Efeu - Die Kulturrundschau

Im Fragemodus der Ungewissheit

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.02.2021. Die Filmkritiker fragen sich, in welchen Resonanzraum die zweigeteilte Berlinale hineinwirken kann, wenn der Wettbewerb allein für Filmhändler und Journalisten stattfindet. Mit den Kunstdokumentationen der Plattform art21 verfällt die Welt dem Bingewatching. Die FAZ nickt zum Zornesausbruch der Regisseurin Carmen Aguirres gegen die "beschämende Zeit der großen Säuberung" im kanadischen Theater. Die NZZ bereitet uns aufs Leben in kleinen Wohnung vor. Die taz erkennt, dass auch das Kopftuch in der Mode nur Thema sein kann, nicht Vorschrift.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.02.2021 finden Sie hier

Film

Die Berlinale hat ihre Pläne für das gespreizte Doppel-Festival in diesem Jahr konkretisiert und ihre Jury - bestehend ausschließlich aus Berlinale-Preisträgern - bekannt gegeben. Hanns-Georg Rodek in der Welt ist von dem Konzept - eine Onlineveranstaltung im kleinen Kreis Anfang März und ein Publikumfestival im Juni - nicht überzeugt: Ist das wirklich noch eine Berlinale? Zwar würden die Wettbewerbsgewinner im März bekannt gegeben - aber Diskurs darum? Fehlanzeige: "Bei einer normalen Berlinale werden über 300.000 Tickets verkauft, und jeder Besucher verbreitet seine Meinung über das, was er gesehen hat. Diesmal können lediglich die Filmhändler die Filme sehen (online) sowie 1600 Filmjournalisten, denen das Online-Privileg ebenfalls zuteilwird. Die werden auch gleich darüber schreiben, nur in einen völlig leeren Resonanzraum hinein, da ja niemand die Filme sehen wird können. Es kann noch paradoxer werden: Einige Produzenten werden (aus Angst vor Raubkopierern) ihre Einwilligung zu einer Online-Vorführung für Händler und Kritiker verweigern. Was, wenn ausgerechnet ein paar von diesen Filmen Preise gewinnen?" Auch SZ-Kritiker Tobias Kniebe kann sich eine Berlinale ohne den dazugehörigen Buzz am Potsdamer Platz nicht vorstellen.

Die Jury werde sich übrigens vor Ort treffen, weiß Andreas Busche im Tagesspiegel: "Chatrian ist es wichtig, dass die Mitglieder die Filme gemeinsam im Kino sehen. Nur Mohammad Rasoulof muss die Nominierten in seinem Heimkino in Teheran sichten. Zur aktuellen Situation des Filmemachers erklärt Chatrian, dass die Pandemie auch die iranische Justiz verlangsamt habe. Rasoulof wartet weiter auf das Urteil der zweiten Anklage, freue sich aber über diese Sichtbarkeit, die in seiner Lage eher hilfreich sei."

Conrad Heberling, Professor für Marketing und Marktforschung an der Filmuniversität Konrad Wolf in Babelsberg und damit durchaus nicht völlig ohne eigenes Interesse in der Sache, wettert in der FAZ gegen die Marktdominanz von Netflix und Co., in der sich für ihn die seit 100 Jahren anhaltende Marktbeherrschung von Hollywood und Co. mit anderen Mitteln fortsetzt. Es brauche endlich eine deutsche Gegenmacht, meint er, die sich bislang nicht eingestellt habe, "weil offensichtlich jeder Sender sein eigenes Süppchen kocht. Eine deutsche oder europäische Antwort muss her, der Markt schreit danach". Er wünscht sich eine "konzertierte Aktion" der deutschen TV- und Filmbranche, ansonsten drohe der Untergang. Heberling stellt sich vor, dass "Deutschlands Sender und Produzenten ihre Produktionen (Filme, Serien, Dokumentationen, Shows) auf eine zentrale, nonlineare Streamingplattform schicken und sie unter einem für alle verständlichen Namen - warum nicht noch einmal 'Germany's Gold'? - weltweit zugänglich anbieten." Und dieses deutsche Gold wird dann mit dem doch arg lobotomisierenden Filmangebot der ARD- und ZDF-Mediatheken bestückt? Viel Erfolg beim Entgegensetzen...

Weitere Artikel:Thomas Abeltshauser spricht im Freitag mit dem Regisseur Ramin Bahrani über seinen (von Jens Balkenborg besprochenen) Film "The Whiter Tiger". Im Filmdienst erinnert Jens Hinrichsen an Clark Gable. Barbara Schweizerhof (ZeitOnline) und Susan Vahabzadeh (SZ) berichten vom Filmfestival Sundance.

Besprochen werden die in der Edition Salzgeber online gezeigte Deutschlandpremiere von Nancy Mecklers restauriertem Film "Sister My Sister" von 1994 (critic.de), die von Arte online gestellte Serie "Mystery Road" (NZZ), das auf AppleTV gezeigte Knastbruder-Drama "Palmer" mit Justin Timberlake (Presse) und Simon Stones Archäologendrama "Die Ausgrabung" mit Carey Mulligan und Ralph Fiennes (Standard).
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Kunst

Gesine Borcherdt empfiehlt in der Welt die großartigen Dokumentarfilme der Plattform art21, auf der Künstlerinnen und Künstler von Kara Walker bis Mike Kelley über ihre Arbeit sprechen - und zwar, wie Borcherdt jubelt, "auf eine so klare, vertraute und unprätentiöse Weise, dass man meint, man sitze neben ihnen am Gartentisch, im Atelier oder auf dem Pferd". Inittiert wurde das Ganze vom öffentlichen Sender PBS: "wir sitzen mit Lynda Benglis im Garten ihres Ateliers in Indien und hören zu, warum das hier ihr zweites Zuhause ist, samt Langhaardackeln und Wellensittichen. Dann treffen wir Bruce Nauman in New Mexico, der erzählt, was ein alter Cowboy und sein Lehrer Wayne Thiebaud gemeinsam hatten: Sie brachten ihm jeweils bei, wie man seine Wahrnehmung genau auf das fokussiert, was man gerade tut, sei es reiten oder Kunst. Und es tut fast weh, der jungen afroamerikanischen Künstlerin LaToya Ruby Frazier dabei zuzusehen, wie sie von dem niederschmetternden Verfall ihrer Heimatstadt Braddock in Pennsylvania berichtet, wo einst die alte Industrie florierte und das nun der Jeansmarke Levi's als morbide Werbekulisse dient."

Weiteres: Solange das Bergahin selbst für die Kunstausstellung "Studio Berlin" geschlossen bleibt, nimmt Welt-Kritiker Boris Pofalla mit dem jetzt erschienenen Katalog Vorlieb.
Archiv: Kunst
Stichwörter: Art21

Bühne

Aus der Seele spricht FAZ-Kritiker Simon Strauß die kanadische Theatermacherin Carmen Aguirre, die in einer Video-Rede von einer "beschämenden Zeit der großen Säuberung" im Theaterbetrieb spricht. Alles, was nicht der Geisteshaltung des juste milieu entspreche, sei in den vergangenen Jahren erbamungslos hinweggefegt worden: "Aguirre zählt Beispiele für digitale Mobilmachung gegen Theatermacher auf, die etwa den Buchtitel einer Transfrau kritisiert oder ein Video von Jordan Peterson geteilt hatten. In der Theaterszene von Vancouver herrsche mittlerweile ein Klima der Angst und der Selbstzensur, das nicht vom Staat, sondern von 'Säuberern' in der Szene selbst hervorgerufen werde, die mit den Mitteln einer 'privatisierten Tyrannei' dafür sorgten, dass Menschen öffentlich gedemütigt, in sozialen Netzwerken gemobbt und von ihren Arbeitgebern gefeuert würden - nicht weil sie gegen festgelegte Gesetze der 'hate speech' verstoßen oder sich unanständig verhalten hätten, sondern schlicht kontroverse Überzeugungen geäußert hatten."

Weiteres: Wiebke Hüster ärgert sich in der FAZ, dass der grandiose Ballettfilm "Choreographieren heute" wegen Geoblockings nur in Frankreich zu sehen ist: "Das Ballett der Pariser Oper sieht derzeit aus Deutschland nur, wer zu kriminellen Handlungen willens und in der Lage ist. Ein Unding." Für die taz besucht Tom Mustroph die Proben zu Ovids "Metamorphosen" an der Berliner Volksbühne, die Claudia Bauer auf die Bühne bringen muss, bevor sich das Ensemble zum Start der neuen Intendanz in alle Winde zerstreut.

Besprochen werden Bernd Liepold-Mossers Transhumanismus-Stück "Cyborg Sandmann" am Wiener TAG Theater (Standard) und Gregor Schneiders "Sterberaum" im Staatstheater Darmstadt (Nachtkritik).
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Archiv: Bühne

Design

Halima Aden, als Hijabi-Modell bekannt geworden, hat sich im November vom Laufsteg und den Covern der großen Modemagazine zurückgezogen. Sie sah sich von der Modeindustrie zu Kompromissen gezwungen, berichtet Brigitte Werneburg etwas verspätet in der taz, weil ihre Kopfbedeckung immer wieder phantasievoll abgewandelt wurde, wie man hier, hier, hier, hier, hier und hier sehen kann. "Abwandlungen des Hidschabs aber müssen in der Mode zwangsläufig passieren. Denn das Kopftuch kann der Mode nur Thema sein. Grund ist die Geburt der Mode aus dem Geist der Moderne: Mode kennt weder Tracht noch Tradition, noch lässt sie religiöse Kleidervorschriften gelten. In ihrem säkularen, gegen Herkommen und Kirche gerichteten Ursprung findet die Mode ihre emanzipatorische Freiheit, die Opposition von Sein und Schein, von Eigentlichem und Uneigentlichem für nichtig zu erklären und der Lust am Neuen, Unvorhergesehenen, Überraschenden oder Schockierenden zu frönen."

Besprochen wird außerdem die Online-Ausstellung "Dressed to Thrill", die der Berliner Modemacherin Claudia Skoda gewidmet ist (taz).
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Architektur

Halle statt Diele: Wohnung im Zürcher Eichbühlquartier. Foto: Fiederlang Habersang Architekten

Unter Bauherren geht der Trend schon länger zu kleinen Wohnungen, weiß Sabine von Fischer in der NZZ und ahnt, dass wir uns alle darauf werden einstellen müssen. Wichtigste Regel: "Der Schnitt einer Wohnung muss so gut sitzen wie ein Kleid; anschmiegsam für die Gemütlichkeit und mit Spielraum für die Bewegung." Die Architekten vom Büro Fiederling Habersang zeigen ihr mit dem Entwurf für die Rautihalde im Zürcher Eichbühlquartier, wie es gehen könnte: "Das Einsparen des Flurs ist im Zug der Trendwende zu kompakteren Grundrissen beinahe zum Normalfall und manchmal zum Knorz geworden. Fiederling Habersang nahmen die Wohnlichkeit ernst und adaptierten die Diele so als Zentralraum, dass sie der Wohnung eine Mitte und auch Ruhe verleiht: An der Decke fasst ein Fries den Raum. Nur ist es kein verzierter Stuck, sondern gegossener Beton, der die Haustechnik kaschiert. Und am Boden wechseln die Terrazzoplatten die Farbe und bringen eine verhaltene Ornamentik in den Raum. Die Anmutung einer Gründerzeitwohnung schwingt mit, Bodenheizung und Doppelverglasung inklusive. Die Patina ergibt sich dann mit den Jahren."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Fiederling Habersang

Literatur

Die Leipziger Buchmesse könnte einen Lyrikpreis gut vertragen, meint Gerrit Bartels im Tagesspiegel nach Amanda Gormans weltweit Aufsehen erregendem Auftritt am Kapitol. Paul Jandl berichtet in der NZZ, mit welchem Einfallsreichtum sich Literaturhäuser über die Coronazeit retten. Für die SZ beugt sich Gerhard Matzig über die vom Designer Michele De Lucchi neu gestaltete "Harry Potter"-Ausgaben, die nicht einfach nur mehr verschnörkelten Fantasy-Frohsinn liefern, sondern "eine etwas andere Magie zeigen: die der Architektur und der Baugeschichte". In der FAZ reist Andreas Platthaus in den Comicwelten von "Spirou & Fantasio" nach Bretzelburg.   

Besprochen werden unter anderem Dylan Farrows "Hush" (Zeit), T. C. Boyles "Sprich mit mir" (taz), Atsushi Kanekos Manga-SF-Thriller "Search and Destroy" (Tagesspiegel), Konstantin Arnolds "Libertin - Briefe aus Lissabon" (FR), Christian Lehnerts "Ins Innere hinaus - Von den Engeln und Mächten" (SZ) und Rolf Lapperts "Leben ist ein unregelmäßiges Verb" (FAZ).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Gorman, Amanda

Musik

Von Billie Eilish über Nils Frahm bis zum Klassikgesäusel von Ludovico Einaudi: Die Melancholie ist eine ästhetische Konstante der populären Musik der Gegenwart, konstatiert Rasmus Peters in der FAZ. Das hat wohl mit der allgemeinen Großwetterlage zu tun, denn zu erleben ist derzeit "ein unbestimmbares Wesentliches, das uns beim Durchwandern der Wolke des Unwissens begleitet." So kommt es, dass "im Fragemodus der Ungewissheit die Melancholie in sämtlichen Gesellschaftsbereichen glüht. .... Die Missverhältnisse setzen sich fort im Retroschick der Konservierung und Wiederbelebung des Vergangenen. Youtube-Videos in HD grieseln wie 16mm-Film, Instagram wimmelt von digitalen Polaroidbildern in matten Pastelltönen. Die Melancholie winkt hier als nostalgische Geste einer Hoffnung auf eine zweite Chance. Es ist die Sehnsucht der Popkultur, sich in Referenzen auszudrücken", denn "so birgt die Musik Erinnerungen an das, was sich hinter Artikulationen und Klangfarben verbirgt. Im melancholischen Ton moderner Popmusik spiegelt sich letztlich die Sehnsucht nach fiktiven Umständen."

Weitere Artikel: Aida Baghernejad porträtiert für den Tagesspiegel den Produzenten Farhot, der gerade das Album "Kabul Fire Vol.2" veröffentlicht hat. Deutsche Discomusik aus den 70ern ist in Vietnam der große Hit, berichten Chris Humphrey, Bac Pham und Carola Frentzen in der Berliner Zeitung und liefern dazu den Videobeweis:



Besprochen werden Jan Assmanns Studie "Kult und Kunst. Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst" (NZZ), neue Klassikveröffentlichungen, darunter neue Aufnahmen von Georg Nigl und Philippe Jaroussky, mit denen SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck "die Sinnlosigkeit der Welt ziemlich leicht" erträglich findet, und der vergnügte Indie-Pop-Elektro-Punk von Goat Girl (SZ). Daraus ein Video:

Archiv: Musik
Stichwörter: Melancholie, Popmusik, Aida, Elektro