Efeu - Die Kulturrundschau

Von ihrem brillanten Geist bis zu ihrer vorzüglichen Leber

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25.04.2020. Friedrich Christian Flick zieht seine Kunstsammlung aus Berlin zurück. Glücklich macht das nur die Investoren der CA Immo AG, die Kunstkritiker sind vom Abzug der Sammlung ebenso entsetzt wie seinerzeit von ihrer Ankunft. Die NZZ spiegelt sich in den Hauts-de-France in einem Betonbunker der Nazis. Zeit online hört die Krise der Männlichkeit im Rap von Ufo361. Die FAZ hat genug von den Entschuldigungsstrategien für deutsche Kriegsverbrechen in der Serie "Das Boot". Die Berliner Zeitung freut sich auf das Theatertreffen, auch wenn es in diesem Jahr im Internet stattfindet.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2020 finden Sie hier

Kunst

Was uns statt der Rieckhallen erwartet: mediokre Neubauten am "Kunstcampus" in Berlin Mitte. Foto: Thierry Chervel


Vorne baut man neu (das Museum für moderne Kunst) in Berlin, hinten reißt man ab. Friedrich Christian Flick zieht seine Sammlung moderner Kunst aus dem Museum Hamburger Bahnhof ab, wenn sein Leihvertrag mit dem Museum im Herbst 2021 abläuft. Der wiederum läuft aus, weil auch der Mietvertrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz für die Rieck-Hallen, in denen die Sammlung Flick untergebracht war, ausläuft. Das Grundstück hatte 2003 die österreichische CA Immo AG von der Deutschen Bahn erworben. Sie will die Riekhallen, die Flick für acht Millionen Euro renoviert hatte, abreißen und Wohnblocks bauen. "Der Weggang der Flick Collection muss als weiterer Beleg für den sukzessiven Wandel der Kreativstadt Berlin in eine Investorenhochburg gesehen werden", ärgert sich Nicola Kuhn im Tagesspiegel. "Damit stellt sich die Frage, warum die Preußenstiftung und der Bund nicht früher die Zeichen der Zeit erkannt und durch Ankauf zumindest die Rieck-Hallen gesichert haben. Der Abriss jener weiter vorne gelegenen Kompartmente, in denen Thomas Demand, Olafur Eliasson und Tacita Dean ihre Ateliers hatten, um Platz für die 'Europacity' zu schaffen, fand bereits vor sieben Jahren statt. Ihre mediokren Neubauten standen als sichtbare Warnung direkt vor der Tür."

In der taz erinnert Brigitte Werneburg daran, dass die Sammlung anfangs (unsere Resümees, bitte zurückblättern bis 2006) ganz schön umstritten war, "weil der Sammler mit der Leihgabe seinen Familiennamen 'auf eine neue und dauerhaft positive Ebene stellen' zu können glaubte und zugleich ablehnte, sich am Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter zu beteiligen. Mit Zwangsarbeit hatte der Konzern in der NS-Zeit viel Geld verdient. Diese Kalkulation ging nicht auf. Friedrich Christian Flick zahlte schließlich in den Fonds ein. Und er gründete die F. C. Flick Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz. So skeptisch man der Kunstsammlung erst einmal entgegenschaute - war doch nichts über sie bekannt -, so angenehm war man von ihrer Qualität überrascht, als sie in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert wurde." Immerhin hat Flick Berlin zum Abschied noch zwei großzügige Schenkungen übergeben.

Der "Finger im Buch" ist ein, wenn auch nicht häufiger Topos in der Porträtmalerei. Der Leipziger Philosoph Ulrich Johannes Schneider hat ein Buch darüber geschrieben. Und Lothar Müller (SZ) lernt daraus eine Menge übers Lesen: "Er ist ein Widerhaken, der die Vorstellung des Versinkens im Buch, der Koppelung von Intensität und ununterbrochenem Lesen herausfordert. Er steht für die unterbrochene Lektüre, als ein organisches Lesezeichen, das die Stelle markiert, an die Lektüre fortgesetzt werden kann, und zugleich in der Unterbrechung die körperliche Verbindung von Leser und Buch aufrechterhält."

Besprochen werden ein Bildband mit DDR-Tableaus aus den 80ern des westdeutschen Fotografen Udo Hesse (Berliner Zeitung) und ein Bildband der Berliner Künstlerin Daniela Comani (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst

Film

Helena Zengel in "Systemsprenger", ausgezeichnet als beste Hauptdarstellerin

Gestern Abend wurde der Deutsche Filmpreis verliehen - mit insgesamt acht Lolas war Nora Fingscheidts "Systemsprenger" der absolute Abräumer des Abends (hier alle Preise im Überblick). Dass die im TV übertragene Verleihung unter Quarantänebedingungen so gut ablief, beeindruckt Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek immens: "Die Techniker des RBB im Ü-Wagen vor der Studio-Tür leisten eine Herkules-Arbeit; acht Leitungen können sie gleichzeitig schalten, aber im Lauf des Abends müssen sie Bildverbindungen in rund 100 Wohnzimmer herstellen. ... Es ist das weltweit wohl ehrgeizigste Corona-Live-Projekt, wesentlich komplexer als Lady Gagas "One World"-Schalte. Fast alles geht gut."

Eher Bauchschmerzen hat Bert Rebhandl in seiner online nachgereichten FAZ-Kritik der zweiten Staffel von "Das Boot". Ein Problem ist schon allein, dass die Serie das klaustrophobische Setting zum Weltkriegs-Panorama ausweitet, bis "man sich unwillkürlich fragt: Moment, stimmen denn hier die Verhältnisse noch? Wo bleibt das Verbrecherische am deutschen Krieg?" So zeige sich hier vor allem eine Modernisierung "der alten Entschuldungsstrategie, dass die Wehrmacht (und die Marine) zwar den Krieg führte, dass es aber nicht (oder nur durch einen unausweichlichen Eid) 'ihr' Krieg war. So entkommt 'Das Boot' zwar der Logik, dass die Deutschen in Kriegsfilmen eben die Schurken sind, aber findet in der weltweiten strategischen Aufstellung trotzdem keine Form für Differenzierung. Es häufen sich nur implizite Aufrechnungen." ZeitOnline-Kritiker Christoph Schröder findet die Serie vor allem langweilig, auch seien die darin versammelten Codes von Männlichkeit recht schlecht gealtert. Einfach begeistert ist hingegen Elmar Krekeler in der Welt.

Außerdem: In der FAZ gratuliert Maria Wiesner dem Hollywoodregisseur Richard Donner zum 90. Geburtstag. "Von ihm kam einst das fieseste Nein der Kinogeschichte", schreibt Fritz Göttler in der SZ über Al Pacino, der heute 80 Jahre alt wird. Weitere Glückwünsche entbieten Alexandra Seitz (Berliner Zeitung), Andreas Scheiner (NZZ), Andreas Busche (Tagesspiegel) und Verena Lueken (FAZ).

Besprochen werden Nathaniel Halperns auf Amazon veröffentlichte Science-Fiction-Serie "Tales from the Loop" ("Es wirkt ein wenig so, als hätten sich Ridley Scott und Ingmar Bergman darauf eingelassen, gemeinsam eine Crossover-Episode ihrer jeweiligen kinematografischen Welten zu drehen", verspricht Florian Schmid im Freitag) und die Serie "Righteous Gemstones" (Freitag).
Archiv: Film

Architektur

Wer an der Küste Nordfrankreichs spazieren geht, stößt immer wieder auf Überreste der Betonbunker, die die Nazis für ihren Atlantikwall errichteten. Sie wurde zwar zumeist von Bomben zerstört, aber selbst die Überreste sind zu massiv, um sie einfach zu beseitigen. Georg Renöckl hat die Küste für die NZZ erkundet und stieß dabei auch auf die Anlagereste bei Leffrinckoucke, zwischen Dunkerque und der belgischen Grenze. Hier hat der Künstler Bertrand Seguin, der in den Bunkeranlagen als Kind gespielt hatte, Spiegelscherben auf ein Betonblockhaus am Rand der Dünen geklebt: "Seguin wollte seiner Heimat zu neuem Selbstbewusstsein und einem neuen Wahrzeichen verhelfen. Stück für Stück verschwand das finstere Nazi-Blockhaus hinter einer vielfach gebrochenen spiegelnden Oberfläche. ... Der scheinbar rigide und unveränderliche Block wirkt mit einem Mal lebendig und wechselt ständig sein Äußeres, an die Stelle der Robustheit des Betons ist die Zerbrechlichkeit der Spiegel getreten. 'Réfléchir', was 'Widerspiegeln', aber auch 'Nachdenken' bedeutet, nennt Seguin sein Kunstwerk, das die düsteren Zeitzeugen an der Küste überstrahlt, ohne den Betonkoloss von einst dafür völlig zum Verschwinden gebracht zu haben."

Die Proteste gegen den geplanten Abriss des brutalistischen Berliner "Mäusebunkers" und des Hygiene-Instituts haben erst mal gefruchtet, berichtet Ronald Berg in der taz. "Die Kampagnen für den Mäusebunker haben inzwischen dazu geführt, dass auch die Charité nun erst mal einen Ideenworkshop veranstalten will, wie der Standort an der Krahmerstraße zukünftig überhaupt zu entwickeln sei. Abrisse sind derweil ausgesetzt. Zusammen mit dem Senat und Landesdenkmalamt suche man nach möglichen Lösungen und Kompromissen zum Erhalt der plötzlich so hochgeschätzten Architekturikonen."
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Archiv: Architektur

Literatur

Die 1881 geborene, 1929 gestorbene Schriftstellerin Mary MacLane, die sich gerade dank der Wiederveröffentlichung ihres Tagebuchs wiederentdecken lässt, war "ein Genie, wie die Welt noch keines gesehen hatte", schwärmt Hubert Spiegel in der FAZ: "Alles an ihr war bewunderungswürdig, von ihrem brillanten Geist bis zu ihrer vorzüglichen Leber, der sie eine längere Passage ihres Buches widmete. ... Sie hatte viele Gründe, ein Buch zu schreiben. Die wichtigsten lauten Einsamkeit, Verzweiflung, Übermut, Ehrgeiz, Glücksverlangen und Ruhmsucht. Ihre Aufzeichnungen beginnen am 13. Januar 1901 und enden nach exakt drei Monaten am 13.April desselben Jahres. Das Buch wird ein Bestseller, seine Autorin eine Berühmtheit. Der Form nach handelt es sich um ein Tagebuch, ein Stück Memoirenliteratur; sie selbst bevorzugt eine andere Bezeichnung: 'Da haben Sie nun meine Darstellung', heißt es im Geleitwort, das sie selbst verfasst: 'Es ist das Dokument von drei Monaten Nichts.'

Für die FAZ schlägt der Literaturwissenschaftler Friedhelm Marx nach, mit welchen Polemiken Thomas Mann in der nationalen und nationalistischen Presse in den letzten Jahren der Weimarer Republik übersät wurde: Sie "berufen sich durchweg auf eine junge, reine, deutschnational gesinnte Generation und zeigen bereits das ganze Arsenal robuster Gewalt- und Tötungsfantasien der nationalsozialistischen Propaganda einschließlich ihrer rassistischen, antisemitischen Abwertungsmuster."

Weitere Artikel: Im Interview mit der Literarischen Welt spricht Hilary Mantel über ihren neuen Roman "Spiegel und Licht" und über Thomas Cromwell. Roman Herzog und Heike Brunkhorst porträtieren im Literaturfeature des Dlf Kultur die Schriftstellerin Aslı Erdoğan. Im Literaturfeature für BR2 befasst sich Bernhard Setzwein mit dem Schriftsteller Werner Fritsch.

Besprochen werden unter anderem Uwe Tellkamps "Das Atelier" ("ein Dokument der Ödnis, zu der Literatur wird, wenn sie nur Vorwand für die Produktion von Diskurseffekten sein soll", schreibt Matthias Dell in Texte zur Kunst), Marina Frenks "ewig her und gar nicht wahr" (taz), Noah Van Scivers Comic "Fante Bukowski" (Jungle World), Thomas Wolfes "Eine Deutschlandreise. Literarische Zeitbilder 1926-1936" (taz), Astrid Schilchers "Der Alpendiktator und Menschenfreund" (Presse), Benjamin Quaderers "Für immer die Alpen" (Tagesspiegel), Ulrich Johannes Schneiders "Der Finger im Buch. Die unterbrochene Lektüre im Bild" (SZ) und Volker Ullrichs "Acht Tage im Mai. Die letzte Woche des Dritten Reiches" (Literarische Welt).
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Bühne

Das Berliner Theatertreffen findet dieses Jahr im Internet statt, berichtet Petra Kohse in der Berliner Zeitung. Das ist natürlich nur ein Ersatz, aber sooo schlecht ist der gar nicht: "Wenn das 57. Berliner Theatertreffen jetzt also virtuell stattfinden finden wird, mit sechs Aufführungs-Aufzeichnungen samt den üblichen Künstlergesprächen zu den Inszenierungen, mit drei Online-Podien zum Thema Theater und Netz, einem Gespräch über Körper und Digitalität und natürlich der abschließenden Jurydiskussion, dann ist das insbesondere für theaterliebende Quarantäne-Profis ein beachtliches und zudem kostenloses Paket, das die Interessierten noch immer nicht räumlich, aber zumindest zeitlich zu einer vorgestellten Gemeinschaft zusammenbinden wird. Denn es gibt ein richtiges Programm, und die Angebote stehen auf der Online-Plattform Berliner Festspiele on Demand auch nur jeweils 24 Stunden zur Verfügung. Man muss also halbwgs pünktlich sein. Nur das Anstehen fällt weg."

In der FR stellt Sylvia Staude die Streamingangebote der großen Ballettcompagnien vor. Die nachtkritik streamt heute ab 18 Uhr Sarah Kanes "4.48 Psychose" in der Inszenierung von Kay Voges. Hier der gesamte Online-Spielplan der nachtkritik. In Berlin dürfen Theater-, Konzert- und Opernhäuser frühestens am 31. Juli wieder aufmachen: Nicholas Potter hört sich für die taz bei einigen um, wie sie mit der langen Schließzeit umgehen. In der nmz schreibt Wolf-Dieter Peter zum Tod des Münchner Opernintendanten Sir Peter Jonas, in der FR schreibt Stefan Schickhaus.
Archiv: Bühne

Musik

Offenbar ziemlichen Finanzberater-Rap legt Ufo361 auf seinem neuen Album "Rich Rich" vor, erklärt Daniel Gerhardt auf ZeitOnline: Zumindest finden sich darauf zahlreiche Hinweise zu Investitionen (Auto- und Modehäuser) und abendlichen Betätigungen (Geld zählen). Doch attestiert Gerhardt dem Album auch eine besondere Melancholie, geboren aus dem Geiste der Krise der Männlichkeit, wie sie Jens Balzer den Zehnerjahren attestierte: "Das Tolle an Ufo361 ist nicht, dass er diese These widerlegt, sondern vergeblich versucht, ihr zu entsprechen. ...  Bayraktar schreibt Liebeslieder, in denen er die Leere mit noch mehr Leere zu füllen versucht. Es wäre tragisch, wenn es nicht auch so schön wäre: Der Mann verzehrt sich romantisch nach Balenciaga und Fahrzeugtuning aus Bottrop, Kobe Bryant und Drinks, deren Namen mit frozen beginnen. Eigentlich will er aber nur herausfinden, wofür diese Platzhalter in seinen kulleräugig gesäuselten Texten wirklich stehen." Wir hören rein:



Weitere Artikel: Andreas Schäfler wirft für die NZZ einen Blick in die Volksmusik des Balkans. In der FAZ gratuliert Jan Wiele Giorgio Moroder zum 80. Geburtstag. Seine tolle Kollaboration mit Daft Punk bescherte dem Discopionier vor einigen Jahren ein sagenhaftes Comeback:



Besprochen werden Yves Tumors neues Album (taz, mehr dazu bereits hier) und ein Boxsext mit Probeaufnahmen von David Bowie (Pitchfork). Und Musik für einen entspannten Samstagmorgen: My Analog Journal legt für uns Raritäten auf Vinyl aus der Welt des türkischen Jazz auf.

Archiv: Musik
Stichwörter: Rap, Deutschrap, Ufo361, Zehnerjahre