Efeu - Die Kulturrundschau

Was erleben wir? Eine Irrealität?

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01.03.2021. Mit Unbehagen blickt die Filmkritik auf die Berlinale, die heute als reines Branchenereignis beginnt: Die FR fürchtet die Geburt eines virtuellen Monsters, die SZ eine einzige deprimierende Streamingsuppe, die FAZ die Provinzialisierung des deutschen Films. Die taz unterzieht die deutsche Popliteratur der Neunziger einer Revision. Der Tagesspiegel sorgt sich immer mehr um die Literaturkritik im Hörfunk. Und der Guardian blickt mit Gilbert and George auf die zerschlagenen Gestalten des Londoner Lockdowns.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2021 finden Sie hier

Film

Heute, naja, "beginnt" die Berlinale - zumindest der fünftägige, "Industry Event" genannte Teil: Der Filmmarkt findet statt, die einzelnen Sektionen zeigen ein relativ kleines Programm, auch einen Wettbewerb gibt es, dessen Filme die Jury ausnahmsweise sogar im Kino begutachten kann. Die Presse hingegen muss mit für 24 Stunden freigeschalteten Onlinestreams mit viel Kaffee auf dem heimischen Sofa zum Streammarathon Platz nehmen, sofern die Filme im einzelnen überhaupt freigegeben werden. Wenn es richtig dumm läuft, gehen die Bären am Freitag dann an Filme, die nur die Jury kennt. Nur das Publikum fehlt und muss sich, wenn Corona sich bis dahin denn hinreichend geschlagen gibt, bis zu den Kinovorführungen im Juni gedulden. Wie da im Sommer noch "viel an Berlinale-Euphorie aufkommen soll, ist fraglich", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz.

"Es wird ein Alptraum", ist sich FR-Kritiker Daniel Kothenschulte angesichts dieser Rahmenbedingungen jetzt schon sicher. "Was erleben wir? Eine Irrealität? Die Geburt eines virtuellen Monsters, des Nicht-Festivals im Internet? Das Verhältnis dieser Berlinale zu ihrem kostbarsten Gut, der Öffentlichkeit, erscheint so widersprüchlich wie die Corona-Politik, die es überschattet. Gleichzeitig Ja und Nein zu sagen, hat noch niemals funktioniert." Auch David Steinitz seufzt in der SZ sehr: " Berlin, Cannes, Venedig, ohne diese Kinojahreszeiten in ihrer ursprünglichen Form ist alles nur noch eine einzige deprimierende Streamingsuppe." Von "einem gewissen Unwohlsein" berichtet Katja Nicodemus in der Zeit angesichts dessen, hier als Presse "zu einer Marktveranstaltung hinzugebeten zu werden, deren enger Zeitrahmen (weshalb nicht wenigstens zwei Tage mehr für die Journalisten?) zu extremen Hierarchisierungen zwingt. ... Zeit für Entdeckungsreisen in andere Sektionen wird es kaum geben."

Der nur 15 Filme umfassende Wettbewerb zeigt keine amerikanische, aber gleich vier deutsche Produktionen, ist Andreas Kilb von der FAZ aufgefallen. Das habe auch mit dem Siegeszug des Streamings zu tun: Hollywood-Blockbuster bedürfen der Festivals eh nicht, "aber auch Independent-Produktionen sind immer weniger auf die Kinoauswertung angewiesen, sie können ihr Publikum auch auf Netflix, Amazon und Arthouse-Plattformen wie Mubi finden. ... In demselben Maß aber, wie sich das Geschäft von Netflix & Co. internationalisiert, fällt auf die nationale Filmkunst der Schatten der Provinzialität. Deutsche Spielfilme laufen heute seltener, deutsche Serien öfter denn je im Ausland."

Im Tagesspiegel spricht Christiane Peitz mit dem iranischen Filmemacher und Jurymitglied Mohammad Rasoulof, der letztes Jahr für "There Is No Evil" (unsere Kritik) den Goldenen Bären gewann, im Anschluss im Iran zur Haftstrafe heranzitiert wurde, die er wegen Corona dann fürs Erste aber doch nicht antreten musste. Auch wegen des Todes seiner Mutter waren die letzten 12 Monate für ihn "ein schwieriges Jahr. Mittlerweile wurde wegen des Films ein neues Verfahren gegen mich eröffnet, mein Anwalt konnte Einblick in die Akte nehmen. Wieder wird der Standard-Vorwurf 'Propaganda gegen die iranische Regierung' angeführt. Ein anderer Vorwurf lautet 'Verstoß gegen die öffentliche Moral' und betrifft Szenen, in denen die Protagonisten vor der Kamera Körperkontakt haben."

Mehr zur Berlinale: Dominik Kamalzadeh vom Standard hat mit den Leitern Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian gesprochen. Simon Rayss wirft für den Tagesspiegel einen Blick ins Programm der Berlinale Talents. Esther Buss (Jungle World) und Jan-Philipp Kohlmann (Tagesspiegel) empfehlen derweil die von Filmkritikern veranstaltete Woche der Kritik, die die Berlinale flankiert.

Abseits des Festivals: Michael Freerix porträtiert für die taz die Verlegerin Janine Sack, die derzeit an einer Ausgabe der Texte der Filmemacherin Helke Sander arbeitet. Im Tagesspiegel berichtet Andreas Busche von der Verleihung der Golden Globes, wo "Nomadland" und "Borat 2" zu den großen Gewinnern zählten.

Besprochen werden Hafsia Herzis auf Mubi gezeigter "You Deserve a Lover" (critic.de, unsere Kritik hier), die Arte-Serie "In Therapie" (Jungle World), die Netflix-Serie "Tribes of Europa" (Welt) und die Amazon-Neuauflage von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" (FAS).
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Kunst

Gilbert & George: Priority Seat, 2020. Bild: White Cube

Mit dem Konservatismus von Gilbert and George oder ihrer Vorliebe für viktorianische Kolonialistenstatuen wird Guardian-Kritiker Jonathan Jones nicht warm, aber wenn er ihre neueste Serie "New Normal Pictures" im White Cube sieht, dann ist er wieder hin und weg von den Fotomontagen dieses Künstler-Duos: "Sie haben diese komischen, aber doch eindringlichen Fotomontagen in ihrem Studio während des Lockdowns im letzten Jahr geschaffen, und dabei Fotos verwendet, die sie vor der Pandemie aufgenommen hatten. Sie sehen benommen, geplättet, zerschlagen und tragikomisch in ihrem Leiden aus, über die Straßen Londons verteilt wie menschlicher Müll."

Weiteres: In der NZZ hält Philipp Meier Grundsätzliches zur Freiheit erotischer Kunst fest.
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Bühne

Ganz ohne Abstand: Marco Goeckes Choreografie "Der Liebhaber". Foto Ralf Mohr / Staatstheater Hannover

Ganz formidabel findet Sylvia Staude in der FR Marco Goeckes Choreografie "Der Liebhaber" nach Marguerite Duras im Staatstheater Hannover, die auf echte Berührungen setzt und damit die Kritikerin umso mehr das Ende des Lockdowns entgegensehnen lässt: "Marco Goeckes nervöser, hektischer, flatterhafter Stil, der so charakteristisch für ihn ist (und glücklicherweise schwer nachzuahmen), passt mit seiner fiebrigen Intensität zu diesem Stoff. Einmal geblinzelt in einem seiner Stücke - und man hat nicht eine, man hat zwei oder drei Mikro-Bewegungen verpasst. So ist dies auch eine Bewegungssprache für ein Publikum, das schon aufgewachsen ist mit schnellen Videoschnitten. Doch während es in zappeligen Filmen auch oft mächtig bunt zugeht, ist Goecke in anderer Hinsicht formstreng, minimalistisch, hochpräzise." FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster kam sich angesichts der atmosphärischen Dichte vor wie im Kino.

Volksbühnen-Intendant Klaus Dörr gibt im Interview mit Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung einen Einblick in die deprimierende Lage an den Theatern, die sich auch nach einer Öffnung nicht so bald ändern wird: "Ich glaube kaum, dass das ohne Verluste geht. Es gibt inzwischen zwei Abschlussjahrgänge in den Schauspielschulen, die in den Startlöchern stehen. Und auch da gilt: Wer nichts zeigen kann, bekommt kein Engagement. Meine Prognose für die nächsten Jahre ist nicht besonders positiv. Ich befürchte, dass sich ein Fünftel der Theaterschaffenden eine neue Arbeit suchen muss. Aktuell diskutierte Ansätze wie das bedingungslose Grundeinkommen müssen daher dringend weitergedacht werden."

Besprochen werden Alexander Eisenachs Stück "Anthropos" an der Berliner Volksbühne , das die Klimakatastrophe ins Theben des Sophokles (ein großer Wurf, meint Andrea Heinz in der Nachtkritik; ein "Theaterabend, der schrecklich aufgeregt und Fridays-for-Future-demonstrativ für die gute Sache kämpft. meint Christine Dössel in der SZ) und Lydia Bunks Inszenierung von Ibsens "Hedda Gabler" im Stream des Theaters Freiburg (FAZ).
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Literatur

Oliver Pfohlmann kommt im Tagesspiegel nochmal auf die Diskussion des Literaturhauses Köln zur Lage der Literaturkritik im Hörfunk (unser Resümee) zu sprechen. Zutage trat hier, dass es um mehr geht als lediglich die Buchkritik im WDR kurz nach dem Weckerklingeln: "Künftig könnte es genügen, wenn nicht mehr jede der ARD-Landesrundfunkanstalten in ihren jeweiligen Kulturwellen 'den neuen Mosebach' oder 'den neuen Houellebecq' besprechen lasse, zwei Rezensionen wären doch ausreichend. Selbstverständlich nicht, um zu sparen, sondern um auf diese Weise mehr Kapazitäten für die Literatur bislang ignorierter Zielgruppen zu schaffen." Aber "Literaturkritik lebt wesentlich von Vielstimmigkeit, vom Diskurs. Nie ist sie so lebendig wie in einer richtigen Debatte. Eine Kritik, die prawda-like 'die' Meinung der ARD-Anstalten zum neuen Houellebecq verkündet, wäre keine mehr, könnte aber bald jenem Zerrbild ähneln, das die Verächter der 'Mainstream-Medien' jetzt schon an die Wand malen."

Anlässlich von Christian Krachts neuem Roman "Eurotrash" - eine lose Fortsetzung zu seinem Debüt "Faserland" von 1995 - hat Julia Lorenz für die taz den Vorläufer (dessen namenlosen Protagonisten sie kurzerhand "Maximilian" nennt) nochmal aus dem Regal geholt und beerdigt im Zuge endgültig die deutsche Popliteratur der 90er, die das Buch entscheidend aus der Taufe hob: "Max' 'Faserland' aber ist nicht mehr das gleiche. Nach NSU und dem Aufstieg der AfD, Hanau und dem rechtsextremistischen Anschlag von Halle gibt es heute keine heile Oberfläche, unter der sich Spannungen nur andeuten." Die zahlreichen brennenden Flüchtlingsunterkünfte in der ersten Hälfte der 90er hat Lorenz offenbar nicht bewusst miterlebt. In der FAS führt Tobias Rüther durch die autofiktionalen Schlingen von "Eurotrash", der sich als Sequel ausgibt, aber von einem Ich-Erzähler handelt, der zugleich Autor von "Faserland" ist.

Besprochen werden unter anderem Sharon Dodua Otoos "Adas Raum" (FR, SZ), die deutsche Erstübersetzung von Seweryna Szmaglewskas "Die Frauen von Birkenau" von 1945 (Tagesspiegel), Mithu Sanyals "Identitti" (Tagesspiegel), Jia Tolentinos Essaysammlung "Trick Mirror" (Freitag), Ljuba Arnautovics "Junischnee" (Standard) und neue Krimis darunter Patrícia Melos "Gestapelte Frauen" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Norbert Hummelt über Rainer Maria Rilkes "Nächtens will ich...":

"Nächtens will ich mit dem Engel reden,
ob er meine Augen anerkennt.
Wenn er plötzlich fragte..."
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Musik

"Thrash-Jazz" nennt der Musiker Cameron Graves das von ihm bediente Genre in Anlehnung an den klassischen Thrash-Metal der 80er. Klingt derbe, ist es auch, aber dabei ist es doch vor allem eines: interessant. Meint jedenfalls Andrian Kreye in der SZ: Zwar ist "Metal für Jazz-Fans wirklich eine Gewöhnungssache", aber immerhin "setzt sich Graves mit dem Thrash Metal und dem Progrock mit allergrößtem Respekt auseinander .... und er rettet sich auch nicht in die Sicherheit eines Keyboards, das mit dem Triple-Drumming seines ehemaligen Stanley-Clarke-Band-Kollegen Mike Mitchell oder den Hochgeschwindigkeits-Verkantungen des Gitarristen Colin Cook sehr viel leichter mithalten könnte. Es ist aber nicht nur Kraftmeierei, wenn er im Soundbrausen dieser Band auf dem Flügel bleibt. Es ist die Eroberung neuer Möglichkeiten, auch auf einem so feinsinnigen Instrument ein Maximum an Brachialem zu erzeugen." Gerade ist Graves' neues Album "Seven" erschienen, wir hören rein:  



Außerdem: Corinne Holtz porträtiert in der NZZ die Schweizer Pianistin Simone Keller. Karl Fluch plaudert für den Standard mit Bonnie Tyler, die gerade ein neues Album veröffentlicht hat. Sam Sodomsky holt für Pitchfork nochmal das 1980 erschienene Album "Duke" von Genesis aus dem Schrank. In der FAZ gratuliert Wolfgang Sandner dem Musiker Elliott Sharp zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden das neue Album "AAI" von Mouse on Mars (Pitchfork, mehr dazu bereits hier), der vierte Teil aus Stereolabs Retrospektivenreihe "Switched On" (Pitchfork), das neue Album von Nick Cave und Warren Ellis (Standard, mehr dazu hier), Lael Neales Album "Acquainted With Night" (Tagesspiegel), die Apple-Doku über Billie Eilish (taz) und ein Streamkonzert des hr-Sinfonieorchester (FR):

Archiv: Musik
Stichwörter: Graves, Cameron, Jazz, Metal, 80er