Efeu - Die Kulturrundschau

Tyrannen fürchten den Dichter

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.01.2021. Der Tagesspiegel zieht den Hut vor Alexander Nanaus und Catalin Tolontans Doku "Kollektiv" über die Brandkatastrophe im rumänischen Club "Colectiv", der zum Rücktritt der Regierung führte. Andreas Schäfer hört für die taz Musik von Charlie Mingus, die so fantastisch ist, dass er sich auch als Nazi beschimpfen lässt. Die FAZ trauert um eine Ikone des Brutalismus: Das Haus der Räte in Kaliningrad soll abgerissen werden. Das ZeitMagazin bewundert die farbenprächtigen Garderoben bei Joe Bidens Inauguration. Und: Die Feuilletons liegen immer noch der Dichterin Amanda Gorman zu Füßen, die die Show auf dem Kapitol dominierte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2021 finden Sie hier

Film

Enthüllungsjournalisten bei der Arbeit zusehen: "Kollektiv" (MDR)

Beeindruckend findet Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche Alexander Nanaus im Zusammenarbeit mit dem Investigativjournalisten Catalin Tolontan erstellten, mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichneten Dokumentarfilm "Kollektiv" über die Brandkatastrophe im rumänischen Club "Colectiv", der in Rumänien schließlich auch deshalb zum Rücktritt der Regierung führte, weil zahlreiche der Brandopfer im Anschluss einer vermeidbaren Infektion erlagen, die sie sich im Krankenhaus einfingen. Dieser Film "ist mehr als ein packender Thriller, der in Echtzeit einen außergewöhnlichen Fall von Enthüllungsjournalismus dokumentiert. Er ist auch ein exzellentes Beispiel für die Kooperation von Filmschaffenden und Journalist*innen. Und für ein Kino, das sich nicht mit einer Sache gemein macht, wie es heute immer wieder abschätzig heißt, sondern die komplexen Prozesse bei den Enthüllungen eines politischen Skandals abbildet."

"Hier steht die Kamera im Zentrum des Koordinatennetzes, sie richtet den Blick aus, definiert den Raum, und die Menschen wissen um ihre Präsenz", erklärt Fritz Göttler in der SZ: "Der junge Minister - er erinnert in seiner schüchternen Jugendlichkeit an Edward Snowden - spielt, wenn er seine Nervosität bekämpfen will, mit Stiften in seiner Hand. Und er weiß, dass das alte System noch lange nicht besiegt ist. Seine Macht reicht nur bis zu den nächsten Wahlen, und irgendwann schlägt das korrupte System zurück, es gibt anonyme Drohungen gegen die Journalisten und ihre Familienangehörigen." Zu sehen ist "Kollektiv" derzeit in der ARD-Mediathek.

Besprochen werden Hao Wus Dokumentarfilm "76 Days" über die Anfänge der Coronapandemie in Wuhan (Tagesspiegel), Karen Maines auf Amazon gezeigter Debütfilm "Yes, God, Yes", der den christlichen Fundamentalismus aufs Korn nimmt (FR), Ramin Bahranis gleichnamige Adaption von Aravind Adigas Roman "Der weiße Tiger" (taz), die DVD-Ausgabe von Aritz Morenos "Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden" (taz), Regina Kings "One Night in Miami" (FR, mehr dazu bereits hier), die Netflix-Serie "Lupin" (Presse) und die Sky-Serie "Your Honor" (Presse).
Archiv: Film

Literatur

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von Amanda Gorman (@amandascgorman)


Die Feuilletons liegen der Dichterin Amanda Gorman zu Füßen, die mit ihrer fünfminütigen Rezitation ihres Gedichts "The Hill we Climb" (unser erstes Resümee) nahezu der kompletten Biden-Inauguration die Show gestohlen hat. "A star is born", jubelt im Tagesspiegel Rüdiger Schaper, den bei Gormans Auftritt der Schauer historischer Zeitgenossenschaft packt: "Der Echoraum, das spürt man sogleich, ist größer als das Riesenland, das sie in ihren Worten umarmt, aufrüttelt, beschwört - nach einer Ewigkeit von vier Jahren mit dem Lügner und Spalter im Weißen Haus. Überall auf der Welt reißt es die Fernsehzuschauer von den Sitzen. Die Augen bleiben nicht trocken. Diese sechs Minuten werden lange nachhallen."

"In ihrem ganzen Rhythmus, natürlich, diesem vom Sklavengesang, Gospel und Blues geprägten Halbgesang, war der Poetry-Slam eine Verbeugung vor dem Bürgerrechtler King, doch der Herzschlag und die Emotionalisierung der Verse sollten nicht darüber hinwegtäuschen, wie klug das Gedicht selbst gebaut ist", erklärt Sandra Kegel in der FAZ: "Es arbeitet mit starken Bildern, Alliterationen und Binnenreimen, mit Anspielungen auf Langston Hughes' 'Let America be America Again', auf Lincoln, Churchill, Frederick Douglass und, in einer Absetzbewegung, auch auf den 'National Poet Laureate' Robert Frost, der in seinem Gedicht für John F. Kennedy einst darüber sinnierte, dass das Land 'unseres' war, 'bevor wir dieses Land waren' - was manch einen heute befremdet."

Auch in Gormans Auftritt als solchem konnte Standard-Kritiker Michael Wurmitzer historisch kenntnisreiche Anspielungen entdecken: "Als Hommage an die Autorin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou trug Gorman beim Auftritt Schmuck, der auf deren Memoiren 'Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt' anspielte. Gorman steht mit ihren Gedichten über Unterdrückung, Feminismus und Rasse aber auch in einer Tradition schwarzer politischer Lyrik, deren Akteure sie oft mit Musik engführten."

Angelous Einfluss ist auch in Gormans Gedicht "In this Place" zu bemerken, schreibt David Hugendick auf ZeitOnline: Darin "wird die US-amerikanische Erzählung der Union, der Einheit, erst zu einem schlaglichthaften Leidensbild der Gegenwart, dann zu einer Beschwörung des Geistes der Poesie, der in jedem und jeder stecke, und der mit dem demokratischen Geist der Gleichheit identisch werde. In diesem Gedicht heißt es auch: 'Tyrants fear the poet / Now that we know it / we can't blow it. / We owe it / to show it / not slow it / although it / hurts to sew it / when the world / skirts below it.'" Gut gewählt war Gorman, die aus eher ärmlichen Verhältnissen stammt, für diesen Auftritt auch deshalb, weil sie "die amerikanische Aufstiegsstory mit jeder Faser repräsentiert", schreibt  Amira Ben Saoud im Standard.

Weitere Artikel: In der taz berichtet Jan Jekal von einer Diskussion im Literaturhaus Berlin mit Frauke Meyer-Gosau, Jörg Magenau und Florian Illies über Bücher von Julian Barnes, Ottessa Moshfegh und Martin Mosebach. Thomas Mann war weit weniger ein Musterbeispiel für Disziplin und das eiserne Durchhalten einer klar gesetzten Tagesstruktur als gemeinhin angenommen, erklärt Felix Lindner auf ZeitOnline. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erzählt Marc Reichwein von juristischen Scharmützeln zwischen Alfred Döblin und dessen Zahnart. Antje Weber schreibt in der SZ einen Nachruf auf die Lyrikförderin Ursula Haeusgen.

Besprochen werden unter anderem Dmitrij Kapitelmans "Eine Formalie in Kiew" (NZZ), T. C. Boyles "Sprich mit mir" (Tagesspiegel), Cemile Sahins "Alle Hunde sterben" (Tagesspiegel) und Peter Fabjans "Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard" (online nachgereicht von der FAZ).
Archiv: Literatur

Design

Plötzlich sieht man am Kapitol wieder gute Kleidung, freut sich Carmen Böker im ZeitMagazin über die Auftritte der US-Polit-Prominenz bei Bidens Inauguration als 46. Präsident der Vereinigten Staaten. Über was konnte man da nicht alles plaudern: "Über Lady Gagas ungefähr einen Wahlbezirk breite Haute-Couture-Kombi von Schiaparelli, inklusive der großen goldenen Friedenstaube mit dem Ölzweig im Schnabel. Über Amanda Gorman, die ein Gedicht zu Bidens Amtseinführung darbot und dazu einen knallroten, überdimensionierten Haarreifen trug, der wie eine Krone wirkte - oder wie ein Zitat jener Pillbox-Hüte, die Jackie Kennedys Markenzeichen waren. Über die Kraft der monochromen Mantel-über-Kleid-Kombinationen von Jill Biden, Nancy Pelosi, Kamala Harris und überhaupt über die Variation jener Töne, die das Blau der Demokraten aufgriffen. Bis hin zum Lila bei Harris, in dem sogar das große Versprechen von 'America United' liegt, denn die Mischfarbe vereint das Blau mit dem Rot der Republikaner. Zugleich ist Violett die Farbe der Suffragetten, die Anfang des 20. Jahrhunderts das Frauenwahlrecht in den USA durchsetzten." Und nicht zuletzt war da noch Bernie Sanders' Anti-Auftritt im Stil eines mürrischen Hausmeisters, der binnen kürzester Zeit zum Social-Media-Blockbuster wurde. Seine bezaubernd hässlichen Wollhandschuhe haben schon einen eigenen Twitter-Account.

Anzeige
Archiv: Design

Kunst

Im Tagesspiegel stellt Christiane Peitz das Online-Videoprojekt "Eurograph" vor, "eine deutsch-französische Online-Bibliothek des positiven Denkens. 52 Kreative aus Berlin und Paris haben dafür zu je einem deutschen oder französischen Buchstaben ein eineinhalb bis zweiminütiges Video angefertigt. Das Ergebnis, das im Vorfeld des Deutsch-Französischen Tags am 22. Januar freigeschaltet wurde, ist eine charmante Webseite, um das pandemiemürbe Gemüt aufzuhellen. Die Spielanweisung: Man gebe ein beliebiges Wort ein, Pinguin oder Kachelofen oder Merci, und schon werden dessen Buchstaben in eine Video-Playlist umgesetzt. Lyrisches folgt auf Hip-Hop, Animationen, Choreografien, Sketche, Kurzreportagen, Zwiegespräche, Stadtimpressionen, Naturexpeditionen, Pop-Art, Glasharfenklänge, Mozarts ekstatisches 'Exsultate Jubilate' - alles dabei."

Hier eine Vorschau:



In der SZ schließt sich Cathrin Lorch den Museumsleute an, die eine Öffnung der Museen fordern. Die Leute brauchen das jetzt einfach, meint sie. In anderen Ländern ist man da schon viel weiter, erzählt Lorch in einem zweiten Artikel: In England etwa werden die Museen in Impfzentren verwandelt. "Konzeptuell ist unter den umgerüsteten Museen vermutlich das von Carolyn Christov-Bakargiev geleitete Castello di Rivoli das avancierteste: Das Pilotprojekt trägt den Titel 'L'Arte Cura - Art Helps'. Das Museum habe eng mit den Gesundheitsbehörden von Rivoli, einem Vorort der Großstadt Turin, zusammengearbeitet und warte jetzt auf die Zulassung durch das italienische Gesundheitsministerium, heißt es in einer Pressemitteilung. Carolyn Christov-Bakargiev, die Direktorin des Museums, wird mit der Feststellung zitiert, dass 'Kunst immer geholfen und geheilt hat'."
Archiv: Kunst
Stichwörter: Eurograph

Architektur

Haus der Räte in Kaliningrad. Foto Julian Nyča, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons


Irgendwie hat der Brutalismus keine guten Karten. Jetzt soll das - 1969 begonnene, jedoch nie vollendete - Haus der Räte in Kaliningrad abgerissen werden, berichtet der Historiker Bert Hoppe in der FAZ. Angeblich seien die Stahlarmierungen korrodiert, genaues weiß man nicht, weil die Behörde das Gutachten über den baulichen Zustand nicht offenlegt. "Seitdem sich die Punkband Dom Sovetov nach dem Bau benannte, ist er in der Region fester Bestandteil der Popkultur. Im Herbst 2015 lebte das Haus der Räte für wenige Wochen auf, als in den unteren Etagen das Kunstfestival '#loft' stattfand, mit Konzerten, Fotoausstellungen, Streetart-Aktionen und Hallenfußballturnieren. 'Fast wie in Berlin!', jubelte die Lokalpresse, und tatsächlich erinnerte die Aktion an die Zwischennutzungen im entkernten Palast der Republik. Doch wie der 'Volkspalast' in Berlin mit seinen Schlauchbootfahrten im gefluteten Keller war auch das Festival in Kaliningrad, so zeigt sich jetzt, eine Abschiedsparty."
Archiv: Architektur

Bühne

Im Interview mit der FAZ schildert Katharina Wagner die Lage in Bayreuth, in der alles flexibel bleiben muss: Ob mit oder ohne Chor auf der Bühne gespielt wird, drinnen oder draußen - alle Optionen müsse offen bleiben, sagt sie. "Auf jeden Fall machen wir anstelle des 'Rings des Nibelungen', der nun leider um zwei Jahre verschoben werden musste, im Rahmen der Reihe 'Diskurs Bayreuth' eine Neukomposition des 'Rheingolds', die Gordon Kampe erstellt hat. Die Inszenierung der Uraufführung von Nikolaus Habjan findet am Teich des Festspielparks statt. Das Team probt gerade schon in Wien. Das ist phantastisch! ... Dann haben wir von Chiharu Shiota, die auch einen Pavillon bei der Biennale in Venedig hatte, eine Installation zum Thema 'Götterdämmerung' in Planung. ... Wir gehen raus aus den gewohnten Formen, auch teilweise raus aus dem Festspielhaus."

Weiteres: Im Tagesspiegel erzählt Patrick Wildermann, wie die Berliner Bühnen mit der Pandemie umgehen. Das Glastonbury-Festival fällt wegen Corona erneut aus, meldet der Standard.

Besprochen werden die Choreografie "Ghost Light" von John Neumeier bei Arte (taz), die Premiere von "Gespenster - Erika, Klaus und der Zauberer" des Kollektivs RAUM+ZEIT an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik, taz) und Massenets "Thaïs" im Theater an der Wien (Standard).
Archiv: Bühne

Musik

Eine neue Box stellt Charles Mingus' zwei Bremer Konzerte von 1964 und 1975 gegenüber. Vor allem in den 60ern muss es hoch her gegangen sein, erzählt Andreas Schäfer in der taz: Mingus beschimpfte sein Publikum offenbar als Nazis (zu hören ist das auf den Aufnahmen allerdings nicht), der Radio-Redakteur, der das Konzert organisierte, musste im folgenden in der Presse die Wogen glätten und den Künstler tadeln. "Wie aber konnte es sein, dass da trotz Gift und Galle eine so fantastische Musik über die Rampe kam? Nun, genau solche Antagonismen haben Mingus stets zusätzlich stimuliert. Zudem hatte er die besten Sidemen seiner Zeit dabei, allen voran den Multiinstrumentalisten Eric Dolphy, den Prinzen der damaligen US-Jazzszene und mit 36 Jahren noch immer eine Verheißung. 1961 an Ornette Colemans Album 'Free Jazz' beteiligt, galt Dolphy längst als Exponent des sogenannten Third Stream, den der Komponist Gunther Schuller als Bindeglied zwischen europäisch geprägter Neuer Musik und amerikanischem Modern Jazz proklamiert hatte." Doch "bei aller stilistischer Freiheit, von der auch die anderen Solisten reichlich Gebrauch machen: Mingus' Musik ist hochgradig formbewusst, am großen Duke Ellington geschult, und immer gilt das Kommando des Meisters." Wir hören rein:



Weitere Artikel: Alain Altinogulu spricht in der FR über die Lage des hr-Sinfonieorchesters, das er zur nächsten Spielzeit als Chefdirigent übernimmt. In der FAZ erklärt Stefan Trinks, warum Lady Gaga mit ihrer Kleidung bei Bidens Inauguration Frida Kahlo zitierte. Philipp Bovermann erklärt in der SZ, warum auf TikTok Shantylieder gerade der letzte Schrei sind. Besprochen wird das neue Kreisky-Album "Atlantis" (Freitag). Wir hören rein:

Archiv: Musik
Stichwörter: Mingus, Charles, Jazz, 60er, Kreisky