Efeu - Die Kulturrundschau

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06.03.2020. Die NZZ feiert mit einem ganzen Dossier das Zarteste des Künstlers Franz Gertsch. Die FAZ gerät ausgerechnet in einer Singer-Sargent-Ausstellung in einen kulturellen Bürgerkrieg. Der Urbanist Winy Maas erklärt in der SZ, warum es okay ist, wenn deutsche Städte langweilig sind. Es gibt ja Eindhoven! Der Filmdienst lernt aus dem filmischen Kriegstagebuch "Für Sama" von Waad al-Kateab die Realität eines jeden Krieges begreifen. Im Freitag beschreibt die Schriftstellerin Marion Messina das neue Prekariat in Frankreich.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2020 finden Sie hier

Kunst

John Singer Sargent, Detail: Study of a Seated Male Nude above a Roundel for the Rotunda of the Museum of Fine Arts, Boston, 1916-1921. Isabella Stewart Gardner Museum, Boston

Ausgerechnet in einer Singer-Sargent-Ausstellung in Boston findet sich Susanne Klingenstein plötzlich mitten in einem "kulturellen Bürgerkrieg" wieder. John Singer Sargent hatte die Nase voll von den Reichen, deren Porträts er so lichtvoll malen konnte, als er 1916 in einem Hotel in Boston den 26-jährigen afroamerikanischen Fahrstuhlführer Thomas McKeller entdeckte, erzählt sie in der FAZ. Seine Porträts von Keller kann man jetzt im Isabella Stewart Gardner Museum bewundern. Zwischen den Porträts durften junge Afroamerikaner die Beziehung der beiden deuten: Das ganze ist Teil einer "woken" Neuausrichtung des Museums. Die ideologische Aggressivität, die sich dabei äußert, hat die Kritikerin erschreckt: "In der Ausstellung werden Sargents Studien von Zitaten dieser Art flankiert: ... Sargent 'verstümmelt die Identität eines jungen, schönen Schwarzen Mannes und verwandelt ihn zur Unterhaltung des Publikums. Als Künstler dominiert er seine Muse; er war McKellers Master, eine Beziehung, die an die Sklaverei erinnert.' Die Ausstellung endet in einer Sackgasse, in der weiße Papierscheiben Besucher einladen, die eigene Entrechtung und Versklavung zu artikulieren und an die Wand zu heften." Den Katalog zur Ausstellung fand Klingenstein dagegen "klug und subtil".

Ausschnitt aus Franz Gertsch, Das große Gras, 1999/2001, Holzschnitt, © Franz Gertsch
Die NZZ hat dem Künstler und Holzschneider Franz Gertsch zum 90. Geburtstag ein ganzes Dossier gewidmet. Philip Meier stellt Gertschs Mäzen Willy Michel vor, der dem Künstler in Burgdorf ein Museum gebaut hat. Maria Becker besucht eine Ausstellung ebendort. Angelika Affentranger-Kirchrath besucht Gertsch in seinem Atelier. Florian Illies meditiert über Endlichkeit und Unendlichkeit im Werk von Franz Gertsch. Anke Brack und Rene S. Spiegelberger sind zum Interview nach Burgdorf gereist. Und Roman Bucheli erzählt am Beispiel von Gertschs "Das große Gras", wie man hier sehen lernen kann: "Franz Gertsch hätte die Gräser einfach auf ein Blatt malen können. Und wir zweifeln nicht daran, dass auch dies ein hinreißendes Bild geworden wäre. Er ging aber einen seltsamen Umweg. Um das Zarteste, das Flüchtigste auf das Bild zu bannen, ohne die Anmut seiner Flüchtigkeit zu zerstören, schnitt er die Gräser ins Holz. So geht aus dem schweren Holzblock das Schwerelose hervor, das im Grunde nichts anderes ist als ein Spiel von Licht und Schatten. Denn wir sehen ja nicht nur die Gräser. Wir ahnen den Wind, der sie unmerklich bewegt, und die Sonne, die sie heraushebt oder in Schatten taucht. Oder ist es der Mond, der hier sein kaltes Licht ausgießt?"

Weitere Artikel: Philip Meier berichtet in der NZZ über die New Yorker Armory Week Kunstmesse. Und Carl Spitzwegs "Justitia" wurde endlich an die jüdischen Erben restituiert, meldet Ingeborg Ruthe in der FR.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung zu "Klee in Nordafrika" im Museum Berggruen (Berliner Zeitung), eine Retrospektive von Ingeborg Strobl im Mumok (Standard) und die Schau "31: Women" im Daimler Contemporary (taz).
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Architektur

Der Urbanist Winy Maas, Mitbegründer des Büros MVRDV aus Rotterdam, berät gerade Marseille für die Manifesta, die dort ab Juni stattfinden soll. Im Interview mit der SZ erklärt er, warum es okay ist, dass die deutsche Stadtplanung so tödlich langweilig ist (Hans Stimmann!) Muss es auch geben, im Sinne der Unterschiedlichkeit europäischer Städte, meint er: "In Eindhoven machen wir das Gegenteil. Es gibt eine historische Schicht, die etwa 17 Meter hoch ist, und wo wir Hochhäuser oben drauf bauen. Das ist superlustig. Jeder kann einen Turm bauen. ... Es ist eine Art freier Urbanismus, bei dem wir nur sagen: Jeder Turm muss anders sein. Kopiere nicht deinen Nachbarn. Es gibt so viele Möglichkeiten, Städte zu verbessern. Das Ziel ist dabei immer dasselbe: Städte müssen grün werden."

Im Gespräch mit der NZZ erklärt der Architekt Roger Diener, warum es manchmal besser ist, das Alte stehen zu lassen, wie man Spuren der Vergangenheit sichert, und warum er erst spät Glas zu verwenden begann: "Das erste Mal, dass wir eine ondulierende Glasfassade vorgeschlagen haben, war für die Restrukturierung des Pergamon-Museums in Berlin vor zwanzig Jahren, für das Eingangsgebäude am Kupfergraben. Die rhythmisierten Wellen sollten ein einziges Stück Architektur mit den Exponaten bilden. Die Besonderheit des Museums sind die antiken Großarchitekturen im Piano Nobile. Die Wellen stehen in diesem Entwurf in suggestiver Beziehung zu den antiken Stützen der Ausstellung mit Kanneluren und zylindrischen Schäften. Wir haben den zweiten Preis bekommen. Das Projekt ist Teil einer Suche, die Hüllen, Vorhänge oder Verkleidungen mit Glas zum Gegenstand hat."

Besprochen wird die Berliner Ausstellung "Modell Mies" (Tagesspiegel).
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Stichwörter: Stadtplanung, Mvrdv

Bühne

Stückemarkt-Leiterin Maria Nübling erklärt im Interview mit der nachtkritik so vage wie möglich, warum sie vor allem auf neue Stücke aus den USA und Britannien setzt: "Ich finde unabhängig von der Nationalität der eingeladenen Künstler*innen sind das alles spannende Arbeiten mit wichtigen Impulsen, die wichtige Diskursräume eröffnen." Ah ja?

Besprochen werden Yael Ronens Stück "(R)Evolution" am Thalia Theater in Hamburg über die Herrschaft der künstlichen Intelligenz (SZ), Elfriede Jelineks "Urfaust/FaustIn and out" im Wiener Volx (Standard), "jedermann (stirbt)" von Ferdinand Schmalz in der Inszenierung von Data Tavadze am Deutschen Theater Berlin (FR), Jacopo Godanis Tanzstück "Alter Ego" sucht im Bockenheimer Depot (FR), Maren Elisabeth Bjørseths Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" in Mainz (FR) und Jossi Wielers fünfstündige Inszenierung von Giacomo Meyerbeers Oper "Les Huguenots" am Grand Théâtre de Genève (SZ).
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Archiv: Bühne

Literatur

Die Schriftstellerin Marion Messina, von einigen als weiblicher Michel Houellebecq gepriesen, spricht im Freitag ausführlich darüber, wie es ist, im hochkulturellen Frankreich im Bildungsprekariat aufzuwachsen, die eigene literarische Stimme zu finden und den politischen Willen der Gelbwesten auf den Straßen zu spüren, denen sie sich verbunden fühlt: Ihre von Pornografie und "ultrafeministischen Ansichten" geprägte Generation erlebe "eine neue Prekarität, selbst wenn wir haufenweise Diplome vorweisen können, die aber nichts mehr wert sind. ... Die wirtschaftliche Situation Frankreichs führt dazu, dass Leute, die Talent haben, die schreiben könnten und Bücher lieben, bei McDonald's an der Kasse stehen. Damit eröffnet sich aber der Weg einer neuen, geradezu proletarischen Literatur, die nun zu einer Strömung wird. Auch die Helden aus Houellebecqs Romanen sehen keinen Sinn mehr, aber sie sind zehn bis zwanzig Jahre älter als wir, gehören noch zum Bürgertum, kommen ganz gut über die Runden und langweilen sich einfach. Bei mir geht es um Menschen, die sinnfreie Jobs machen, die sich erniedrigt fühlen, müde und ausgebrannt."

Außerdem: Für den Freitag liest Beate Tröger junge Lyrik aus Deutschland, die den Folgen des Klimawandels nachspürt. Tazler Jan Jekal war bei Paula Irmschlers Präsentation ihres Debütromans "Superbusen". Im Guardian staunt Adam Roberts darüber, dass der US-Horrorautor Dean Koontz in seinem Roman "The Eyes of Darkness" von 1981 einen - allerdings gnadenlos tödlichen - Virus namens Wuhan-400 vorausgesagt hat.

Besprochen werden unter anderem Frank Witzels "Inniger Schiffbruch" (SZ), Leif Randts Roman "Allegro Pastell" (Zeit, Tagesspiegel), Anne Tylers "Der Sinn des Ganzen" (FR) und Jan Wenzels Collage "Das Jahr 1990 freilegen. Remontage der Zeit" (FAZ).

Mehr in unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film

Ein Bild gegen die Gewalt: Sama in "Für Sama" (Bild: Filmperlen)

Ziemlich beeindruckend findet Silvia Bahl im Filmdienst das filmische Kriegstagebuch "Für Sama", das die syrische Journalistin Waad al-Kateab ihrer im Krieg in Aleppo geborenen Tochter gewidmet hat. Zu sehen ist das Zeugnis einer anhaltenden humanitären Katastrophe: Al-Kateab filmt vom Beginn der Studentenproteste 2012 bis zum den gewaltsamen Exzessen des Assad-Regimes wider die eigene Bevölkerung. Ihr Film "verschont die Zuschauer nicht vor Bildern zerstörter und getöteter Körper. Sie tauchen im Laufe des Films immer wieder auf, um deutlich zu machen, was die Realität eines jeden Krieges bedeutet." Aber al-Kateab "setzt den niederschmetternden Bildern aus Aleppo eine Lebenskraft entgegen, die sich auf die Zuschauer überträgt. Der zerbrechliche Körper des Neugeborenen, auf dessen Gesicht sich plötzlich ein Lächeln abzeichnet, wenn es die melodische Stimme seiner Mutter hört, wird in der Großaufnahme zu einem ikonischen Bild gegen die Gewalt." Auch Thomas Hummitzsch von Intellectures berichtet von einem aufwühlenden Filmerlebnis: "Wütend macht dieser Film" und zwar "auf die so genannte internationale Gemeinschaft", er löse "ein unglaubliches Entsetzen aus. ... Die Menschen, die Waad Al-Khateab gefilmt hat, sind Menschen wie du und ich, die von einem Tag auf den anderen damit konfrontiert sind, um ihr Leben und das ihrer Liebsten zu kämpfen."

In Frankreichs Filmszene eskaliert der im Zuge von #MeToo und der César-Verleihung aufgebrandete Streit um Polanski, berichtet Rudolf Balmer in der taz: Der Castingdirektor Olivier Carbone etwa überzog die Schauspielerin Adèle Haenel, die die César-Verleihung demonstrativ verlassen hatte, auf Facebook mit Attacken und "drohte unter Hinweis auf seine Beziehungen: 'Du wirst eine Überraschung erleben, deine Karriere ist tot!' Polanskis Hauptdarsteller Jean Dujardin will Frankreich nach dieser Polemik verlassen und sich so der Debatte entziehen: 'In Frankreich stinkt's.'"

Durch das Coronavirus bedingte Umsatzeinbussen stellen hiesige Kinos derzeit zwar noch nicht fest, hat David Steinitz für die SZ herausgefunden. Auf das ursprünglich für April eingeplante Blockbustergeschäft mit dem neuen "James Bond"-Film müssen sie nun allerdings verzichten, nachdem der Film aus Angst vor leeren Kinosälen insbesondere im chinesischen Markt in den November verschoben wurde. Ein Notmanöver, denn manövrierfähig ist Hollywood eigentlich kaum: "Viele Hollywoodfilme werden über Bankenkredite finanziert. Um nicht länger als unbedingt nötig Zinsen zahlen zu müssen, sollen die Filme sofort nach Fertigstellung ins Kino. Und vom Hollywoodstudio bis zum kleinen deutschen Arthouseverleiher orientieren sich alle Kinomacher an den großen Terminen."

Besprochen werden Hirokazu Kore-edas "La Verité" mit Catherine Deneuve (der Filmemacher "untersucht die Mischung aus Lächerlichkeit und Erhabenheit, die den Schauspielerberuf seit je prägt", schreibt Hanns Zischler in der Zeit, Tagesspiegel, mehr dazu bereits hier), Richard Stanleys Horrorfilm "Die Farbe aus dem All" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Anna Hepps Dokumentarfilm "800 mal einsam" über den Filmemacher Edgar Reitz (Tagesspiegel), Autumn de Wildes Jane-Austen-Verfilmung "Emma" (Tagesspiegel) und der neue Pixar-Film "Onward" (Standard).
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Design

In der NZZ berichtet Susanna Koeberle von der Collectible-Messe in Brüssel, wo es ausschließlich zeitgenössisches Design zu sehen gibt. Attua Aparicio Torinos vom Londoner Designerduo Silo Studio stellt dort ihre bei einem Aufenthalt in China entworfenen, mit Emojis verzierten Teller aus, die auf beschädigten, mit chinesischen Sprichwörtern basierten Tellern basieren: Diese "werden dort in Massen produziert, die Designerin verlieh ihnen durch das Anbringen einer zusätzlichen Schicht eine neue Identität - ein Verfahren übrigens, das der chinesischen Kultur gar nicht so fremd und durchaus als Reverenz an diese Tradition zu verstehen ist. Mit den chinesischen Handwerkern kommunizierte Aparicio Torinos meist über Emojis, so dass die Wahl dieses Motivs in doppelter Hinsicht etwas über unsere Zeit aussagt. Wir leben in einer globalisierten Welt, doch wir reden unterschiedliche Sprachen. Wenn wir miteinander sprechen, schauen wir einander ins Gesicht, daran hat sich bis heute nichts geändert."
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Stichwörter: Silo Studio, Teller, Emoji

Musik

Für ZeitOnline porträtiert David Hugendick die Schlagzeugerin Anika Nilles, die ursprünglich mit Youtube-Uploads von sich reden machte, jetzt aber mit ihrem Album "For a Colorful Soul" von Mannheim aus die US-Jazzcharts erobert: "Das Freakzeug, das sie besonders bekannt machte, sind die Quintolen. Eine Gruppe von fünf Schlägen, auf denen sie Grooves aufbaute, über Viervierteltakte und über welche, die in anderen Zeitdimensionen schweben. ... Inzwischen gibt es einige Frauen, die in denselben enthobenen Sphären spielen, in denen es technisch so verfeinert und exakt zugeht, in denen Zählzeiten krumm und krummer werden und die Kombinatorik der Stile komplexer und fließender. Ein paar Namen der jüngeren Zeit sind Senri Kawaguchi, Emmanuelle Caplette, Sarah Thawer, Taylor Gordon, Meytal Cohen oder die erst 18-jährige Faith Benson. In Deutschland frage man Mädchen aber wohl oft noch 'warum gehst du nicht reiten?', sagt Anika Nilles." Wir schauen zu und staunen:



Außerdem: In der taz spricht Electric Indigo über das von ihr gegründete Netzwerk "Female Pressure", das mehr Frauen auf Musikfestivals bringen will. Besprochen werden ein Abend mit Igor Levit (FR) und ein Konzert der libanesischen Band Postcards (FR).
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