Efeu - Die Kulturrundschau

Tretet vor Unbekannte verdeckten Gesichts

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15.04.2020. In der Berliner Zeitung erinnert der Maler Mark Lammert an Heiner Müllers "Krieg der Viren". Die taz begegnet im Kunstverein Braunschweig dem schwarzen Aufklärer Anton Wilhelm Amo, der sich 1734 gegen Descartes stellte. Der Standard ahnt das Ende einer auf Besuchermassen zielenden Museumspolitik. Der Tagesspiegel erinnert daran, dass zur hygienischen Moderne auch die grüne und aufgelockerte Stadt gehört.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2020 finden Sie hier

Kunst

Resolve: Programming Im/Passivity, 2020, Installationsansicht. Foto: Kunstverein Braunschweig

Der Kunstverein Braunschweig hat sich vorübergehend zum "Anton Wilhelm Amo Center" gewandelt, um den ersten schwarzen Philosophen Deutschlands zu würdigen. Eine künstlerische Recherche soll Licht in das Leben und Denken des vergessenen Amos bringen, der ein Protagonist der Aufklärung und Kritiker der Sklaverei war, wie Bettina Maria Brosowsky in der taz fasziniert erzählt: "1734 verteidigt er als erster aus Afrika gebürtiger Denker in Europa seine Dissertation über die Leib-Seele-Problematik, 'De humanae mentis apatheia'. Der Mensch empfinde die Dinge nicht mittels seiner Seele, sondern durch seinen lebendigen Körper, so Amos Plädoyer für den Leib als sensuelle Schnittstelle zur Welt. Diesmal zieht er nicht gegen die Inkohärenz der Aufklärung zu Felde, sondern gleich gegen den Initiator des vom Intellekt dominierten, maßgebenden Rationalismus René Descartes'. Dessen Theorem 'Ich denke, also bin ich' erlaubt sich Amo sinngemäß entgegenzuhalten: 'Ich fühle, also bin ich.'"

Im Standard sieht Olga Kronsteiner in der Coronakrise eine Zäsur für die österreichische Museumspolitik, die weit über die derzeitige Schließung der Häuser hinausgeht: "Die erfolgreichsten Häuser stehen vor den Trümmern ihrer konzeptuellen Ausrichtung, die ohne Besuchermassen nicht funktioniert. Vor allem ohne die hunderttausenden Touristen nicht, die den Tankern einen wachsenden Eigendeckungsgrad um die 50 oder 70 Prozent ermöglichten. Insofern legt die gegenwärtige Situation Versäumnisse der Kulturpolitik offen: Denn je erfolgreicher das Kunsthistorische Museum (KHM), das Belvedere oder die Albertina wirtschafteten, desto knausriger wurde das Thema Basisabgeltung gehandhabt."

Weiteres: Christopher Resch berichtet in der taz, dass Leipzigs Künstlerinnen und Künstler von einem großzügigen Corona-Zuschuss wie in Berlin nur träumen können. Der Tagesspiegel eröffnet eine Online-Galerie, über die man Werke Berliner KünstlerInnen kaufen kann, solange der analoge Betrieb geschlossen ist. In der Berliner Zeitung fragt Harry Nutt, ob Donald Trump vor einer Kopie des Renoir-Gemälde "Eine von zwei Schweistern" posiert. Besprochen wird die Online-Schau mit Tony Conrads abstrakter Filmkunst im Kölnischen Kunstverein (FAZ).
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Literatur

Für die FAZ wirft die Schriftstellerin Siri Hustvedt einen Blick aus ihrem Fenster in Brooklyn und meditiert dabei über das Virus als von Populisten gerne in die Arena der politischen Kontroversen geworfene Metapher: "Auf die Sprache kommt es an. Trump und seine Kumpanen vermischen das reale Virus mit einem metaphorischen. Das virale Fremde, das den reinen Staat befällt, ist ein alter Topos." Ein langes Interview mit ihr gibt es auch in der FR, dort spricht sie über die Folgen für das ganze Land.

Weitere Artikel: In der SZ rät Agnes Striegan dazu, in der Corona-Isolation zum Briefwechsel zwischen Sophie Scholl und ihrem Freund Fritz Hartnagel zu greifen. Für die Berliner Zeitung plaudert Katja Schwemmers mit der Schriftstellerin Anja Rützel.

Besprochen werden unter anderem neue Bücher über Paul Celan (FR), Jens Malte Fischers Karl-Kraus-Biografie (NZZ), Lori Gottliebs Storyband "Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden" (Dlf Kultur), Patrick Hofmanns "Nagel im Himmel" (Berliner Zeitung), Lina Meruanes "Heimkehr ins Unbekannte" (Dlf Kultur), Tom Hillenbrands "Qube" (SZ) und Lars Gustafssons "Dr. Weiss' letzter Auftrag" (FAZ).
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Bühne

Der Berliner Maler Mark Lammert hat als Bühnenbildner mit Heiner Müller zusammengearbeitet, auch für das letzte Stück "Germania 3". Im Arbeitsbuch zu der Inszenierung von 1995 fand sich auch ein Text, an den Lammert jetzt in der Berliner Zeitung erinnert: Müllers letzter Text für die Bühne hieß "Krieg der Viren":
"Leeres Theater. Autor und Regisseur, betrunken.
Autor: Der Krieg der Viren. Wie beschreibt man das.
Regisseur: Das ist dein Job. Dafür wirst du bezahlt.
Autor: Tretet vor Unbekannte verdeckten Gesichts/Ihr Kämpfer an der unsichtbaren Front/Oder so/ Die großen Kriege der Menschheit Tropfen Tropfen/Auf den heißen Stein/Die Schrecken des Wachstums/Das Verbrechen der Liebe das uns zu Paaren treibt/Und den Planeten zur Wüste macht durch Bevölkerung."

Eine Hörspielfassung von "Germania3" gibt's beim DlfKultur.

Weiteres: Die Nachtkritik zeigt in ihrem Theaterstream Mary Shelleys "Frankenstein" in einer Inszenierung von Jan-Christoph Gockel und "Grundgesetz" von Marta Gornicka.
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Archiv: Bühne

Architektur

Bruno Tauts Schillersiedlung in Berlin-Wedding © Marbot / Creative Commons

Das Neue Bauen der zwanziger Jahre erschöpfte sich nicht im rechten Winkel und flachen Dach, mahnt Jürgen Tietz im Tagesspiegel, es machte hygienisches Wohnen auch für Arbeiter und Arbeiterinnen erschwinglich: fließendes Wasser, funktionierende Sanitäreinrichtungen und Grün in der Stadt: "Das Drama, das sich derzeit in New York abzeichnet, macht deutlich, dass vor allem die Bewohner der Metropolen vom Virus bedroht sind, in den dicht auf dicht gearbeitet, gewohnt, geliebt wird... Allzu unkritisch haben die urbanen Verdichtungsjünger und Aufstockungsprophetinnen das hohe Lied der steinernen städtischen Plätze in den verdichteten Städten gesungen. Wie unverzichtbar aber eine aufgelockerte und durchgrünte Stadt für das Wohlbefinden der Bevölkerung ist, wie unverzichtbar innerstädtische Parks mit Rasenflächen und Bäumen sind, das erschließt sich spätestens bei der nächsten Pandemie. Bis dahin bleibt hoffentlich genügend Zeit, um vom Erbe der Moderne zu lernen."

In der NZZ schreibt Sabine von Fischer zum Tod des Schweizer Architekturpioniers Justus Dahinden.
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Film

In der NZZ verteidigt Sarah Pines ganz energisch Woody Allens umstrittene Autobiografie "Ganz nebenbei", "ein kostbares, schönes, nostalgisches Buch", an dem ihr vor allem jene Passagen ganz besonders gut gefallen haben, "die Allens ärmliches Familienleben in Brooklyn beschreiben, die Ausflüge als Junge an den Times Square und den Traum aller Träume." Auch auf die Kritiker des Bandes, die sich im Ton teils erheblich vergreifen, kommt Pines zu sprechen: Bei nicht wenigen davon handle es sich "kaum mehr um Buchkritiken, sondern um die Schimpferei jener Leute, die Intellektualität und Analysekraft durch den erhobenen Zeigefinger ersetzt haben".

Wie gehen Cinephile mit Corona um? In der Berliner Zeitung rät Philipp Bühler zu Alain Resnais' Klassiker "Letztes Jahr in Marienbad", dem passgenauen Klassiker für diese Tage: "Zwischen trauriger Isolation und gedankenloser Vermassung gibt es nur wenige Filme, die unserem gegenwärtigen Dazwischen eine Form geben." Im Filmdienst sucht Arne Koltermann derweil Corona-Trost in den weiten Landschaften der Roadmovies, um dem Stillstand des Alltags zu entfliehen: "Kino heißt Kinesis heißt Bewegung. Sie veranschaulichen zu können, war der Unique Selling Point des frühen Films."

Außerdem: Im SZ-Interview bewirbt der Münchner Unternehmer Tobias Queisser eine von ihm angebotene Software, die es angeblich gestatte, aufgrund von Parameter-Analysen den wirtschaftlichen Erfolg geplanter Filmprojekte vorherzusagen. Besprochen werden die HBO-Serie "Run" (Presse) und der auf DVD erschienene Disneyfilm "Die Eiskönigin 2" (taz).
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Musik

Auf seinem neuen Album singt Swamp Dogg "für all diejenigen, die der Materialismus des zeitgenössischen Pop und R'n'B oft ausschließt", schreibt Jonathan Fischer in der NZZ sichtlich ergriffen von dieser Begegnung von Country und Soul. Kurz: Dieses Album ist "ein postmoderner Southern-Soul-Klassiker. Und eine Erinnerung daran, wie schwarz Country schon immer war." Im Stück "Memories" singt er gemeinsam mit dem kürzlich verstorbenen John Prine, was für Fischer "wie der wehmütige Rückblick zweier alter Männer klingt, deren Stimmen sich am Ende, wenn der Song in der Art beschädigter Tonbänder zu wabern und zu rauschen beginnt, in Vergessenheit zu verlieren scheinen."



Weiteres: Wenn die Corona-Krise auch ihr Gutes haben sollte, dann vielleicht, dass wir den Wert der Musik wiederentdecken, meint Laurenz Lütteken in der NZZ. Besprochen werden neue Alben von Yves Tumor (Standard, mehr dazu bereits hier), den Strokes (Berliner Zeitung), des Duos Carolin No (Berliner Zeitung) und James Taylor (FAZ) sowie weitere Popveröffentlichungen, darunter Lido Pimientas "Miss Colombia", das SZ-Popkolumnistin Annett Scheffel eine "unbedingte" Empfehlung wert ist. Wir hören rein:

Archiv: Musik