Efeu - Die Kulturrundschau

Die Krise, die Chance. Klar.

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22.08.2020. Die SZ entdeckt den Humanismus im Berliner Grau, das der Fotograf Michael Schmidt gegen die Radikalität von Schwarz und Weiß setzte. Die Filmkritiker vergnügen sich nach Monaten der Kinoflaute in Christopher Nolans Blockbuster "Tenet": "Spektakel in höchster Vollendung" , versichert der Tagesspiegel. FAZ und Welt empfehlen dringend den Film "Coronation", für den Ai Weiweis Videos aus Wuhan zu einem Kaleiskop der Unterdrückung zusammengefügt hat. Die taz beoabchtet, wie die Gräben zwischen U- und E-Musik gerade wieder aufreißen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2020 finden Sie hier

Kunst

Michael Schmidt: o.T. aus Architektur, 1989, © Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt 

Einfach fantastisch findet Peter Richter in der SZ die Ausstellung, die der Hamburger Bahnhof endlich dem großen Fotografen Michael Schmidt widmet. Schmidt, erinnert Richter, fotografierte vor allem in Kreuzberg höchstens noch im Wedding oder im Ostberlin, "aber niemals westlicher und schon gar nicht beschaulicher", wie Richter besonders bei dem Bild der jungen Frau vor untypischer Unschärfe: "Das, was allgemein als hart, anorganisch und opressiv gilt, weich zu zeichnen, den Menschen dazwischen hingegen scharf und stark und gleichzeitig verletzlich - das ist dann eben wiederum doch sehr Michael Schmidt. Es ist, wenn man so will, ein Positiv zu all den scharfkantigen Hauseingängen des sozialen Wohnungsbaus, zu den fensterlosen Brandwänden hinter Weltkriegsbrachen oder den verwaisten Spielplätzen vor Wohnhochhäusern unter eisfahlem Februarhimmel, mit denen dieser Fotograf wesentlich bekannt geworden war: als der Mann, der Steine oder Beton weder feierte noch dämonisierte, sondern mit Sachlichkeit ernst nahm, und das Grau zu einer moralistischen Einstellungssache erklärt hatte - als humanistisches Statement gegen die Radikalität von Schwarz und Weiß, Rechts und Links."

Weiteres: Nachdem die Agentur Magnum angekündigt hat, ihr Foto-Archiv zu revidieren, damit sie nicht länger Bilder über thailändische Kinderprostitution mit Schlagworten wie "teenage girl, 13-18" verzettelt, wünscht sich Brigitte Werneburg in der taz generell ein großes Aufräumen: "Es zeigt, dass wichtige Metadiskurse zur journalistischen Fotografie, also Überlegungen zu Form, Wirkung und Vermittlung dokumentarischer Fotografie dort nie angekommen sind. Damit steht Magnum sicher nicht allein." Eva-Christina Meier interviewt in der taz die bolivianische Künstlerin, Weberin und von der neuen Regierung entlassene Museumsdirektorin Elvira Espejo Ayca, die in diesem Jahr die Goethe-Medaille erhält.
Archiv: Kunst

Film

Vorwärts, Leute, es geht rückwärts: Christopher Nolans "Tenet"

Die sieche Kinobranche verspricht sich einiges von Christopher Nolans neuem Mindfuck-Blockbuster "Tenet", der sein Konzept - die Erzählzeit läuft hier gleichzeitig vor- und rückwärts - schon im Titel abbildet. Und das ist eine grandiose Schau, versichert Andreas Busche im Tagesspiegel: James-Bond-Attraktionen treffen hier auf mächtigen Hokuspokus. Nolans "Räume haben immer etwas von metaphorischen Architekturen, darum muss 'Tenet' am Ende auch noch mal zum Drehkreuz der Zeit zurückkehren, in dem Vergangenheit und Zukunft nur von einer Scheibe getrennt sind. Dass Nolan immer wieder solche einleuchtenden Bilder für das Wesen des Kinos findet, macht ihn zu einem Regisseur, der das Kino wirklich liebt. Genau so einem möchte man dessen Rettung anvertrauen. Der Rest ist Spektakel in höchster Vollendung. Das Kino als Schlachtfeld der Gleichzeitigkeit."

Von einem Regisseur, der Film ganz und gar liebt, berichtet auch Dominik Kamalzadeh im Standard, nachdem er sich von den "schwindelmachenden Paradoxien" dieser Tour de Force erholt hat: Nolan begreift Film als "Medium, mit dem sich die 'Wirklichkeit' nach Lust und Laune verformen lässt. So gut wie gar nicht computergeneriert, verdankt sich die Wucht der Actionschaustücke mehr dem Zusammenspiel von Nolans intensiven szenischen Choreografien, dem drängenden, sirenenhaften Score von Ludwig Göransson und einer Montage, die gleichsam zwei Zeitvektoren berücksichtigen muss." Viel Freude kann man an diesem Film haben, schreibt auch Tobias Kniebe in der SZ - Bedingung dafür ist aber, dass man im Kinosessel nicht allzu sehr über die präsentierten Theorien und deren Umsetzung nachdenkt: "Die inneren Widersprüche des Konzepts, das auch Zeitreisen in die Vergangenheit ermöglicht, drohen einem das Hirn zu sprengen. ", aber immerhin "gibt Nolan gibt sein Bestes, um störende kognitive Aktivitäten zu unterbinden."

Die Ärzte im Krankenhaus, ratlos: Ai Weiweis "Coronation"

Ai Weiwei
hat aus der Ferne heimlich einen Film in Wuhan drehen lassen: Titel "Coronation", seit gestern zu sehen auf Vimeo. Der Film sammelt Szenen aus den Anfangstagen der Epidemie: "115 Minuten Wuhan und am Ende weiß man nicht recht, wie das eigene Urteil zu China ausfällt", schreibt Swantje Karich in der Welt, "ob das Land die Pandemie mit seinem Durchgreifen am Ende doch irgendwie ganz gut in den Griff bekommen hat oder nicht. Sicher aber ist, dass die brachiale Entschlossenheit dieses Regimes, jeden Aspekt der Gesellschaft, jeden Einzelnen zu kontrollieren, jede kleinste Ausprägung von Menschlichkeit zerstört. Die Leute werden dirigiert wie Ameisen, überwacht und unterdrückt." Und Mark Siemons ergänzt in der FAZ: "Im lakonischen Kaleidoskop der Szenen kommt etwas zum Vorschein, das der erregten, durch die Pandemie zusätzlich angefachten geopolitischen Polarisierung zurzeit zu entgehen droht: die Sicht aus dem Inneren der machtpolitischen Black Box, die Perspektive gewöhnlicher Leute, die, eingezwängt zwischen viraler Bedrohung und umfassendem staatlichen Verfügungsanspruch, um ihr eigenes Leben ringen."

Vor wenigen Tagen kündigten Constantin Film und SZ eine "exklusive Zusammenarbeit" an, für die sich Constantin von SZ-Autoren bei der Stoffentwicklung beraten lassen möchte. Bei Rüdiger Suchsland von Artechock lässt die Meldung nur noch die Kinnlade runterklappen: "Man möchte natürlich wissen, wen die Exklusivität alles ausschließt, aber unabhängigen Journalismus offensichtlich in jedem Fall. ... Wie sehen in Zukunft zum Beispiel die meinungsfreudigen und unabhängigen Texte über Constantin aus? Und über Constantin-Konkurrenten? Und über Filmpolitik, wo die Constantin ja Partei und zwar dezidiert Partei und aktiver Gegner und Konkurrent vieler anderer Akteure ist."

Weitere Artikel: In der SZ meldet Susan Vahabzadeh unterdessen, dass nach Protesten (siehe hier und dort) die Förderregelungen für Verleiher neu justiert werden. Michael Kienzl erinnert sich im Filmdienst daran, wie der Schriftsteller Ray Bradbury, der morgen 100 Jahre alt geworden wäre, das Science-Fiction- und Horrorkino geprägt hat. Im Standard unterhält sich Dominik Kamalzadeh mit dem österreichischen Cineplexx-Geschäftsführer Christof Papousek über die Kinokrise. Katrin Nussmayr erläutert in der Presse die Pläne der Viennale.

Besprochen werden unter anderem Bettina Böhlers dokumentarische Hommage "Schlingensief - in das Schweigen hineinschreien" (Artechock, Filmdienst, Filmbulletin, critic.de, Zeit), Visar Morinas Rassismusdrama "Exil" (critic.de, mehr dazu hier), Marco Bellochios Mafiadrama "Il Traditore" (Freitag, unsere Kritik hier), Alex Garlands Serie "Devs" (Berliner Zeitung, mehr dazu bereits hier) und die HBO-Serie "Lovecraft Country" (FAZ).
Archiv: Film

Literatur

Jakob Hessing erinnert in der Literarischen Welt an einen Vortrag, den Franz Kafka 1912 gehalten hat, um den Prager Juden, die sich dem deutschen Kulturkreis zugehörig fühlten, das Jiddische wieder näher zu bringen, womit ihm "eine Momentaufnahme der deutsch-jüdischen Identitätskrise am Vorabend des Ersten Weltkriegs" gelingt.

Weiteres: Im "Literarischen Leben" bringt die FAZ einen Vorabdruck aus Christoph Peters' "Dorfroman". Besprochen werden unter anderem David Grossmans "Was Nina wusste" (Welt, FAS), Anne Carsons Gedichtband "Irdischer Durst" (taz), eine Neuausgabe von Ray Bradburys SF-Klassiker "Fahrenheit 451" (Tagesspiegel, NZZ), Sally Rooneys "Normale Menschen" (Tagesspiegel), Franco Morettis literaturwissenschaftliche Studie "Ein fernes Land. Szenen amerikanischer Kultur" (SZ), Ulrike Draesners "Schwitters" (Literarische Welt) und Leander Fischers "Die Forelle" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Bühne

Christian Gohlke blickt in der NZZ zurück auf die Gründung der Salzburger Festspiele vor hundert Jahren, die ins Leben gerufen wurden, als Habsburg unterging: "Natürlich schielte man an der Salzach damals hinüber nach Bayreuth, wo im Jahr zuvor unter größter öffentlicher Anteilnahme die Richard-Wagner-Festspiele eröffnet worden waren. Als das 'wohlthuendste Gegenbild' beschrieb der Kritiker Eduard Hanslick die Salzburger Musiktage, die für ihn 'eine Art Protest gegen das Bayreuther Ereignis' bildeten: Hier 'der Friede und die Freude des Genießens', dort die 'dumpfe Schwüle einer von wüstem Enthusiasmus... geschwängerten Atmosphäre'."

Weiteres: In der FAZ versucht Jürgen Kaube dem großen Mysterium von Salzburg auf den Grund zu gehen - dem andauernden Publikumserfolg von Hugo von Hofmannsthals "Jedermann": "Es hat den 'Jedermann' ironischerweise darum das Schicksal eines Dramas ereilt, das seit einhundert Jahren zwar ständig, aber ohne jede Wirkung und ohne jede Erweiterung unserer Einbildungskraft gespielt wird."

Besprochen werden Lubica Čekovskás "Impresario Dotcom" bei den Bregenzer Festspielen (in der FAZ bewundert Werner Grimmel den Schneid der Slowakin, eine veritable Opera buffa für das 21. Jahrhundert zu komponienen, in der SZ bedauert Egbert Tholl, dass Bregenz nicht mit Salzburgs "Hygiene-Power" mithalten könne), Katrin Plötners Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" in Darmstadt (FR, Nachtkritik) und Sasha Waltz' neue Produktion "Dialoge 2020 - Relevante Systeme" im Berliner Radialsystem (Tsp).
Archiv: Bühne

Musik

Mit spürbarer Skepsis blickt Thomas Mauch in der taz auf die Pläne des (staatlich finanzierten) Berliner Festivals Pop-Kultur, das in diesem Jahr vor Corona komplett ins Netz flieht: Untot anmutende Konzertstreams wollte man nicht anbieten, stattdessen ist vage von "Kunstvideos" die Rede, bei denen "laut den Festivalmachern 'viele Ideen und kreative Energie' freigesetzt wurden. Die Krise, die Chance. Klar!" Allerdings helfe man mit solchen Formaten der Popmusik nicht wirklich weiter: "So scheint es, als würden gerade die als bereits zugeschüttet geglaubten Gräben zwischen der E- und U-Musik wieder aufgerissen. Noch läuft der meist subventionierte Klassikbetrieb (E wie ernste Musik) zwar nicht wirklich rund, aber es tut sich doch etwas mit Konzerten, während bei der U-Musik der Buchstabe derzeit statt für Unterhaltung eher für Ungewissheit steht."

Weitere Artikel: Für die taz spricht Susanne Messmer mit Musikerin Zi Wan Breidler, die mit 14 Jahren aus China nach Wien kam, um dort Querflöte zu lernen. Torsten Wahl schreibt in der Berliner Zeitung einen Nachruf auf den Puhdys-Mitbegründer Harry Jeske. In der Jungle World ruft Vojin Saša Vukadinović dem Musiker Vern Rumsey nach, der in den 90ern mit seiner Band Unwound die Undergroundszene von Olympia, Washington nachhaltig geprägt hat. Für den Tagesspiegel hört sich Gerrit Bartels die neue Single von Die Ärzte an, "ein hübscher Abgesang auf die Leerformel des Punk":



Besprochen werden neue Arbeiten der Komponistin Huihui Cheng (Freitag) sowie neue Alben von Bright Eyes (ZeitOnline) und Matmos (Berliner Zeitung).
Archiv: Musik

Design

In der FAZ kratzt sich Thomas Herrig am Kopf darüber, dass Versace für die musikalische Untermalung eines Werbespots zu Vivaldi und damit schon zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit zu klassischer Musik gegriffen hat: "Soll die Musik der Marke jene Hochwertigkeit und Eleganz bringen, die man dieser Welt gemeinhin zuschreibt? In jedem Fall setzt das italienische Modeunternehmen überraschende neue Impulse bei der digitalen Zielgruppe. Immerhin stehen gerade die Luxusmarken bei den Jüngeren hoch im Kurs und definieren, was angesagt ist. Neben Vivaldi sind noch genügend 'große Klassiker' vorhanden. Vielleicht 'Also sprach Zarathustra' für Gucci? 'Eine kleine Nachtmusik' für Prada? Und Ralph Lauren versucht es mal mit dem 'Walkürenritt'?"

Archiv: Design
Stichwörter: Versace, Vivaldi, Antonio