Efeu - Die Kulturrundschau

Mehr Geld für Werbung ausgeben

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18.08.2020. Die NZZ lernt beim Zürcher Theaterspektakel von Yan Duyvendak, wie Krisenmanagement in wilden Aktionismus ausartet. Die taz beobachtet beim Sommerfestival auf Kampnagel, wie Oona Doherty und Mufasa den maskulinen Kern der Arbeiterklasse freilegen. Die Jungle World stöbert in den Leselisten der extremen rechten in Amerika. Und die SZ fragt in Sachen Filmförderung, seit wann Größe Professionalität garantiert.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2020 finden Sie hier

Bühne

Yan Duyvendak: "Virus" beim Zürcher Theaterspektakel

In der NZZ feiert Daniele Muscinico den niederländisch-schweizerische Künstler Yan Duyvendak - Duyvendak, man muss sich den Namen merken -, der ihr beim Zürcher Theaterspektakel den Glauben an die Vernunft politischer Prozesse nahm, mit dem Krisen-Spiel "Virus". Eigentlich 2019 im Zuge der Ebola-Pandemie entstanden, hat Duyvendak es ein klein wenig aktualisiert: "Schon meldet die Gruppe 'Behördenkommunikation' in den Niederlanden den Tod von fünf Menschen, ursächlich gestorben an einem unbekannten Virus, sagt man uns. Was tun? Ready, steady, go: Rettet die Schweiz vor dem, was immer kommen mag. Retten wir vor allem die Schweizer Staatskasse! Mit einem Schlag erhalten Partikularinteressen mehr Gewicht als verbindende Strategien. Die 'Sicherheit' will Polizei an die Grenze stellen und sucht dafür bei der 'Wirtschaft' nach Geld. Die Gruppe 'Presse' wiederum verlautbart ihre Krisencommuniqués, die im Tumult ungehört bleiben, jeder ist mit sich selbst beschäftigt und mit wildem Aktivismus." Valeria Heintges beklagt in der Nachtkritik allerdings konzeptionelle Mängel in dem Rollenspiel und sorgt sich am Ende um die eigene Gesundheit.

Mufasa in Oona Dohertys "Hope Hunt" beim Sommerfetsival Kampnagel

Einen Anflug von Trubel genoss taz-Kritiker Robert Mathies beim Theaterfestival auf Kampnagel. Zum Auftakt zeigte die irische Choreografin Oona Doherty ihre Choreografie "Hope Hunt and The Ascension into Lazarus", bei der die Tänzerin Mufasa von einem harten Typen aus dem Golf geworfen wird, wie Mathies berichtet: "Den 'maskulinen Kern der Arbeiterklasse Europas' will Doherty mit der Performance sezieren, immer wieder wiederholt Mufasa dieselben Bewegungen, Sprechmuster und/oder Fangesänge, variiert sie leicht. Es sind Gesten von der Straße, aus der Kneipe, aus dem Stadion, Anmachsprüche, typisches Mackerverhalten, Konfrontationssituationen. Dazwischen mischen sich aber auch leisere Töne und klassischer Tanz. Immer wieder stolpert Mufasa, fällt in sich zusammen, bricht mit neuen Gesten wieder auf. Traurig wirkt das Wesen, das bei dieser fragilen Zusammensetzung all dieser ausgestellten Härte schließlich herauskommt: zerrissen zwischen Brachialität und Zärtlichkeit, Überschwang und Niedergeschlagenheit."

Weiteres: Manuel Brug blickt in der Welt missgestimmt auf die kommende Opernsaison, für die fast alle großen Häuser ihre Premieren abgesagt haben: "Wenn denn überhaupt einigermaßen normal gespielt wird, setzt man gnadenlos auf Bekanntes." Besprochen werden Charlotte Sprengers Adaption von John Cassavetes' Filmklassiker "Opening Night" OpenAir in Hamburg (Nachtkritik) und Bettina Böhlers Schlingensief-Hommage "In das Schweigen hinein" (Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Film

In der SZ schreibt Susan Vahabzadeh darüber, dass die Kulturpolitik den Verleihern zwar mit höheren Fördermitteln aus der Coronakrise helfen will, gleichzeitig aber die Schwelle zur Förderbarkeit nach oben gesetzt hat - insbesondere auf kleine Verleiher mit kulturell hochstehendem Programm eine Schwierigkeit (unser erstes Resümee dazu). Begründet wird das damit, dass das BKM überhaupt erst ab dieser Schwelle einen Verleihbetrieb für professionell möglich hält - die kleineren sollten halt mehr Geld für Werbung ausgeben. "Dem steht aber gegenüber, dass es durchaus versierte Verleiher gibt, die davon überzeugt sind, dass sie selbst sehr gut beurteilen können, welches Publikum sie erreichen können, und wann ein Film rentabel ist. Salzgeber beispielsweise ist ein Label, das sich auf Dokumentarfilme spezialisiert hat und, unter anderem, die Filme von Volker Koepp herausbringt, der in seiner langjährigen Karriere allerhand Filmpreise gewonnen hat und sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Viele seiner Filme kamen mit weniger als 40 000 Euro Herausbringungskosten ins Kino, sagt Salzgeber-Geschäftsführer Björn Koll. Salzgeber ist seit den Achtzigern eine feste Größe in der deutschen Filmlandschaft - eine gewisse Professionalität kann man diesem Verleih also unterstellen, wenn er zwar an einen Film glaubt, aber aus Erfahrung abschätzt, dass große Kosten nicht rentabel wären."

Lange Zeit galt exzessive Schärfe im Filmbild als unkünstlerisch und nicht erstrebenswert, erinnert der Kameramann Axel Block in der FAZ. Die Digitalisierung habe allerdings zu einem "Viel hilft viel" im Bereich des Pixelzählens, also zu reiner Mathematik-Athletik geführt. "Eine Sensibilität für die ästhetischen Phänomene des analogen Bildes" zu entwickeln wurde versäumt - wovon auch heutige Restaurierungen von Klassikern betroffen sind, die - ein Horror für viele Kameraleute alten Schlags - nicht mehr vom Positiv, sondern vom fetischisierten Negativ und in 4k-Auflösung vollzogen werden: "Das entspricht messtechnisch in etwa dem Standard eines modernen 35-mm-Films unter heutigen Aufnahme- und Bearbeitungsbedingungen - und man will ja nur das Beste. Nach der damaligen Gerätetechnik, den Standards der Kopierwerke und der Projektoren landete aber nur ein Bruchteil der klassischen Filmaufnahmen auf der Leinwand. So sehen wir heute gestochen scharfe Details in alten Filmen, die früher durch die mangelnde Bildqualität gnädig vertuscht wurden und die damals vermutlich die Kollegen dazu provoziert hätten, ihre Objektive in Vaseline zu tauchen, um der digitalen Überschärfe zu entgehen."

Weitere Artikel: Auf ZeitOnline spricht die Filmemacherin Sally Potter über ihren neuen Film, das Demenzdrama "Wege des Lebens". Claudius Seidl hat für die FAS ein Gespräch mit dem Filmkomponisten John Williams geführt. Isabella Caldart denkt auf 54books darüber nach, warum vor allem Serien aus den 90ern auf den Streamingplattformen so beliebt sind, dass die Anbieter für entsprechende Lizenzen einiges auf den Tisch legen.

Besprochen werden die auf Amazon gezeigte Doku-Serie "Der letzte Fahnder" über die mexikanische Mafia (taz, Presse) und die auf RTL gezeigte Serie "Arde Madrid" (FAZ).
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Kunst

Vibha Galhota: Breath by Breath, 2017. Bild: Museum der bildenden Künste, Leipzig

Einen Akt der Büßerbereitschaft sieht SZ-Kritiker Till Briegleb in den Umwelt-Ausstellungen, die in diesem Sommer in Berlin, Leipzig und Karlsruhe stattfinden: "Alle Beteiligten mussten mit dem Zug reisen, für die Schau wird kein Strom genutzt (für die WC-Beleuchtung Gott sei Dank doch), die Klimatisierung ist reduziert, und für den Aufbau hat man kräftig Altes recycelt... So konnte etwa Joulia Strauss ihren Film über Widerstandskämpfe indigener Völker gegen die aggressive Ressourcensuche großer Konzerne ohne Strom nicht zeigen. Deswegen hat sie einen Schlangenaltar aus Altkleidern hergestellt, an dem sie eindrücklich von den Protagonisten ihrer Dokumentation erzählt und dazu auf einer Lyra in Altgriechisch Lieder singt. Oder François Chaignaud trägt begleitet von Marie-Pierre Brébant die mittelalterlichen Kompositionen Hildegard von Bingens unter dem Titel 'Fruchtbare Wurzeln' vor, wobei farbiges Licht nicht durch Scheinwerfer, sondern durch das Verschieben farbiger Vorhänge erzielt wird."

Besprochen werden die Schau "Im Morgenlicht der Republik" in den Kunstsammlungen Chemnitz (FAZ), Berlin-Bilder in der Berlinischen Galerie (Tsp) und die schmucke Impressionisten-Sammlung des Dänen Wilhelm Hansen in der Royal Academy in London (Guardian)
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Archiv: Kunst
Stichwörter: Impressionisten, Chemnitz

Literatur

Joseph Keady analysiert in der Jungle World eine von us-amerikanischen Alt-Right-Aktivisten in Umlauf gebrachte "Leseliste", die klären soll, was amerikanische Literatur ist und die sich als ideologisch äußerst abgründig erweist: Ihr geht es ex negativo auch darum, den "gesamten Reichtum schwarzer und indigener US-amerikanischer Perspektiven auszuschließen. In diesem Verständnis von moderner US-amerikanischer Literatur kommen weder Toni Morrison noch Leslie Marmon Silko vor, und unter den Klassikern finden sich weder Frederick Douglass noch W. E. B. Du Bois. Stattdessen wird eine virtuelle Gebrauchsanweisung für weißes Ressentiment und weiße Gewalt gegeben. Nachdem sie festgelegt haben, dass das, was sie unter amerikanischer literarischer Kultur verstehen, sich im Kern und fast ausschließlich aus Europa ableitet, wollen sie als Nächstes Erzählungen von Invasion, Widerstand und Expansion Geltung verschaffen, die seit Jahrzehnten die Fantasie der extremen Rechten beflügeln. Das vielleicht deutlichste Beispiel einer Invasionserzählung in der Liste ist der Roman 'Le Camp des Saints' (dt. 'Das Heerlager der Heiligen'), den der im Juni verstorbene Franzose Jean Raspail 1973 veröffentlicht hat" und "von einer 'Armada' kaum seetüchtiger Boote voller verarmter indischer Migranten, die buchstäblich Fäkalien verzehren, wie Zombies in Europa einfallen und die weißen Bewohnerinnen und Bewohner verdrängen. ... Letztlich läuft die Handlung des Romans auf eine aktualisierte Dolchstoßlegende hinaus."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Richard Swartz berichtet in der NZZ von seinen Erfahrungen mit den Menschen in den US-Südstaaten: Dort "ähnelt man uns Europäern. Provisorische Existenzen, melancholische und zynische Verlierer." Thomas Steinfeld liest in der SZ ein Buch des schwedischen Literaturwissenschaftlers Johan Lundberg, der den Niedergang der Schwedischen Akademie mit dem Einzug des Poststrukturalismus erkklärt. Das hatten wir am Wochenende im hinteren Buch der taz übersehen: Jan Feddersen hat sich mit dem Comiczeichner Ralf König zum großen Gespräch getroffen. Auch der Klaus-Michael-Kühne-Preis, für den Lisa Eckhart in Hamburg antreten sollte, ist in die Kritik geraten, meldet Anselm Neft in der Berliner Zeitung: Der namensgebende Unternehmer spiele eine große Rolle im Bereich der Militärlogistik, auch habe das Unternehmen (laut einem Welt-Artikel von 2015) im NS-Regime "eine Schlüsselrolle bei der systematischen Ausplünderung der Juden in den besetzten Nachbarstaaten" gespielt.

Besprochen werden unter anderem Sally Rooneys "Normale Menschen" (FR, FAZ), Monika Marons "Artur Lanz" (taz), Kai Wielands "Zeit der Wildschweine" (Berliner Zeitung) und Ronya Othmanns "Die Sommer" (SZ).
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Musik

Volker Hagedorn schreibt für ZeitOnline über die Arbeit des Mainzer Musikverlags Schott, der unter anderem Beethovens Neunte herausbringt und mit Corona in einer erheblichen Krise steckt. Thomas Schacher berichtet in der NZZ vom Lucerne Festival. Peter Uehling wirft für die Berliner Zeitung einen Blick ins kommende Programm der Berliner Philharmoniker. Katja Schwemmers spricht für die Berliner Zeitung mit Katy Perry. Für die taz hat Elena Wolf den Park-Punks von Stuttgart einen Besuch abgestattet. Wolfgang Sandner gratuliert in der FAZ dem Dirigenten Dmitri Kitajenko zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden ein Beethoven-Konzert der Wiener Philharmoniker unter Riccardo Muti (Standard), ein Konzert des West-Eastern Divan Orchestras unter Daniel Barenboim in Salzburg (Standard),sowie neue Alben von The Killers (Standard), dem Radio.string.quartet.vienna mit Roland Neuwirth (NZZ), L'Orange und Solemn Brigham (SZ) sowie von East Man (taz).
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