Efeu - Die Kulturrundschau

Jetzt ist Raum eine Metapher

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03.02.2021. Werden in Deutschland Einfamilienhäuser jetzt verboten, fragt die FAZ. Und wäre das schlimm? Außerdem huldigt sie den ÜbersetzerInnen der indischen Sprachenvielfalt. Die FR zürnt gegen die Aktionsgemeinschaft, die das Schauspielhaus Frankfurt im Gründerzeitstil wiederaufbauen will. Wie ein Krankenhochhaus in der Kleinstadt erscheinen der SZ die Räume, die Gregor Schneider eröffnet. Der Tagesspiegel findet es richtig, dass Disney jetzt seine Trickfilmklassiker mit Warnhinweisen versieht. Hyperallergic meldet, dass einer Studie des Louvre zufolge zumindest Teile des "Salvator Mundi" eindeutig "nicht Leonardo" sind.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2021 finden Sie hier

Architektur

Weil Hamburg der Raum für Wohnungen ausgeht, dürfen im Norden keine Einfamilienhäuser mehr gebaut werden, und in Architekturforen grassiert jetzt die Angst, dass der Deutschen liebste Wohnunform bald ganz verboten werden könnte, berichtet Niklas Maak in der FAZ. Vielleicht gäbe es bessere Alternativen als ein Verbot, meint Maak, aber ökologisch sinnvoll wäre es durchaus: "Mittlerweile muss es ein 180-Quadratmeter-Massivhaus mit Schottergarten und zwei BMW-SUVs im Doppelställchen sein; der Grad des persönlichen Wohlbefindens wird in Deutschland nicht erst seit Corona in privat okkupierbaren Quadratmetern bemessen. Allein von 1998 bis 2013 stieg der Wohnflächenverbrauch pro Kopf von 39 auf 45 Quadratmeter; in den neuen Bundesländern stieg der Wohnflächenkonsum seit der Wiedervereinigung um 74 Prozent an. Das hat Folgen für die Zersiedlung der Landschaft: Täglich werden in Deutschland über siebzig Hektar - also rund einhundert Fußballfelder - für Siedlungs- oder Verkehrszwecke überbaut."

Apropos: Der Guardian bringt eine fantastische Fotostrecke zur Wohnungsnot in Britannien um 1970.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Einfamilienhäuser, Corona

Kunst

Gregor Schneider: Haus u r 10, KAFFEEZIMMER. "Wir sitzen, trinken Kaffee und schauen einfach aus dem Fenster", Rheydt 1993.

Catrin Lorch besucht für die SZ den Künstler Gregor Schneider in Rheydt, der in seiner Kunst stets Räume eröffnet, wie einst mit seinem Haus u r oder eben jetzt gerade den Sterberaum im Staatstheater Darmstadt: "Er konstatiert 'Stillstand' und 'Abtötung', wo er seine Räume in Museen oder bei Ausstellungen installiert. Aus der zeitgenössischen deutschen Kulturlandschaft, die so weltoffen, inklusiv und experimentierfreudig ist, ragt er hervor wie ein Krankenhochhaus aus der Silhouette der Kleinstadt. Doch jetzt, in dieser Zeit der Pandemie, ist Raum eine Metapher, die jeder versteht. Man sitzt ja fest im Raum. Kann die Begrenzung der umgebenden Wände täglich fühlen, ihre Enge. Und dass die virtuellen Welten keine wirkliche Weite eröffnen."

Auf Hyperallergic berichtet Valentina Di Liscia mit Verweis auf einen Artikel in The Art Newspaper, dass eine Studie des Louvre zum Salvator Mundi öffentlich wurde, derzufolge Teile des Bildes nicht von Leonardo da Vinci stammen: "Das Abbild von Jesus Christus wurde ursprünglich nur mit Kopf und Schultern konzipiert, der rechte Arm und die zum Segen erhobenen Hand wurden später hinzugefügt: Die unabhängige Analyse, von dem Computerspezialisten Stefen Frank und der Kunsthistorikerin Andrea Frank durchgeführt, gehen so weit zu sagen, dass gerade diese  Bereiche eindeutig 'nicht Leonardo' seien."

Weiteres: Der Künstler und Aktivist Milton Miletas malt für jeden Tag, an dem Julian Assange in Haft sitzt, ein Proträt des Wikileaks-Gründer. Oder vielmehr ein Bild davon, wie die Medien Assange spiegeln, wie Miletas im Monopol-Interview mit Beate Scheder erklärt: "Assange zu malen fühlt sich an, wie Kokain zu schnupfen. Assange ist das neue Kokain in meinem Kopf. Realität ist, was mich stimuliert, und mehr Realität als Assange geht nicht." Ingeborg Ruthe hat im Kleinanzeigenteil der Berliner Zeitung eine Annonce entdeckt, in der Bilder von Lotte Laserstein zum Verkauf angeboten werden, wie sie in derselben Zeitung meldet.
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Bühne

In der FR zürnt Christian Thomas gegen die Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus Frankfurt, die einen Wiederaufbau der Bühne als Monument der Gründerzeit fordert: "Keine Satire. Tatsächlich ein Theater mit einer Auffahrt. Karossen damals, Karossen zukünftig, unter einem Portal aus Säule und Pfeiler, unter einem Balkon. Beides unter einem monumentalen Giebel. So wünscht es eine Initiative, die es dabei nicht bewenden lassen möchte, deshalb nennt sie sich Aktionsgemeinschaft, 'Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus Frankfurt'. Sie sagt folgendes: 'Frankfurt braucht neben seinen Monumenten der Gründerzeit wie Alte Oper, Hauptbahnhof und Festhalle wieder sein viertes, großes Juwel, das alte Schauspielhaus zurück.' Frankfurt braucht?"
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Archiv: Bühne
Stichwörter: Frankfurter Bühnen

Literatur

Martin Kämpchen wirft in der FAZ einen Blick aufs sprachlich zersplitterte Indien, wo allein Englisch regionale Begrenztheiten in der Kommunikation überschreitet. Wer sich literarisch allein seiner Muttersprache bedient, hat dabei nicht nur im eigenen Land, sondern auch international das Nachsehen. Entsprechend wichtig ist die rege Übersetzungsarbeit, um die sich insbesondere Mini Krishnan verdient gemacht hat: "Sie muss sich Übersetzer für bestimmte Sprachen und bestimmte Autoren suchen, solche, die zum sozialen Milieu und zum besonderen Thema der Bücher einen Bezug finden. Indiens Gesellschaft ist so divers, dass derselbe Übersetzer nicht sämtliche Romane aus einer bestimmten Sprache präzise wiedergeben könnte. Krishnan lernt gewissermaßen die Übersetzer an, prüft deren Eignung und zieht meist noch weitere Übersetzer oder Sprachspezialisten zur Beratung hinzu."

Besprochen werden unter anderem Franzobels "Die Eroberung Amerikas" (taz), Helon Habilas "Reisen" (FR), Gerhard Wolfs "Herzenssache" (Tagesspiegel), Hans Pleschinskis "Am Götterbaum" (Tagesspiegel) und Amy Waldmans "Das ferne Feuer" (FAZ).
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Film

Wohlwollend reagiert Andreas Busche im Tagesspiegel auf die Maßnahme des Disneykonzerns, eine Handvoll Animationsfilmklassiker wie "Dumbo", "Peter Pan", "Aristocats" und "Das Dschungelbuch" im eigenen Streamingdienst künftig nur noch mit Warnhinweisen und im Erwachsenen vorbehaltenen Angebotsbereich zugänglich zu machen, sofern die Filme rassistische Stereotype bedienen: "Solche Darstellungen müssen nicht per se rassistisch sein, aber Kennzeichnungen im Film sind in jedem Fall ein erster Schritt zur kindlichen Sensibilisierung." (Für "nicht per se rassistische" Darstellungen?)

Eine Oscarverleihung wie keine zweite erwartet SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh: Wegen der Pandemie wurde die Veranstaltung auf Ende April verlegt, in welcher Form sie tatsächlich stattfinden wird, ist unklar. "Klar ist vor allem eines - die Streamingdienste können sich Hoffnungen auf die Hauptpreise machen. Als Favoriten gelten eine ganze Reihe von Filmen, die auf Netflix oder Amazon liefen, 'Ma Rainey's Black Bottom' mit Chadwick Boseman nach einem Stück von August Wilson beispielsweise, 'The Trial of the Chicago 7' und 'One Night in Miami', die beide von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung handeln. Der Venedig-Sieger 'Nomadland' mit Frances McDormand ist allerdings ein traditioneller Kinofilm - und die Geschichte über eine Frau, die nach dem Finanzcrash zu einer Reisenden auf Arbeitssuche wird, gilt beim Branchenblatt Variety als Favorit."

Weitere Artikel: Für die SZ begibt sich Philipp Bovermann in die finsteren Abgründe des Animegenres Isekai, das von virtuellen Computerspielewelten und devoten Sexfantasien handelt.

Besprochen werden Déa Kulumbegashvilis auf Mubi gezeigtes Debüt "Beginning" (Tagesspiegel), Karen Maines "Yes, Good, Yes" (taz), Martin Scorseses Netflx-Serie "Pretend it's a City" über Fran Lebowitz (taz), der Netflix-Film "Die Ausgrabung" mit Ralph Fiennes und Carey Mulligan (NZZ) sowie die Memoiren des langjährigen Berlinale-Leiters Dieter Kosslick (online nachgereicht von der FAS).
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Musik

In der FAZ führt Philipp Krohn durch die Bandgeschichte von The Notwist, die mit "Vertigo Days" ihr erstes Studioalbum seit sieben Jahren vorgelegt haben. Die oberbayerischen Pioniere der Indietronics, der Vermählung elektronischer Spielfreude mit Indiepop-Sensibilitäten, nähern sich weiter dem Jazz an, erfahren wir: Dafür sorgen Gastmusiker wie Angel Bat Dawid, Ben LaMar Gay und Juana Molina. Die Band "lässt den einzelnen Tönen mehr Raum zur Entfaltung. Rhythmisch ist sie variabler geworden", lobt Krohn. Der neue Schlagzeuger Andi Haberl "wechselt mühelos zwischen Polyrhythmen, die an Jaki Liebezeit erinnern, und dem walzenden Groove des Jazzdrummers Larry Bunker, mit dem dieser Tom Waits Mitte der achtziger Jahre eine neue Erdung verschaffte."

Die Band um die Acher-Brüder gehört zum Eklektizistischsten, was feuilletonkompatible Popmusik in Deutschland zu bieten hat, schreibt Daniel Gerhardt auf ZeitOnline über The Notwist: "Songs scheinen nicht nacheinander zu erklingen, sondern übereinanderzuliegen. ... Postrock im Stil der Band Tortoise blitzt auf, Rapeinflüsse aus diversen US-Undergroundszenen, Jazz aus Kellerclubs in Chicago und Hochhausclubs in Tokio, Krautrock-Rhythmen von der A57 zwischen Köln und Düsseldorf. Markus Achers Betonungen und Aussprachen haben sich derweil vom Kuriosum zur letzten Konstante des Notwist-Sounds gewandelt. 'Ich habe kein Problem damit, wenn man das Deutsche in meinem Englischen hört', sagt er. 'Oder anders gesagt: Ich habe keine Angst mehr, bescheuert zu klingen.'" Was Gerhardt zum Anlass nimmt, im folgenden vor allem ausführlich über das Verhältnis deutscher Popmusik zur deutschen Sprache nachzudenken. Wir hören derweil ins Album rein:



Außerdem: Amira Ben Saoud spricht im Standard mit dem Musikagenten Ian Smith über die Zumutungen, die sich aus dem Brexit für britische Musiker ergeben. Für The Quietus blickt Karl Smith zurück auf die Karriere der kürzlich überraschend verstorbenen Popkünstlerin und Musikproduzentin Sophie. Steffen Greiner erkundet für die taz mit einer vom Berliner Rap- und Metal-Musiker Volkan Türeli kuratierten Online-Ausstellung die Verbindungen zwischen Black Metal und Islam. Die Ausstellung findet in Form einer täglich aktualisierten Youtube-Playlist statt:



Besprochen werden von Paavo Järvi dirigierte Tschaikowsky-Aufnahmen (NZZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Good Woman" von The Staves (SZ).
Archiv: Musik