Efeu - Die Kulturrundschau

Die Diversifizierung von Oberflächen

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25.01.2021. Im Filmdienst kann die Autorin und Regisseurin Susanne Heinrich kaum glauben, wie sich die StudentInnen der dffb mit Hilfe eines "wertschätzenden Sprechens" auf Marktkonformität trimmen lassen. Die taz bejubelt York-Fabian Raabes deutsch-ghanaisches Drama "Borga", das beim Max-Ophüls-Festival zahlreiche Preise abräumte. Die vom saudischen Kronprinz geplante Bandstadt The Line erinnert die FAZ an einen Schlag mit dem Herrscherschwert. Und die Welt geht betört vor der ägyptischen Sopranistin Fatma Said auf die Knie.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2021 finden Sie hier

Film

Die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) gilt traditionell als Ort der Konflikte, der energischen Filmkunst-Kontroversen und als Hort kritischen Denkens - und zwar insbesondere seitens der Studentenschaft. Die Schriftstellerin und Regisseurin Susanne Heinrich zeigt sich in einem großen Text im Filmdienst daher engeistert, dass ihre Alma Mater derzeit auf Markttauglichkeit getrimmt werden soll - was unter den Studenten dort nicht etwa zu an die Öffentlichkeit getragenen Protest führt, sondern von ihnen mit konstruktivem Dialog und der Lust am Mitmachen begleitet wird. "Vielleicht ist es diese einlullende Rhetorik des 'Change-Prozesses', die in ihrer Mischung aus pragmatisch-technokratischer Geschäftigkeit und Achtsamkeitsgefasel alle sediert. Neue, dem therapeutischen Diskurs entlehnte Dogmen wie das 'wertschätzende Sprechen' erzeugen eine Atmosphäre gegenseitiger Anerkennung im Diskurs-Vakuum - und treffen auf eine Generation von Studierenden, die mit Debatten sozialisiert wurden, die in rasender Geschwindigkeit ein Verständnis von Politik verbreitet haben, das mit 'Identitätspolitik' nur unzureichend beschrieben ist. Wo dieses sich durchsetzt, hat man es nicht mehr mit Kämpfen um Verteilung zu tun, sondern um Sprache und Repräsentation. Wo es am Werk ist, geht es um die Diversifizierung von Oberflächen statt um einen wie auch immer gearteten Universalismus - selbst der negative Universalismus, den Hito Steyerl noch einfordert, steht unter Totalitarismusverdacht. Stattdessen wird das Abweichende, Deviante, Minoritäre als emanzipatorisch angebetet, Pluralismus und Multitude als Werte an sich gefeiert. Eine solche Post-Politik beruft sich zwar ununterbrochen auf Strukturen - eine verkürzte Kapitalismuskritik gehört mit zum Programm -, ist aber eigentlich formenblind. Alles mögliche wird zur Politik verklärt; da, wo sie wirklich passiert, wird sie nicht erkannt."

Eugene Boateng in "Borga" (Bild: Tobias von dem Borne)

Jenni Zylka berichtet in der taz vom Filmfestival Max Ophüls in Saarbrücken, wo York-Fabian Raabes "Borga" zahlreiche Preise gewinnen konnte: Der Film handelt von der Desillusionierung eines ghanaischen Migranten und setzt damit eine im letzten Jahr angelegte Serie des deutschen Kinos fort: "Zusammen mit 'Berlin Alexanderplatz', İlker Çataks Drama 'Es gilt das gesprochene Wort', sowie 'Futur Drei' von Faraz Shariat und 'Toubab' von Florian Dietrich zeichnen sich damit einige Filme in diesem Jahr durch (post)migrantische Perspektiven aus - eine hoffnungsvolle und alternativlose Entwicklung, und ein Triumph für die Wahrnehmung nichtweißer Menschen in vorrangig weißen Gesellschaften. Oder wie der Gewinner Eugene Boateng am Samstag fassungslos vor Glück ausrief: 'Die kleinen Kofis und Djumas und Abas aus Deutschland sehen sich endlich mal selber auf der Leinwand!'"

Weitere Artikel: Dominik Kamalzadeh porträtiert im Standard die Filmemacherin Barbara Albert. Victor Hollaenders Original-Filmmusik zu Ernst Lubitschs Stummfilm "Sumurun" ist wieder aufgetaucht, schreibt Andreas Conrad im Tagesspiegel. Markus Metz und Georg Seeßlen blicken im Dlf-Feature zurück auf den Filmproduzenten Bernd Eichinger, der vor zehn Jahren gestorben ist. Im SWR-Radioessay befasst sich Andrea Roedig mit den Zumutungen und Freiheiten des Kinos der 70er.

Besprochen werden die zweite Staffel der Serie "Dickinson" (Presse) und neue DVDs, darunter William Castles "Kennwort Kätzchen" (SZ).
Archiv: Film

Architektur

170 Kilometer Herrschervision: The Line in der arabischen Wüste. Bild: Promo Neom

Geradezu absurd erscheinen Niklas Maak in der FAZ die Pläne des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman für die 170 Kilometer lange Bandstadt "The Line" (siehe unsere Resümees am Samstag). Und nur mit Kopfschütteln kann er quittieren, dass diese Reißbrettvision einer Stadt, die "wie ein Schlag mit dem Herrscherschwert" in der Landkarte sitze, als soziales und ökologisches Projekt verkauft wird: "Das kann man - wie auch die Ankündigung, niemand müsse sich in Zukunft mehr als zwanzig Minuten von seinem Zuhause entfernen - als Versprechen oder als Drohung lesen. Neom kündigt den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Gesichtserkennung an. Jemand, der sich nur fortbewegen kann, wenn er zu Fuß unterwegs ist oder selbstfahrende Autos beziehungsweise vernetzte Schnellzüge nimmt, ist leicht verfolgbar. Niemand kann hier in seinen Wagen springen, volltanken und in der Wüste oder den Bergen verschwinden. Die Stadt als ein Ort, an dem man anonym sein, untertauchen, verschwinden kann, ist hier Geschichte. Die ökologische Optimierung bringt auch eine deutlich bessere Überwachbarkeit der Bürger mit sich."
Archiv: Architektur

Literatur

"Dieses Pathos, diese frömmelnde Selbstergriffenheit!", mit solchen Worten hätte man die junge Dichterin Amanda Gorman wohl aus deutschen Schreibschulen belegt, meint Felix Stephan in der SZ. Doch im Kontext der amerinanischen Geschichte bediene Gormans Auftritt alles andere als naives Pathos, meint er, vielmehr zitiere sie "eine Sprache, die in den schwarzen Kirchengemeinden im Süden als eine Art Gegensprache zum heuchlerischen Pathos der Unabhängigkeitserklärung entwickelt wurde". Zwar mag ihr Gedicht mitunter "wie salbungsvolles Politikergerede" wirken. "Aber eben nur in den Ohren von Weißen." Und Klaus Brinkbäumer träumt im Tagesspiegel mit Gormans Gedicht von der Utopie der Demokratie, die noch im Kommen ist.

Weitere Artikel: In der NZZ berichtet der Schriftsteller Martin R. Dean davon, wie ihm beim Blick in einen geöffneten Körper - für Recherchezwecke hatte er sich in einen Operationssaal eingeladen - mulmig und schließlich ziemlich pathetisch zumute wurde: "Ich hatte in den Menschen hineingesehen und war durch die Wunde an die Grenze des Sagbaren gestoßen." In seiner Zeit-Kolumne schreibt der Schriftsteller Maxim Biller, wie er Joseph Roth, dessen Bücher er ursprünglich nicht mochte, wegen "Rechts und links" doch noch zu schätzen lernte. Esther Safran Foer spricht im Standard über ihr Buch "Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind" über die Geschichte ihrer Familie im Schatten des Holocausts. Jonas Lages berichtet auf ZeitOnline, wie ihm Robert Musil durch den Lockdown hilft. Im Literaturfeature des Dlf Kultur widmet sich Maike Albath den Seuchen in der Literatur. In der FAZ schreibt Dietmar Dath einen Nachruf auf André Müller senior.

Besprochen werden unter anderem Ottessa Moshfeghs "Der Tod in ihren Händen" (Standard), Georges-Arthur Goldschmidts "Vom Nachexil" (Standard), die Werkausgabe Thomas Kling (Standard), Alaa al-Aswanis "Die Republik der Träumer" (SZ), Helon Habilas "Reisen" (NZZ) sowie neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Tatia Nadareischwilis "Tina hat Mut" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Sandra Kerschbaumer über Tomas Tranströmers "Espresso":

"Der schwarze Kaffee auf der Terrasse
mit Stühlen und Tischen prächtig wie Insekten.
..."
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Kunst

Im Standard-Interview mit Katharina Rustler setzt der Galerist Thaddaeus Ropac ganz auf einen großen Boom nach der Krise: "Durchhalten lautet die alte Parole." Im Tagesspiegel erklärt Nicola Kuhn noch einmal die Ökonomie des Kunstraubs. Ebenfalls im Tagesspiegel annonciert Birgit Rieger, dass Berlins Staatliche Museen jetzt mit telefonischen Führungen über ihre geschlossenen Ausstellungen hinwegtrösten möchten. Der Standard meldet den Tod des österreichischen Malers, Liedermachers und Bühnenbildners Arik Brauer.
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Design

Beate Scheider berichtet in der taz von der digitalen Fashion Week Berlin, bei der zwar "nicht alle Konzepte gleich gut aufgingen, aber eine gewisse Aufbruchsstimmung herrschte vor", was Berlin, als Modemessen-Standort in den letzten Jahren etwas verblasst, gut brauchen kann: "Ein paar Weichen sind nun gestellt, aber es muss langfristig etwas geschehen, Berlin muss dranbleiben. Die kommenden Jahre werden entscheidend sein. Dranbleiben wollen auch Reference Studios. Im Juli soll das Festival, wenn möglich, nicht mehr nur am Bildschirm laufen."

Tillmann Prüfer erinnert in seiner Modekolumne im ZeitMagazin an Catherine Dior, die Schwester des Modeschöpfers Christian Dior, der in der aktuellen Kollektion die mit einem Karomuster versehene Handtasche "Caro" gewidmet ist.
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Stichwörter: Fashion Week Berlin

Bühne

Kölns Opernintendantin Birgit Meyer soll gehen. "Zehn Jahre sind genug", sagt Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Sehr nachvollziehbar beschreibt Patrick Bahners in der FAZ, wie sich Kölns Machtfiguren hinter Floskeln der Bürokratie oder der Bescheidenheit verschanzen. Reker spricht vom "Vorschlagsrecht der Hauptverwaltungsbeamten". Chefdirigent François-Xavier Roth flötet: "Wer bin ich, dass ich so etwas bestimmen könnte". Bahners reicht das nicht: "Wenn die Gründe ein Arkanum der Verwaltung bleiben, entsteht in der öffentlichen Diskussion ein Vakuum, Raum für unbelegte Gerüchte und mehr oder weniger schlüssige Vermutungen über den Führungsstil der Intendantin und den Machtwillen des Generalmusikdirektors."

Weiteres: Lot Vekemans' vom Münchner Residenztheater gestreamte Kurz-Monologe "Niemand wartet auf Dich" haben taz-Kritikerin Sabine Leucht nicht unbedingt vom Hocker gehauen, auch wenn sie auf Schauspielerin Juliane Köhler nichts kommen lassen möchte. Ähnlich sieht das Shirin Sojitrawalla in der Nachtkritik.
Archiv: Bühne

Musik

In der WamS geht Manuel Brug vor Fatma Said auf die Knie: Auf ihrer CD "El Nour" beschwört die Sopranistin "die Lichter Spaniens wie den Halbschatten Ägyptens", schwärmt er. "Man merkt kaum, wie sich die Harmonien ändern, wie die Reise vom Okzident in den Orient driftet, wie der Sound immer östlicher wird von Gitarre und Flöte über Streichquartett hin zu der Langflöte Ney und der orientalischen Kastenzither Kanun. So entsteht wirklich ein Trip nach Noten, der Manuel de Falla, Hector Berlioz, George Bizet und Federico García Lorca miteinschließt, aber eben auch Gamal Abdel-Rahim oder Najib Hankash." Hier ein Live-Auftritt:



Besprochen werden der von 3sat online gestellte Dokumentarfilm "Blue Note Records - Beyond the Notes" (FR) und das Debütalbum "Pappelallee" der Berliner Musikerin Joplyn (Tagesspiegel).
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Stichwörter: Said, Fatma, Orient