Efeu - Die Kulturrundschau

Nur Klaus nicht

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13.10.2020. Der Buchpreis für Anne Webers Heldinnenepos "Annette" trifft von FAZ bis taz auf fast einhellige Begeisterung. Auf ZeitOnline interveniert Ulrike Draesner gegen den Kitschverdacht, der über Nobelpreisträgerin Louise Glück schwebt. Die NZZ verteidigt Peter Zumthors Entwurf für das LACMA gegen die amerikanische Architekturkritik. Die SZ bewundert die versteinerte Bitterkeit im Spiel der Corinna Kirchhoff. Und Iris Berben geht noch einmal mit Klaus Lemke auf der großen Spielwiese des Kinos Gänseblümchen pflücken.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2020 finden Sie hier

Literatur

Das ungewöhnlichste Buch auf der Shortlist hat gewonnen, jubelt Dirk Knipphals in der taz: Der Deutsche Buchpreis geht in diesem Jahr an Anne Weber für ihr Langgedicht "Annette. Ein Heldinnenepos". Einer verdienten, einer glänzenden Buchpreisgewinnerin ist zu gratulieren, so Knipphals: Ihr Gedicht funktioniere auch als Lesetext, ja "mehr noch. Die zunächst exzentrisch anmutende Wahl des Versepos ermöglicht der Autorin einen so spielerischen, wie distanzierten, so zugewandten wie analytischen Zugang zu ihrem Gegenstand", der Biografie der französischen Widerstandskämpferin Annette Beaumanoir, deren Geschichte "keineswegs nachgebetet wird, sondern in ihren Ambivalenzen dargestellt, und genau dafür hilft die epische Form: Als Leser*in ist man schnell gefangen von diesem Leben und dieser Geschichte, aber eben ohne sich mit ihr identifizieren zu müssen."

Sehr gut findet auch Tagesspiegel-Kritiker Gerrit Bartels dieses Buch - "formal, da in nicht betont rhythmisierten Versen geschrieben, die den Lesefluss nie aufhalten, stilistisch, weil Weber einen schönen, ungezwungenen Ton hat und präzise erzählt." Die Wahl fiel auf die Beste unter Besten, hält Andreas Platthaus in der FAZ fest: "Selten gab es eine qualitativ so ausgeglichene Finalistenschar wie in diesem Jahr. ... Diese Autorin endlich beim großen Publikum etabliert zu sehen, ist eine Freude. Sie ist eine ebenso strenge wie historisch bewusste Geschichts- und Geschichtenschreiberin."

In der Welt winkt Richard Kämmerlings allerdings ab: Im Rückgriff auf das Versepos bringe sich das Werk gerade um die historischen Errungenschaften des Romans, nämlich der differenzierten Innenausleuchtung der Protagonistin: "Ist nicht gerade der Witz des modernen politischen Bewusstseins, dass es eben um Reflexionen und moralische Entscheidungen geht, die das Epos seinen Helden gar nicht zugestehen muss, weil sie aus ihren Wesen heraus schon stets das einzig Richtige tun? Spätestens bei ihrem Engagement für die algerische Befreiungsbewegung kommt der Heldensage dann auch der moralische Zwiespalt in die Quere" und so bringe "das Heldinnenepos eben doch ein Formproblem mit sich. Denn in einem Roman hätte man diesen Widerspruch zwischen moralischer Unbedingtheit und politischer Instrumentalisierung ausführen und zuspitzen können, der ja in Wahrheit exemplarisch für eine ganze Generation von linken Freiheitskämpfern ist." Cornelia Geißler berichtet in der Berliner Zeitung von der Preisverleihung.

Die teils recht bösen Kommentare - unpolitisch! verkitscht! - zum Werk von Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück kann deren deutsche Übersetzerin Ulrike Draesner so nicht stehen lassen. Im Freitext-Blog von ZeitOnline meldet sie sich zu Wort und erinnert daran, dass Glück eine 1943 geborene, amerikanische Jüdin ist und ihr Werk unter der Naturoberfläche von Düsternis und Gewalt durchzogen ist: "Es verstellt sich. Wie könnte es anders bei diesen Themen. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund. ... Aus der Beschäftigung mit Glücks Lyrik entstand für mich die Frage, wie Wörter wie 'Seele' oder 'Heimat' für unseren Sprachgebrauch ohne Re-Ideologisierung und/oder Usurpation durch neurechte Positionen wiederzugewinnen wären. Glücks Sprechen zeigt auf Fehlstellen in der deutschen Sprache. Das verstört. Gerade dies ist, was uns daraus zugute kommen kann."

Außerdem: Im Tagesspiegel bietet Gerrit Bartels einen Überblick über die digitalen Angebote der Frankfurter Buchmesse. Anna Vollmer stellt in der FAZ den Freiburger Verlag Non Solo vor, der sich auf italienische Literatur spezialisiert hat.

Besprochen werden unter anderem eine Ausstellung in der Frankfurter Nationalbibliothek über Erika Mann (taz), Cihan Acars "Hawaii" (taz), Charles Lewinskys "Der Halbbart" (SZ) und Sandra Gugićs "Zorn und Stille" (FAZ).

taz und SZ erscheinen außerdem heute mit ihren Literaturbeilagen, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten werden.
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Kunst

Jana Euler: Radieuse, 2016. Foto: Manfesta 13, Marseille, Musée Grobet-Labadié

Phönizische Handelsrouten, Le Corbusiers Wohnmaschine, alte Zisternen - FAZ-Kritiker Stefan Trinks erlebt Wunder über Wunder auf der Manifesta in Marseille, die am Wochenende ihren letzten Teil eröffnete. Am besten gefällt Trinks aber, wie die Kuratoren die ehrwürdigen Kunstpaläste infiltrieren: "Wie folgenreich diese Guerrillataktik der Kuratoren in Bezug auf die Demokratisierung elitärer Ausstellungshäuser sein kann, zeigt auch das Musée Grobet-Labadié gleich gegenüber dem Museum der Schönen Künste. Nach internen Schätzungen waren wohl achtundneunzig Prozent der Einwohner Marseilles, das als zweitgrößte Stadt Frankreichs zu zwei Dritteln von Menschen nichtfranzösischer Herkunft bewohnt wird, noch nie in dem Haus dieses ehemaligen Präfekten der Stadt mit seiner fast schon surreal verschwenderischen Ausstattung und Kunstsammlung. Der Prunkbau Grobet-Labadié wird nun auf allen Ebenen mit Schichten aus dem Leben dieser wenig gesehenen Mehrheit tapeziert. Ausliegende Zeitungsartikel aus den Fünfzigern belegen den anfänglichen Jubel über die meist aus Nordafrika stammenden 'Gastarbeiter'."

Gabriele Münter: Blick aus dem Fenster in Sèvres, 1906. Bild: Lenbachhaus

Wem Europas Reiseregelungen den Urlaub verhageln, dem empfiehlt Gottfried Knapp in der SZ die Ausstellung "Unter freiem Himmel" im Münchner Lenbachhaus. Die Schau präsentiert Bilder von Wassily Kandinsky und Gabriele Münter, die auf den Reisen des noch nicht verheirateten Paares entstanden sind, darunter, wie Knapp schwärmt, "begeisternd frische und spontane Gemälde, Ölskizzen und Zeichnungen, von denen viele noch nie ausgestellt waren": "In Tunesien waren es vor allem Gebäude, Gassen und Menschengruppen, die fotografiert und in Skizzen und Zeichnungen festgehalten wurden. Beim zweimonatigen Aufenthalt in Südtirol 1908 wude die Obstbaumblüte zum zentralen Ereignis. Die flockig leicht hingetupfte Ansicht blühender Apfelbäume, die Gabriele Münter damals gelungen ist, ist eines der schönsten Bilder aus diesen Wanderjahren."
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Architektur

Peter Zumthors Entwurf für das LACMA. Rendering: Peter Zumthor

Die amerikanische Architekturkritik läuft seit Jahren Sturm gegen die Pläne von Museumsdirektor Michael Govan, dem Los Angeles County Museum, dem LACMA, einen Neubau von Peter Zumthor zu gönnen, weiß Sabine von Fischer in der NZZ (unser Resümee), Christopher Knight von der Los Angeles Times hat sogar einen Pulitzerpreis für seine Interventionen bekommen. Fischer sieht die Sache dagegen positiv: "Wenn Michael Govan erklärt, dass die Offenheit nach außen und die Verbundenheit mit dem Park genau dem Wesen von Los Angeles entsprächen und die Wechselwirkungen zwischen den Objekten der Sammlung entgegenkämen, hört sich das äußerst überzeugend an. Es sei ein Gebäude ohne Hierarchien, in dem man überall Kunst ausstellen könne, so Govan. Im neuen Lacma will man nämlich keine Kammern und Korridore, sondern Sichtverbindungen, dank denen Werke und Werkgruppen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden können. Und darüber hinaus illustrieren die Visualisierungen auch, wie viele verschiedene Lichtsituationen durch Zumthors Architektur entstehen. Aber eigentlich gehe es gar nicht um das Licht, sondern die vielerlei Schattierungen, erklärt Govan und zitiert Zumthor: 'Das Museum ist ein Schattenspiel.'"
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Archiv: Architektur
Stichwörter: LACMA, Zumthor, Peter

Bühne

Unsentimental: Ibsens "Gespenster" am Berliner Ensemble. Foto: Matthias Horn

Beklemmend, eigentlich atemberaubend findet Peter Laudenbach Mateja Kolezniks Inszenierung von Ibsens "Gespenster" am Berliner Ensemble, die auch großes Schauspielertheater sei: "Paul Zichner spielt das Aufbegehren, das Antoben gegen die Gewissheit, vom Vater und dessen Ausschweifungen die Syphilis geerbt zu haben, mit schöner Unverstelltheit. Im Kontrast zu seiner kraftvollen Naivität steht das Spiel der großen Corinna Kirchhoff (als seine Mutter Helene Alving). Sie zeigt die über Jahrzehnte versteinerte Bitterkeit, die Kränkungen eines langen Ehelebens, die viele Schichten des Unglücks, den kalten Stolz, der vielleicht nur kalter Hass ist. Kirchhoff zeichnet mit großer Genauigkeit, mit komplett unsentimentaler Einfühlung und enormer Könnerschaft das Charakterporträt einer klugen Frau, die die Zwänge und Lügen ihres Lebens bis ins letzte durchschaut, ohne sich von ihnen befreien zu können."

An der Wiener Staatsoper wird Hans Neuenfels' Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" wiederaufgenommen. Im Standard-Interview mit Daniel Ender spricht Neuenfels über Fremdheitserfahrungen und Theater in Coronazeiten: "Die Häuser sind ja gut besucht, aber es wird oft zu schnell und zu viel produziert, die Probenzeit wird immer kürzer - das ist irre. So entsteht immer weniger, das länger haften bleibt. Und durch Corona entsteht noch mehr Zweifelhaftes, es purzeln sämtliche Kriterien noch mehr durcheinander - Hauptsache, es findet überhaupt etwas statt."

Besprochen werden der Saisonstart unter Barbara Mundel an den Münchner Kammerspielen (FR) sowie eine Doppelaufführung von Mascagnis "Cavalleria rusticana" und Sciarrinos "Luci mie traditrici" an der Staatsoper Stuttgart (FAZ).
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Musik

Igor Levits Interpretation der Beethoven-Sonaten fällt deutlich schneller aus als die seiner Kollegen in den vergangenen Jahrzehnten, ist Robin Becker von der Jungle World aufgefallen. Doch Levits Genialität "besticht nicht nur durch diese Tempi, die sich einer Romantisierung gerade dort verwehren, wo sie unangebracht wäre, sondern vor allem auch durch seine Arbeit auf engstem Raum: den Brüchen und Erschütterungen in kürzesten musikalischen Zeitabschnitten, den stellenweise extrem abrupten Wechseln in der Dynamik sowie der Artikulation und dem enormen Reichtum der Klangfarben, den Levit auch durch seine minutiöse Pedalarbeit hörbar werden lässt. Nicht zuletzt seine Treue zum Notentext ist es, die einzelne Phrasierungen Beethovens zuweilen extrem schroff, beinahe brutal wirken lässt - auch das im Gegensatz zu anderen Interpretationen, die diese Phrasierungen durch Legatospiel und Pedal verharmlost haben."

Besprochen werden neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Box mit von Hans Rosbaud dirigierten Mahler-Aufnahmen (SZ).
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Film

Filmrebell Klaus Lemke wird 80. Iris Berben, die Lemke etwas Karriere-Anschubhilfe verdankt und der Lemke wiederum die Entdeckung des Hamburger Kiezes verdankt, gratuliert in der SZ: Mit 18 fühlte Berben sich "wie weggesperrt in der Hölle und war voller Gier auf das Leben. Er hat mich dann mitgenommen auf eine Spielwiese, auf der wir mit ein paar anderen wilde und schöne Dinge gemacht haben - bis wir sie alle irgendwann wieder verlassen haben. Nur Klaus nicht. Klaus pflückt auf dieser Wiese bis heute Gänseblümchen, die hübschesten, die er finden kann. ... Er macht Lebensfilme. Er versteht es, beim Drehen die Magie des Lebens zuzulassen, er muss nichts verfälschen, verschönern, verkleinern oder vergrößern. Seine Filme stimmen immer aus sich heraus, und er traut sich was, er ist bis heute radikal und auch rücksichtslos, weil er sich das Recht nimmt, alles nur so zu machen, wie er will." In der FAZ würdigt Bert Rebhandl Lemkes "Guerrilla-Kino", das der Filmemacher ohne Drehbuch und Filmförderung auf dem Asphalt entstehen lässt - "und er lässt sich von den jungen Frauen von heute ein Selbstbewusstsein vorgeben, das auch die cinephilen Klischees von einst (Männer machen schöne Dinge mit aparten Frauen) in ein neues Offenes laufen lässt." Im Tagesspiegel gratuliert Andreas Busche dem "Schwabing-Cowboy".

Einige von Klaus Lemkes Filmen, darunter seine große Liebeskomödie "Amore" mit Cleo Kretschmer und die Rarität "Die Sweethearts", stehen momentan in der ARD-Mediathek. Weitere drei Filme ("Sylvie", "Ein komischer Heiliger" und "Liebe so schön wie Liebe") hat Lemke selbst via Youtube veröffentlicht. Der BR hat ein einstündiges Radiofeature über Lemke online gestellt und daneben ein Radiogespräch von 2012 aus dem Archiv geholt.

Außerdem liefert Susan Vahabzaheh in der SZ Hintergründe dazu, warum die Drehbuchautorin Anika Decker derzeit Til Schweiger verklagt. Die FAZ hat Bert Rebhandls Besprechung von Bertrand Bonellos "Zombi Child" (unsere Kritk) online nachgereicht.
Archiv: Film
Stichwörter: Lemke, Klaus