Efeu - Die Kulturrundschau

Siebzehn Rote Mädchen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.06.2020. Die FAZ entdeckt die Bildhauerin Priska von Martin. In der taz rühmt Martina Weith, Frontfrau der Punkband Östro 430, die Eier belgischer Lesben. Dlf Kultur fragt, warum Soundcloud wartet, bis sich Nutzer beschweren, bevor es volksverhetzenden Rechtsrock löscht. Die NZZ denkt darüber nach, wie man die Fabrik in die Stadt holen könnte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2020 finden Sie hier

Kunst

Priska von Martin mit Rote Mädchen im Schnee auf Sockel vor gelbem Holzschuppen, 1968, Foto: Bernhard Dörries © SOS-Kinderdorf e.V. als Rechtsnachfolger im Nachlass Priska von Martin


Eine Entdeckung macht FAZ-Kritikerin Rose-Maria Gropp im Freiburger Museum für Neue Kunst, das die Werke der Bildhauerin Priska von Martin ausstellt. Martin studierte als eine der ersten Frauen 1931 Bildhauerei in München. Hinterlassen hat sie ein von Sprüngen und "unerwarteten Wechseln" bestimmtes Werk, dabei waren Tiere und Frauenakte ihre bevorzugten Objekte, so Gropp: "Wie ein eigenwilliges Echo auf die Pop-Art muten die lebensgroßen Kreidezeichnungen nackter Frauen an, die sie mit Holzgerüsten abstützt: Gemeinsam mit dem Filmemacher und Fotografen Bernhard Dörries stellt sie ihre siebzehn 'Roten Mädchen' an öffentlichen Plätzen auf, im menschenleeren Morgengrauen in München, vor den steinernen Kulissen der Stadt. Von diesen Aktionen sind nur Dörries' Fotografien erhalten, im Museum auf einem Monitor präsentiert. Denn ihre wilden, blutroten Silhouetten hat Priska von Martin verbrannt."

Besprochen wird außerdem eine Schau des Malerpaares Fretwurst-Colberg in der Galerie der Berliner Graphikpresse (Tsp).
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Literatur

Besprochen werden Klaus Buhlerts Hörspieladaption von Thomas Pynchons Raketenroman "Die Enden der Parabel" (Zeit), Melitta Brezniks "Mutter. Chronik eines Abschieds" (NZZ), Anna Katharina Hahns "Auf und davon" (Berliner Zeitung), Martin Schäubles Jugendroman "Sein Reich" (online nachgereicht von der FAZ) und Ivan Vladislavics Schlagabtausch" (NZZ).
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Film

Die Ausleuchtung stimmt, alles in Butter: "The Wrong Missy" auf Kriegsfuß mit der US-Kritik.

Die von Adam Sandler produzierte und ziemlich derbe Netflix-Komödie "The Wrong Missy" wird derzeit von der US-Filmkritik geprügelt wie kein zweiter Film. Ein großer Irrtum, meint Lukas Foerster im Perlentaucher: "Der Mangel an Stil ist kein Versehen, sondern Konzept. ... Letzten Endes kommt 'The Wrong Missy' dem Ideal vom Kino als einer demokratischen Kunst verdammt nah: als die realisierte Utopie einer Welt, in der die schlechten Witze genauso viel Wert sind wie die guten."

Charles Burnetts "My Brother's Wedding"

Außerdem empfiehlt Sebastian Markt im Perlentaucher Charles Burnetts "My Brother's Wedding" von 1983, der derzeit im Criterion Channel zu sehen ist, Burnett zählt zu einer Gruppe Schwarzer Filmemacher, die L.A. Rebellion genannt wird. Diese "sucht im Nachgang der Civil-Rights-Bewegung, in der Abgrenzung zur dominierenden Bilderproduktion und in Auseinandersetzungen mit den Dritten Kinos der Dekolonisation nach neuen Wegen, Bilder zu schaffen, die die komplexen Realitäten, die sie umgeben, nicht nur widerspiegeln, sondern auch aufschlüsseln."

Weitere Artikel: Claus Löser führt im Filmdienst ausführlich durch Ilya Khrzhanovskys megalomanes DAU-Filmprojekt, das nach vielen Jahren Arbeit in einem riesigen Filmset in der Ukraine, einer gescheiterten Kunstperformance in Berlin und diversen Skandalen rund um die Berlinale nun als großes Onlineprojekt vorliegt (im Perlentaucher schrieb bereits Jochen Werner über die ersten online ausgewerteten Filme). Christiane Peitz führt im Tagesspiegel durch das Programm des Berliner Online-Festivals "Ten Days of Iranian Cinema". In der Welt feiert Manuel Brug die mexikanische Netflix-Telenovela "La Casa de las Flores", die ihrem Regisseur Manolo Caro zuhause bereits den Ruf eines "südamerikanischen Pedro Almodóvar eingebracht hat. Für den Standard hat Dominik Kamalzadeh das Wiener Admiral-Kino besucht: Dort, "wo schon im Jahr 1913 Laufbilder über die Leinwand jagten, herrscht großer Andrang."

Besprochen werden Spike Lees auf Netflix gezeigtes Veteranendrama "Da 5 Bloods" (ZeitOnline, Dlf Kultur, mehr dazu bereits hier), Štěpán Altrichters gleichnamige Verfilmung von Jaroslav Rudiš' Roman "Nationalstraße" (taz), Andrew Pattersons auf Amazon gezeigter Science-Fiction-Film "Die Weite der Nacht" (online nachgereicht von der FAS), die japanischen Erotikfilme "Blue Film Woman" von Kan Mukai und "Abnormal Family" von Masayuki Suo (Berliner Zeitung), Oliver Megatons Netflix-Film "Last Days of American Crime" (SZ) und die offenbar ziemlich verunglückte Netflix-Serie "Snowpiercer" (NZZ).

Noch bis Sonntag kann man beim Frankfurter Festival Nippon Connection Werner Herzogs neuen Film "Family Romance" online sehen. Auf Youtube gibt es ein launiges Festivalgespräch mit ihm:

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Architektur

In der NZZ denkt János Brenner über Raumplanung für die Industrie in Zeiten von Corona nach. Was tun, will man nicht nur von einem Hersteller in, sagen wir, China abhängig sein, aber auch nicht riesige Flächen für lokale Lagerhaltung und Fertigung verbrauchen? "Hier sollten Überlegungen zu kompakteren räumlichen Produktionsstrukturen angestellt werden. Ein Ansatz dafür könnte das Konzept der 'urbanen Fabrik' der beiden Stadtentwickler Christoph Herrmann und Max Juraschek sein, das mittels einer Stadt-Fabrik-Schnittstelle die industrielle Produktion in den städtischen Kontext integriert. Die Fabrik setzt hier unter anderem auf den Materialkreislauf und auf die Öffnung der Fabrik zum Stadtteil. ... Statt öder Zufahrten und nichtssagender Bauklötze auf der grünen Wiese erscheint die Fabrik als Teil des städtischen Gewebes. Sie fügt sich günstigenfalls sogar in eine bestehende Blockrandstruktur ein, wie man das von den früheren Gewerbehöfen in Berlin-Kreuzberg kennt - mit dem Unterschied, dass sie weder Qualm noch Lärm erzeugt."

Besprochen wird die bayerische Landesausstellung "Stadt befreit" in Schloss Friedberg und im Feuerhaus Aichach, die zeigt, wie Bayern zum Städteland wurde (SZ).
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Bühne

Im Tagesspiegel berichtet Udo Badelt von einer Pressekonferenz der Berliner Theater, die wissen wollten, warum man BVG fahren, demonstrieren und in vollgestopfte Flieger darf, aber nicht ins Theater. Die nachtkritik streamt heute "Odem" vom Staatstheater Kassel, inszeniert von Wilke Weermann. Und hier der gesamte Online-Spielplan.

Besprochen werden K.D. Schmidts Inszenierung von Beau Willimons "Tage des Verrats" am Staatstheater Mainz (SZ), András Dömötörs Inszenierung von Camus' "Die Pest" vor dem Deutschen Theater (taz), Johan Simons' Inszenierung von Canettis "Die Befristeten", mit der das Schauspielhaus Bochum seine Wiedereröffnung feiert (offenbar eine kluge Wahl, liest man Patrick Bahners Kritik in der FAZ: "Für die Schauspieler auf der Bühne gilt die Abstandsregel, jedoch nicht die Maskenpflicht. Aber die Figuren, die sie verkörpern, tragen Masken - im Sinne des Begriffs, den Canetti in 'Masse und Macht' entwickelt", nachtkritik), eine CD mit Verdis "Othello", gesungen von Jonas Kaufmann (FAZ-Kritiker Jürgen Kesting kann er damit nicht überzeugen: "Bei den vielen Eclats der Wut strengt Kaufmann sich an, als wolle er Mitglied der tenoralen 'Forza Italia' werden. Mit Peter Ustinov möchte man sagen: 'Auf dem Theater gibt es so etwas wie die ideale Fehlbesetzung.'").
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Stichwörter: Maskenpflicht

Musik

Große Freude hat tazler Julian Weber an "Taken Away", dem neuen Album des Detroiter Produzenten Moodyman, das für Weber nichts anderes als "ein Meisterwerk" darstellt: "Wie er vom klassischen Break-up-Song aus der Großstadt im Norden hin zur göttlichen Erleuchtung in der Kirche auf dem Land switcht, wo die Orgel herkommt, das macht ihm keiner nach. Wir sind erst zwei Minuten in einem Drama und es hat schon Stoff für eine abendfüllende Story, die Moodymann mit Bedacht anreichert. So wie nur er den zeitgenössischen elektronischen Dancefloorsound von House und Techno mit älteren musikalischen Traditionen verschaltet, dass die Vergangenheit gegenwärtig ist und die Gegenwart vibriert. Plötzlich kommt der Blues doch wieder zurück in die Stadt."



Sehr kurzweilig plaudert Desiree Fischbach für die taz mit Martina Weith, der ohnehin nie auf den Mund gefallenen Frontfrau der Punkband Östro 430. 1979 als erste deutsche Frauenpunkband gegründet, ist sie jetzt mit leicht verändertem Line-Up unterwegs, auch eine Compilation mit den alten Aufnahmen gibt es. Das mit der weiblichen Besetzung war immer wichtig: "Anfang der Achtziger hatten wir dadurch in der westdeutschen Punkszene Exotenstatus. Wir waren aber nie auf Linie mit dem Mainstream-Femininismus der Zeit. Uns waren lila Latzhosen immer zu dämlich. ... Die saßen im Schneidersitz, tranken Tee und hassten Männer. Das hatte nichts mit unserer Lebensrealität zu tun. Nach dem wir unseren Song 'Normal' veröffentlicht haben, mit der Zeile 'Ihr trefft euch nur auf Feten ohne Mann / Und seid so lieb, das ich es nicht ertragen kann', wurden wir von vielen Frauen-Buchläden geschnitten. In Benelux dagegen haben wir oft bei Lesben-Festivals gespielt. Da hatten die Frauen wenigstens richtig Eier. Was da auf der Bühne los war mit Stage-Diving: Geil! Wer da mit wem in die Kiste gestiegen ist. Da habe ich nicht schlecht gestaunt." Wir hören rein:



Auf Soundcloud lässt sich ohne weiteres das ganze Spektrum des Rechtsrock vom indizierten Titel bis zur blanken Volksverhetzung finden, wenn es übel läuft sogar auf zunächst völlig unscheinbar wirkenden Playlists, hat Sammy Khamis recherchiert. Die Algorithmen tun das übrige, um einem mehr Material in die Playlist zu spülen. Soundcloud löscht zwar Inhalte, aber nur, wenn die Nutzer aktiv werden, erklärt Khamis im Dlf Kultur: "In anderen Worten, Soundcloud outsourct die Arbeit, extremistische Inhalte zu melden, an die eigenen Nutzerinnen und Nutzer, an die Community, wie Soundcloud sagt. Das heißt, Soundcloud sieht es nicht als eigene Aufgabe, aktiv, proaktiv nach diesen Inhalten zu suchen und sie zu entfernen."

Außerdem: Im Freitag porträtiert Jochen Overbeck den Wiener Musiker Nino. Christian Seidl erinnert in der Berliner Zeitung an das vor 50 Jahren erschienene Kinks-Stück "Lola".
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