Efeu - Die Kulturrundschau

Verflossene Betriebssysteme

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13.05.2020. Die Kurzfilmtage von Oberhausen finden online statt: In der FAZ spricht Festivalleiter Lars-Henrik Gass über die neue Logistik. In ersten Sichtungen erleben taz und FR prophetische Vorwegnahmen sozialer Distanzierung. Die FR lernt von Albrecht Dürer, dem Löwen die Zunge zu zeigen. Die SZ erinnert daran, dass sich in der Renaissance die TänzerInnen auch nur wie Himmelsgestirne umkreisten. Der DlfKultur untersucht das Verschwörungsgeschwurbel im Deutschrap.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2020 finden Sie hier

Film

So leicht wie einst Tati: Rainer Knepperges' "Play me that Silicon Waltz again"

Heute beginnen die Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen. Nicht konkret als Get-Together vor Ort, sondern als Onlinefestival zum Gesamtpreis von 9,99 Euro - für diesen Preis gibt es "keine notdürftige Alternative", sondern ein waschechtes Vollprogramm, begeistert sich Fabian Tietke in der taz und gibt erste Tipps, unter anderem Rainer Knepperges' "Play Me That Silicon Waltz Again". Der Kölner Filmemacher und Autor "unterlegt die rudimentäre Animation eines Defragmentierprogramms aus der grauen Vergangenheit von Microsoft Windows mit einem Walzer. Die Technikgeschichte verflossener Betriebssysteme scheint ebenso auf wie die minimalistische Grafik von Computerspielen der vergangenen Jahrzehnte wie Tetris. Durch die Leichtigkeit des Films hindurch klingt nicht zuletzt dank der Musik der Humor von Filmklassikern wie Tatis Technologiegroteske 'Mon oncle' an."

Prophetisch: Katherina Hubers "Der natürliche Tod der Maus"

Ein bisschen melancholisch wird FR-Kritiker Daniel Kothenschulte, der die Beiträge lieber im Kino gesehen hätte. Manch ein Film hat dabei die Gegenwart fast schon vorweggenommen, ist ihm aufgefallen. Katherina Huber etwa, der mit "Der natürliche Tod der Maus" ein "geradezu prophetisches Seismogramm sozialer Distanziertheit" gelungen ist. "Sie beschreibt am Alltag einer jungen Frau eine konsumkritische Lebenswirklichkeit zwischen Verzicht und Entsagung. Die Bedrohung durch Infektionen spielt dabei bereits ebenso eine Rolle wie das Maskentragen - doch das eigentlich Faszinierende ist, wie Huber hier eine Bereitschaft beschreibt, das eigene Leben zu beschränken."

Festivalleiter Lars Henrik Gass spricht in der FAZ unter anderem über den logistischen Aufwand, der für diese Ausgabe des Festivals nötig war, und dass in der momentanen Krise auch die Chance auf eine digitale Zukunft namhafter Festivals als kuratierende Labels über die räumliche Begrenzung hinaus liegt: "Durch die Krise wird überhaupt erst denkbar, Inhalte unter dem Namen Oberhausen über eine Stadt hinaus anzubieten. Das ist auch eine Form von Demokratisierung, die ich faszinierend finde."

Die Kinos könnten demnächst wieder öffnen - unter besonderen Hygieneauflagen und in den einen Bundesländern früher als in den anderen. Und insbesondere letzteres hält Christian Bräuer von der AG Kino im SZ-Gespräch für keine gute Idee: "Was uns nichts nutzt, ist ein Flickenteppich. ... Es lohnt sich für einen Verleih nicht, einen Film für viel Geld zu bewerben und ins Kino zu bringen, wenn er nur in der Hälfte der Bundesländer anlaufen kann - und auch dort nicht vor vollen Sälen wegen der notwendigen Abstandsvorkehrungen."
Archiv: Film

Kunst

Albrecht Dürer: Sitzender nackter Mann mit einem Löwen, 1517. Städel Museum

Überfordert, aber glücklich kommt FR-Kritikerin Sandra Danicke aus der Frankfurter Schau "Städels Erbe", die 95 Meisterzeichnungen aus drei Jahrhunderten versammelt, ohne thematischen Rahmen, allein nach Schulen geordnet: "Allein von Albrecht Dürer ist eine akribisch in Hell-Dunkel gefertigte Kreuztragung neben einer präzise mit der Feder schraffierten Kopfstudie eine Mannes sowie einer lässig mit Kreide skizzierten Szene zu sehen, die einen nackten sitzenden Mann zeigt. Dieser, womöglich Dürer selbst, dreht sich ohne Angst zu einem Löwen um und streckt ihm - so könnte man es jedenfalls deuten - frech die Zunge heraus. Jedes dieser Blätter hat seinen eigenen Charme."

Angesichts des angekündigten Auszugs der Sammler aus Berlin erinnert Eugen Blume, der frühere Leiter des Hamburger Bahnhof, in der FAZ daran, dass Bruce Nauman für die Flick-Sammlung den "Schmerzensraum" eigens für die Rieckhallen konzipiert hat, und schimpft: "Dass nun eines der bedeutendsten Werke des zwanzigsten Jahrhunderts dem profitgesteuerten Abrissplan einer Immobiliengesellschaft zum Opfer fallen soll, war bis vor kurzem ein undenkbarer Vorgang." Wenn nicht Corona die Immobilienpreise und Mieten in den Keller fällen lässt, sieht SZ-Autor Peter Richter wenig Chancen für eine Sammlerin wie Julia Stoschek, dass der Berliner Senat ihrem Kunstzentrum zu Hilfe eilen könnte: "Zuständigkeitswirren und fehlende Wertschätzung sind das gemeinsame Leitmotiv in den Klagen von Sammlern."

Weiteres: Angesichts der Donald-Judd-Ausstellung im Moma in New York fragt Peter Iden in der FR, wie kalkulierbar Erfolg im Kunstbetrieb ist. Besprochen werden die wiedereröffnete Feuerle Collection (deren Ausstellung Tsp-Kritikerin Birgit Rieger als "Slow Art" genießt), die Ausstellung "Wenig Parfüm, viel Pfütze" über den Berliner Maler Hans Baluschek im Bröhan-Museum (FAZ) und die Schau "Szenen des Lebens", in der das Grassi-Museum für Völkerkunde Leipzig seinen kostbaren japanischen Paravent zeigt (FAZ).
Archiv: Kunst

Bühne

Tänzer müssen ins Studio, so viel steht für SZ-Kritikerin Dorion Weickmann fest, sonst verlieren sie ihre Form. Aber mit den anderen Beschränkungen könnte der Tanz vielleicht ganz gut zurechtkommen, überlegt Weickmann: "Fest steht, dass die Tanzkunst in ihren Anfängen keineswegs kontaktfreudig war. Höflinge und Hofdamen der Renaissance durften einander bestenfalls wie Himmelsgestirne umkreisen, später hielt sich der tanzbegeisterte Sonnenkönig seine Entourage vom Leib. Erst mit dem Siegeszug der Ballerinen eroberten Beziehungsdramen die Tanzbühne, gefolgt von modernen Bewegungschören, die als Ab- oder Wunschbild der Gesellschaft dienten. Wenn das Virus-Regiment nun zeitweilig zu kleineren Tanz-Dimensionen zwingt, wird einerseits das Sichtfeld beschnitten. Andererseits liegt in der Verengung auch eine Chance. Die minimalistische Beschränkung ermöglicht dem Tanz, sich auf sein Wesen zu besinnen."

Weitere Artikel: Im Streit um die Berliner Ballettschule wirft Birgit Walter in der Berliner Zeitung der Berliner Schulsenatorin Sandra Scheeres vor, gegen die suspendierten Leiter eine regelrechte "Rufmordkampagne" zu fahren: "Sie schafft erst Fakten, sucht dann nach Beweisen." NZZ-Kritiker Michael Stallknecht tut sich noch etwas schwer mit den Handlungshilfen für die Bühnen, die Sängern sechs Meter und Musikern mit Blasinstrumenten zwölf Meter Abstand empfehlen. Im Standard-Interview fordert die Theaterindentantin Marie Rötzer viel weitergehende Lockerungen für die österreichischen Landestheater. Im Podcast der Nachtkritik geht es ebenfalls um die anstehenden Lockerungen für Hessen, NRW und Sachsen-Anhalt. Welt-Kritiker Manuel Brug entdeckt die Quarantäne-Tipps des russischen Regisseur Kirill Serebrennikow, der nach eineinhalb Jahren Hausarrest weiß, wie man Isolation übersteht (mehr hier).
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Archiv: Bühne

Literatur

Gerrit Bartels erklärt im Tagesspiegel, wie der coronabedingt zunächst abgesagte, nach Protest nun aber doch stattfindende Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt über die Bühne - beziehungsweise dies via Videoschalte gerade nicht - gehen wird. In der SZ freut sich der Schriftsteller Bernd Cailloux schon jetzt auf die zünftigen Männerrunden, die er vor der Coronakrise in seinem Lieblingsrestaurant jeden Abend am Nebentisch beobachten konnte.

Besprochen werden unter anderem Ta-Nehisi Coates' "Der Wassertänzer" (Freitag),  der 13. Band aus Rudolf Borchardts "Sämtlichen Werken" (online nachgereicht von der FAZ), Bernd Cailloux' "Der amerikanische Sohn" (Tagesspiegel), Jiro Taniguchis und Caribu Marleys Comic "Blue Fighter" (Tagesspiegel), Horst Eckerts Thriller "Im Namen der Lüge" (Freitag), Cai Juns Thriller "Rachegeist" (Tagesspiegel), Jean-Philippe Toussaints "Der USB-Stick" (SZ) und Reinhart Meyer-Kalkus' Studie "Geschichte der literarischen Vortragskunst" (FAZ).
Archiv: Literatur

Musik

Was hat Deutschrap eigentlich mit antisemitisch grundierten Verschwörungstheorien am Laufen? Nach entsprechenden Passagen bei Kollegah und den Ausfällen von Xavier Naidoo gab jetzt auch Sido - wenn auch eher drucksend als im Brustton der Überzeugung - in einem Videointerview (hier ab der 19. Minute) entsprechende Narrative zum Besten - von Rothschild über "alte Clans", die im Hintergrund die Fäden ziehen und in deren Ränge man nicht allein mit Geld aufsteigen könne, bis hin zu "unterwanderten" Medien. Insbesondere letzteres findet Juri Steinberg in der taz "sehr amüsant, weil Sido seit Jahren als Jury-Mitglied in jeder beschissenen Mainstream-TV-Show sitzt, die nicht bei drei auf den Bäumen ist, und einen baugleichen Radiohit mit irgendwelchen angepassten Pop-Sternchen nach dem nächsten rausballert. Aber es ist auch sehr besorgniserregend. Und zwar weil Sido durchaus in der Lage ist, differenziert zu denken."

Die Rapszene zeigt sich zusehends anschlussfähig für solche Verschwörungsschwurbeleien, muss sich Rap-Journalist Alex Barbian im Dlf Kultur eingestehen: Er beobachtet in der Szene derzeit einen "Schulterschluss - den erleben wir eigentlich auch gesamtgesellschaftlich - zwischen reichweitenstarken Verschwörungstheoretikern, Esoterikern, Impfgegnern, Prominenten und eben auch rechtsradikalen Kadern. Letztere sind in der Rap-Szene seit einigen Monaten ein reelles Problem, denn es gibt organisierte Nazis, die Rap als Stilmittel missbrauchen und inzwischen über eine recht beachtliche Gefolgschaft verfügen." Über letzteren Aspekt schrieb Barbian vor kurzem auch auf rap.de.

Weitere Artikel: Patrick Heidmann plaudert in der Berliner Zeitung mit dem "Drei ???"-Sprecher Jens Wawrczeck, der gerade ein Album mit Filmsongs aufgenommen hat. Ueli Bernays (NZZ) und Edo Reents (FAZ) gratulieren Stevie Wonder zum Siebzigsten. Nadine Lange schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf die Soulsängerin Betty Wright.

Besprochen werden Spike Jonze' auf Apple+ veröffentlicher Porträtfilm über die Beastie Boys (Standard), neue Popveröffentlichungen, darunter Perfume Genius' neue Single "Describe" (SZ), und das neue Album von Tom Misch und Yussef Dayes, mit dem SZ-Kritiker Andrian Kreye schon jetzt um den Sommer trauert, der in diesem Jahr nicht stattgefunden haben wird.

Archiv: Musik