Efeu - Die Kulturrundschau

Sie sind wirklich sehr rüde

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22.01.2020. Malis Rapper sind Rebellen, stellt die NZZ klar, keine Griots, die den Herrschern Loblieder singen. Die taz wagt sich vor ins "Hereroland". FAZ und Welt erleben an der Pariser Oper das Ballett "Streik gegen die Rentenreform". Standard, FAZ und Welt vergnügen sich prächtig mit Taika Waititis poppiger Nazi-Clownerie "Jojo Rabbit", nur ZeitOnline mag nicht mitlachen. Und der Guardian hört betroffen von Ai Weiwei, dass die Deutschen noch immer alle Nazis sind.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2020 finden Sie hier

Film

Springzeit für Hitler: "Jojo Rabbit" von Taika Waititi, hier als "Gröfaz" selbst im Bild.

Mit "Jojo Rabbit" - einer freien Adaption von Christine Leunens' Roman "Caging Skies" - wirft der neuseeländische Regisseur Taika Waititi einen "Pop-durchtränkten Blick auf die Nazi-Ära", schreibt Standard-Kritiker Dominik Kamalzadeh, für den diese grelle Farce um einen Jungen, der bei seinem imaginären Freund Hitler (gespielt vom Regisseur selbst) Trost sucht, zu den exzellenten Film-Satiren auf Nazi-Deutschland gehört. Keineswegs beschränke sich der Film auf bloßes Herumgealbere: "Die derben Gags, die zumeist auf das Personal eines ideologisch verirrten Unrechtsstaats abzielen und dabei vor purer Lust an der Clownerie auch ein wenig danebenhauen, bilden im Grunde nur die Folie für eine Überlebensgeschichte, die sich ihren eigenen Reim auf die Verblendungen macht, denen Menschen anheimfallen." Welt-Kritiker Hannes Stein konstatiert: "So lustig ist der deutsche Diktator im Kino noch nie gewesen" und die Figur des jüdischen Mädchens Elsa sage so kluge Sätze wie "'Wir wurden von Gott auserwählt und nicht von einem komischen kleinen Mann, der sich nicht mal einen richtigen Schnurrbart wachsen lassen kann.' Mit anderen Worten, Elsa weigert sich, als Opfer zur Verfügung zu stehen." FAZ-Kritiker Andreas Platthaus freut sich: "Neben dem Komischen ist auch noch das Emotionale an diesem Film zu preisen." Für Marietta Steinhart ZeitOnline-Kritikerin verniedlicht der Film dagegen die mörderische Gewalt der Nazis: "Waititi bemüht sich bewusst, die hässlichsten Elemente der Geschichte zu verschleiern. Er argumentiert letztendlich, dass Liebe Hass besiegen kann und alles nur ein großes Missverständnis war."

Weiteres: Dominik Kamalzadeh hat sich für den Standard mit Elia Suleiman zum Gespräch über dessen Film "Vom Gießen des Zitronenbaums" (unsere Kritik) getroffen, in dessen Verlauf der Regisseur sich sehr unzufrieden über den Verlauf der MeToo-Debatte und des neuentdeckten Engagements der Filmfestivals für die Sache der Frauen erweist: "Es ist eine Inbesitznahme und zugleich eine Ghettoisierung". In der taz spricht der Filmemacher Ladj Ly über seinen (in der SZ besprochenen) Banlieue-Film "Les Misérables", dem es darum ging, die klischeehaften Bilder, die üblicherweise von den Pariser Vororten im Kino zirkulieren, zurechtzurücken (mehr dazu bereits hier). Lory Roebuck schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Schweizer Regisseur Urs Egger. Christian Schröder gratuliert dem Schauspieler Günter Lamprecht im Tagesspiegel zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden David Lynchs auf Netflix veröffentlichter Kurzfilm "What Did Jack Do?", in dem der Filmemacher in einem Verhör einen Affen eines Mordes zu überführen versucht ("Ist das noch Kunst oder schon Plemplem?", fragt sich SZ-Kritiker David Steinitz in banger Sorge um den Geisteszustand des Regisseurs), und Denis Côtés auf 16mm-Material gedrehter Kunsthorrorfilm "Ghost Town Anthology" (Standard, Presse).
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Bühne

In Frankreich geht der Streik gegen die Rentenreform in seine siebente Woche, und auch an der Pariser Oper befinden sich alle Mitarbeiter im Ausstand. Gerade ist die Premiere eines Balletts von Anne Teresa de Keersmaeker ins Wasser gefallen. In der FAZ diskutieren Wiebke Hüster und Marc Zitzmann Pro und Contra. In der Welt betont Martina Meister, dass hier keine "Privilegien" verteidigt werden, auch wenn die Tänzerinnen und Tänzer mit 42 Jahren in Rente gehen dürfen: "Denn wer eine Karriere als Tänzer an der Pariser Oper absolviert hat, die körperlich mindestens so beanspruchend ist wie die eines Spitzenfußballers, bekommt am Ende 1.000 Euro Rente. Ein Pariser Metrofahrer, der mit 52 in Rente geht, kann dafür mit bis zu 3.200 Euro rechnen. Das ist das Gehalt eines Ensembletänzers während seiner Arbeitsjahre, wo weder Nachtdienste noch Sonntagsarbeit extra honoriert werden. Ungerecht? Irgendwie schon. Aber als wäre das nicht genug, sind es nur die Tänzer der Pariser Oper, die in den Genuss dieses bescheidenen Sonderregimes kommen, das sie Ludwig XIV. verdanken, der es 1698 eingeführt hat. Wer in der Provinz tanzt, muss ohnehin sehen, wo er bleibt.""

Bewegt kommt taz-Kritiker Fabian Lehmann aus dem Stück "Hereroland", für das David Ndjavera und Gernot Grünewald am Hamburger Thalia Theater den Völkermord in Namibia zu einem Parcours persönlicher Erfahrung gemacht haben: "Statt auf schmerzvolle Selbstbefragung der Deutschen als Täternachfahren setzt 'Hereroland' auf intime Begegnungen und formal abwechslungsreiche Zugänge, die den zweistündigen Abend im Flug vergehen lassen. Wer etwa in der Station 'Kindergarten' zusammen mit lediglich sechs anderen Zuschauern den Erzählungen der namibischen Erzieherin im leuchtenden Hererokleid gelauscht hat, wird das so schnell nicht wieder vergessen."

Weiteres: Adrian Schräder trifft in der NZZ den Techno-Produzenten Hendrik Weber aka Pantha du Prince, der in Zürich Miyazakis "Prinzessin Mononoke" inszeniert. Besprochen werden Nikolaus Habjans Inszenierung von Richard Strauss' "Salome" im Theater an der Wien (SZ), die beiden "Iwanow"-Inszenierungen von Johan Simons in Bochum und Karin Beier in Hamburg (SZ) und Verdis "Falstaff" an der Staatsoper Hamburg (FAZ).
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Kunst

Im Guardian hört sich Simon Hattenstone mit großen Augen an, was Ai Weiwei über seine Erfahrungen in Deutschland zu berichten hat, das der chinesische Künstler vor vier Monate Deutschland verlassen hat: "Auch wenn sich Ai keine Illusionen über Britannien macht, glaubt er, es ist besser für seine Familie: 'Die Briten sind kolonial. Aber sie sind wenigstens höflich. Die Deutschen kennen keine Höflichkeit. Die sagen, in Deutschland muss man deutsch sprechen. Sie sind wirklich sehr rüde im Alltag. Sie mögen keine Ausländer.' Falls es ihm in Britannien ebenso ergeht, wird er uns das alle wissen lassen', versichert er mir... Er schlürft seinen Tee und lächelt: "Deutschland ist eine sehr präzise Gesellschaft. Die Leute dort mögen es, unterdrückt zu werden. Das ist so bequem. In China sieht man das auch. Wenn man sich erst einmal dran gewöhnt hat, ist es sehr angenehm. Und man sieht, wie sich Effizienz, Oberflächlichkeit und ihre Machtbewusstsein ausbreitet zu einer Mentalität.' Sie meinen, es gibt keine Individualität in Deutschland? 'Genau. Sie tragen jetzt andere Kleidung als in den dreißiger Jahren, aber es funktioniert noch genauso. Sie identifizieren sich alle mit der Kultur des Autoritarismus. ... Faschismus bedeutet, eine Ideologie für höher zu halten als andere und zu versuchen, diese Ideologie rein zu halten, indem man andere Arten des Denkens ablehnt. Das ist der Nazismus. Und dieser Nationalsozialismus existiert heute im deutschen Alltag vollkommen.'" Sein günstiges Atelier in Berlin hat Ai Weiwei allerdings behalten.

Weiteres: Ingeborg Ruthe stellt in der FR die Ukrainerin Lada Nakonechna vor, die mit ihrer subtilen Kunst gerade in der Berliner Galerie Eigen + Art zu sehen ist. Für den Tagesspiegel besucht Stefan Kobel die Ausstellung in der Baumwollspinnerei in Leipzig. Besprochen wird eine Ausstellung des Berliner Malers Uwe Kowski in der Kunsthalle Rostock (Berliner Zeitung).
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Stichwörter: Ai Weiwei, Faschismus, Kleidung

Literatur

Für die FR gräbt sich Arno Widmann anlässlich der Erstveröffentlichung von Ernst Jüngers "In Stahlgewittern" vor 100 Jahren minutiös durch die kommentierte Ausgabe aus dem Jahr 2013. Jüngers Buch gehe "das Menschheitspathos völlig ab. Es sind kurze Sätze, die fast ausnahmslos von dem berichten, was der 'Held' sieht. Der Krieg spielt darin keine Rolle. Ganz falsch. Es macht gerade den Krieg aus, das ist die entscheidende Erfahrung der Krieger, dass er die meiste Zeit unsichtbar ist. ... Als Abenteurer war Jünger in den Weltkrieg gezogen. Verlassen hat er ihn, mit zwanzig Geschossnarben, höchstdekoriert, als Krieger, als Mitglied einer Grenzen überschreitenden Kaste, die froh war, wenn sie mit anderen Kriegern sich dabei messen konnte, eine sportliche Haltung einzunehmen gegenüber Leben und Tod und also auch gegenüber Töten und Getötetwerden."

Weiteres: Martin Jurgeit schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den Comichistoriker Wolfgang J. Fuchs. Besprochen werden unter anderem Danilo Kišs "Psalm 44" (NZZ), Kristina Spohrs "Wendezeit" (online nachgereicht von der FAZ), Stewart O'Nans "Henry persönlich" (NZZ), C. Bernd Suchers "Mamsi und ich" (FR), John Burnsides "Über Liebe und Magie" (SZ) und David Diops "Nachts ist unser Blut schwarz" (FAZ).
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Architektur

NZZ-Kritikerin Sabine von Fischer schießt ein Selfie in einem Upside-Down-House in Brighton. Besprochen wird eine Ausstellung des Kopenhagener Architekturbüros Cobe im Aedes Architecture Forum (Tsp).
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Musik

Nur jeder Dritte in Mali ist über zwanzig Jahre alt. Entsprechend groß ist der Rückhalt in der Bevölkerung, den die Rapper im Land genießen, schreibt Jonathan Fischer in der NZZ. Sie gelten als "gefeierte Rebellen. Wer sonst spricht laut aus, was bestenfalls in Teerunden diskutiert wird? Wer zählt all die Politiker-Versprechen auf, die nicht eingehalten wurden? Wer wagt es, die Alten in witziger und schnörkelloser Sprache zu kritisieren? 'Viele Politiker schimpfen über uns Rapper und halten uns für respektlos', sagt der Rapper Amkoullel und tätschelt ein paar der Kinder, die ihn auf einem Schulhof in Bamako umringen. 'Aber wir haben nichts gegen die überlieferten Anstandsregeln und schätzen unsere musikalischen Traditionen. Eines aber unterscheidet uns von den alten Griots, den traditionellen Sängern und Geschichtenerzählern: Ihre Aufgabe ist es, Loblieder auf vergangene und gegenwärtige Herrscher zu singen. Unsere ist es, korrupte Politiker und ihre Geschäfte anzuklagen.'" Einer der populären Rapper ist Mylmo:



Außerdem: Für die NZZ begleitet Christian Wildhagen Paavo Järvis Europatournee mit seinem Tonhalle-Orchester und glaubt beim Budapester Konzert in dem von Russell Johnson gestalteten Saal "in der besten aller Welten zu sitzen". Im Tagesspiegel plaudert Koljah über das neue (heute auch in der SZ kurz besprochene) Album seiner Antilopen Gang. Wolfgang Sandner gratuliert dem Jazzbassisten Eberhard Weber in der FAZ zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden das neue, Berlin gewidmete und dort auch aufgenommene Pet-Shop-Boys-Album "Hotspot" (Tagesspiegel), das Abschlusskonzert des Mendelssohn-Wettbewerbs (Tagesspiegel), der Auftakt des Resonanzen-Festivals in Wien (Standard), Julia Fischers Konzert mit dem Orchestre National de France in Frankfurt (FR), das neue Album von Wolf Parade (Standard), das neue Album des japanischen Noiserock-Projekts OOIOO (Pitchfork) und das Debüt von 070 Shake (Pitchfork). Daraus ein Video:

Archiv: Musik
Stichwörter: Rap, Mali, Järvi, Paavo