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Efeu - Die Kulturrundschau

Schnell, dreckig, fröhlich

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.02.2020. Zeit Online setzt sich in einer Ausstellung über neue Technologien in San Francisco in einen Käfig, den Amazon für seine Arbeiter entworfen hat. Die SZ berichtet, wie das Kulturleben in Polen und Ungarn zunehmend zensiert wird. Auch in Ägypten wird missliebige Musik verboten, ergänzt die NZZ. Intellectures spricht mit Abbas Khider über das Aufwachsen zwischen den Irakkriegen. Und die Berliner Zeitung twerkt mit Constanza Macras an der Volksbühne durch unser kolonialistisches Unbewusstes.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2020 finden Sie hier

Kunst

Trevor Paglen, Detail of 'They Took the Faces from the Accused and the Dead... (SD18),' 2019. Silver gelatine print, pins, 3240 individual images. © Trevor Paglen, Courtesy of the Artist and Altman Siegel, San Francisco

Der Begriff "uncanny valley" geht auf den japanischen Roboterforscher Masahiro Mori zurück, der bereits in den Siebzigern feststellte, dass uns Roboter umso unheimlicher scheinen, je ähnlicher sie uns werden. "Verstört", aber auch staunend streift Christoph Drösser (Zeit Online) durch die gleichnamige Ausstellung im De Young Museum in San Francisco, die ihm vor allem die "unmenschlichen" Seiten der neuen Technologien zeigt. Die Arbeit des neuseeländischen Künstlers Simon Denny etwa, der einen Käfig nachbaute, den Amazon bereits 2016 als Patent anmeldete und der die Arbeiter des Konzerns im Arbeitsbereich der Roboter schützen soll: "Das weiße Monstrum steht in der Mitte eines Ausstellungsraums in San Francisco. 'Einerseits ist es eine Sicherheitsmaßnahme, damit Menschen nicht verletzt werden', sagt Denny, 'andererseits ist es ein finsteres Symbol für die Beziehung der Menschen zu automatisierten Robotersystemen.' Das wäre schon Metapher genug, aber Denny fügt noch eine weitere dazu: Im Käfig befindet sich ein virtuell-realer Vogel - ein Exemplar des vom Aussterben bedrohten King Island Brown Thornbill -, den der Besucher nur sehen kann, wenn er mit der Kamera eines iPads durch die Gitterstäbe blickt. 'Der ist für mich eine Art Kanarienvogel im Kohleschacht, ein Frühwarnsystem für den gesamten Planeten.'"

Franz Wilhelm Seiwert. Die Arbeitsmänner, 1925. Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf. Foto: Kunstpalast / Artothek

Gleich nach dem Besuch in San Francisco empfiehlt sich ergänzend ein Ausflug nach Essen in die Ausstellung "Der montierte Mensch" im Museum Folkwang, die sich auch historisch Lust und Angst der Künstler vor Maschinen widmet. Zunächst wurde die Technik "begrüßt als die bessere Kunst", stellt Ulf Erdmann Ziegler in der taz fest, "der Künstler schwingt sich auf zum Ingenieur, der Fortschritt rüttelt an den Türen der Tradition. Auf der anderen Seite Ironie, Camp und Persiflage. Mit der Rekonstruktion der Ausstellung 'Man, Machine and Motion' (am Londoner ICA, 1955) nimmt man in Essen Abschied vom Paradigma Maschinenverehrung vs. Maschinenkritik. Den Raum- und Gedankenteiler der Ausstellung bildet ein fieses, großes Gemälde von Konrad Klapheck, das vor Weltuntergangsrot eine Gruppe humanoider Apparate auf dem Vormarsch zeigt: 'Krieg' (1965). Ab dann ist die Kritik an der Technik auch immer Selbstkritik".

Acht Millionen Euro hatte die Stadt Düsseldorf dem Generalleiter des Museums Kunstpalast Felix Krämer zur Verfügung gestellt, um Fotografien aus der Sammlung Annette und Rudolf Kicken zu kaufen. Nun gibt der Kunstpalast in der Ausstellung "Sichtweisen" mit Werken von Sanders, Blossfeldt, Capa, Umbo oder Moholy Nagy zumindest einen kleinen Einblick in die Sammlung und Freddy Langer jubelt in der FAZ: "Eine schönere Fotoausstellung hat es in Deutschland schon lange nicht mehr gegeben." Aber ein "Paukenschlag" sei  sie nicht: "Man hätte jenseits jeglicher Orientierung am Kanon einen frischen, womöglich sogar frechen Blick auf die Fotografiegeschichte werfen können. Vor allem die Avantgarde der Moderne, die Rudolf Kicken zu seiner Herzensangelegenheit gemacht hatte, bildet einen wunderbaren Schwerpunkt."

Weiteres: Piotr Bernatowicz, der neu eingesetzte, nationalkonservative Direktor des polnischen Museums für moderne Kunst, hat gleich eine ganz Reihe geplanter Ausstellungen abgesagt, meldet Florian Hassel in der SZ: Neben einer Ausstellung der belgischen Performance-Künstlerin Miet Warlop wurde auch eine Diskussion über Umberto Ecos Essay "Ur-Faschismus" gecancelt: "In seiner Absage an Mitorganisator Michał Kozłowski störte sich Bernatowicz etwa am bereits diskutierten Theodor Adorno, der in der 1950er Pionierstudie 'Die autoritäre Persönlichkeit' diese fälschlicherweise mit 'konservativen Weltbild' und 'Wertschätzung von Tradition, Hierarchie und ständigen Werten' gleichgesetzt habe - Kernwerten der heutigen Regierung Polens." Für den Tagesspiegel hat sich Nicola Kuhn mit dem Galeristen Paul Maenz getroffen, der der Neuen Nationalgalerie Teile seiner Sammlung vermacht hat. Das Käthe-Kollwitz-Museum zieht 2022 ins Schloss Charlottenburg, rundherum wird aber noch intensiv saniert werden, meldet ebenfalls Nicola Kuhn im Tagesspiegel.

Besprochen werden die große Edward-Hopper Schau in der Fondation Beyele in Basel (Offenbart "überraschende Zukunftsvisionen" im Werk Hoppers, meint Kito Nedo in der SZ), eine Ausstellung mit Arbeiten von Jorinde Voigt und Jeppe Hein in der Berliner Köngiggalerie St. Agnes (Berliner Zeitung) und die Jeanne-Mammen-Schau "Alles zu ihrer Zeit" im Kunsthaus Stade (taz).
Archiv: Kunst

Literatur

Ein ziemlich episches Gespräch hat Thomas Hummitzsch für Intellectures mit Abbas Khider geführt, der gerade seinen neuen Roman "Palast der Miserablen" veröffentlicht hat, mit dem er einen literarischen Blick zurück in seine irakischen Herkunftsort wirft. Vor allem um die Jahre des Embargos zwischen dem ersten und zweiten Irakkrieg geht es ihm mit diesem Roman, erfahren wir - eine "bis heute literarisch kaum verarbeitete" Epoche in der Geschichte des Landes. In dem Interview kommt die Rede dann irgendwann auch auf die deutsche Sprache: "Ich liebe diese Sprache, niemand kann sich vorstellen wie sehr. Denn sie hat mir ermöglicht, Literatur zu schreiben. Ich brauchte die deutsche Sprache, um mich ausdrücken zu können. ... Ich habe 2007 während des irakischen Bürgerkriegs meine Schwester und ihre drei Kinder verloren, sie sind bei einem Bombenanschlag ermordet worden. Ich wollte, nein, ich konnte danach lange Zeit kein Arabisch mehr hören oder sprechen. Ich bin damals im wahrsten Sinne des Wortes verstummt. Erst durch meine Eroberung der deutschen Sprache habe ich überhaupt wieder zur Sprache gefunden. Sie hat mir die nötige Distanz gegeben, um zu schreiben. Deutsch ist für mich Befreiung."

Wilhelm Droste wirft für die SZ einen Blick nach Ungarn, wo die neuen Schullehrpläne zusehends Gründe zur Besorgnis geben: "Die Stärkung der christlichen Familie, die Identifikation mit der ungarischen Nation, die Verteidigung der Heimat nicht nur mit der Waffe, das sind hier die höchsten Werte." Gelesen werden müssen an den Schulen jetzt "Autoren, die wegen ihrer Nähe zum Faschismus und wegen ihres Antisemitismus vielen Lehrern als indiskutabel gelten. Ferenc Herczeg (1863 - 1954), József Nyírő (1889 - 1953) und Albert Wass (1908 - 1998) sind die Helden im Literaturkanon des rechtsextremen ungarischen Populismus, und sie stammen darüber hinaus alle drei aus Gebieten, die Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg verloren hat. ... Imre Kertész und Péter Esterházy, zwei ungarische Klassiker der Gegenwart, zählen zwar zu den Toten, die es zu Weltruhm gebracht haben, tauchen aber im Pflichtprogramm nicht auf."

Weiteres: "Vertraut den Jurys", ruft uns Christina Borkenhagen im Freitag zu - denn zumindest die Jury des Leipziger Buchpreises hat in den vergangenen Jahren mit ihren Nominierungen und Auszeichnunegn immer wieder den richtigen Riecher bewiesen. Besprochen werden Laetitia Colombanis "Das Haus der Frauen" (FR), Zora Neal Hurstons "Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven" (NZZ) und die Neuübersetzung von James Baldwins "Giovannis Zimmer" (SZ).
Archiv: Literatur

Musik

In Ägytpen soll die unter jungen Leuten extrem populäre, 2008 in den Elendsvierteln von Kairo entstandene Mahraganat-Musik verboten werden, berichtet Susanna Petrin in der NZZ. Diese Musik "klingt schrill, schnell, dreckig, fröhlich. Die Texte handeln von Liebe, sozialen Problemen, einem prekären Leben. ... Nun aber werden sämtliche Interpreten dieses Genres aus dem Musiksyndikat ausgeschlossen und verlieren somit ihre Lizenz zum öffentlichen Auftritt. Ein Hotel, Restaurant oder Café, das Mahraganat-Konzerte aufs Programm setzt, macht sich ebenfalls strafbar. Das Syndikat begründet diesen Bann moralisch: Die Texte verherrlichten Drogen, Sex und Gewalt und verdürben somit die Jugend."

Die Deutsche Welle hat eine Reportage zu dieser Musik ins Netz gestellt:



Weiteres: Ronald Pohl hat sich für den Standard mit Frank Spilker von Die Sterne zum Gespräch getroffen. Karl Fluch schreibt im Standard einen Nachruf auf den Gitarristen David Roback, der mit dem Duo Mazzy Star berühmt wurde. Wir verabschieden uns mit "Fade Into You":



Besprochen werden das neue Album von Caribou (ZeitOnline), King Krules neues Album "Man Alive!" (taz, mehr dazu bereits hier), Bill Fays neues Album "Countless Branches" (Presse) und ein Auftritt von Suzi Quatro (Standard).
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Archiv: Musik

Film

Neues von der Berlinale: In Tsai-Ming Liangs "Days" wird jeder Schnitt zum Ereignis. Groß als Skandalfilm, aber klein als Filmkunst: Der erste Film aus Ilya Khrzhanovskiys megalomanem "DAU"-Projekt schließt die Reihen der Filmkritik in ihrer Ablehnung. Und keineswegs ein Wettbewerbs-Kannibale ist die neue Sektion "Encounters", schreibt Ray. Dies und mehr: im aktuellen Pressespiegel in unserem Berlinale-Blog.

Außerdem: Die Redaktion der Cahiers Du Cinéma tritt geschlossen zurück: Als Grund wird die Übernahme des Blattes durch neue, für den Geschmack der Kritiker Macron zu nahe stehende Finanziers angegeben. Besprochen wird die Netflix-Doku "The Pharmacist" (NZZ).
Archiv: Film

Bühne

Szene aus "The West". Bild: Thomas Aurin

"Bonbonbunt, rasant und grandios", findet Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung das neue Stück der argentinischen Choreografin Constanza Macras, die in "The West" an der Berliner Volksbühne mit ihrer Kompagnie "Dorky Park" tanzend und twerkend die kolonialistischen, unsere Popkultur prägenden Cowboy-und-Indianer-Vorstellungen zerlegt: "So, wie Constanza Macras es in 'The West' zeigt, wird etwas von dem ungeheuren Zynismus dieses Spiels offenbar und von der dahinter wirkmächtigen Didaktik, die dabei und in der massenmedialen Unterhaltung insgesamt am Werk ist. 'The West' ist so etwas wie ein Ritt durch unser von diesen Bildern geprägtes Unbewusstes." "Ein Fest der Tanzkunst" und ein "ambivalenter Blick auf den "westlich geprägten Kulturkapitalismus", meint Nachtkritiker Christian Rakow: "Macras und Dorky Park huldigen der 'Cultural Appropriation', aber sie verklären sie nicht."

Weiteres: Im Guardian huldigt Michael Billington mit Blick auf dessen Lebenswerk dem britischen Dramatiker Tom Stoppard, der in seinem Stück "Leopoldstadt" am Londoner Wyhndham's Theatre die Geschichte seiner tschechischen Familie erzählt (Unser Resümee) - und der zu Unrecht als rein intellektuelle "Brainbox" missverstanden wird: "Sein alles fressender Appetit auf Ideen (ist) von einem Gefühl der Sterblichkeit und der Eigensinnigkeit der Leidenschaft erfüllt." Für den Standard hat Margarete Affenzeller schon mal einen Blick ins Programm der Wiener Festwochen geworfen. Ebenfalls im Standard porträtiert Helmut Ploebst die amerikanische Choreografin Deborah Hay.

Besprochen werden Jossi Wielers und Sergio Morabitos Inszenierung von Giacomo Meyerbeers Oper "Die Hugenotten" in Genf (("Es ist packend zu sehen, wie da der Wahnsinn zur materiellen Gewalt wird, wie er die Körper durchzuckt und wie mit Pelz und Putz aufgetakelte Damen zu einem blutgierigen Mob werden", schreibt Joachim Lange in der NMZ, weitere Besprechung in der FAZ), Michael Thalheimers Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders "Katzelmacher" am Berliner Ensemble (SZ), Jean-Philippe Claracs und Olivier Deloeuils Brüsseler Don-Giovanni-Inszenierung nach dem Libretto von Lorenzo da Ponte (SZ).
Archiv: Bühne