Efeu - Die Kulturrundschau

Sie waren nicht mal Exzentriker

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26.01.2021. Entgeistert fragt die SZ, warum der WDR der Literaturkritik den Sauerstoff abdreht. Der New Yorker feiert Josef Albers und Giorgio Morandi als Brüder im Geiste der individuellen Beharrlichkeit. In der NZZ erklärt Umweltpionier James Wines, dass nur eine kunstvolle Öko-Architektur auch wirklich nachhaltig ist. Die FAZ erlebte auf dem Ultraschall-Festival gurrende Klarinetten und Stimmen, die ein Pfauenrad schlagen. Dem Tagesspiegel offenbaren sich die Kräfteverhältnisse des Filmbranche.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2021 finden Sie hier

Kunst

Josef Albers: Studie für die Hommage an das Quadrat. 1954. © The Josef and Anni Albers Foundation

Im New Yorker feiert Peter Schjeldahl eine großartige Schau in der David Zwirner Gallery, die auf den ersten Blick recht unpassend den spröden Deutschen Josef Albers und  den serafischen Italiener Giorgio Morandi kombiniert: "Albers, der dreizehn Jahre damit verbrachte, am Bauhaus zu lernen und zu lehren, ist ein Akademiker und sogar ein Pedant im Geiste, leicht zu bewundern, aber schwer zu mögen. Morandi ist durch und durch poetisch. Was soll es bringen, ihre Bilder zusammen auszustellen? Nichts in Bezug auf die formale Kunstgeschichte, sie sind zu unterschiedlich. Aber dann musste ich an die in einem Wasserwirbel kreisenden Stücke Holz denken. Beide Künstler arbeiteten unabhängig vom Kanon der modernen Kunst, ohne Außenseiter zu sein - sie waren im Strom, widerstanden aber seiner Richtung. Sie waren nicht mal Exzentriker. Sie verfolgten vielmehr ihre eigene künstlerische Vision, die vom Voranschreiten des Modernismus abwich: es waren alternative Bewegungen eines einzelnen. Ihr Bestehen auf die eigene Kunst scheint fast ein wenig verärgert, als würden sie darauf warten, dass die Welt endlich die Wahrheiten erkennt, die ihnen offenkundig waren. Sie waren Brüder der Beharrlichkeit."

Weiteres: taz-Kritikerin Johanna Schmeller rauschen die Ohren beim Online-Symposium "Future Bodies from a Recent Past" des Museum Brandhorst zu Skulptur, Technologie und Sex. Der Standard befragt österreichische Künstler von Brigitte Kowanz über Händl Klaus bis zu Erwin Wurm über ihre momentane Situation. Im Tagesspiegel berichtet Nicola Kuhn von einem Schreiben deutscher Museumsdirektorin an Kulturstaatsministerin Monika Grütters, das die Wiederöffnung der Museen ins Auge fasst. In der NZZ fordert Philipp Meier die Öffnung der Schweizer Museen.

In der taz schreibt Ralf Leonhard zum Tod des Wiener Multitalents Arik Brauer, in der FR Harry Nutt und in der FAZ Stefan Trinks. Michael Semff trauert in der SZ um den amerikanischen Bildhauer und Zeichner Barry Le Va.
Archiv: Kunst

Literatur

Wenn man Felix Stephan glaubt, dann ist es vor allem der Literaturkritik in den Öffentlich-rechtlichen zu verdanken, dass sich in Deutschland kein neuer Faschismus etablieren konnte - zumindest vorerst. So schrill liest sich zumindest seine Reaktion in der SZ auf die sicher ärgerlichen Pläne des WDR, die Literaturkritik zusammenzustreichen. Insgesamt stehen seinen Informationen vier Literatursendungen und -rubriken vor einer ungewissen Zukunft. Die "Begriffsarbeit" der Literaturkritik sei gegenüber rechten Verführungen schließlich "das reinste Eigenblutdoping" und gerade im öffentlich-rechtlichen Radio "gab es einen Raum, in dem über das Sprechen gesprochen und über das Nachdenken nachgedacht wurde, wo ein zivilisatorisches Sprechen entwickelt wurde. Dieses Sprechen hat einen Anteil daran, dass Deutschland so ein zuverlässig instabiles, schwieriges, mühsames, kurz demokratisches Land geworden ist. Deshalb muss man den WDR fragen, was sie in Köln gegen so ein Deutschland genau einzuwenden haben, dass sie entschieden haben, mal ein wenig die Sauerstoffzufuhr abzudrehen?" Dem Artikel ist eine Petition auf change.org vorausgegangen.

Weitere Artikel: Für den Standard spricht Michael Wurmitzer mit der Autorin Monika Helfer über ihren neuen Roman "Vati". Matthias Dell schreibt auf ZeitOnline einen Nachruf auf André Müller sen.

Besprochen werden unter anderem Ottessa Moshfeghs "Der Tod in ihren Händen" (taz, Dlf Kultur), neue Poesie aus Osteuropa von Maria Stepanowa, Volha Hapeyewa und Serhij Zhadan (NZZ), Rafael Horzons "Das neue Buch" (Jungle World), Bernardine Evaristos "Mädchen, Frau etc." (Zeit), Haruki Murakamis Erzählband "Erste Person Singular" (FR), Esther Beckers "Wie die Gorillas" (taz), T.C. Boyles "Sprich mit mir" (FR), Monika Helfers "Vati" (SZ) und Martin Mosebachs "Krass" (FR, FAZ).
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Architektur

Der Wahnsinn der Titan-Wolkenkratzer wird bald an sein Ende kommen, ist sich der amerikanische Architekt und Umweltpionier James Wines sicher. Aber auch die nachhaltige Architektur wird sich verändern müssen, sagt er im NZZ-Gespräch mit Sabine von Fischer: "Mir geht es um das Verschmelzen von Kunst und Architektur. Als ich vor zwanzig Jahren das Buch 'Green Architecture' schrieb, gab es viele Publikationen über umweltfreundliche Technologien. Aber es gab keine über das eine fehlende Element: die Erscheinung der Gebäude und wie sehr dieser Faktor ihren ökologischen Wert erhöht. Kunst und Öko-Design gehören zusammen, die Idee des Gebäudes wird selbst zum Gegenstand der Kunst. Der Punkt war damals wie heute: Die Menschen wollen niemals ein ästhetisch minderwertiges Gebäude in ihrer Nähe, auch wenn es Thermoglas, Photovoltaikzellen, rezyklierte Materialien und emissionsfreie Teppichböden hat. Wir müssen Ökologie als ein Gesamtsystem respektieren."
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Archiv: Architektur
Stichwörter: Wines, James

Film

Sicher, "mit einem ähnlich panoramatischen Anspruch hat bisher in Deutschland niemand die Konstellationen eines Ankunftslands auf ein Herkunftsland zurückgespiegelt", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ über York-Fabian Raabes "Borga", den gerade in Saarbrücken mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichneten Film über einen ghanaischen Flüchtling, der in Deutschland eine Desillusionierung seiner Vorstellungen durchlebt (unser Resümee). Richtig zufrieden ist der Kritiker aber nicht, denn "Raabe sucht mit 'Borga' gar nicht nach einer Form des Dazwischen oder nach Momenten, in denen die Figuren irgendwo über ihren Repräsentationsauftrag hinaus an Persönlichkeit gewönnen. Er vertraut einfach darauf, dass die Formeln, die das Erzählkino bereithält (ein bisschen Familiensaga, ein bisschen Gangsterepos, einen Schuss Sozialrealismus) auf alle Wege von Kojo passen. Und weil zu diesen Formeln auch eine Art Happy End gehört, gibt es eine Pointe, die auch denen gefallen könnte, die Kojos Weg von vornherein für illegitim halten würden. Das war sicher so nicht beabsichtigt, lässt aber auch erkennen, dass 'Borga' für die Aspekte an Fluchtgeschichten, die sich einer effektvollen Dramaturgie entziehen, keine Register hat."

In den Coronaplänen für die Berlinale, die für das Festival in diesem Jahr bekanntlich einen Spreizgang mit Etappen im März und im Juli vorsehen, offenbaren sich Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche "die wahren Kräfteverhältnisse" des Festivals: Der European Film Market - ein sonst von der Öffentlichkeit nicht weiter wahrgenommener Branchentreff, bei dem Filmrechte verkauft werden - muss in jedem Fall aufrecht erhalten bleiben. Wobei hohe Umsätze eh nicht zu erwarten stehen: "Tobias Lehmann vom Alamode Verleih sagt am Telefon, dass er den EFM in diesem Jahr nur als Zaungast besuchen wird: 'Es ergibt für uns gerade keinen Sinn, Filme zu kaufen.' Gerade ging in Paris die Filmmesse 'UniFrance Rendez-Vous' virtuell zu Ende. Lehmann nahm von dort vor allem den Eindruck mit, dass die Rechtehändler ihre besten Titel zurückhalten, weil sich die Preise im Keller befinden."

Weitere Artikel: Die FAZ hat Mariam Schaghaghis Gespräch mit Ramin Bahrani, dem Regisseur des (im Tagesspiegel besprochenen) Netflix-Films "The White Tiger", online nachgereicht. Andreas Kilb schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Schauspielerin Gunnel Lindblom. Außerdem schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt einen Nachruf auf den Stunt-Coordinator Rémy Julienne, der Jean-Paul Belmondo wohl über Dutzende von Autos und deren Motoradhauben hechten ließ. Besprochen wird Darius Marders "Sound of Metal" (SZ).

Außerdem was Schnuckeliges: In nur drei Minuten philosophiert Werner Herzog in diesem Videointerview über das Skateboardfahren - und wird prompt zum Skateboarder ehrenhalber ernannt.

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Archiv: Film

Bühne

In der FAZ resümiert Simon Strauss die Theater-Streams des Wochenendes, völlig betört ist er von der angepassten Penthesilea-Produktion am Bochumer Schauspielhaus: "Das schönste, innigste, gegensätzlichste Theaterpaar der Gegenwart, Sandra Hüller und Jens Harzer, erinnert sich gemeinsam an Kleists 'Penthesilea', das Stück, das sie in der Inszenierung von Johan Simons gemeinsam über vierzigmal gespielt haben, bevor das Virus kam: als riskante Reduktion auf zwei Figuren, den Griechenhelden Achill und die Amazonenkönigin Penthesilea, die im Original nur an einer Stelle aufeinandertreffen, um sich ihrer Liebe zu versichern. Hier, in dieser den Gesetzen der Lage gehorchenden Produktion, sitzen sie sich zwei Stunden lang gegenüber an einem Tisch und sagen sich einander alles ins Gesicht, sprechen, flüstern oder singen sich ihren Text vor - eine Lesung jedenfalls ist das trotz Wasserglas nicht."

Besprochen wird außerdem die Performance "A Room of Our Own" des queer-feministische Trios Swoosh Lieu für den digitalen Mousontourm (FR, Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Musik

In der Corona-Ausgabe des Berliner Elektro-Festivals CTM lief technisch zwar nicht alles rund, aber ein paar digitale Abenteuer gab es dabei schon zu erleben, berichtet Steffen Greiner in der taz. So entführte etwa "das Duo Gabber Modus Operandi, das rituelle indonesische Trance-Tänze mit Footwork und Grindcore verbindet und ein spektakulär euphorisches Werk darbot, visuell in eine von Arcade-Game-Ästhetik inspirierte, virtuelle, südostasiatisch surreale Landschaft. Der treibend-hypnotische Auftritt der Nakibembe Xylophone Troupe in ihrem ugandischen Heimatdorf wird dokumentarisch begleitet vom ugandischen DJ Don Zilla." Das wollen wir uns nicht entgehen lassen:



Zeitgleich fand von Berlin aus im Netz und im Radio das Ultraschall Festival für neue Musik statt, das Jan Brachmann in der FAZ resümiert. Einige Höhepunkte gab es dabei zu erleben, etwa den Auftritt der Sopranistin Sarah Maria Sun und der Klarinettistin und Saxophonistin Nina Janßen-Deinzer: "Großartig, wie das zitternde Gurren der Klarinette und die kehlige Glut des Soprans einander zum Höhepunkt trieben in 'Xanadu' von Philippe Manoury nach dem Gedicht 'Kubla Khan' von Samuel Taylor Coleridge. Manoury knüpft mit schamloser Wollust an ein Vokalitätsideal der Pracht an, wie bei Richard Strauss oder Maurice Ravel, und lässt die Stimme ein Pfauenrad schlagen. ... Bei einem Werk mit stark performativem Anteil wie 'Fluctuation 1a' der jungen Chinesin Yiran Zhao, das sich - so die Worte der Radiomoderatorin Leonie Reineke - um 'eine an einem Draht schaukelnde Keksdose' drehen soll, vermisst man als Hörer dann doch den Seh-Eindruck. Allerdings wird die Fantasie des Ohres von der unbefriedigten Neugier des Auges bei diesen unheimlichen Lockungen des Sirrens, Summens, Hauchens und Raschelns noch befeuert."

Besprochen werden Steve Earles' neues Album "J.T." (Standard), eine Edition mit den Aufnahmen Karl Richters (SZ) und neue Jazzveröffentlichungen, darunter Alonzo Demetrius' "Live from the Prison Nation" (SZ). Wir hören rein:

Archiv: Musik