscher Machtanspruch einst wirken konnte. Die Nachtkritik erschrickt mit Milo Rau in Gent vor dem Unglück der Familie Demeester. ZeitOnline stürzt sich in chinesische Fantasy-Literatur. Und das ND erlebt mit Extrem-Metal eine Transzendenzerfahrung.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2020 finden Sie hier

Architektur

Das Palais de Lomé: Foto: Louis Vincent

Im Tagesspiegel erzählt Werner Bloch, wie Togo den ehemaligen deutschen Kolonialpalast in Lomé in ein Museum und Kulturzentrum für afrikanische Kunst umgestaltete: "Das Palais de Lomé ist ein dreigeschossiges, erhabenes Gebäude mit zwei Türmen, halb deutsche Burg, halb orientalische Festung. Das Tropenschloss mit seinen Freitreppen und seinem Blick auf den Golf von Guinea sollte zu Kolonialzeiten beeindrucken und einschüchtern. Es stand für den deutschen Machtanspruch in der Region. Zugleich hat der Palast aber auch etwas Leichtes, Märchenhaftes, er scheint über dem Meer und dem breiten Sandstrand zu schweben."

Weiteres: Ebenfalls im Tagesspiegel berichtet Jonas Bickelmann, dass die Pläne für das Berliner Haus der Statistik allmählich Gestalt annehmen.
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Film

In der Nacht wurden die Golden Globes verliehen - insbesondere Quentin Tarantinos "Once upon a Time in Hollywood" (unsere Kritik) und Sam Mendes' "1917" zählen zu den Abräumern. Ziemlich bösartig, ziemlich gut ist die Eröffnungsrede des Comedian Ricky Gervais:



Besprochen werden das Judy-Garland-Biopic "Judy" mit Renée Zellweger (Jungle World, mehr dazu bereits hier), Stanley Nelsons Dokumentarfilm "Birth of the Cool" über Miles Davis (Jungle World, mehr dazu bereits hier), Rian Johnsons Krimikomödie "Knives Out" (taz, mehr dazu bereits hier), die Netflix-Serie "Unbelievavle" (Freitag) und Miki Dezakis Dokumentarfilm "Shusenjo" über das Schicksal der koreanischen "Trostfrauen", der in Deutschland im April anläuft (NZZ).
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Design

Viel zu viel zu viel Design "ergießt sich gerade über die Dinge, Städte und Dörfer", ärgert sich Niklas Maak in der FAZ, der beim Besuch eines ungestaltet-urwüchsigen französischen Dorfes nostalgischen Schmerz fühlt, wenn er ans Design der Gegenwart denkt, das sich bunt und zeitgemäß gibt, in Wahrheit aber der Verschleierung eines Überwachungsapparates diene: "Per Design wird die Gesellschaft umgebaut. In vielen Städten werden Aufläufe wie in Hongkong in Zukunft schwierig, weil alle öffentlichen Plätze mit laternenförmig verpackten Kameraaugen und Stadtmobiliar verstellt sind. ... Das Ideal, das die neuen Stadtmöbel in Szene setzen, ist der relaxte, nicht der politisch wache, aktive Bürger. Was nicht heißt, dass Design immer Herrschaftsinstrument sein muss. Designer könnten Objekte zur Irritation der Gesichtserkennungsprogramme, Sperren gegen das Absaugen von Daten, Abwehrhüllen gegen Alexa erfinden - Dinge, die die Freiheit ihrer Benutzer gegen die Ordnungsvisionen verteidigen, die sich im Namen von Ökologie, Komfort und Sicherheit und unter dem Mantel wüster Designkapriolen immer weiter ausbreiten."

Für die NZZ hat Katja Müller die senegalesische Modedesignerin Diarra Bousso in Dakar besucht, die für ihre Arbeit auf mathematische Formeln zurückgreift: "Die grafische Darstellung der Gleichung ergibt ein Muster, von dem verschiedene Versionen mithilfe von Algorithmen ermittelt werden. Anschließend werden die Dessins von Diarra Bousso farblich gestaltet." Entsprechend "bezeichnet sich Bousso nicht als Modedesignerin, sondern als kreative Mathematikerin".

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Turning Math into Art 💙 Swipe to see how our WALO print was created with Math equations #diarrablu #fashiontech #diarrablumath #madeinsenegal #bloomingdales #sanfrancisco

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Literatur

In China boomt die Fantasy - und das vor allem als Online-Literatur, da in China immer mehr Romane direkt online gelesen werden. Franka Lu bietet auf ZeitOnline einen Einblick in diese Welt der literarischen Produktion, die für die in ihrer Freizeit schreibenden Autoren mit erheblichen Belastungen einhergeht: "Die Werke werden gleichsam in Echtzeit veröffentlicht, während sie noch entstehen. Die chinesische Leserschaft ist so ungeduldig, dass sie tägliche Updates verlangt. Erfolgreiche Autorinnen und Autoren müssen täglich 7.000 bis 10.000 chinesische Zeichen schreiben (das sind etwa doppelt so viele, als würden sie auf Englisch schreiben), und zwar das ganze Jahr über, nonstop. Sie werden als 'Schreibmaschinen aus Menschenfleisch' verspottet. Anders als klassische Schriftsteller früherer Zeiten müssen sie dazu noch viel Energie für Social-Media-Kampagnen aufwenden, um neue Leserinnen und Leser zu gewinnen. Sie müssen Fangruppen organisieren und sie bei der Stange halten. Das ist besonders deshalb wichtig, weil sie einen Teil ihres Einkommens direkt von der Leserschaft beziehen."

Weiteres: Der Freitag bringt Auszüge aus dem Klimastreik-Tagebuch der Schriftstellerin Stefanie de Velasco. Besprochen werden Sophie Calles "Das Adressbuch" (taz, Jungle World), Paul Celans "'etwas ganz und gar Persönliches'. Die Briefe 1934-1970" (taz), Susan Krellers "Elektrische Fische" (Zeit), Botho Strauss' "zu oft umsonst gelächelt" (online nachgereicht von der NZZ), Jess Kidds' "Die Ewigkeit in einem Glas" (Presse), Manfred Alliés und Gabriele Kempf-Alliés Neuübersetzung von Jane Austens "Emma" (online nachgereicht von der NZZ) und neue Krimis, darunter Hannelore Cayres "Die Alte" (FAZ), der auch die aktuelle Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur und FAZ anführt.
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Bühne

Milo Raus durchschnittlich glückliche "Familie". Foto: Michiel Devijver / NT Gent

Am Ende geht Milo Rau zu weit, meint Nachtkritiker Oliver Kranz, aber bis dahin erzählt er in seinem Stück "Familie" im NT Gent bewegend und sehr dicht das Schicksal der Familie Demeester, die 2007 kollektiv Selbstmord beging. Bis heute weiß niemand, warum: "Die üblichen Erklärungen greifen nicht. 1973, als das Stück 'Wunschkonzert' von Franz Xaver Kroetz uraufgeführt wurde, war das noch anders. Bei Kroetz' wird eine Frau aus einfachen Verhältnissen beschrieben, die einsam und entfremdet ihrem Leben ein Ende setzt - ganz klar ein Opfer des kapitalistischen Systems. Die Demeesters hingegen standen auf der Gewinnerseite. Sie hatten ein Haus, ein Auto und zwei Kinder - können also als durchschnittliche westeuropäische Mittelstandsfamilie gelten. Die Frage nach dem Warum ihres Suizids wirkt daher umso bedrohlicher: Trägt das Glücksversprechen unserer Gesellschaft noch?"

Weiteres: Bernd Noack wundert sich in der NZZ, dass manche Leute nicht einmal im Theater ihr Handy ausstellen wollen. Besprochen wird Volker Löschs einschlägige "Fidelio"-Inszenierung in Bonn (NMZ).
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Stichwörter: Rau, Milo, Fidelio

Kunst

Evelina Cajacob: Il paun da mintgadi (das tägliche Brot), 2011/2012

Einfach hingerissen ist taz-Kritiker Max Florian Kühlem von der Ausstellung "tanzen anders", mit der das Kunstmuseum Bochum die hypnotischen Videoarbeiten der Schweizer Künstlerin Evelina Cajacob zeigt: "Immer wieder sind es in ihren Videos weibliche Hände, oft die der Künstlerin selbst, die traditionelle, alltägliche Tätigkeiten vollführen - die Grundlagen eines Haushalts, eines Lebens: Sie kneten Brot. Sie zerreißen Stoff und nähen ihn neu zusammen. Sie waschen Salat und Gartenkräuter. Sie rollen Wolle zu einem Knäul, wunderbare 80 Minuten lang."

Weitere Artikel: Als "kulturpolitisches Versagen" brandmarkt Daniele Muscionico in der NZZ, dass die innovative Zürcher Photobastei im Juni schließen muss, weil weder Stadt noch Kanton sie ausreichend finanziell unterstützen: "Das Konzept sprengte die bestehenden institutionellen Förderkriterien. Deshalb kommt es im Leitbild der Stadt Zürich nicht vor und fällt als Subventionsempfänger durch sämtliche Raster." In der New York Times meldet Jori Finkel den Tod des Konzeptkunst-Titanen John Baldessari, der Los Angeles zu einer Kunst-Metropole machte.

Besprochen werden die Schau "Something is Missing" im Yorkshire Sculpture Park, für die der britische Bildhauer Saad Qureshi Menschen fragte, wie sie sich das Paradies vorstellten (Guardian), die Ausstellung zu guatemaltekischer Kunst "This might be a place for humming birds" in der Berliner Galerie im Körnerpark (taz), Arbeiten zur Amnesty-International-Edition "Art 19 - Box One" (taz), die Ausstellung "Der Leda-Code" zu Leonardo da Vincis verehrtem "Caritas"-Gemälde in der Gemäldegalerie Alte Meister im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel (FAZ) und Bilder des Fotografen Fritz Eschen in der Berlinischen Galerie (Tsp).
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Musik

Im Neuen Deutschland schwärmt Benjamin Moldenhauer davon, wie gut es Liturgy und Sunn o))) auf ihren neuen Extrem-Metal-Veröffentlichungen gelingt, auch einem "für Mystik tauben Agnostiker im Modus ästhetischer Erfahrung so etwas wie eine Transzendenzerfahrung herzustellen". Bei Liturgy liefert der Sänger Hunter Hunt-Hendrix mit seinen Essays gleich noch einen philosophischen Überbau mit: Anders als der nihilistische Black Metal der 90er soll seine Spielart des Genres "ein Medium der Freude an der nackten Existenz" sein. "Die Schreie des Sängers wiederum zeigen an, dass der Weg ins Drüben ein genussvoll-schmerzhafter Gang sein soll. Was in der 'Vision of Apocalyptic Humanism' sehr von sich selbst berauscht daherkommt, klingt auf 'H.A.Q.Q.', dem vierten Liturgy-Album, wieder einmal so suggestiv, dass man der Band erst einmal jeden Schrei ihres Sängers glauben möchte. Alles arbeitet an der Herstellung von Dauerintensität." Wir wagen ein Ohr:



Weiteres: Die Zeit hat sich im Betrieb nach Beethoven umgehört: Unter anderem berichtet Maxim Biller davon, wie er sich bei der Musikkritkerin und Expertin Eleonore Büning in Sachen Beethoven, den er gar nicht ausstehen kann, weitgehend erfolglose Nachhilfe geben lässt, und Eva Menasse erklärt den Komponisten zu Gott, räumt aber auch ein, keine Kennerin zu sein, "denn jedes zweite Fitzelchen Beethoven überfordert mich emotional derart, dass ich Jahre brauche, um es zu verarbeiten". Im Übrigen ist auch Schubert ein Gott, erfahren wir von Riccardo Muti im Gespräch, das Manuel Brug für die Welt mit dem Dirigenten geführt hat. Außerdem erzählt Brug in seinem Klassikblog für die Welt von seiner Reise nach Havanna, wo er die Hornistin Sarah Willis bei Plattenaufnahmen beobachtete.

Besprochen wird ein Auftritt von Erika Stucky (FR). In der Frankfurter Popanthologie schreibt Jannik Waidner über Greta Van Fleets "Age of Man":

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