Efeu - Die Kulturrundschau

Dauernde Suche nach Ausdruck

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19.02.2020. Die Berliner Zeitung blickt auf den Scherbenhaufen, den fünf junge Tänzer aus der Elfenbeinküste hinterlassen, die bei einem Kulturaustausch in Berlin ihre Compagnie verlassen haben. Außerdem blickt sie mit Umbo intensiv der Großstädterin ins Gesicht. Die taz übt unter verschärften Bedingungen, die Ödnis des Potsdamer Platzes auszuhalten. Die FAZ lernt im Vitra Design Museum, dass die Ausstattung einer Wohnung zweitrangig geworden ist.  Und alle trauern um den Poeten Ror Wolf.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2020 finden Sie hier

Kunst

Umbo, Ohne Titel (Ruth. Die Hand), um 1926, © Phyllis Umbehr/ Berlinische Galerie


In der Berliner Zeitung freut sich Ingeborg Ruthe über die große Umbo-Schau in der Berlinischen Galerie, die den Großstadtfotografen und Bauhaus-Schüler Otto Umbehr als Gegenpol zur kühlen Sachlichkeit seiner Zeit zeigt: "Mit Durchblick, Sanftheit, Schärfe: Seine liebsten Motive waren die Leute auf den Straßen der Stadt, die Gesichter, die zu Spiegeln der Seele wurden - schöne, faltige. Und Kinder. Bei Itten hatte Umbo, wenn schon nicht das Malen, so aber das intensive Wahrnehmen von etwas Wesenhaften, das Eigentümliche und den Mut zum Emotionalen vermittelt und bestärkt bekommen. Auch die dauernde Suche nach Ausdruck."

In der SZ denkt Thomas Steinfeld über den Bedeutungswandel des Porträtbild in digitalen Zeiten nach: Die Idealisierung des eigenen Ich gehörte schon immer zum Porträt, schreibt Steinfeld, verändert hat sich das Verhältnis zur Zeit: "Wer porträtiert wurde, trat mit seinem Bild aus der Zeit heraus. Unter den Voraussetzung der digitalen Medien ist das anders: Sie kennt, fordert und fördert das Porträt als allseitige Begleitung des Lebens (so entsteht dann auch das ultimative Fahndungsfoto). Sie tritt ganz und gar in die Zeit hinein. Dadurch aber verliert das einzelne Bild seine herausgehobene Stellung. An seine Stelle tritt die unendliche Serie von fast bedeutungslosen Bildern."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Radio-Aktivität" über den Einfluss des Radios auf die Künste im Münchner Lenbachhaus (SZ), eine Ausstellung der Fotografin Heidi Specker über den Ort ihrer Kindheit "Damme" Oldenburger Kunstverein (taz) sowie die Bayer und Monsanto ins Visier nehmende Schau "Pesticide Pop" in der Berliner Galerie Nome (taz).
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Stichwörter: Umbo, Umbehr, Otto, Bauhaus

Bühne

Eine so traurige wie packende Geschichte erzählt Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung: Bei einem Austauschprojekt mit der Jugendtheaterwerkstatt Spandau haben fünf Ivorer in Berlin ihre  Compagnie verlassen und sind untergetaucht. Kein Grund zur Freude, betont Schlangenwerth, die Leiterin der Compagnie aus der Elfenbeinküste, die Choreografin Jenny Mezile, blicke damit auf einen Scherbenhaufen, denn gerade wegen solcher Fluchten werden immer weniger Visa ausgestellt: "Dazu kommt, dass es offenbar tatsächlich Schlepper gibt, die Tänzer aus Afrika an Compagnien in Westeuropa vermitteln. Als 'Erfolgreiche', als diejenigen, die es 'geschafft' haben, werden sie dann in ihrer Heimat gefeiert. Eben das lässt junge Künstler wie Kader, Syfy und Rougo an die große Karriere glauben. Die Chancen aber sind gering. 'Nicht die, die flüchten, sondern die, die zurückkehren, müssen die Helden sein', so Mezile... Solche Menschen werden gebraucht in einem kulturell zerstörten Land wie der Elfenbeinküste, in dem es fast keine intellektuelle Elite und nicht mal mehr so etwas wie eine funktionierende größere öffentliche Bibliothek gibt."

In der NZZ rechnet Bernd Noack ziemlich grundsätzlich mit der Erfolgsdramatikerin Yasmina Reza ab, deren Stück "Drei Mal Leben" gerade von Andrea Breth am Berliner Ensemble inszeniert wurde: "Knapp an der Grenze zum Unseriösen aber kippen sie doch wieder zurück in einen lethargischen Zustand der hausbackenen Nörgelei. Das Leben ist nun mal banal und kein Beinbruch."

Besprochen werden Koen Tachelets Inszenierung von Harold Pinters Konversationsdrama "Asche zu Asche" am Schauspielhaus Bochum (SZ), Friedrich Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" in einer Bearbeitung von Tony Kushner in London (NZZ), Mark-Anthony Turnages Oper "Anna Nicole" am Staatstheater Wiesbaden (FR) und die Uraufführung von Christian Josts Oper "Egmont" im Theater an der Wien (FAZ).
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Film

taz-Autorin Susanne Messmer stimmt sich auf die Berlinale ein und macht einen Spaziergang über den Potsdamer Platz, wo nach dem Cinestar-Kino im Sony Center jetzt auch erst einmal die Arkaden dichtgemacht werden: "Ödes Einerlei hier, Vakuum da. In der wettergeschützten Einkaufspassage Potsdamer Platz Arkaden wirbt Gerry Weber mit einem Plakat, auf dem 'nur noch 7 Tage' steht. Im Untergeschoss ist nicht zu überhören, dass die Umbauarbeiten bis zur Wiedereröffnung 2022 begonnen haben."

Weitere Artikel: Die Berlinale hat das Münchner Institut für Zeitgeschichte damit beauftragt, die Frühgeschichte des Festivals und Alfred Bauers Rolle im Nationalsozialismus zu recherchieren, meldet der Tagesspiegel - mehr zu diesen Aufdeckungen hier im Überblick beim Perlentaucher. "Man kommt aus dem Streamen gar nicht mehr heraus", jammert Elmar Krekeler in der Welt angesichts der Überfülle an TV-Serien, die mittlerweile täglich auf den Markt geschmissen werden und dabei immer mehr an Qualität nachlassen. Derweil spricht Carolin Ströbele auf ZeitOnline sehr ausufernd mit Jörg Schönenborn und Frank Beckmann von den ARD-Anstalten über deren Mediatheken- und Serienpläne für die Zukunft: Ganze 20 Millionen stehen dafür bereit - dafür produzieren Netflix oder HBO zwischen 10 und 20 Episoden einer einzigen Serie.

Besprochen werden Valeria Golinos "Euforia" ("ein Kleinod des zeitgenössischen Kinos", schreibt Fabian Tietke in der taz) und die Sky-Comedyserie "Work in Progress" (FAZ).
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Literatur

"Der Tod ist mir verhältnismäßig gleichgültig, ich glaube nicht an den Tod, jedenfalls nicht an einen mich betreffenden Tod. Und den Lesern ist es vermutlich gleichgültig, was ich glaube. Es hat also keinen Sinn, sich über den Tod Gedanken zu machen." So zitiert der Schriftsteller Michael Lentz in der FAZ aus Ror Wolfs "Raoul Tranchirers Notizen aus dem zerschnetzelten Leben". Jetzt ist der Schriftsteller gestorben. Als "Wirklichkeitsfabrik" bezeichnet Lentz Wolfs Collage-Verfahren einer "Bild- und Text- als Weltproduktion. Wirklichkeit wird hier mit den Mitteln der Collage in Text und Bild hergestellt. ... Seine Erzählwelten machen das Kontingente, den Zufall, das Unwahrscheinliche, aber auch das völlig Belanglose zum Fundament einer imaginären Seins- als Lese-, Seh- und Hörerfahrung."

Er war "ein Virtuose des In-den-Text-Stolperns, des Nichtanfangens, des Zögerns, des Retardierens gewesen, zugleich aber ein Genie des Beginnens, des geradezu auftrumpfenden, fanfarenhaften Anfangs", schreibt Martin Krumbholz in seinem NZZ-Nachruf auf den verstorbenen Schriftsteller, der zwar als experimentell galt, aber keineswegs unlesbar ist: Er "spielte mit vorgefundenen Materialien, setzte sie neu zusammen, collagierte und schlug dabei die hellsten Funken aus ihnen." Für Hilmar Klute von der SZ war Wolf schlicht "der Zeremonienmeister eines literarischen Katastrophen-Spektakels".

Weitere Nachrufe schreiben Gregor Dotzauer (Tagesspiegel), Hans-Jürgen Linke (FR), André Hatting (Dlf Kultur) und Björn Hayer (ZeitOnline). Außerdem hat der WDR Ror Wolfs erstes Hörspiel "Der erste Chinese am Fenster" von 1971 online gestellt. Beim Dlf Kultur finden wir Ror Wolfs O-Ton-Hörspiel "Bananen-Heinz" aus den 80ern. Der BR hält Wolfs Fußballhörspiel "Das langsame Erschlaffen der Kräfte" bereit.

Besprochen werden unter anderem Wencke Mühleisens Buch "Du lebst ja auch für deine Überzeugung" über ihre Auseinandersetzungen mit ihrem Nazi-Vater und ihre Zeit in der Otto-Muehl-Kommune (Standard), Abbas Khiders "Palast der Miserablen" (Tagesspiegel), Hanns Zischlers "Der zerrissene Brief" (FR), Michael Donkors "Halt" (NZZ), Thomas Jaedickes und Jörg Maillets Comic "RRWB" über ein Westberlin, in dem die Studentenrevolte von 1968 die Macht übernommen hat (Tagesspiegel), Pascal Merciers "Das Gewicht der Worte" (NZZ), Abraham B. Yehoshuas "Der Tunnel" (SZ) und Svetlana Lavochkinas "Puschkins Erben" (FAZ).
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Design

FAZ-Kritiker Ulf Meyer durchwandert in der Ausstellung "Home Stories" im Vitra Design Museum hundert Jahre Wohnkultur und stellt fest, dass Ausstattung und Individualität einer Wohnung zweitrangig geworden sind, es zählt die Lage: "Nichtmöblierte Interieurs sind heute en vogue. Das Bestreben, aus einem Interieur ein Gesamtkunstwerk zu machen, wurde eingestellt. Dafür ist die Kunstform der Innenraumgestaltung wohl auch zu ephemer. Unter den Millennials herrscht Unlust, aus dem eigenen Heim ein Lebensprojekt zu machen. Der homo movens bevorzugt den Dauertourismus und braucht kein 'Zuhause als Selbstdarstellung'. Möbel sind in dem Zusammenhang oft nur kurzlebige Konsumgüter. Der 'Flur-Grundriss', wie er Millionen von Wohnungen in Deutschland prägt, scheint deshalb ebenso obsolet wie Nobelküche und Wohnzimmer. Das Zuhause soll aussehen und funktionieren wie ein Boutique-Hotelzimmer."
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Musik

Im großen taz-Gespräch schwärmt Frank Spilker von seiner komplett neu aufgestellten Band Die Sterne, die nun handverlesene Musiker aus dem deutschen Indiepop umfasst. Darunter Carsten Meyer alias Erobique: "Er fand unsere Synthese aus Pop und Disco mit deutschen Texten immer gut. Carsten hat seine Parts in wenigen Stunden in der Küche eingespielt. Das ist magisch, wie er mit zwei, drei Moves den Sound übernimmt. Auch Von Spar mochten schon früher die Krautrock-Seite der Sterne". Sie "wissen genau, wie Klaus Dinger von NEU! sein Schlagzeug aufgenommen hat und können das reproduzieren. Auch die alte Sterne-Besetzung hat sich schon dafür interessiert, aber jetzt klingt es genauer." Ein neues Video gibt es auch:



Weiteres: Christina Rietz spricht mit der Musikerin Tuyêt Pham über die Schwierigkeiten und Herausforderungen in ihrer Arbeit, die darin besteht, bei Klavierkonzerten so unbemerkt wie möglich die Notenblätter zu wenden. Für den Tagesspiegel sprechen Daniel Erk und Jan Oberländer mit der Berliner Pianistin Agnes Obel. Jan Kedves (SZ), Julian Weber (taz) und Gerrit Bartels (Tagesspiegel), schreiben Nachrufe auf den Musikproduzenten Andrew Weatherhall (mehr dazu bereits gestern).

Besprochen werden ein Auftritt der Band Oehl (FAZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Purr (SZ).
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