Efeu - Die Kulturrundschau

Weise und bestechend unschuldig

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23.06.2020. Die nachtkritik analysiert den systematischen Rassismus der amerikanischen Theaterwelt, in der schwarze Schauspieler oft nur besetzt werden, damit die Produktion als "divers" gilt. Die SZ blickt derweil in die reiche Filmtradition des amerikanischen Black Cinemas. Die FAZ findet im Tiroler Taxispalais zum Glauben an das Wort mit der Pop-Art-Nonne Corita Kent. Die NZZ schaut mit Vladimir Sorokin in das dystopische Russland des Jahres 2027. Und alle trauern um den großen Jürgen Holtz.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2020 finden Sie hier

Film

Das us-amerikanische Black Cinema hat eine reiche Filmtradition - nur kanonisiert ist es nicht, weshalb nur wenige davon Notiz nehmen, erklärt Susan Vahabzadeh. In ihrem historischen Abriss für die SZ stellt sie auch die Arbeiten des Schriftstellers und Regisseurs Oscar Micheaux vor, der in den Zwanziger- und Dreißigerjahren Filme drehte, darunter "Within Our Gates", eine Entgegung auf D.W. Griffiths rassistisches Epos "The Birth of a Nation". Zwar machten Micheauxs Filme dem Publikum durchaus Zugeständnisse, dennoch bestehen seine Filme als "Zeitdokumente, denn er spricht ja all die Dinge an, den Rassismus, die Lynchjustiz, die Segregation, den Alltag schwarzer Amerikaner unter der Jim-Crow-Gesetzgebung, die versuchte, möglichst viel von den nach dem Bürgerkrieg verteilten Freiheiten wieder zurückzudrehen. Sylvias Adoptivvater wurde in 'Within Our Gates' zu Unrecht des Mordes an einem Weißen beschuldigt und gelyncht, sie selbst wird von ihrem leiblichen Vater, einem Weißen, fast vergewaltigt." Der Film steht im Youtube-Kanabl der Library of Congress, die ihn hier auch zum Download anbietet.



Weitere Artikel: Fritz Göttler (SZ), Frederik Hanssen (Tagesspiegel) und Edo Reents (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Schauspieler Claus Biederstaedt. Außerdem melden die Agenturen, dass der Regisseur Joel Schumacher gestorben ist.

Besprochen werden Nuri Bilge Ceylans "The Wild Pear Tree" (SZ, mehr dazu bereits hier), die Ausstellung "The Sound of Charlie Chaplin" in der Chaplin's World in Corsier-sur-Vevey (NZZ) und Olivier Assayas' auf Netflix gezeigter Film "Wasp Network" (FAZ).
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Bühne

Auch in der amerikanischen Theaterwelt gibt es "systematischen Rassismus", schreibt Verena Harzer in der nachtkritik in einem Theaterbrief aus New York: "Nur etwa 20 Prozent der am Broadway engagierten Schauspieler*innen sind Schwarz. Schwarze Künstler*innen kommen meistens nur am Rande vor. Als 'Black Slot', zum Beispiel. So wird das eine Stück in der Saison genannt, das von einem Schwarzen Autor beziehungsweise einer Schwarzen Aurorin geschrieben wurde. Oder als 'Token'. Das ist der eine Schwarze Schauspieler oder die eine Schwarze Schauspielerin, die in eine Produktion gecastet wird, damit diese als divers durchgeht. Bezeichnend genug, das es dafür allgemein bekannte Begriffe gibt. Diversität aber ist längst nicht das Kernproblem. Rassismus ist eine Frage der Macht. Und die ist klar verteilt. Wie eine 2019 veröffentlichte Studie zeigt, sind fast 90 Prozent der leitenden Funktionen an New Yorker Theatern von Weißen besetzt."

Die Feuilletons trauern um den im Alter von 87 Jahren verstorbenen Schauspieler Jürgen Holtz, der vor allem für seine Fernsehrolle als "Motzki" berühmt wurde. In der SZ erinnert Peter Laudenbach an einen "spielwütigen Menschenerkundungskünstler": "Wer Jürgen Holtz zuhörte, hatte manchmal das gespenstische Gefühl, jemandem im Inneren des eigenen Kopfes zuzuhören."  Schon früh "klebte das Dissidentensiegel wie Pech" an dem DDR-Schauspieler, schreibt Reinhard Wengierek in der Welt: "Wie andere Künstlerkollegen auch wurde Holtz immer wieder kaltgestellt. Wurden Inszenierungen und Filme, an denen er mitmachte, verboten. Trotzdem holte man ihn, er war halt zu gut, ans große erste Haus im kleinen Land: ans Deutsche Theater Berlin. Wo er zwischen 1966 und 1974 gerade mal zehn Rollen bekam. So ging der Staat um mit seinen kostbaren Kunst-Ressourcen." Im Tagesspiegel erinnert sich Christine Wahl an Holtz' letzte große Rolle als Galileo Galilei am Berliner Ensemble: "Nackt stand er in Castorfs Inszenierung an der Rampe und wirkte - wiewohl von achteinhalb intensiven Lebensjahrzehnten gezeichnet - gleichzeitig weise und bestechend unschuldig; als hätte er wirklich die Kraft, alles noch einmal neu zu hinterfragen." In der FAZ schreibt Irene Bazinger.

Weiteres: Im Standard-Gespräch mit Stephan Hilpold schimpft Herbert Föttinger, Direktor des Theaters an der Josefstadt, über die österreichischen Corona-Einschränkungen: Auf der Bühne "darf es keine Einschränkungen geben. Das Entscheidende ist doch: Wenn es zu Einschränkungen kommt, dann hat der Staat die Verpflichtung, den Entfall der Einnahmen zu ersetzen. Bedingungslos. In der Nachtkritik stellt Shirin Sojitrawalla das neue Führungsensemble des Theaters Basel vor, bestehend aus der Dramaturgin Inga Schonlau, dem Regisseur Antu Romero, der Dramaturgin Anja Dirks und dem Schauspieler Jörg Pohl, der gleich die neue Leitlinie vorstellt: "'Mitbestimmung und Teilhabe ohne despotische Führung und unfreiwillige Selbstausbeutung' … Das Theater als 'Reservat der Freiheit'."

Besprochen werden Pierre Rigals Choreografie "Extra Time" beim " tanzmainz-Festival im Mainzer Staatstheater (FR) und das Festival "Radar Ost digital" im Deutschen Theater Berlin (taz).
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Kunst

Absolut "zeitlos" erscheinen Stefan Trinks die Siebdrucke der ehemaligen amerikanischen Nonne und Pop-Art-Künstlerin Corita Kent, der das Taxipalais in Innsbruck derzeit die erst zweite Retrospektive in Europa widmet: In der Siebdruck-Serie "Circus Alphabet" "kombiniert sie jeweils einen formatfüllend groß gedruckten Buchstaben des Alphabets mit einem mehr oder weniger frei assoziierten Bild aus einem Zirkusbuch des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts und einem literarischen Text ihrer Zeit. Was sich dabei an Wahlverwandtschaften und Doppelbödigkeiten zwischen den so unterschiedlichen Ebenen Text und Bild auftut, ist enorm. Corita Kents Glaube an die Macht des Wortes, das Berge versetzen oder im Fall des von ihr bewunderten und mehrfach in den Bildern zitierten Martin Luther King Menschen emanzipieren kann, war noch ungebrochen. Beim Buchstaben E etwa, gedruckt in einer von ihr häufig benutzten Western-Type, legt sich ein wach geöffnetes Auge mit leicht skeptisch hochgezogenen Augenbrauen über die Letter. Darunter ist in energischer Handschrift ein Satz von Albert Camus gesetzt: 'Should like to be able to love my country and still love justice'."

Der Ruf nach Digitalisierung der Museen ist schön und gut, aber wie der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Bernhard Maaz, in seiner Denkschrift "Das gedoppelte Museum" erläutert, scheitert die digitale Transformation nicht zuletzt am Urheberrecht, schreibt Christoph Schmälzle ebenfalls in der FAZ: "Schon die 'Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen' von 2003 schließt die materielle Kultur mit ein und wurde von einigen Museen unterzeichnet. Dennoch ist es weiter gängige Praxis, gemeinfreie Werke nicht als gemeinfrei zu behandeln, sondern sich auf den urheberrechtlichen Schutz der selbst angefertigten Reproduktionen zu berufen - obwohl der Erlös der Nutzungsrechte selten eine relevante Größenordnung erreicht. (...) Bei urheberrechtlich geschützten Werken der jüngeren Vergangenheit sind den Museen oft die Hände gebunden, da der Besitz des Originals nicht gleichbedeutend ist mit der Verfügung über seine Reproduktionen."

Weiteres: In der Berliner Zeitung stellt Hanno Hauenstein die Berliner Initiative "Berlin Views" vor, die Berliner Galerien ins Netz holt. Besprochen werden eine Ausstellung mit Papierskulpturen von Marco P. Schäfer im Berliner Projektraum "Kurt Kurt" (Tagesspiegel), die Monika-Baer-Ausstellung "Neue Bilder" im Berliner n.b.k (taz)die Stipendiatenschau im Künstlerhaus Bethanien (Berliner Zeitung) und geometrische Skulpturen von Simon Mullan am Rosa-Luxemburg-Platz (Berliner Zeitung).
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Literatur

Vladimir Sorokins bei uns 2007 erschienener Roman "Der Tag des Opritschniks", der sich ein dystopisches Russland im Jahr 2027 ausmalt, schien lange Zeit tatsächlich Wahrheit zu werden, staunt Sonja Margolina in der NZZ: Das Land erscheint darin als "eine vom Westen durch die 'Große Russische Mauer' abgeschottete Energiegroßmacht, die ihre Einnahmen ausschließlich aus dem Handel mit fossilen Rohstoffen bezieht und technologisch vollkommen von China abhängig ist", jedoch "ist der Ölpreis fast ins Bodenlose gefallen. Das zweite Mal innerhalb von nur dreißig Jahren stellt sich die Frage, ob es für Russland möglich ist, über den eigenen Schatten zu springen. ... Die Erfahrungen aus früheren Krisen stimmen nicht optimistisch. Den historischen Pfad zu verlassen, käme einem Wunder gleich."

Weitere Artikel: Online nachgereicht, präsentiert Berlins Kultursenator Klaus Lederer in der Welt die Bücher, die ihn am meisten geprägt haben, darunter Ronald M. Schernikaus "Die Tage in L.".

Besprochen werden unter anderem Iris Hanikas "Echos Kammern" (taz), Ziemowit Szczereks "Sieben" (online nachgereicht von der FAZ), Thomas Wolfes "Eine Deutschlandreise in sechs Etappen" (Tagesspiegel), Émilie Gleasons Comic "Trubel mit Ted" (Jungle World), Zora Neale Hurstons Gesprächsband "Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven" (SZ), Marco Balzanos "Ich bleibe hier" (Berliner Zeitung) und Alain Blottières "Wie Baptiste starb" (FAZ).
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Musik

Das Singen im Chor ist keineswegs nur auf die unter pandemischen Bedingungen eher ungünstige Form, wie sie im Status Ante Corona gepflegt wurde, beschränkt, mahnt der Musikwissenschaftler Rainer Bayreuther in der Zeit gegenüber jenen, die daran hartnäckig festhalten wollen. Die Frühgeschichte der Liturgie biete zahlreiche Beispiele zur Inspiration, um "virologisch unverdächtige Formen des stimmlichen religiösen Äußerns zu finden": "Virologisch relevante Nähe in geschlossenen Räumen erscheint so als ein medialer Faktor, der ersetzbar ist durch andere Anordnungen." Doch "in der Kirche scheut man notorisch Investitionen in Medientechnik und verbrämt das mit theologischen Argumenten. Dabei wird übersehen, dass Gemeinschaft und Singen nie etwas anderes als Funktionen von Medientechniken waren, für die in Wahrheit sehr viel investiert wurde. Wenn man den technischen und finanziellen Aufwand etwa einer Kirchenorgel bedenkt, dann ist der Aufwand, mit der Sprachmemo- oder Videofunktion eines Handys zu arbeiten, marginal."

Daniel Gerhardt stellt auf ZeitOnline das Label 365XX vor, das als erstes ausschließlich Rap von Frauen, Transpersonen und nicht-binären Menschen veröffentlicht, das sich wohl, wie Gerhardt mutmaßt, "mit zunehmendem Erfolg selbst überflüssig machen wird. Wie weit wir davon noch immer entfernt sind, zeigt jedoch das laufende Deutschrap-Jahr. Während Shirin David das Empowerment-Potenzial ihrer rasanten Musikkarriere mit problematischen kulturellen Aneignungen zunichte macht, hängen selbst vergleichsweise progressive Protagonisten wie Haftbefehl und Ufo361 weiterhin an misogynen Zeilen und Denkmustern fest. Als Anfang 2019 die Social-Media-Kampagne #Unhatewomen auf sexistische und gewalttätige Hip-Hop-Texte aufmerksam machte, drehte nicht nur der Rapper Fler durch, sondern auch ein Teil der ihm ergebenen Rapmedien."

Weitere Artikel: Andreas Schäfler berichtet in der taz vom Schweizer Festival Low Noon für experimentelle Musik. In der FAZ erinnert sich der Dirigent Kent Nagano schwärmerisch daran, wie euphorisch die Inuit bei einem Konzert des Orchestre symphonique de Montréal vor zehn Jahren die dargebotene Musik aufgenommen haben.

Besprochen werden Neil Youngs bereits in den 70ern aufgenommenes, aber erst jetzt veröffentlichtes Album "Homegrown", dessen "Leichtigkeit und Beiläufigkeit" NZZ-Kritiker Ueli Bernays lobt, Brad Mehldaus neues Album "April 2020" (SZ), neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Aufnahme von Beethoves "Pastorale" und Justin Heinrich Knechts "Portrait musical de la Nature", beide eingespielt von der Akademie für Alte Musik Berlin (SZ), das Saison-Abschlusskonzert des WDR-Sinfonieorchesters mit Igor Levit (FAZ) und Phoebe Bridgers' "Punisher" (Pitchfork). Das Titelstück:

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