Efeu - Die Kulturrundschau

Dass es das irdische Paradies tatsächlich geben kann

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07.10.2020. Die SZ erkennt in dem spektakulären Atrium, das  Rem Koolhaas dem Springer-Verlag errichtet hat, den Architektur gewordenen Medienwandel. Die Welt erinnert daran, wie Koolhaas in Berlin beinahe zum Märtyrer geworden wäre. Außerdem möchte die SZ in Max Beckmann lieber nicht das Androgyne sehen. Die Berliner Zeitung berichtet aus dem coronageplagten Bollywood. Auf ZeitOnline mahnt Chuck D., den Ernst der politischen Lage zu erkennen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2020 finden Sie hier

Architektur

Was wird hier eigentlich hergestellt: Rem Koolhaas' Atrium für die Zentrale des Springer-Verlags. Foto: OMA

Gestern wurde offiziell, von einer Rede Frank Steinmeiers begleitet, die neue von Rem Koolhaas gestaltete Zentrale des Axel-Springer-Konzerns eingeweiht. "Ein dermaßen spektakuläres Atrium hat es in Europa eigentlich überhaupt noch nie gegeben", glaubt Peter Richter in der SZ: Alles werde gespiegelt und gedoppelt und dadurch noch üppiger. Aber was genau hat der niederländische Architekt hier gebaut: Einen Verlagssitz, eine Konzernzentrale oder reine Flexibilität? "Irgendwo in einer der unteren Etagen steht tatsächlich die Bronzeskulptur eines Zeitungslesers rührend in der Ecke, wie zur Entsorgung rausgestellt und vom Facility Management nur noch nicht abgeholt. Irgendwo in den oberen Etagen quietschen derweil die Turnschuhe der jungen Leute aus den Abteilungen der Internet-Dienstleister herum, mit denen Springer heute wesentlich sein Geld verdient, und sie alle sind wirklich deutlich zu jung, um sich erinnern zu können, dass Wohnungs- oder Autoanzeigen die Wochenendausgaben von Zeitungen mal so dick wie Telefonbücher gemacht haben (andererseits sind sie auch zu jung, um sich an Telefonbücher zu erinnern)."

In der Welt erinnert Marcus Woellner an das mindestens komplizierte Verhältnis von Rem Koolhaas zu Berlin: "Als die Mauer gefallen war - und zu Koolhaas' Unverständnis als Architektur fast vollständig aus der Stadt getilgt wurde - nahm er als Preisrichter an den Sitzungen der Berliner Baubehörde für die sogenannte Hauptstadtplanung teil. Es ging um den Potsdamer Platz, die größte Innenstadtbrache Europas. Doch gegen den autokratischen Stil des damaligen Senatsbaudirektors Hans Stimmann und dessen Fetische der alteuropäischen Stadt, der steinernen Lochfassaden, der unantastbaren Traufhöhe kam Koolhaas nicht an. Er verließ die Jury im Eklat, schrieb einen offenen Brief, attestierte Berlin einen reaktionären Dilettantismus, der 'Ideen massakriert'. Stimmann wird sich noch Jahre später über eine ganze Reihe renommierter Architekten wie Rem Koolhaas oder auch Daniel Libeskind lustig machen, die angeblich wie 'Märtyrer durch die Welt' laufen und keine Aufträge bekommen."

Vielleicht etwas spröde, aber ungeheuer aufschlussreich findet Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung die Ausstellung "Unvollendete Metropole" im Berliner Kronprinzenpalais, in der die Geschichte der Berliner Stadtplanung rekonstruiert werde: "Tesla kann heute im Südosten Berlins seine Autofabrik bauen, weil die planerischen Grundlagen für die automobile Gesellschaft in der Kaiserzeit und der Weimarer Republik gelegt wurden. Dieses urbane Desaster ist wohl kaum mit heiterer Lockerheit zu zeigen."
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Kunst

Max Beckmann: Odysseus und Kalypso, 1943. Foto: Hamburger Kunsthalle

Höflich, aber doch entschieden lehnt Till Briegleb in der SZ das "Thesenangebot" der Hamburger Kunsthalle ab, in Max Beckmann nicht mehr den "harten und männlichsten aller Maler Deutschlands" zu sehen, sondern eine eher fluide Person: "Ihm, der von sich selbst sagte, 'Mitte ist mir unerträglich', nun etwas bemüht das 'Androgyne' und 'Widersprüchliche' in seiner Kunst unterzuschieben, das geht zwar irgendwie. Aber überzeugender ist es doch, dieses fantastische Werk der Bildsymbolik und der enigmatischen Erzählungen, der unausdeutbaren Inhalte und prallen Energie nicht durch den Schlitz kurzfristiger Identitätsdiskurse zu pressen. Zumal bei einem Maler, der den theosophischen Unsinn der Esoterikbetrügerin Madam Blavatsky ebenso begeistert aufsog, wie Schopenhauers frauenfeindlichen Pessimismus oder die misogynen Theorien des Antisemiten Otto Weininger, der in abendländischen Mythen ebenso versank wie im Bordell."

Damien Hirsts Ausstellung seiner frühen Arbeiten "End of the Century" in der Newport Street Gallery sollte niemand besuchen, der tote Tiere in der Kunst verabscheut, rät Jonathan Jones im Guardian: "Offenkundig gab es in den neunziger Jahren schon einen Begriff von Tierrechten. Aber nicht in der Kunst. Als Hirst dafür berüchtigt wurde, dass er Tiere in Vitrinen steckte, herrschten Aufregung und Empörung - die Sun schickte einen Reporter in die Saatchi Gallery mit einer Tüte Chips zu den pickled fishes, der Kritiker Robert Hughes erklärte, ein echter Mann hätte den Hai selbst erlegt - aber es gab kaum moralischen oder politischen Protest."

Weitere Artikel: Dass Kunst einen verschandelten Stadtraum wirklich retten kann, glaubt Sabine von Fischer in der NZZ zwar nicht, findet die Klanginstallation "Harmonic Gate" des Berliner Künstlerduos O+A, Bruce Odland und Sam Auinger, auf Zürichs Europaallee aber doch recht wohltuend. Im Tagesspiegel kommentiert Birgit Rieger die Absage der Philip-Guston-Ausstellung: "Gerade jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um Philip Guston zu diskutieren."

Besprochen werden die große Ausstellung des kenianischen Malers Michael Armitage im Münchner Haus der Kunst (FAZ) und Wolfgang Ullrichs Bericht "Feindbild werden" über seinen Streit mit dem Maler Neo Rauch (Standard).
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Literatur

Die Berliner Zeitung spricht mit der Künstlerin Bettina Munk, dem Soziologen Heinz Bude und der Historikerin Karin Wieland über deren gemeinsamen Roman "Aufprall", der die Westberliner Hausbesetzerzeit der Achtziger aufarbeitet. Motiviert habe sie dazu auch, dass es nur relativ wenig gebe, "was die Erinnerung an den Mythos West-Berlin konserviert hat", sagt Munk. Bude ergänzt: "Wir gehören einer Generation an, die nicht stolz auf ihre Jugend ist. Es gibt für uns keinen narzisstischen Jugendstolz, in dem man auf das früh Geleistete blickt. Gleichzeitig haben wir entdeckt, dass es für die zahlenmäßig größte Generation der Nachkriegszeit, also die sogenannten Babyboomer, die formierende Phase ihres Lebens war. Deren Bedeutung und Geschichte ist in der Literatur bislang allenfalls ironisch angedeutet wie in Sven Regeners 'Herr Lehmann', aber nicht in ihrer ganzen Tragweite und auch Tragik erzählt worden."

Außerdem: Für die FR schlendert Claus-Jürgen Göpfert mit der Schriftstellerin Deniz Ohde durch Frankfurt. Willi Winkler erkundigt sich für die SZ, wie im Hinblick auf den Literaturnobelpreis die Quoten in den Wettbüros stehen. In der SZ erinnert Iwan-Michelangelo D'Aprile an Theodor Fontanes Zeitungstätigkeiten, die ihn 1859 auch bei der damals frisch gegründeten Süddeutschen Zeitung, die aber wohlgemerkt "mit der heutigen nur den Namen gemeinsam hat", vorstellig hat werden lassen.

Besprochen werden unter anderem Dorothee Elmigers "Aus der Zuckerfabrik" (online nachgereicht von der FAZ), Hallie Rubenholds Studie "The Five. Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden" (NZZ), Hans Ulrich Gumbrechts Neuübersetzung von Baltasar Graciáns "Handorakel und Kunst der Weltklugheit" (Tagesspiegel) und Jehuda Amichais Gedichtband "Offen Verschlossen Offen" (FAZ).
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Film

In der Berliner Zeitung berichten Anne-Sophie Galli und Christian Schlüter aus Indien, wie die Bollywood-Filmindustrie mit der im Land heftig einschlagenden Coronakrise umgeht. Seit Monaten sind alle Kinos im Land geschlossen. Am Set des Produzenten Jamnadas Majethia etwa müssen zur Abstandssicherung alle stets einen Regenschirm tragen, sobald sie nicht mehr on camera sind: "Er erklärt: 'Wenn Menschen miteinander reden oder arbeiten, vergessen wir immer wieder, den Abstand einzuhalten. Wir sind halt soziale Wesen.' Mit den Schirmen passiere das nicht."

Bei Regenschirmen und Film denken wir unweigerlich an Johnnie Tos Taschendiebefilm "Sparrow" (ab 0:35):


Besprochen werden Shannon Murphys Coming-of-Age- und Krebsdrama "Milla meets Moses", dem es laut FAZ-Kritiker Dietmar Dath gelingt, ein "sehr lustiger Film" zu sein, "der atemberaubend unbefangen das Traurigste sagen kann", Bertrand Bonellos "Zombi Child" (Tagesspiegel), Jean-Paul Salomés "Eine Frau mit berauschenden Talenten" mit Isabelle Huppert als Drogendealerin (SZ), Sofia Coppolas "On the Rocks" mit Bill Murray (Standard, mehr dazu bereits hier) und die deutsch-französisch-belgische EU-Serie "Parlament" (ZeitOnline).
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Stichwörter: Coronakrise, Bollywood, Indien

Bühne

Ljubisa Tosic meldet im Standard, dass die Niederländerin Lotte de Beer neue Direktorin der Wiener Volksoper wird.

Besprochen werden Thorleifur Örn Arnarssons Inszenierung der "Orestie" an der Berliner Volksbühne (die zum Leidwesen der Tsp-Kritikerin Christine Wahl Aischylos' Familienmeucheldrama mit Edward Albees Ehehöllenklassiker "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" kreuzt) sowie Anna Bergmanns Bilderbogen "Die neuen Todsünden" am Badischen Staatstheater Karlsruhe (taz).
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Musik

Einen glänzenden Abend erlebte SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck beim Münchner Beethoven-Konzert des Geigers Frank Peter Zimmermann mit den Musikern der Bayerischen Staatsoper und Dirigent Vladimir Jurowski: "Der langsame Satz des Konzerts wird zum Mirakel vollkommenen Glücks. Das gelingt, weil keiner der beiden Beethoven-Deuter der Versuchung erliegt, hier ein großes Menschheitsmysterium aufzuspannen, das in Abgrundtiefen vorstößt und letzte Wahrheiten verkündet. Zimmermann und Jurowski wollen etwas ganz anderes. Sie beweisen, dass es das irdische Paradies tatsächlich geben kann, und sei es auch nur für zehn Minuten und in München."

ZeitOnline unterhält sich mit Chuck D von Public Enemy über das neue Album seiner Rap-Combo. Der Rapper ist um markige Statements auch weiterhin nicht verlegen: "Sollte der amtierende US-Präsident wiedergewählt werden, steuern wir eben auf Faschismus zu. Ich habe manchmal den Eindruck, die Leute erkennen den Ernst der Lage nicht und halten das Ganze für eine Reality-TV-Show. Aber das ist es nicht: Hier geht es um echte Menschenleben, und es betrifft die ganze Welt."

Weitere Artikel: Im ZeitMagazin träumt Ice-T. Frederik Hansen gratuliert dem Cellisten Ottomar Borwitzky im Tagesspiegel zum 90. Geburtstag. "Tröstlicher leicht lallend singen als Polak kann man nicht", schreibt SZ-Popkolumnist Jens-Christoph Rabe über Erobiques und Oliver Polaks Pandemiedisco-Schwofer "Forever Corona". Auch Nadja Dilger von der Berliner Zeitung ist dankbar dafür, wie die beiden "ein wenig Leichtigkeit in den Alltag bringen":



Besprochen werden Aljoscha Pauses Netflix-Doku "Wie ein Fremder" über den gescheiterten Popstar Roland Meyer (ZeitOnline), Thiago Nassifs Carioca-Album "Mente" (taz), Lana Del Reys als Gedichtband "Violet Bent Backwards over the Grass" (Berliner Zeitung) und Maurizio Pollinis Auftritt in Frankfurt (FR).

Und: Eddie Van Halen ist tot. Einen ersten Nachruf bringt die New York Times. Seine live völlig aus dem Ruder gehenden Soli an der Gitarre waren Legende:

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