Efeu - Die Kulturrundschau

Darf ich alles mit diesem Leben machen?

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14.10.2020. Die SZ pocht darauf, dass anstrengende, herausfordernde Filme nur im Kino möglich sind. Die taz fragt sich beim Buchmesse-Stream, auf welchem Kanal eigentlich die diskreten Plaudereien stattfinden. Die NZZ erkundet in Winterthur die schweizerischen Ursprünge von Robert Franks Fotografie. Die Welt hört im Zürcher Opernhaus Karaoke de luxe. Und die FAZ huldigt den akustischen Explosionen des Pharoah Sanders.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2020 finden Sie hier

Kunst

Robert Frank: Landsgemeinde, Hundwil, 1949 © Andrea Frank Foundation / Fotostiftung Schweiz

Anlässlich der Robert-Frank-Ausstellung in der Schweizer Fotostiftung Winterthur denkt Daniele Muscionico in der NZZ darüber nach, was an dem Fotografen schweizerisch und was amerikanisch war. Seinen Blick hatte er in Europa geschult, glaubt sie, aber auch die Ablehnung seines unsentimentalen Blicks war ganz alter Kontinent: "Womöglich beging er das Sakrileg, die wichtigen Leute, Regierungsmitglieder, zu wenig hofiert zu haben. Franks Blick hielt die Menschen am Rande des Geschehens fest, und dort die Dinge, die im Nebenbei, in einer Stellung der Hände, in einem Gesichtsausdruck, womöglich aussagekräftiger sind als die Rangabzeichen eines Zylinders und eines Fracks."

Weiteres: Auf Slate.fr bangt Elodie Palasse-Leroux um das gerade erst eröffnete Vagina-Museum in London, das auch den japanischen Kosmos kraftvoller Schönheiten zur Geltung bringt. Besprochen werden die Ökokunst-Schau "Critical Zones" im ZKM in Karlsruhe (FAZ), die Ausstellung "Robert Petschow und das Neue Sehen" in der Berlinischen Galerie, die Luftaufnahmen des Berliner Ballonfahrers und Journalisten aus den 1920er Jahren zeigt (taz).
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Literatur

Im Interview mit der FAZ spricht Anne Weber, die für ihr Langgedicht "Annette. Ein Heldinnenepos" gerade mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde (unser Resümee), unter anderem über ihren Entschluss, ihre Hommage an die französische Widerstandskämpferin Annette Beaumanoir in Versen zu schreiben: Über einen tatsächlich existierenden Menschen schreiben - "darf ich alles mit diesem Leben machen? Darf ich mich seiner bedienen? Für meine eigenen literarischen Zwecke? Nein. Andererseits wollte ich kein Sachbuch schreiben. Da fiel mir ein, dass es eine geeignete Form gibt - das Heldenepos. ... Die Erzählung von etwas Wirklichem kommt nicht ohne Erfindungsgabe aus und das Erzählen einer fiktiven Geschichte nicht ohne eine Wirklichkeit, auf die sie sich stützt. Ich konnte mir nicht vorstellen, etwas hinzu zu erfinden, wollte gleichzeitig aber ein literarisches Werk schaffen. Da kamen die Form und der Rhythmus zum Tragen. So wurde es kein Erfinden, sondern etwas, auf das man beim Nachdenken kommt. Ein Einfühlen, ein Nachdenken, das einen auf Gedanken bringt." Hier Webers Dankesrede:



Sich durch die digitalen Angebote einer Buchmesse zu klicken, ist einfach nicht dasselbe wie das Flanieren über das Messegelände, seufzt Dirk Knipphals in der taz. An all den indiskreten Tratsch, den man da beim Plausch aufschnappt, ist beim Livestream nicht zu denken. Gerne hätte Knipphals etwa gewusst, "ob in den internen Diskussionen der Buchpreisjury zuletzt Deniz Ohdes 'Streulicht' und Anne Webers 'Annette' gegeneinander standen. Das wäre nämlich eine Debatte, die außerordentlich fruchtbar erscheinen könnte. Zurückgenommen, ohne Tricks und sorgsam von gesellschaftlichen Erfahrungen erzählen (Ohde) oder die Künstlichkeit literarischer Formenangebote nutzen, um ein langes, kämpferisches Frauenleben mit Andacht, aber ohne Identifikation erzählbar zu machen (Weber) - solche Schreibansätze gegeneinander abzuwägen, darauf wird es für Verlage und Kritiker*innen in den nächsten Monaten ankommen."

Besprochen werden unter anderem zwei autobiografische Bücher von Maryse Condé (SZ), Réjean Ducharmes "Von Verschlungenen verschlungen" (Berliner Zeitung) und Meena Kandasamys "Schläge" (FAZ).
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Film

Die Streamingdienste mögen coronabedingt astronomische Umsätze auf Kosten der Kinos einfahren, aber ohne Kinos stünden auch die Streamer dumm da, schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ. Gleichzeitig hätten herausfordernde Filme einen schwereren Stand: "Die Hemmschwelle, deswegen gleich aus dem Kino zu laufen - man ist ja erst einmal hingegangen und hat sich eine Karte gekauft - ist hoch. In der Streaming-App auf die nächste Kachel zu klicken, die einem der Algorithmus anbietet, nur weil der Film, den man anzuschauen begonnen hat, zunächst verwirrt, ist dagegen allzu verlockend. Alles, was anstrengend ist, herausfordernd, komplex, hat also schlechtere Chancen, angenommen zu werden."

Besprochen werden Nathan Grossmans "I Am Greta" (Tagesspiegel, SZ) und Xavier Burgins Dokumentarfilm "Horror Noire" über das Verhältnis zwischen Blackness und Horrorfilm ("hochinteressant", meint Bert Rebhandl in der FAZ, der aus diesem Film viele Titel für weitere Sichtungen mitnimmt).
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Architektur

Bernhard Franken, BMW Bubble, 1991-1999


Seltsam, dass auch die Low-Tech-Fraktion von einem Bauen ohne Architekten schwärmt, wundert sich Gottfried Knapp in der SZ, aber die Ausstellung "Die Architekturmaschine" in der Münchner Pinakothek kann es ihm hervorragend erklären: "Low- und Hightech sind dann identisch unter dem Elektro-Regime von Nullen und Einsen - und zwar ohne Architekten und ohne regionale Arbeitskräfte, ja ohne Bauindustrie und Baukultur (und, herrlich, ohne Architekturkritik). Die Maschine greift sich das Planen, Bauen und Reflektieren. Ohne Firlefanz. Man nennt das 'Digitalisierung' und weiß eigentlich nur, dass die digitale Welt entweder grausam, beherrscht von Algorithmen, oder grandios, beherrscht von Algorithmen, sein wird. Vermutlich beides."

Die dänische Architektin Dorte Mandrup, die nun das Berliner Exilmuseum bauen soll, hält gar nichts von der oftmals vorgeschlagenen Idee, den Portikus des Anhalter Bahnhofs auch als Entree für das neue Museum zu integrieren, wie sie im Welt-Interview mit Marcus Woeller erklärt: "Die Schaffung eines Abstands zwischen dem Alten und dem Neuen scheint mir angemessen zu sein, denn er reflektiert, dass wir uns hier in Transiträumen bewegen. Mit der großen Spannweite des Museumsgebäudes verweisen wir auf die langen Wege, die man in der ehemaligen Bahnhofshalle, über die Treppen und Gleise zurücklegte. Auf den gleichen Wegen wird man in Zukunft die Ausstellungen betreten. Wir wollen keine historischen Räume nachbilden, sondern Bewegung erfahrbar machen. Denn auch das Exil ist ein Zustand des Transits."

Außerdem: Im Tagesspiegel ermuntert Frederik Hanssen zu einem Spaziergang zu all den Berliner Siedlungen, die mittlerweile auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco stehen, etwa die Hufeisensiedlung, die Onkel-Tom-Siedlung und die "schön-strengen Großsiedlung Siemensstadt".
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Bühne

Als "Karaoke de luxe" verspottet Manuel Brug in der Welt Barrie Koskys Inszenierung von Mussorgskis "Boris Gudonow", für die Orchester und Chor nur über Glasfaserkabel ins Zürcher Opernhaus zugeschaltet waren, und schlimmer noch: "Es ist akustisch ein Opernsurrogat. Das Fake einer Kunst, die auf meisterhaftem Handwerk unmittelbar jetzt und vor Publikum beruht. Wir sind also Zeugen eines nicht nur lässlichen Sündenfalles." In der Nachtkritik beschreibt der Regisseur und Intendant Christian Holtzhauer, wie er in Mannheim zum Ostler wurde.

Besprochen werden Hans Neuenfels' wieder aufgenommene Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" an der Wiener Staatsoper (die Ljubisa Tosic im Standard nach wie vor intelligent und originell findet) sowie Franzobels "Leichenverbrenner" und George Taboris "Mein Kampf" am Wiener Burgtheater (SZ).
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Stichwörter: Wiener Staatsoper

Musik

Der große Jazzsaxophonist Pharoah Sanders wird 80. Während andere seiner Zunft mit ihrem Instrument lieber singen, wollte Sanders damit "immer schreien", schreibt Wolfgang Sandner in der FAZ. Sanders neben John Coltrane, das war seinerzeit "ein überwältigendes Naturereignis". Von Melodien konnte "bei Pharoah Sanders' expressiven Flageoletts und sprachähnlichen Mehrklängen überhaupt keine Rede mehr sein. Das waren akustische Explosionen, bei denen die Klangsplitter wie die in alle Richtungen spritzenden Farben eines wüsten Action Paintings durch die Luft flogen. In Coltranes vorwärts stürmendem, alle Konventionen des Jazz hinter sich lassendem Musikerkollektiv war Sanders mit Abstand der rebellischste." Zu hören ist das etwa auf "Ascension":



Weiteres: Simon Rayß plaudert für den Tagesspiegel mit Matt Berninger von The National über dessen erstes Soloalbum. Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter Beabadoobees "Fake It Flowers", in dem SZ-Popkolumnistin Annett Scheffel "ein neues Subgenre" heraufdämmern sieht, "das nach einer Welt vor Social Media und 9/11 klingt, aber von der Generation Z erzählt." Wir hören rein:

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