Efeu - Die Kulturrundschau

Utopie aus Luft und Nächstenliebe

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.04.2020. Die Berliner Zeitung wirft der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres vor, die Leiter der Staatlichen Ballettschule nicht gegen Verleumdungen zu verteidigen. ArtReview folgt einer Einladung zur Morgendämmerung im Berliner Gropiusbau. In der FR erklärt der rumänische Schriftststeller Radu Vancu, warum jetzt der Moment ist, Schischkin, Okudjava, Gaddis und Proust zu lesen. Die SZ faltet sich eine Wohnung. Die taz stellt das neue Cybertheater vor.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2020 finden Sie hier

Bühne

Während viele große Theaterhäuser gerade erstmals das "Neuland" Internet betreten (mehr), sind einige freie Theaterkünstler schon weiter, erzählt Tom Mustroph in einem überaus lesenswerten, mit vielen interessanten Links versehenen Artikel in der taz. Zum Beispiel die Berliner CyberRäuber mit einem "CyberBallett": "Im Motion-Capture-Verfahren aufgezeichnete Bewegungssequenzen des Tänzers und Choreografen Ronni Maciel werden dabei in den virtuellen Raum verlagert. 'Das Publikum kann in diesem virtuellen Raum anwesend sein mit einem Avatar. Es hat die räumliche Erfahrung und kann auch mit den anderen Avataren interagieren', blickt Björn Lengers, einer der CyberRäuber, auf das Erlebnis voraus." Kleines Problem dabei: "die Plattform VRChat, die sie nutzen, läuft nicht auf Apple-Rechnern - das Gros der theateraffinen Gemeinde verbringt sein digitales Leben aber auf genau dieser Basis. Lengers und Karnapke müssen also für Brückentechnologien sorgen. Echte Pionierarbeit."

Hier ein Ausschnitt aus "Der Geisterseher", eine Koproduktion der CyberRäuber mit dem Nationaltheater Mannheim und dem Kunstfest Weimar, Juni und August 2017:



In der Berliner Zeitung nimmt Birgit Walter den Skandal um die Staatliche Ballettschule in Berlin unter die Lupe: Die Suspendierung der Leitung ist einer Intrige zu verdanken, meint sie und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD): "Statt die schaurigen Dossier-Vorwürfe sofort aufzuklären, ließ sich die Senatorin fast sechs Wochen treiben von diesem unseriösen Papier, das schäumende Reaktionen unter Bildungspolitikern und Journalisten provozierte. Ließ Verleumdungen freien Lauf. Bis heute, drei Monate nach Eintreffen des Dossiers, hält es Scheeres nicht für nötig, die beiden Schulleiter zumindest anzuhören. Sie lässt die Spitzenkräfte fallen, wohl, um sich selbst aus der Schusslinie der Kritik zu nehmen."

Die nachtkritik unterhält sich mit den Theaterautoren Maria Milisavljević und David Gieselmann, die beide zu einer Gruppe von Autoren gehören, die sich über den Wunsch nach Veränderungen des Theaterbetriebs gegründet hat. Neben Fragen wie Altersdiskriminierung und Honorarverträge deutet sich auch ein ganz anderes Verständnis von Zusammenarbeit am Theater an. Maria Milisavljević: "Ich habe in einem Interview von Mario Salazars Arbeit innerhalb des Autor*innenprogramms im Berliner Ensemble gehört. Da hieß es, ihm sei von der Regie kommuniziert worden, dass sein Text kein demokratisches Arbeiten zulasse. ... Mich hat das gewundert, weil ich selbst meine Texte gar nicht als autoritäre Geste empfinde, sondern als ein Angebot, über das ich mich mit dem künstlerischen Team austauschen will. Wenn denen die Szene nicht gefällt, bin ich immer bereit, eine neue zu schreiben. Ich heiße auch jede Strichfassung eigentlich immer willkommen, weil ich sie als Verschärfung des künstlerischen Blicks durch eine andere Person verstehe."

Weitere Artikel: In der Welt schreibt Manuel Brug zum Tod des Opernintendanten Peter Jonas, in der SZ schreibt Wolfgang Schreiber. Und: der Online-Spielplan der nachtkritik.
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Literatur

Schischkin, Okudjava, Gaddis, Proust - es sind diese Autoren, die "unfassbar poetische Romane" geschrieben haben, zu denen der rumänische Schriftststeller Radu Vancu derzeit mit Vorliebe greift, wie er im Gespräch mit der FR erklärt: "Das sind Bücher mit einer solchen Masse von Zeit und Schönheit, deren Gravität praktisch unendlich ist, unsere einsamen Tagen kreisen sozusagen um ihr Zentrum, ihren Kern aus schwerem Metall und leuchtendem Gas, das uns in unsichtbaren Spiralen zu einem Ausgang führt."

Für die FAZ wirft die Schriftstellerin Valerie Fritsch einen melancholischen Blick aus ihrem "Fenster zur Welt". Sie beobachtet eine Inflation der "wilden Ideen. ... Es wäre ein guter Augenblick für kluge, umsichtige Gedanken, resiliente, möglichkeitsreiche Anpassungsleistungen, während die Ideologen nur ihre Chance auf radikale Kehrtwenden wittern. Die einen warten auf den starken Überwachungsstaat, die anderen auf eine Utopie aus Luft und Nächstenliebe."

Lawrence Wright schreibt Drehbücher für Hollywoodthriller und hat jetzt einen Pandemie-Roman vorgelegt. Den sieht er von der Realität fast schon überholt, sagt er im SZ-Interview: "Ich mag es nicht, wenn die Leute mit dieser Prophetengeschichte kommen, denn das bin ich nicht. Ich bin jemand, der recherchiert. Was ich mag, ist, klugen Leuten Fragen zu stellen. ... In meinem Buch 'The End of October' beschreibe ich, wie drei Millionen Menschen in Mekka in Quarantäne sitzen. Ich dachte beim Schreiben noch, geht das nicht etwas zu weit? Aber dann kam die Quarantäne in Wuhan. Meine eigene Fantasie hätte dafür nicht gereicht."

Besprochen werden unter anderem Cécile Wajsbrots "Zerstörung" (Tell), Jeanine Cummins' "American Dirt" (Standard), Peter Michalziks "Der Dichter und der Banker. Friedrich Hölderlin, Susette und Jacob Gontard" (FR), Mariam Kühsel-Hussainis "Tschudi" (Standard), Philippe Murays "Das Reich des Guten" (Zeit), Peter Walthers "Fieber. Universum Berlin 1930-1933" (taz) sowie neue Gedichtbände von Lina Fritschi und Philippe Jaccottet (NZZ).
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Kunst

Lee Mingwei, Sonic Blossom, 2013/20 (installation view Gifts and Rituals, Gropius Bau Berlin 2020). Foto: Laura Fiorio


Eigentlich wollte der taiwanesische Künstler Lee Mingwei am 27. März seine Ausstellung "Geschenke und Rituale" im Martin Gropius Bau eröffnen. Daraus wurde nun nichts. Dafür hat er zwei digitale Ersatzprogramme entwickelt, berichtet Adelina Chia in der ArtReview: "Das erste, 'Einladung zur Morgendämmerung', sieht einen Termin mit einer Opernsängerin vor, die dem Zuhörer per Videokonferenz eins zu eins ein von der Sängerin ausgewähltes Lied vorsingt, das den Beginn eines neuen Tages ankündigt. (Buchen Sie hier einen Termin) Das zweite ist 'Brief an mich selbst', in dem die Mitwirkenden eingeladen werden, Briefe an sich selbst zu schreiben und diese an den Gropius Bau zu schicken, wo sie in der Ausstellung gezeigt werden. (Weitere Einzelheiten zur Teilnahme finden Sie hier)." Im Interview mit der ArtReview plaudert Lee Mingwei außerdem über das Leben im coronageplagten New York und über seine Installation "Our Peaceable Kingdom", die er im Rahmen seiner Ausstellung zeigen wollte.

Weitere Artikel: Hans Ulrich Obrist, Leiter der Serpentine Gallery in London, hat dazu aufgerufen, der gebeutelten Kulturwelt mit einem Programm auf die Beine zu helfen, wie Franklin D. Roosevelt es einst im Rahmen des New Deal tat, berichtet Frauke Steffens in der FAZ.
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Stichwörter: Lee Mingwei, Mingwei, Lee

Film

Heute wird der Deutsche Filmpreis verliehen und zwar per Live-Übertragung im Fernsehen, mit zahlreichen Live-Schalten, aber ohne Publikum im Saal - und das "ausgerechnet zum 70. Geburtstag", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Eine logistische Herausforderung: "Nur drei Wochen hatte die künstlerische Leiterin Sherry Hormann Zeit, ein neues Konzept auszuarbeiten. Ein TV-Event mit 105 Live-Schalten, in die Wohnzimmer aller Nominierten, hat es im deutschen Fernsehen noch nie gegeben."

Wegen Corona und daher verschobenen Kinostarts sind auch zahlreiche Filme nominiert, "denen der Rückenwind des Publikums fehlt", schreibt Frank Junghänel in der FR. Christiane Peitz hat für den Tagesspiegel ein großes Gespräch mit Edgar Reitz geführt, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird. Außerdem porträtiert Cornelia Geißler in der Berliner Zeitung Helena Zengel, die für einen Preis nominierte elfjährige Hauptdarstellerin aus "Systemsprenger".

In den USA, aber auch in Deutschland zeigen sich bereits wirtschaftliche Erfolge von Kinotiteln, die coronabedingt - und zu erhöhten Preisen - direkt per Video on Demand ausgewertet wurden. In Deutschland gab es dagegen wenig Protest, da man die Kinos beteiligt hatte, in den USA hingegen stecken sich die Studios den Umsatz - mit Titeln, die viele Kinos vorab noch beworben hatten - in die eigenen Taschen. "Die Kinos fürchten Präzedenzfälle, die das heikle Gleichgewicht auf dem Kinomarkt nach der Corona-Krise verändern könnten", schreibt dazu Tobias Kniebe in der SZ. "Schon länger drängen die Studios, Produzenten und Rechteverkäufer darauf, die Zeit zu verkürzen, in der ein Film den Kinos exklusiv zur Verfügung steht - in den USA traditionell neunzig Tage, nach den deutschen Förderrichtlinien mindestens vier oder fünf, regulär aber sechs Monate."

Weitere Artikel: Die deutschen Kinobetreiber haben bei den Behörden einen umfangreichen Katalog mit selbstverpflichtenden Maßnahmen eingereicht, um möglichst bald wieder öffnen zu können, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt. Unter anderem soll beim Ticketverkauf mit freibleibenden Sitzen für Abstand zwischen den Leuten gesorgt werden. Das dürfte frühestens bei der Suche nach dem eigenen Sitzplatz, spätestens beim Gang zum Klo während des Films für einige Abstands-Verrenkungen sorgen. Matthias Penzel erzählt in der taz die Geschichte des Autokinos, das derzeit einen kleinen Boom erlebt. Besprochen werden Ziad Doueiris von Arte online gestellte Mini-Serie "Aus der Spur" (online nachgereicht von der FAZ) sowie Jacqueline Audrys "Olivia" aus dem Jahr 1951, der noch bis Juli auf Arte zu sehen ist, und Łukasz Rondudas und Maciej Sobieszczańskis derzeit im Arsenal 3 abrufbarer Film "The Performer" (Perlentaucher).
Archiv: Film

Architektur

Lebenszyklus Szenario: Einfamilienhaus - min_max haus - Geschosswohnungsbau. Bild: BARarchitekten

In der Süddeutschen lässt sich Laura Weissmüller von einigen Architekten erklären, warum der Wohnungsbau heute oft nicht mehr die Bedürfnisse der Bewohner erfüllt: Zu unterschiedlich sind die Ansprüche geworden, um an einem Standardtyp festzuhalten. Flexibilität ist das neue Zauberwort, lernt sie zum Beispiel in den Berliner Räumen von ARCH+, die erst Büro sind, dann Salon und am Ende des Tages Privatwohnung für ein Paar: "Das funktioniert, weil jeder Raum unglaublich flexibel ist, Falt-Klapp-Türen besitzt und von mindestens zwei Seiten begehbar ist. Die Bereiche Wohnen und Arbeiten können beliebig und nur mit ein paar Handgriffen vergrößert oder verkleinert werden, etwa dank Klappbett und minimierbarem Bad. Eine Wohnung wie eine Wendejacke." Mehr dazu bei PPAG Architekten, BARarchitekten, Peter Neumann (hier und hier) und dem Arch+ Space.

In der taz spürt Bettina Maria Brosowsky den Wandlungen des Büros nach, die es im 20. Jahrhundert durchlebte: von der drögen Schreibtischanreihung (wie sie noch Billy Wilders "The Apartment" vorführt) bis zum heutigen flexiblen "Spaßbüro". Brosowsky bereitet dieser Unernst leichte Bauchschmerzen: "Erodiert in diesem permanenten Freizeitgegaukel nicht die Seriosität, die Würde einer Tätigkeit? Und damit das Verantwortungsgefühl fürs eigene Tun in einem globalen Wirtschaftssystem, dessen Verlierer wir, auch in Europa, gerade erleben? Sollte nicht nach dem Corona-Lockdown, wenn sich all die Innovationscampi wieder füllen, endlich die Zeit gekommen sein, für eine andere Welt, für anderes Arbeiten, zu streiten?" In einem Klosterraum?
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Musik

Den neuen (auf der Website der Band herunterladbaren) Ambient-Alben von Trent Raznors Projekt Nine Inch Nails kann man folgen wie Beethovens "Pastorale"-Sinfonie, lobt Juliane Liebert in der SZ, ziemlich angetan vom modrig-morbiden Charme im Geiste auditiver Melancholie. Man könne glatt glauben, den passenden Soundtrack zur Coronakrise gefunden haben. Doch dann denkt sie: "Umgekehrt wird eher eine Erkenntnis draus: Welchen Einfluss hat eigentlich unsere Prägung durch (Horror-)Film-Musik, düsteren Pop und apokalyptische Fiktionen in Literatur, Kino und Computerspielen auf die derzeitige Haltung zur realen Krise? Ist es nicht zu einer Art lustvollem Spiel geworden, die Realität nach den Formen, die uns unsere kulturelle Erfahrung diktiert, in dystopisches Licht zu tauchen?"

Weiteres: Die afrikanischen Länder waren bislang eher keine Hotspots der Coronakrise. Dennoch wappnet man sich dort gegen das, was noch kommen mag - mit Folgen für die aufstrebende Musikszene, die auf den europäischen Markt angewiesen ist, schreibt Ole Schulz in der taz. Thomas Schacher berichtet in der NZZ von der Lage beim Tonhalle-Orchester. Besprochen wird Fiona Apples Comeback-Album (Standard, taz).

Und: Was Tocotronic kann, können die Rolling Stones schon lange: Sie haben einen Corona-Song veröffentlicht - den ersten neuen Song der Band seit acht Jahren, im übrigen. Und das Video ist vom Tocotronic-Video motivisch gar nicht so weit weg: "Living in a Ghost Town":

Archiv: Musik