Efeu - Die Kulturrundschau

Bombast ist gar kein Ausdruck

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02.09.2020. In Venedig beginnen heute die Filmfestspiele, coronabedingt mit wenig Stars und viel Abstand. Die FR kann sich die herzliche Mostra bisher nur schwer als Distanzerlebnis vorstellen. Die SZ erlebt in Paris die Umkehrung der Banlieue von der Vorstadt zum Weltgefühl. Der Guardian verehrt mit Richard Rogers auch das lausige Zeichnen, chaotische Arbeiten und unverständliche Urteil. Auf 54books verteidigt die Schriftstellerin Katharina Hartwell ihren finanziellen Ehrgeiz. Und die taz zieht mit den Bright Eyes von Stonehenge zum Mount Everest.  
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2020 finden Sie hier

Film

Am Lido beginnen heute die Filmfestspiele von Venedig. Es ist das erste A-Festival seit der letzten Berlinale, das trotz Corona den Betrieb aufnimmt - wenngleich mit erheblichen Sicherheitsauflagen und einem rigorosen Hygienekonzept: Vor Betreten des Festivalareals wird die Temperatur gemessen, die Säle bleiben zur Hälfte leer, der Sitzplatz muss mit Vorlauf reserviert werden, in den Kinos herrscht ständige Maskenpflicht. Standard-Kritiker Dominik Kamalzadeh ist gespannt, "wie diszipliniert sich die internationalen Besucher - man rechnet mit 50 Prozent der sonstigen Akkreditierten - an diese neue Realität anpassen werden", und findet es ansonsten "gar nicht so schlecht", dass im Zuge des eingedampften, komplett blockbusterfreien Programms "weniger Stars an den Lido kommen, um hysterische Fans zum Kreischen zu bringen". Auch taz-Kritiker Tim Caspar Boehme ist gespannt, wie dieser Testballon aufsteigt, der bei der Platzreservierung leider schon mal Zicken macht, und ob er "der Filmbranche eventuell ein wenig von der Normalität zurückgibt, die seit dem Frühjahr ausgesetzt ist".

In der FR findet es Daniel Kothenschulte schon etwas schade, dass aus dem einstigen Zeltlagererlebnis nun "ein Distanzerlebnis" wird, denn "in dem idyllischen Inselreich tauschte man gerne noch in den Warteschlangen letzte Empfehlungen aus, nirgendwo kam man leichter in Kontakt". Immerhin: Der Wettbewerb - acht von achtzehn Filmen aus weiblicher Hand - wird vorgeführt statt bloß in die Cloud gestellt: "Aber wie wird es auf dem roten Teppich aussehen, wenn Filme aus Indien und Brasilien Premiere haben, deren Teams derzeit nicht nach Italien einreisen dürfen?" Für die SZ unterhält sich Tobias Kniebe mit der Regisseurin Julia von Heinz, die mit ihrem im Wettbewerb gezeigten Film "Und morgen die ganze Welt" ihre Vergangenheit in der Antifa aufarbeitet.

Weitere Artikel: Jenni Zylka berichtet in der taz, dass zwei junge Cinephile mit Sinema Transtopia im verwahrlosten "Haus der Statistik" am Berliner Alexanderplatz ein neues, improvisiertes Kino eröffnen. Für critic.de arbeitet sich Nicolai Bühnemann durch die Darkman-Filme. Und Ekkehard Knörer schreibt auf Cargo weiter fleißig Notizen zu allem, was er sieht, liest und hört.

Besprochen werden Midi Zs taiwanesischer #MeToo-Noir "Nina Wu" (taz, epdFilm, critic.de), Paolo Tavianis "Eine private Angelegenheit" (critic.de, epdFilm), die vom Feminismus der 70er erzählende Serie "Mrs. America" mit Cate Blanchett (ZeitOnline) und Jan Komasas "Corpus Christi" (Berliner Zeitung).
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Kunst

Still aus Mathieu Krassovitz' Film "La haine" von 1995

In der Banlieue manifestiert sich nicht mehr nur das Vorstadtleben, sondern ein "Weltgefühl", erkennt Joseph Hanimann in der SZ nach seinem Besuch der Ausstellung "Jusqu'ici tout va bien" im Pariser Palais de Tokyo. Absolventen von Ladj Lys Filmschule Kourtmétrage untersuchen in ihren Arbeiten, wie sich seit Mathieu Kassovitz' Kultfilm 'La haine' von 1995 die Situation in der Banlieue und vor allem die Polizeigewalt verändert hat. Rund läuft es immer noch nicht, verrät Hanimann: "So wundert sich die Künstlerin Émilie Pria, dass Frauen in 'La Haine' nur als gesichtslose Mütter und Schwestern auftauchen, und hat deswegen mit archäologischer Akribie das mutmaßliche Zimmer der Nebenfigur Sarah nachgebaut, mit dem Möbeldesign, der Mode und den Postern der Neunzigerjahre, noch ganz ohne iPhone und Facebook. In einem anderen Beitrag hat die in Dakar geborene Tiah Mbathio Beye in Anspielung auf den jüngsten Covid-Lockdown einen engen Vorstadtbalkon als Ort inszeniert, an dem die Verbitterung über das feindselige 'Draußen' eingesperrt, ausgestellt und manchmal herausgebrüllt wird."

Weiteres: In der SZ berichtet Ingo Arend, dass Kassel einen neuen Standort für sein geplantes Documenta-Museum braucht. Ein Bürgerbegehren zur "Rettung des Karlsplatzes" habe die Stadtpolitik verschreckt. Für den Tagesspiegel lässt sich Nicola Kuhn von den drei Sammlungsdirektoren versichern, dass die Lage der Berliner Nationalgalerie gar nicht so schlecht sei, nur der Hamburger Bahnhof bräuchte vielleicht mehr Unterstützung von Seiten der Politik. Ingeborg Ruthe schreibt in der FR zum Achtzigsten des Malers Hans Ticha, in der FAZ gratuliert Andreas Platthaus. In der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe zum Tod des Fotografen Jürgen Schadeberg, auf Monopol ehrt ihn Anne Kohlick als "Vater der südafrikanischen Fotografie".

Besprochen werden die Ausstellung "Enter the Void" in der Kunsthalle Mainz, für die Künstler wie Lawrence Abu Hamdan oder die Gruppe Forensic Architectur Verbrechen rekonstruieren und die Michael-Schmidt-Retrospektive im Hamburger Bahnhof (Tsp).
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Bühne

In der Berliner Zeitung fürchtet Ulrich Seidler in einem kurzen Kommentar, dass die Theater mit ihren dezimierten Plätzen, aber gleichbleibend hoher Premierenzahl zum "Luxus einer Kulturelite" wird. Gina Thomas jubelt in der FAZ über Ralph Fiennes, der im Londoner Bridge Theatre mit einem Monolog von David Hare gegen Corona und Boris Johnson brillierte (mehr dazu im Guardian).

Besprochen wird Hakan Savas Micans "Berlin Oranienplatz" am Gorki-Theater (Tsp).
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Stichwörter: Corona, Johnson, Boris

Architektur

Richard Rogers: Flughafen Madrid Barajas. Foto: rsh-p

Mit 87 Jahren legt Richard Rogers jetzt doch seinen Stift nieder, im Guardian verehrt Oliver Wainwright den visionären Architekten, der mit seiner nach außen explodierten Centre Pompidou die Pariser nachhaltig verstörte, aber die Madrider mit seinem Flughafen so wunderbar besänftigte. Aber was heißt eigentlich Stift niederlegen: "Er war immer, wie er selbst zugab, ein lausiger Zeichner, außerdem war er Legastheniker. Er bevorzugte es zu reden, idealerweise bei einem Glas Wein und gutem italienischen Essen. Sein Tutor schrieb 1958 in einem Bericht: 'Seine Entwürfe sind weiter recht schwach, während sein Zeichnen schlecht bleibt, seine Arbeitsweise chaotisch und seine kritischen Urteile völlig unverständlich.' Doch Lord Rogers von Riverside hat das Gesicht des urbanen Britannien wahrscheinlich mehr beeinflusst als jeder andere Architekt des späten 20. Jahrhunderts."
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Stichwörter: Rogers, Richard

Literatur

Die Schriftstellerin Katharina Hartwell schreibt viel, ambitioniert, mit klarem Blick auf Deadlines und vor allem nur gegen angemessene Bezahlung. Vermeintliche Komplimente wie "Du Maschine", "Du willst es aber wissen" oder "das hat bestimmt Spaß gemacht" empfindet sie als Beleidigungen, erklärt sie auf 54books.de: Darin liege der implizite Vorwurf, unliterarisch, für eine Frau zu ambitioniert oder gar infantil zu sein sowie nur aufs Geld zu schauen. "Die Erkenntnis, dass das Bedürfnis, angemessen bezahlt zu werden, einen literarischen Anspruch nicht ausschließt, scheint wohl primär für jene überraschend, die das Privileg genossen haben, stets finanziell abgesichert zu sein. Tatsächlich kann beides friedlich ko-existieren - und muss es oftmals sogar. Herunterbrechen lässt sich die Konstruktion weiblicher Ambition meiner eigenen Erfahrung nach also oftmals wie folgt: Der offen ambitionierten Frau wird ein obsessiv, unmenschliches, sie zur Maschine machendes Streben nach Macht, Anerkennung oder Reichtum unterstellt. Dass eine ökonomische Notwendigkeit besteht, finanziell tragbar zu sein, wird ausgeschlossen oder zwar gesehen, aber dann herangezogen zur Abwertung der intellektuellen, literarischen Leistung."

Weitere Artikel: Für die Berliner Zeitung spricht Arno Widmann bei einem Glas Apfelsaftschorle mit dem Schriftsteller Hans Christoph Buch unter anderem über dessen "Robinsons Rückkehr - Die sieben Leben des HC Buch" und was sich von Viktor Schklowski fürs Bücherschreiben lernen lässt. Alf Mayer hat für das CrimeMag den Krimiautor Garry Disher in Australien besucht. Ebenfalls im CrimeMag gibt Thomas Przybilka Hinweise auf neue Sekundärliteratur zum Kriminalroman. Einen Überblick über alle neuen Rezensionen und Essays aus dem CrimeMag bietet das aktuelle Editorial.

Besprochen werden unter anderem Lydia Davis' Kurzgeschichtenband "Es ist, wie's ist" (FR), Deniz Ohdes "Streulicht" (Freitag), Diane Obomsawins Comic "Ich begehre Frauen" (Tagesspiegel), Kai Wielands "Zeit der Wildschweine" (SZ), die Wiederveröffentlichung von Josef von Neupauers utopischem Roman "Österreich im Jahre 2020" aus dem Jahr 1893 (Standard) und Thomas Kapielskis "Kotmörtel" (FAZ).

Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Musik

In der taz beschäftigt sich Dirk Schneider mit dem Comeback von Bright Eyes. Das Trio um Conor Oberst legt mit "Down in the Weeds, Where the World Once Was" das erste Album seit 2011 vor. Die Texte sind wie immer kryptisch, diesmal "vielleicht sogar noch kryptischer als die Hieroglyphen eines Bob Dylan", stellt Schneider fest. Ein Stück wie "Mariana Trench" führt da schon mal "von Stonehenge bis zur Gegenwart, vom Gipfel des Mount Everest bis tief hinunter in den Marianengraben, geschichts- und weltumgreifend wird da die hoffnungslose Lage des Menschengeschlechts im Kapitalismus beschworen. Bombast ist gar kein Ausdruck, aber der Bright-Eyes-Bombast hat ausreichend musikalisches Feintuning, um auch für die Indie-Connaisseurin interessant zu wirken. Die Musik klingt wie um Obersts Litaneien herum gemalt, und das mit großer Lust am Experiment." Wir hören rein:



Besprochen werden weitere neue Popveröffentlichungen, darunter Bill Callahans "Gold Record", der sich im ersten Stück gleich mal als Johnny Cash vorstellt (SZ). Wir hören rein:

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