Efeu - Die Kulturrundschau

An Tischbeinen und Türkanten

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.09.2020. Die Welt erklärt die Bedeutung von Aby Warburg. Die Nachtkritik reist mit Christopher Rüping und Thomas Klöck zu den Katastrophenorten des Kapitalismus. Im DlfKultur spricht Joachim Meyerhoff über seinen Schlaganfall. Der Tagesspiegel freut sich, dass er aus Venedig nichts Aufregendes melden muss.  Und ZeitOnline erkennt den Trend zum gestiefelten Sneaker.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2020 finden Sie hier

Film

Als aus Cassius Clay Muhammad Ali wurde: Regina Kings "One Night in Miami"

Keine Skandale, kein Ärger wegen zu wenig Filmen von Frauen, keine filmpolitischen Streitfälle und nirgends Touristen: Endlich geht es beim Filmfestival in Venedig mal um nichts anderes als nur um Filme, freut sich Andreas Busche im Tagesspiegel. Wobei ihn Gia Coppolas "Mainstream" über einen Lebenskünstler, der zum Internetstar wird, dann doch nicht überzeugt hat ("Dauernd fliegen Smileys und Herzen durchs Bild oder jemand kotzt Blumen"). Umso besser fand er Regina Kings Regiedebüt "One Night in Miami", ein Kammerstück über die Nacht als Cassius Clay beschließt, sich fortan Muhammad Ali zu nennen. Der Film "holt das Beste aus dem begrenzten Raum und den Darstellern raus (darunter Aldis Hodge und Leslie Odom Jr.), die Kamera umzirkelt die Freunde. Die schnellen Dialoge kommen ohne predigenden Tonfall aus. Der Konflikt im Zentrum des Films hat über 50 Jahre später nichts von seiner Brisanz verloren, er reicht bis zu Kanye West und Colin Kaepernick."

Gut zu den Debatten der Gegenwart passt auch Merawi Gerimas in einer Nebenreihe gezeigter "Residue", schreibt tazler Tim Caspar Boehme: Der Film handelt davon, wie schwarze Mieter in Washington D.C. von weißen verdrängt werden. Diese "Spurensuche nach der Vergangenheit des Viertels und nach der eigenen Kindheit ist in nüchternen, dokumentarisch wirkenden Aufnahmen gefilmt." Dieser Film "will keine große Erzählung bieten, sondern mit seinem Blick auf eine kleine Community die großen Probleme von Afroamerikanern verdichten. Und die Fragen als ungelöst festhalten."

Außerdem: Bert Rebhandl empfiehlt im Standard eine Reihe des Österreichischen Filmmuseums zum tschechoslowakischen Animationsfilm. Tom Wohlfarth schreibt im Freitag über das Experimentalfilmprogramm des Sinema Transtopia, einem im leerstehenden Berliner Haus der Statistik am Berliner Alexanderplatz untergebrachten, provisorischen Kino. Markus Ehrenberg (Tagesspiegel), Willi Winkler (SZ) und Hubert Spiegel (FAZ) gratulieren Mario Adorf zum 90. Geburtstag. Christian Schröder (Tagesspiegel) und Ralf Schenk (Berliner Zeitung) schreiben Nachrufe auf den tschechischen Filmemacher Jiří Menzel.

Besprochen werden Jan Komasas "Corpus Christi" (SZ, unsere Kritik hier) und die Serie "Run" (FAZ).
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Kunst

Aby Warburg:Bilderatlas Mnemosyne, Tafel 39 (wiederhergestellt), Foto: Wootton / fluid; The Warburg Institute, London

Sehr eingängig erklärte Hans-Joachim Müller bereits gestern in der Welt Aby Warburgs "Bilderatlas", dem das Haus der Kulturen der Welt in Berlin eine Ausstellung widmet, und seine sonst so schwer verständlich Ikonologie: "Die Kritik hat Warburg immer wieder zunftverletzende Unwissenschaftlichkeit vorgeworfen und dabei übersehen, was den 'Bilderatlas' bis heute bedeutsam macht. Bedeutsam ist ja nicht, dass alles seine Bedeutung hat. Bedeutsam ist, dass keine Bedeutung der anderen über- oder unterlegen ist. Bedeutsam ist an dieser komparatistischen Methode, wie sie die Würdeabstände zwischen Kunst und Bild, Fetisch und Gebrauchsgegenstand, kulturellem Zeremoniell und Alltagsritual, Kennerschaft und Massengeschmack augenscheinlich gegen null schrumpfen lässt."

Besprochen werden die Schau "Everyday Heroes", mit der britischen KünstlerInnen den Helden des Corona-Alltags im Londoner Southbank Centre Tribut zollen (Guardian) und die Ausstellung "Inspiration Handwerk" im Japanischen Palais in Dresden (die Michael Bartsch in der taz vor allem als Hommage wertet).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Warburg, Aby, Corona

Bühne

Maike Knirsch in "Paradies. Foto: Krafft Angerer /Thalia Theater

Das Tollste an Christopher Rüpings wilder Inszenierung von Thomas Klöcks Klimatrilogie "Paradies" ist der Auftritt von Lia Şahin, die mit ihrer Stimme scratcht und zaubert, schwärmt Katrin Ullmann in der Nachtkritik. Insgesamt fand sie die wilde  Abrechnung mit dem Kapitalismus überbordend, bedrückend und bewegend, aber auch trocken, altklug oder zu hysterisch: "Die Köck'sche Klima-Trilogie ist eine Reise im 'ewigen ICE', der falsch abgebogen ist, schon vor Jahrzehnten, schon vor Jahrhunderten und der natürlich Verspätung hat. Abdoul Kader Traoré spielt den professionell freundlichen Zugbegleiter, der die Zuschauer*innen und auch die Darsteller*innen vom smogverhangenen Zhangzhou mitnimmt in die italienische Textilstadt Prato, wo 2013 illegale, meist chinesische Textilarbeiter*innen von einem Fabrikfeuer überrascht wurden und mehrere von ihnen ums Leben kamen, außerdem in das Hotel Palestine in Bagdad, in dem ausländische Journalisten, darunter auch eine Kriegsreporterin auf das nächste verkaufsträchtige (Foto-)Ereignis lauern."

Gewohnt missmutig lässt Till Briegleb dagegen in der SZ kein gutes Haar an der Inszenierung: "Es ist einzig die Qualität des Textes, die durch diese uninspirierte Aufführung führt. Köcks gedankenbefreiende Sprache, dieser lakonische Ernst, mit dem er die großen Zusammenhänge des globalen Unrechts an menschlichen Episoden schildert, zeigt aber auch erschreckend deutlich, dass Rüpings Regie das Potenzial dieser Texte nicht einmal im Ansatz ausschöpft."

Weiteres: Als klar, radikal und modern feiert Manuel Brug in der Welt John Neumeiers neue Choreografie "Ghost Light" an der Hamburger Staatsoper, während er Frank Castorfs "Molto agitato" als "nölig-zynischen Null-Bock-Trash" abtut. FAZ-Kritiker Jürgen Kesting findet den Castorf-Abend beklemmend, aber sinnfällig. In der NZZ erkennt Daniele Muscionico, dass nicht die Maske den Theatern das Überleben sichern wird, sondern die Fantasie. Im Tagesspiegel berichtet Eberhard Spreng von den Verwerfungen am Pariser Théâtre du Châtelet. Michael Wurmitzer meldet im Standard, dass jetzt Mary J. Blige den Eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper ziert.

Besprochen werden Esther Beckers Stück "Das Leben ist ein Wunschkonzert" am Gripstheater (Berliner Zeitung) und ein theatralischer Konzertabend über Shakespeares "Macbeth" von Christian Friedel und Band in Dresden (FAZ).
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Literatur

Dlf Kultur unterhält sich mit dem Schriftsteller Joachim Meyerhoff, der in seinem Buch "Hamster im hinteren Stromgebiet" seinen Schlaganfall verarbeitet: "Auf der einen Seite müssen Sie so ein Ereignis annehmen. Sie wollen es ja nicht verdrängen. Auf der anderen Seite wollen Sie nicht, dass das Ereignis Macht über Sie bekommt. ... Ich wollte diesem Gehirn Aufgaben stellen. Denn man denkt weiter. Gleichzeitig ist das der versehrte Ort. Der Ort der Beschädigung und der Ort, der sich mit der Beschädigung beschäftigt, sind eins. Sie gucken nicht auf Ihren gebrochenen Fuß."

Weitere Artikel: Ole Schulz wirft für die taz einen Blick ins Programm des Internationalen Literaturfestivals Berlin, das ab morgen zum großen Teil im Internet stattfindet. Im Literaturfeature für Dlf Kultur wirft Sigrid Brinkman einen Blick auf die Bauern in der französischen Literatur.

Besprochen werden unter anderem Yves Grevets Thriller "Vront" (Tagesspiegel), Moa Romanovas Comic "Identikid" (Tagesspiegel), Kurt Draewerts "Dresden. Die zweite Zeit" (SZ) und Hirokazu Koreedas Roman "So weit wir auch gehen" (FAZ), den der japanische Regisser unter dem Titel "Still Walking" - hier unsere damalige Kinokritik - auch selbst verfilmt hat.
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Architektur

Dezeen präsentiert - leider etwas umständlich - seine Shortlist mit zwanzig Bauten, die für seinen Architekturpreis 2020 nominiert sind, in Kategorien wie städtisches und ländliches Wohnen, Wohnprojekte und öffentliche Bauten, Infrastruktur oder Landschaftsgestaltung.
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Design

Warum um alles in der Welt werden Sneakers jetzt verstiefelt, fragt sich Tillmann Prüfer im ZeitMagazin: "Bekennen wir uns dazu, dass wir alle Alltagskämpfer werden wollen? Ist das ein Vorgeschmack auf die Wirtschaftskrise und die drohenden härteren Zeiten? Mag sein. Möglicherweise haben die Menschen aber auch einfach genug davon, sich ihre Knöchel an Tischbeinen und Türkanten anzuhauen."

Weiteres: Einen ziemlich verspäteten Nachruf auf die bereits Anfang des Jahres verstorbene Tabea Blumenschein schreibt Oliver Koerner von Gustorf in der taz. Anlass dazu bietet ihm eine Ausstellung im Berliner Conceptstore Townes mit Artefakten aus Blumenscheins Nachlass.
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Musik

Im Dortmunder Konzerthaus wurde der Betrieb wieder aufgenommen, schreibt Michael Stallknecht begeistert in der SZ: Der Balthasar-Neumann-Chor sang ohne Abstand und begab sich zu diesem Zweck nach Tests freiwillig in Vorab-Quarantäne, erfahren wir. So glückte "eine der großen Sternstunden des Musikbetriebs, wie sie vielleicht nur eine solche Ausnahmesituation ermöglicht. Die Gesangssolisten, der Chor, die im Stehenden spielenden Streicher und die Bläser auf Originalklanginstrumenten: Sie musizieren nach der langen Durststrecke der letzten Monate an der Grenze des Menschenmöglichen."

In der taz berichtet Julian Weber vom auf Klangkunst und experimentelle Musik spezialisierten "FK:K-Festival" in Bamberg, das noch einige Tage läuft. Kleine Publikumsgrüppchen dürfen dort ungeahnten Klängen lauschen, wie sie etwa der bretonische Dudelsack-Künstler Erwan Keravec seinem Instrument entlockt, das mitunter so lange "schnaubt, bis aus dem infernalischen Lärm Drones entstehen, langanhaltende, mesmerisierende Töne, vergleichbar mit Nebelhörnern und Sirenen."

Weitere Artikel: Elena Witzeck beobachtet für die FAZ, wie junge Frauen auf TikTok Cardi Bs und Mega Thee Stallions "WAP"-Video (mehr dazu hier) aufgreifen und weiterverarbeiten. Im Standard verneigt sich Karl Fluch vor Dan Penn, einer ausnahmsweise weißen Soullegende, die zwar hunderte an Songs produziert aber nur sehr gelegentlich selbst ein Album mit eigenen Aufnahmen vorlegt - so wie jetzt gerade eben mit "Living on Mercy" geschehen. Roland H. Dippel berichtet in der NMZ von den Bachfesttagen in Köthen. Für ZeitOnline war Ulrich Stock dabei in Halberstadt, als dort am 5. September in der Langzeitaufführung von John Cages "Organ²/ASLSP" zum ersten Mal seit fast sieben Jahren ein neuer Ton angeschlagen wurde - auf Youtube kann man dem historischen Ereignis ebenfalls beiwohnen. Thomas Steinfeld (SZ) und Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) schreiben Nachrufe auf den Jazzbassisten Gary Peacock. Hier musiziert er an der Seite von Keith Jarrett und Jack Dejohnette:



Besprochen werden ein Konzert von Vladimir Jurowksi und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Tagesspiegel), Helge Schneiders Auftritt in der Berliner Waldbühne (Berliner Zeitung) und neue Jazzveröffentlichungen, darunter J.D. Allens "Toys/Die Dreaming", auf dem "jeder Ton, jeder Schlag zählt", schreibt SZ-Jazzkolumnist Andrian Kreye. Wir hören rein:

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