Efeu - Die Kulturrundschau

Reizvolle Hybridphase

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11.05.2020. Die NYRB lernt von der japanischen Kunst in der Edo-Zeit, dass sich gerade in der Isolation Kreativität entfaltet. Nach dem virtuellen Theatertreffen wünscht sich die Berliner Zeitung nicht unbedingt mehr Streaming, aber mehr digitales Theater. In der FAZ wirft die Schriftstellerin Alawiya Sobh einen deprimierten Blick aus ihrem Beiruter Fenster. Der Guardian freut sich für die Athener über das nunmehr garantierte Recht auf einen unverstellten Blick zur Akropolis. Und die Musikkritiker rufen Little Richard ein zärtliches Whooo nach.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2020 finden Sie hier

Kunst

Suzuki Kiitsu: Kraniche, 1820-1825. Foto: Katya Kallsen/President and Fellows of Harvard College

Welch Kreativität in der Isolation sich entfalten kann, beweist nach Meinung von Tamar Avishai in der NYRB gerade das Harvard Art Museum, dessen Schau zur japanischen Kunst "Painting Edo" - irgendwie passend - gerade für niemanden geöffnet ist: "Um die Beudeutung der japanischen Edo-Periode ganz zu verstehen, die von 1600 bis 1868 dauerten, muss man sich ein Land vor Augen führen, das florierte, obwohl es vom Rest der Welt abgeschnitten war. Japan war während dieser Zeit, von ein paar holländischen Händlern abgesehen, komplett isoliert, und das nachhaltigste Erbe dieser Abschottung ist eine vielfältige und elegante Kunst, die diesem leidenschaftlich nach innen gerichteten Blick entsprang. Edo - damals Japans Hauptstadt, das heutige Tokio, um 1800 die größte Stadt der Welt - bedeutet zugleich einen Ort und eine Zeit, wie die Kuratorin der Ausstellung Rachel Saunders sagt. Japans frühe Moderne war eine Zeit der Verstädterung und Intellektualität, aber auch eine Periode des Friedens und des Wohlstands, was  eben auch zu einer reichen und lebhaften Kunstwelt führte, die sich selbst besang."

Weiteres: Nach dem angekündigten Abgang der Sammlungen Flick und Olbricht aus Berlin, greift Christiane Meixner im Tagesspiegel Meldungen auf, nach denen auch Julia Stoschek mit ihrer Medienkunstsammlung die Stadt verlassen will: "Stoschek etwa hat vielfach darauf hingewiesen, dass ihr Mietvertrag an der Leipziger Straße in wenigen Jahren ausläuft und sie auf neue Räume angewiesen ist. Oder wenigstens auf eine Perspektive." In der FAZ versucht sich Stefan Trinks zu erklären, warum ausgerechnet Lucas Cranach der Ältere auf seinem Altarbild der Johannespredigt Luthers Frau Katharina von Bora mit einer Atemmaske malte, wo doch gerade den Protestanten Unverstelltheit und Wahrheitserforschung so viel galt.

Besprochen werden die wieder geöffnete Ausstellung "Unsichtbarkeiten" von Ka Bomhardt, Angela Lubič und Oliver Oefelein in der Galerie im Körnerpark (taz) und eine Schau der Künstlerin Elisabeth Vary in der Galerie Kajetan (Tsp).
Archiv: Kunst

Literatur

Die Schriftstellerin Alawiya Sobh wirft für die FAZ einen Blick aus dem Fenster in Beirut. Sie erlebt eine Stadt in Aufruhr - und das obwohl die Luft so sauber ist wie seit Jahren nicht mehr. Insbesondere dass manche Menschen ihre Haustiere aussetzen und manche massenhaft Hunde vergiften betrübt sie. Auch "die häusliche Gewalt gegen Frauen nimmt gerade erschreckende Ausmaße an, auch Morde werden häufiger. Die Frau ist ja in normalen Zeiten häufig genug schon Sündenbock - wie ist es dann erst in Zeiten der Krise? Bemerkenswert ist auch das wilde Erteilen von Fatwas seitens einiger durchgeknallter, fundamentalistischer muslimischer Geistlicher in den sozialen Medien. Jeder von ihnen behauptet allen Ernstes, nur seine Gefolgschaft werde vom Coronavirus verschont, da sie von Gott beschützt werde, alle anderen Konfessionen jedoch würden erkranken. Wie zynisch. Wie albern."

Weitere Artikel: Für die Freitext-Reihe auf ZeitOnline liest der Schriftsteller Michael Ebmeyer bei dem russischen Naturforscher und Anarchisten Pjotr Kropotkin, wie sich die momentane Krise bewältigen lassen könnte. Im Literaturfeature von Dlf Kultur begibt sich Holger Teschke mit Mark Twain auf Weltreise.

Besprochen werden unter anderem Paula Irmschlers "Superbusen" (SZ), Oyinkan Braithwaites "Meine Schwester, die Serienmörderin" (Presse), Uda Strätlings Neuübersetzung von Ann Petrys 1946 veröffentlichtem Harlem-Roman "The Street" (Tagesspiegel), neue Bücher über Paul Celan (online nachgereicht von der FAZ), Julio Cortázars Erzählung "Südliche Autobahn" (Zeit), neue Krimis von Youngha Kim und Hideo Yokoyama (Freitag), Hans Joachim Schädlichs "Die Villa" (FR) und Jean-Philippe Toussaints "Der USB-Stick" (NZZ),

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans Christoph Buch über Anastasius Grüns "Poesie der Zukunft":

"Wo sie die wilde Schlacht geschlagen haben,
O lauscht nicht auf dem Feld nach Lerchensange!
..."
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Architektur

Im Guardian meldet Helena Smith, dass Griechenlands Oberstes Gericht den Einwohnern Athens das Recht auf einen unverstellten Blick zur Akropolis zugesteht. In einem heftig umkämpften Verfahren wurde nun ein Luxushotel dazu verdonnert, seine beiden obersten Stockwerke wieder abzureißen, auf denen es für seine Gäste eine sensationelle Terrasse eingerichtet hatte, die jedoch dem Rest des Bezirks Makriyianni die Sicht nahm.
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Archiv: Architektur

Bühne

Den Wunsch nach neuen Formaten nimmt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung vom virtuellen Theatertreffen mit, das am Wochenende zu Ende ging: "Ein wichtiger Erkenntnisfortschritt dürfte in diesem aus der Not geborenen Online-Jahr des Theatertreffens in jedem Fall darin bestanden haben, dass das Streamen von analogen Theaterproduktionen nicht zu verwechseln ist mit genuin digitalem Theater, dessen Liveness, Interaktion und auch physisch-emotionale Kopräsenz sich von den bisher exklusiv empfundenen Eigenschaften des alten Versammlungsortes Theater nur graduell unterscheiden. Um diese feinen, aber einschlägigen Unterschiede ging es in den so lebhaften wie wichtigen Zukunftsgesprächen, in denen eben auch die Generationenfrage eine Rolle spielt. Das schlichte Streaming - darin waren sich Regisseure wie Kritiker weitgehend einig - war in diesem Jahr nicht mehr als ein 'Notbehelf'."

Weiteres: Wenige Tage nachdem die Frankfurter Bühnen ihre Saison für beendet erklärt haben, erklärte Hessen, dass die Theater von sofort an wieder öffnen dürfen, berichtet Judith von Sternburg etwas konsterniert in der FR. Nachtkritiker Michael Laages testet mit Antje Thomas Inszenierung von Juli Zehs Gesundheitsdystopie "Corpus delicti" Drive-in-Theater auf dem Parkdeck des Theaters Göttingen. Und hier der Online-Spielplan der Nachtkritik.
Archiv: Bühne

Film

Zahlreiche Filmfestivals finden derzeit online statt und befinden sich somit in einer "reizvollen Hybridphase, mit der sich Praxis und Erscheinungsbild der Festivalwelt verändern werden", glaubt Claus Löser in der Berliner Zeitung: "Schon jetzt deutet sich an, dass der oft etwas hermetische, weil exklusive Festival-Kosmos paradoxerweise durch die Quarantäne an Transparenz gewinnen könnte."

Konventionell gefilmt, keine neuen historischen Erkenntnisse: Im Grunde genommen ist die russische Verfilmung von Gusel Jachinas Roman "Suleika öffnet die Augen", der von den Hungerjahren im Stalinismus handelt, kaum der Rede wert, meint Inna Hartwich in der NZZ. Dennoch stürzen sich Stalinisten, Kommunisten und russische Nationalisten darauf: "Manche sprachen von grundsätzlicher Russophobie. Dies ist ein fast schon reflexartiger Vorwurf im Land, wenn die traumatische Vergangenheit der Menschen, vor allem mit den Formen der Kunst, hinterfragt wird. Da die Erzählungen für eine bessere Zukunft fehlen, erliegt man den Mythen der Vergangenheit."

Außerdem: Fritz Göttler empfiehlt in der SZ zwei Filme von Jacques Becker, die derzeit beim Streamingdienst mubi zu sehen sind. Besprochen werden Andrea Di Stefanos auf DVD erschienener Thriller "The Informer" (taz), die lose auf Deborah Feldmans gleichnamigem Memoir basierende Netflix-Serie "Unorthodox" (NZZ), Nadia Hallgrens Netflix-Doku "Becoming" über Michelle Obama (Tagesspiegel) und Franziska Meyer Price' Netflix-Film "Berlin, Berlin" (SZ, Berliner Zeitung).
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Musik



Große Trauer um Little Richard, der im Alter von 87 Jahren gestorben ist. "Mit 'Awop-bop-a-loo-mop-alop-bam-boom!' entschlüsselte er die DNA des Rock'n'Roll", schreibt Karl Fluch im Standard. Heute würde man ihn wohl einen Disruptor nennen, meint Joachim Hentschel auf Zeit Online: Er "injizierte der zuvor oft noch eher behäbig dahintapsenden Teenager-Unterhaltung den Sexrhythmus, die schweinischen Wörter, die teilweise noch von hastig angeheuerten Co-Autoren leicht abgemildert werden mussten. Er brachte Gefahr in ein zuvor noch halbwegs sicher geglaubtes Terrain. Er trieb es bunt auf der Bühne, er schwitzte und schnaubte und zappelte so, wie es singende Klavierspieler eigentlich rein physiologisch gar nicht können. Und katapultierte damit den afroamerikanischen Rhythm'n'Blues (...) mit solch verzehrendem Elan in die Fernseh- und Radiosendungen hinein, die weiße Teenager sahen und hörten, dass alle Warnungen von Eltern und Lehrern über Nacht mehr oder weniger hinfällig wurden."



Zwei Jahre in den Fünfzigern genügten Little Richard um die Popmusik für immer zu verändern und zu prägen: "Ohne Little Richard hätten sich Mick Jagger, David Bowie, James Brown, Prince und Freddie Mercury nach einem anderen androgynen Showmaster empfinden, bewegen, schminken müssen. Die Beatles hätten die Falsett-Schreie ('Whooo!') und Michael Jackson nicht das synkopische Brunftkieksen kopieren können", erklärt Uwe Schmitt in der Welt. Willi Winkler überschlägt sich in der SZ geradezu: Little Richard, "tatsächlich klein, aber vor allem schwul wie ein verrücktes Sumpfhuhn und schwarz wie die finstre Nacht, war eine Erleuchtung, wie sie sonst nur in der Bibel (Vol. 1) möglich ist. Halb Mensch, halb Teufel und ganzer Rumpelstilz, kobolzte er auf der Bühne, warf glühende Blicke ins Publikum und schindete seine Stimmbänder so erbarmungslos, dass in drei Jahren achtzehn Hits zusammenkamen." Weitere Nachrufe in NZZ, FAZ, taz, Berliner Zeitung und FR.

Außerdem: Marcus Stäbler schreibt in der NZZ über die Lage der Chöre in der Coronakrise. Bob Dylan hat mittlerweile seinen dritten neuen, in kurzer Folge veröffentlichten Song auf Youtube gestellt und außerdem für Juni ein neues Album angekündigt, erfahren wir von Thomas Kramar in der Presse. In der FAZ spricht Anne-Sophie Mutter ausführlich über Beethovens Tripelkonzert, das sie erstmals vor 40 Jahren und jetzt wieder aufgenommen hat. Evan Minsker schreibt auf Pitchfork einen ersten Nachruf auf die Soulsängerin Betty Wright. Ihr größer Hit war "Clean Up", ein feministischer Soulsong:



Besprochen werden ein von Daniel Barenboims vor leerem Saal dirigiertes Konzert zu 75 Jahren Kriegsende (SZ, Berliner Zeitung), Julia Marcells Album "Skull Echo" (Tagesspiegel) und weitere neue CDs, darunter Christophe Roussets Aufnahme von Antonio Salieris "Tarare" mit dem Ensemble Les Talens Lyriques (FAZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Gisela Trahms über David Bowies "Where are we now?":

Archiv: Musik