Efeu - Die Kulturrundschau

Liebestollheit und tausend Paradoxien

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26.06.2020. FAZ und taz staunen bei den Festivals "Radar Ost" und "Postwest" über Anarchie und Kritik am Westen im osteuropäischen Theater. Das deutsche Theater hingegen hat ein Klassismus-Problem, konstatiert die nachtkritik. Wenn Rechte und Linke den Pop kapern, was bleibt dann noch übrig für progressiven Pop, seufzt die taz. Schon mal K-Pop gehört?, fragt die SZ zurück. Im Guardian ärgern sich die schwarzen Architekten Elsie Owusu und Shawne Adams über den Rassismus in der britischen Architekturszene.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2020 finden Sie hier

Bühne

Szene aus Ewelina Marciniaks Inszenierung von Edouard Louis' "Im Herzen der Gewalt". Foto: Natalia Kabanow

Nicht nur das Festival "Radar Ost" im Deutschen Theater (Unser Resümee) auch das Berliner Festival "Postwest" an der Volksbühne widmet sich der osteuropäischen Theaterszene, weiß Kevin Hanschke in der FAZ: "Die Aufführungen seien 'rabiater, minimalistischer und hätten dadurch einen viel anarchischeren Charakter', sagt Intendant Ulrich Khuon, überall spüre man im Osten den Hunger nach künstlerischem Aufbegehren und Innovation. Auffallend sei dabei besonders das ukrainische Theater. Während an den großen Häusern in Kiew, Lwiw oder Odessa zwar immer noch der Geist der sowjetischen Theaterwelt weht, mit Intendantenposten auf Lebenszeit und traditionellen Ensembles, die die Klassiker der russischen Literatur aufführen, sucht die Off-Theaterszene des Landes nach einer eigenen ukrainischen Theateridentität und wagt den Bruch nicht nur mit sowjetischen, sondern auch mit westlichen Traditionen."

Bei Postwest geht es indes mehr um den "kritischen Blick" des Ostens auf den Westen, schreibt Katrin Bettina Müller in der taz: "Zum Beispiel im Beitrag von Teatrul Tineretului und Piatra Neamt aus Rumänien, 'Postwest - something digital'. Im ersten Teil, einem Bilderessay, erzählen sie von rumänischen Saisonarbeitern, die ohne jede Abstandsmöglichkeit die Flugzeuge zur deutschen Spargelernte bestiegen, vom Müll, das aus westlichen Ländern nach Rumänien gebracht wird, von Bodengiften, die nicht entsorgt wurden, von Umweltskandalen, die nie aufgearbeitet wurden. So erfährt man von einem Land, das sich nicht nur als Müllkippe missbraucht fühlt, sondern auch seine Leute so behandelt sieht."

Wir müssen auch über Klassismus im Theater, also Diskriminierung aufgrund von Klassenzugehörigkeit, sprechen, fordert in der nachtkritik die Ethnologin Francis Seeck, die einen "klassismuskritischen Blick auf die Programmhefte und die Webseiten der Freien Szene" geworfen hat: "Es scheint, als hätten alle Menschen viel Platz zu Hause, mehrere Zimmer, eine Altbauwohnung, Holzdielen, einen Balkon und eine Menge an Bücherregalen. (...) Auf vielen Webseiten der Freien Szene gab es Solidaritätsaufrufe: Bitte unterstützt die freiberuflichen Künstler_innen in der Krise mit einer Spende. Unsichtbar bleiben die anderen Berufsgruppen, die an Theaterproduktionen beteiligt sind."

Weiteres: Im Guardian-Interview sprechen die schwarzen Dramaturginnen Winsome Pinnock und Jasmine Lee-Jones über Rassismus im britischen Theater. Zahlreiche internationale Künstler solidarisieren sich mit dem russischen Regisseur Kirill Serebrennikow, der heute zu sechs Jahren Lagerhaft verurteilt werden soll, meldet die NZZ. In der Welt durchstöbert Manuel Brug die Archive nach corona-tauglichen Opern: "Gustav Holsts indisch gewürztes 'Savitri' empfiehlt sich ebenso wie Harrison Birtwistles Puppenhaudrauf 'Punch and Judy' oder Thomas Adès' herrlich obszön flotter Vierer 'Powder her Face'". Barrie Kosky will an der Komischen Oper keine halben Sachen machen, weiß Peter Uehling in der Berliner Zeitung - er plant eine ganz neue erste Spielzeithälfte: "Schließlich wird es Glucks 'Iphigenie auf Tauris' in einer neuen Inszenierung ohne Bühnenbild geben - und Abstand und Maske gehörten, so Kosky, schon immer zur griechischen Tragödie. Die Orchesterbesetzungen aller Opern werden auf 16 Musiker reduziert." Das Berliner Ensemble testet indes eine "Raumdesinfektion durch Aerosolvernebelung", meldet ebenfalls die Berliner Zeitung. Für die FR blickt Judith von Sternburg in den kommenden Spielplan des Frankfurter Theaters, das sich ganz auf das Thema "Antisemitismus/Rassismus" konzentriert. In der SZ gratuliert Dorion Weickmann der amerikanischen Tänzerin Lucina Child zum Achtzigsten.

Besprochen wird Felix Rothenhäuslers "Komm" am Theater Bremen (taz) und Alexandra Badeas "Ich schaue dich an" am Staatstheater Darmstadt (FR).
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Literatur

In seiner Walter-Benjamin-Reihe im Standard widmet sich Ronald Pohl dem "Sürrealismus"-Aufsatz des Theoretikers.

Besprochen werden Ta-Nehisi Coates' Romandebüt "Der Wassertänzer" (Tagesspiegel), Anne Enrights "Die Schauspielerin" (SZ), Anna Katharina Hahns "Aus und davon" (Berliner Zeitung), James Noëls "Was für ein Wunder" (FR), Zoë Becks neuer Thriller "Paradise City" (online nachgereicht von der FAS), Lydia Haiders Lyrikband "Wort des lebendigen Rottens" (Freitag), Taylor Jenkins Reids Poproman "Daisy Jones & The Six" (Jungle World) und Donovan Moores Biografie über die Astrophysikerin Cecilia Payne-Gaposchkin (FAZ).

Außerdem: In unserem Online-Buchladen Eichendorff21 haben wir für Sie einen Büchertisch mit erfrischender Sommerlektüre zusammengestellt.
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Stichwörter: Benjamin, Walter

Film

Wo bleibt da die Dialektik? "365 Days" auf Netflix.

Filme, die im Kino absaufen würden, gewinnen auf Netflix deutlich an Diskurs-Zugkraft, beobachtet Wolfgang M. Schmitt in der NZZ. Dort erhitzt derzeit der polnische Erotikthriller "365 Days" von Barbara Białowąs mit seinem drastischen Umgang mit Vergewaltigung und männlicher Dominanz die Gemüter. Zwar ist der Streifen an sich unter jeder Kritik, doch sei er im Blick auf momentane Geschlechterkontroversen aufschlussreich. Um wie viel weiter war das Kino da schon mit Pedro Almodóvars thematisch in der Nähe siedelnden "Fessle mich!", der zwar zeige, "dass das Spiel zwischen den Geschlechtern von Gewalt, vom Ringen um Dominanz, von Liebestollheit und tausend Paradoxien durchzogen ist, doch es ist eben auch ein Spiel. ... Was wie Altherrensentimentalität klingt, ist wahr: Damals war das Kino der Ort für einen dialektischen Kampf der Geschlechter, bei dem das Herr/Knecht-Verhältnis von Szene zu Szene auf den Kopf gestellt wurde."

Weiteres: Für die Berliner Zeitung porträtiert Andreas Kurtz den Schauspieler Louis Hoffmann aus der deutschen Netflix-Erfolgsserie "Dark". Diese wurde gerade zur besten Netflix-Serie überhaupt gewählt, jubelt Elmar Krekeler in der Welt.

Besprochen werden Harald Friedls Dokumentarfilm "Brot" ("Brot ist also auch tödlich und gefährlich! Ein wahrer Antiheld", schreibt Juliane Liebert in der SZ), "Guns Akimbo" mit Daniel Radcliffe (online nachgereicht von der FAZ), Clint Eastwoods "Der Fall Richard Jewell" (Zeit, unsere Kritik hier) und Quentin Dupieuxs Groteske "Monsieur Killerstyle" (Presse).
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Archiv: Film

Kunst

Nur in kleinen, ungeordneten Happen serviert bekommt Georg Imdahl in der FAZ die Positionen von 107 FotografInnen aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet in der Ausstellung "Subjekt und Objekt" in der Kunsthalle Düsseldorf. Hier pralle alles aufeinander, schreibt er: "Dokumentation, Reportage und Reklame, Stillleben, Porträt und Performance. So im 'Kinosaal' etwa die jüngeren, surreal-multiperspektivischen Gartenlandschaften von Beate Gütschow und das atmosphärisch dichte 'Sex-Theater' mit Darstellern aus St. Pauli von André Gelpke aus den siebziger Jahren - aufgenommen in einem Geist, für den der Kurator Klaus Honnef damals den Begriff 'Autorenfotografie' prägte. Man entdeckt frühe Living Sculptures des jungen Thomas Ruff neben den ganz und gar unspektakulären und doch fesselnden Einblicken in oberösterreichische Gehöfte von Bernhard Fuchs, die sich einer außergewöhnlich differenzierten Wahrnehmung verdanken."

Weiteres: Im Guardian-Interview sprechen die schwarzen Künstlerinnen Michaela Yearwood-Dan und Mary Evans über Rassismus in der britischen Kunstszene. In der FAZ rät Stefan Trinks unbedingt zur Entdeckung des spätgotischen Bildhauers Meister Arnt - dem "niederrheinischen Pendant zu Tilman Riemenschneider", dem das Kölner Museum Schnütgen derzeit die Ausstellung "Arnt der Bilderschneider - Meister der beseelten Skulpturen" widmet.
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Musik

Wie hält es der Pop mit der Politik? Das ist die große Frage heute in den Feuilletons.

Progressiver und politischer Pop habe es derzweit schwer, lautet Klaus Walter Befund in der taz nach einem von Foucault gestützten Blick auf die Demonstrationen der Coronamaßnahmen-Gegner und dem für ihn enttäuschenden Tocotronic-Corona-Song "Hoffnung" (unser Resümee): Rechte kapern den Gestus der Rebellion, die Linke hat als unglamouröse Stimme der Vernunft das Nachsehen. Zu beobachten ist ein "Konformismus der Resignation, eine lähmende linke Melancholie-Routine." So "siegt die Ratio der Defensive. Also das Gegenteil der zweifelnden Negation, die sich als Generalbass durch das Werk von Tocotronic zieht. Da entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet diese Band auf Corona mit einem Song reagiert, der es an Hilflosigkeit und Tristesse mit Silbermond aufnehmen kann." Immerhin liefert Walter zum Schluss noch eine tatsächlich Hoffnung spendende Quasi-Playlist: "Anderson.Paak, Terrace Martin, Denzel Curry, Kamasi Washington, G Perico, Daylyt, Dua Saleh, Run The Jewels."

Unerwähnt bleibt dabei allerdings der K-Pop. Dessen ästhetische Insignien sind zwar geradezu erschütternd affirmativ, kommerziell und auf unpolitische Weise hedonistisch, doch dafür sind die internationalen und online hochgradig vernetzten Fans in ihrem Aktivismus umso engagierter. Im Zuge der letzten BlackLivesMatter-Wochen haben sie sich quasi als Netz-Guerilla vom Dienst entpuppt, berichtet Thomas Hahn in der SZ: "Zu erleben ist die digitale Rebellion einer Jugend, die so modern und weltoffen ist, dass sie sich für die Performance-Kunst aus dem fernöstlichen Hightech-Tigerstaat Südkorea begeistert. K-Pop als Statement, als Subkultur mit Haltung. Das ist interessant. Denn im Herkunftsland ist K-Pop etwas ganz anderes."

Standard-Kritiker Karl Fluch legt sich derweil mit dem neuen Album "Mordechai" des texanischen Trios Khruangbin an den Strand. Die Grundlage bilde diesmal ein "Country-Touch", als Zuckerguss obendrauf gebe es "Charakteristika aus Psychedelic, Easy Listening, Surf, Dub und dem Spaghetti-Western-Erbe des Großmeisters Ennio Morricone." Diese Musik "ruht wie zenbuddhistisch in sich", sie "ist im besten Sinne L'art pour l'art." Deutlich weniger begeistert ist allerdings Pitchfork-Kritiker Andy Cush. Hier das aktuelle Video:



Besprochen werden das neue Album von Kate NV (taz), Peter Kempers Buch über Eric Clapton (FAZ) und eine von Gregor Meyer konzipierte Aufführung von Bachs h-Moll-Messe in der Leipziger Nikolaikirche (hier kamen "in aufregender Weise Schichten von Bachs großer Messe an die Oberfläche, die man zukünftig immer wieder suchen wird", schwärmt Gerald Felber in der FAZ). Einen Mitschnitt gibt es auf Youtube:

Archiv: Musik

Architektur

Im Guardian unterhalten sich die britische Architektin Elsie Owusu und der Architekturstudent Shawne Adams über den latenten Rassismus in der britischen Architekturszene. Adams berichtet: "Es fühlt sich so an, als ob der Rassismus jetzt nicht so offenkundig ist, aber er ist immer noch eingebettet in die Art und Weise, wie wir in der Architektur unterrichtet werden - nur die Le Corbusiers und Frank Lloyd Wrights werden besprochen, niemals die schwarzen Architekten wie Paul R Williams [ der bahnbrechende afroamerikanische Architekt, der in seiner 50-jährigen Karriere 3.000 Gebäude entworfen hat]. Die indigene Volksarchitektur schwarzer und ethnischer Minderheiten wurde immer als primitiv und unentwickelt angesehen, aber jetzt erkennen wir, dass sie viel nachhaltiger sein kann als die Art und Weise, wie wir Materialien in der westlichen Welt verwenden."

In der FAZ befürwortet Niklas Maak die Pläne von Johann König und Anton Brandlhuber, den Berliner Mäusebunker und das Hygieneinstitut zum "kulturellen Zentrum" umzugestalten: "Würde man tatsächlich beides, Wissenschaft und Künste, hier als unterschiedliche Formen der Forschung am Menschen zusammenbekommen (etwa das eine im Hygiene-Insitut und das andere im Mäusebunker) - dann würde ironischerweise ausgerechnet in einem ausgedienten Bau jener Betonmoderne, die im Zentrum Berlins der Rekonstruktion des Berliner-Schlosses weichen musste, das gelingen, was dort immer schwieriger zu realisieren scheint."

Weiteres: Ausgehend von einem Plagiatsvorwurf gegen den Architekten Frank Bahrow, er habe die Treppe im Bühnenbild von Christoph Waltz' Fidelio-Inszenierung in Wien von einem Architekturstudenten kopiert, denkt Sabine von Fischer in der NZZ ein wenig grundsätzlicher über Treppen nach. Besprochen wird die Ausstellung "Sight Seeing" in der Kunsthalle Emden (taz).
Archiv: Architektur