Efeu - Die Kulturrundschau

Diese Einbeziehung exotischer Objekte

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12.03.2021. Die nachtkritik feiert begeistert Seyneb Saleh als Isa, the queen of Gossenpoesie am Schauspiel Hannover. Der Tagesspiegel bewundert im Museum Barberini den Orientalismus Rembrandts und seiner Zeitgenossen. Nach der Niederländerin Marieke Lucas Rijneveld wurde jetzt auch der katalanische Übersetzer von Amanda Gorman, Victor Obiols, abgesägt, weil er keine schwarze Frau ist, berichtet die Welt. Dafür profiliert sich der Disneykonzern mit kultureller Sensibilität als Speerspitze des Fortschritts, so Zeit online.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2021 finden Sie hier

Bühne

Seyneb Saleh in "Bilder deiner großen Liebe" in Hannover. Foto: Katrin Ribbe


Mit leuchtenden Augen lobt Stephanie Drees in der nachtkritik Markus Bothes Adaption des Herrndorfromans "Bilder deiner großen Liebe" für das Schauspiel Hannover. Ein neoromantisches Kammerspiel ist daraus geworden, mit "Isa, the queen of Gossenpoesie im Hannoverschen Garten irgendwo. ... Isa, die Himmelsherrscherin im Sternzeichen Rebel-Girl, verdient den großen Auftritt. Vor allem, wenn sie von Seyneb Saleh gespielt wird. 'Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist und nicht bescheuert', ruft sie und es ist die ultimative Ansage. Der erste Satz in Herrndorfs Roman wird auch hier zum Prolog. So geht es weiter: Seyneb Saleh kann diese rotzig-poetische Isa-Idiosynkrasie im wahrsten Sinne verkörpern, Sätze aus sich hochspülen, sprudeln lassen und ihrem traurigen Versickern nachspüren. Allein deswegen lohnt sich der Abend."

In der SZ stellt Peter Laudenbach ein Berliner Pilotprojekt vor, dass mit getestetem Publikum eine Öffnung der Theater mit neun Veranstaltungen in neun Kultureinrichtungen erprobt: "Möglich wird dieser tastende Neustart des Berliner Kulturlebens, indem jeder Besucher, jede Besucherin sich am Tag der Aufführung testen lässt und beim Einlass neben der personalisierten Eintrittskarte und dem Personalausweis das negative Testergebnis vorzeigt, nicht älter als zwölf Stunden. Fünf Testzentren sind an dem Pilotprojekt beteiligt, mit dem Kauf der Eintrittskarte kann man einen Testtermin buchen." Grundsätzlich zufrieden mit dieser vorsichtigen Öffnungsstrategie ist Frederik Hanssen auf Zeit online zwar schon, aber die Priorisierung stört ihn: "Eigentlich sollten zuallererst Kulturangebote für Kinder und Jugendliche wieder anlaufen, dann erst Museen und im dritten Schritt die Bühnen. Nun können Museen seit dieser Woche wieder öffnen, für die Bühnen und Konzertsäle wird das Pilotprojekt gestartet - nur die Minderjährigen schauen weiterhin in die Röhre."

In Paris ist es das Odéon, aber auch in anderen französischen Städten wurden Theater besetzt, aus Protest gegen die coronabedingte Schließung der Bühnen, berichtet Nadia Pantel in der SZ: "Am Rand der Protestierenden steht Jean-Michel und sieht unzufrieden aus. Er will seinen Nachnamen nicht nennen, 'weil es nicht immer um das Individuum gehen sollte'. Jean-Michel ist Bildhauer, seine Haare sind grau. 'Wir haben das alles schon mal gemacht', sagt Jean-Michel. Im Mai '68 gehörte er hier zu den Besetzern. Heute fehlt dem Revolutionär von damals der große Aufstand - 'Es geht doch allen schlecht, nicht nur der Kultur, das bringt nichts, nur für sich zu kämpfen.' Auf dem Dach würden sie diesen Einwand nicht gelten lassen. Neben dem großen Banner, auf dem 'Regierung disqualifiziert' steht, wehen die Fahnen der kommunistisch verankerten Gewerkschaft CGT. 'Occupons, Occupons', skandieren Frauen und Männer, lasst uns alles besetzen."

Weiteres: Die nmz gibt Streamingtipps für die nächsten Tage. Besprochen werden Rafael Sanchez Inszenierung des Corona-Monologs "Superspreader" von Albert Ostermaier mit Peter Lohmeyer am Théâtre National du Luxembourg (nachtkritik) und zwei neue Produktionen an Madrids Opernhaus Teatro Real (SZ)
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Musik

Sehr kenntnis- und faktenreich schreibt Natalie Mayroth in der taz über Geschichte und Gegenwart der indischen Popmusik, die sich traditionell in unmittelbarer Nähe zum Bollywood genannten Hindi-Kino entwickelt, aber längst auch mit für westliche Ohren eingängigeren Popkonzepten verbunden hat: Eine aktuelle Protagonistin ist etwa Ditty, die auf einfache Melodien setzt. "'Es fühlt sich an wie das Morgenrot in der Indie-Szene', sagt Ditty. Im Lockdownjahr 2020 nutzte sie die Zwangspause für ein neues Projekt", das sich auch politischen Aspekten gegenüber nicht verschließt. "Für ihre jüngste Kollaboration, das Album 'Rain is Coming', hat Ditty mit dem Rapper Keno (Moop Mama) und dem Produzenten David Raddish zusammengearbeitet, den sie auf einer Reise nach Indien kennengelernt hat. Zusammen klingen sie nach Rap-Fusion mit indischer Volksmusik, die auch durch Dittys zarte Stimme lebendig wirkt. Für Rao ist gerade der grenzüberschreitende künstlerische Austausch das, was Musik spannend macht. Durch neue Technologien gelingt das inzwischen leichter." Wir hören rein:



Die Tubaspielerin Ruth Ellendorff - eine von lediglich zwei Frauen, die in deutschen Orchestern an der Tuba festangestellt sind - ist von der aktuellen Studien des Musikinformationszentrums, derzufolge Frauen in Orchestern spürbar unterrepräsentiert sind, allenfalls in Details überrascht, auch wenn sie aktuell durchaus einen Wandel beobachten kann, sagt sie im VAN-Gespräch. "Mir ist vor meiner Festanstellung passiert, dass ich zu Probespielen nicht eingeladen wurde - dabei hatte ich keinen schlechteren Lebenslauf als meine Kommilitonen, die eingeladen wurden. Und das waren keine großen Orchester, das waren kleine B-Orchester. Ein Orchester hat sogar mehrere Probespiele gemacht, weil sie beim ersten Mal niemanden gefunden haben. Da habe ich mich noch ein zweites Mal beworben und wurde wieder nicht eingeladen. Ich kann mir das nicht anders erklären, als dass es daran lag, dass ich eine Frau bin."

Weitere Musik: Ljubiša Tošic fragt für den Standard bei Christian Thielemann nach dem Stand der Dinge in den Planungen für die Salzburger Osterfestspiele, bei denen derzeit noch nicht klar ist, ob sie wirklich stattfinden können. Für VAN wirft Matthias Nöther einen Blick in die jüngste Karajan-Forschung. Benjamin Poore verneigt sich in VAN vor den Platzanweisern und Platzanweiserinnen. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen schreibt Arno Lücker über Grete von Zieritz. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Cornelius Dieckmann über den einminütigen Kurz-Hit "Little Boxes" von The Womenfolk:



Besprochen werden das gemeinsame Album von Jonathan Meese und DJ Hell (online nachgereicht von der FAS), das neue Album "No Future" vom Deutschrapper Gossenboss mit Zett (Freitag) und der Bildband "Stranger Than Kindness" über Nick Cave (FAZ).
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Design

Für eine (toll von Kristin Bethge fotografierte) Reportage für das Frankfurter Allgemeine Quarterly hat Fabian Federl eine Tweed-Weberei auf der schottischen Insel Lewis and Harris besucht, wo man dem Handwerk nach wie vor so traditionell wie vor 100 Jahren nachgeht. Lange Zeit kam man damit gerade so durch, doch "seit rund sieben Jahren erleben die Weber einen Aufschwung. Ihr Stoff taucht plötzlich bei Haute-Couture-Marken wie Yves Saint Laurent und Chanel auf, in Streetwear von Nike und Adidas, bei Outdoor-Marken wie North Face und Eastpak. Die Weber der Insel haben alle Regeln der Industrie missachtet. Und stehen nun plötzlich besser da als je zuvor: Sie haben sich keinen Millimeter bewegt, die Welt um sie herum hat sich geändert."
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Stichwörter: Tweed, Textilien

Literatur

Der katalanische Übersetzer Victor Obiols, dem vor drei Wochen der Auftrag erteilt wurde, die Gedichte von Amanda Gorman zu übersetzen, ist diesen Job nun wieder los, meldet die Welt: "'Mir wurde mitgeteilt, dass ich für die Übersetzung nicht geeignet sei', sagte Obiols, der unter anderem Werke von William Shakespeare ins Katalanische übersetzt hat, am Mittwoch. 'Dabei wurde nicht meine Qualifikation infrage gestellt, sondern sie suchten nach jemanden mit einem anderen Profil, einer jungen Aktivistin, im besten Fall schwarz. ... Wenn ich eine Dichterin nicht übersetzen kann, weil sie jung, weiblich, schwarz und eine Amerikanerin des 21. Jahrhunderts ist, dann kann ich auch keinen Homer übersetzen, denn ich bin kein Grieche des 8. Jahrhunderts vor Christus. Oder ich hätte auch Shakespeare nicht übersetzen können, weil ich kein Engländer aus dem 16. Jahrhundert bin.'"

André Markowicz ist ein Übersetzer russisch-jüdischer Herkunft. Ein orthodoxer Russe hat ihm mal gesagt, dass er deshalb niemals die Tiefe des orthodoxen Russen Dostojewski wiedergeben könne, schreibt er in Le Monde. Daran erinnert ihn die Debatte um Amanda Gorman: "Niemand hat das Recht, mir zu sagen, was ich übersetzen darf und was nicht. Jeder hat hingegen das Recht zu beurteilen, ob ich dazu in der Lage bin. Das heißt, ob ich durch meine Arbeit in der Lage bin, die Stimme eines oder einer anderen durch meine Stimme, durch die Materialität meiner Worte hörbar zu machen - ohne sie auf die Stimme zu reduzieren, die meine ist. Ob meine Stimme offen genug ist, frei genug, um andere Stimmen hören zu lassen."

Und Ronald Pohl glossiert dazu im Standard: "Auch das Oscar-Wilde-Übersetzen hätte der Mann wohl besser sein lassen sollen. Obiols hat, das gilt als erwiesen, keine 18 Monate Haft im Zuchthaus von Reading abgesessen, so wie Wilde - wegen 'Unzucht'."

Weitere Artikel: In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Tilman Krause daran, wie Stefan George einst Hugo von Hofmannsthal anhimmelte. Paul Ingendaay liefert in der FAZ Hintergründe zu den Erbe-Streitigkeiten, die derzeit die Rafael-Alberti-Stiftung belasten.

Besprochen werden unter anderem Hengameh Yaghoobifarahs "Ministerium der Träume" (Standard), Sharon Dodua Otoos "Adas Raum" (54books), Annette Rümmeles "Wie meine Oma mir beibrachte, ohne Augen zu sehen" (taz) und Will Selfs "Phone" (SZ).
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Film

Patrick Heidmann unterhält sich für ZeitOnline mit der in Malaysia geborenen Drehbuchautorin Adele Lim, die den neuen Disney-Animationsfilm "Raya und der letzte Drache" geschrieben hat. Der internationale Milliardenkonzern bildet offensichtlich die Speerspitze des politischen Fortschritts in Sachen kultureller Sensibilität: Bei Disney sei allen klar gewesen, "dass man hier nicht vage bleiben oder alteingesessene Klischees auffahren konnte" und "allen war wichtig, dass Südostasien als Inspiration ganz klar zu erkennen ist", sagt Lim. "Im Moment sind wir in der Filmbranche an dem sehr wichtigen und wunderbaren Punkt angelangt, an dem wir endlich Fragen nach Repräsentation und dem Erzählen von Geschichten stellen. Wie werden Geschichten erzählt - und vor allem von wem? Es setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass die Geschichten von unterrepräsentierten Communitys nicht mehr erzählt werden sollten, ohne dass diese selbst auch daran beteiligt sind."

Außerdem: In der SZ gratuliert Fritz Göttler Wolfgang Kohlhaase zum 90. Geburtstag. Besprochen werden Werner Herzogs auf Mubi gezeigter "Family Romance LLC" (Perlentaucher) und die Netflix-Serie "Dealer" (FAZ).
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Kunst

Rembrandt, Büste eines alten Mannes mit Turban, 1627. Foto: The Cremer Collection


Das Potsdamer Museum Barberini hat eine Schau über Rembrandt und den Orient eröffnet. Laut Tagesspiegel-Kritiker Bernhard Schulz hat man sich um ein differenziertes Bild bemüht: Zwar ist die Orientalisierung durchaus Thema, so Schulz, etwa bei den "Vorstehern des Schützenhauses", die Bartholomeus van der Helst 1655 malte: "Die vier Herren in calvinistisch-strenger Kleidung sitzen an einem Tisch, der mit einem persischen Teppich bedeckt ist - und beträufeln Austern mit (kostspieliger) Zitrone. Es ist genau diese Einbeziehung exotischer Objekte in den Alltag, die das Verhältnis des niederländischen Bürgertums zum Fremden kennzeichnet. Ein tatsächlicher Austausch, wie er uns heute als Maßstab gilt, wurde nicht erstrebt. Das gilt auch für Rembrandt. ...  Doch 'so unterschiedlich die Aspekte der Orientrezeption waren' - schreibt Gary Schwartz im Ausstellungskatalog -, 'eines begegnet dabei nicht: Fremdenfeindlichkeit, Aversion oder Ablehnung. Nirgendwo werden die 'Orientalen' als solche abgewertet, lächerlich gemacht oder persifliert (…).' Vielmehr ist 'das Bild des Orients von Respekt und Wertschätzung geprägt'."

Weiteres: In der taz stellt Beate Scheder den neuen Berliner Ausstellungsort "Korn" im Schaufenster der Heinrich-Böll-Bibliothek vor, der mit Skulpturen von Inken Reinert eröffnet. Gina Thomas beschreibt in der FAZ entsetzt Umstrukturierungspläne des Victoria and Albert Museums und des National Trust in Britannien, die letztlich auf eine "Abkehr von der seit 1896 bestehenden material- und themenbezogenen Kuratierung" hinauslaufen würde. "Düsseldorf will eine neue Oper bauen", meldet Patrick Bahners in der FAZ, an eine Renovierung der Deutschen Oper am Rhein denke niemand, das sei zu teuer, habe Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) befunden. Besprochen wird die Caspar-David-Friedrich-Ausstellung im Kunstpalast Düsseldorf (FR)
Archiv: Kunst