Efeu - Die Kulturrundschau

Gott sei Dank gibt es Berlin

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22.03.2021. Im Standard fordert Marlene Streeruwitz ein rundum erneuertes Theater. Ebenfalls im Standard reitet Richard Müller eine scharfe Attacke gegen die Anhänger der Diversität, die ihn an die Internationale der Nationalisten erinnern. In der Welt wird weiterdiskutiert über Machtpositionen im Theater, Gefügigkeiten und fliegende Fäuste.  Im Tagesspiegel beansprucht der Maler Alvaro Barrington für sich die Lizenz, Drake und Mark Rothko zu sampeln. Und alle berichten selig vom Rachmaninow-Konzert der Berliner Philharmoniker für tausend Auserwählte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2021 finden Sie hier

Bühne

"Andere Talente. Andere Formen. Andere Stile. Andere Schauspieler und Schauspielerinnen." Gewohnt furios fordert Marlene Streeruwitz im Standard ein neues Theater für Österreich, das nicht auf staatstheaterliche Eliten, Publikumswirksamkeit und Wirtschaftlichkeit zielt: "Wir sahen perfekt aufgestylte Produktionen internationaler Gastspiele. Eine internationalistische Ästhetik der Vermutung universaler Affekte war das. Gemütlich nichtssagend war das. Im Grund sahen wir etwa bei den Wiener Festwochen oder den Salzburger Festspielen um das viele Geld der Karten dann immer eine Variation des Themas 'Auch die Reichen weinen'. Damit sollte es vorbei sein. Die Gründung vieler Orte, an denen viele verschiedene Formen der Kulturarbeit anzutreffen sind. Es handelte sich um eine Gründung von Arbeitsplätzen für die Kulturschaffenden aller Art. Das beträfe auch den frei arbeitenden Hutmacher, der wieder für eine Theaterproduktion arbeiten könnte. Aber dem folgend geht es auch um eine Gründung von Denkplätzen für das Publikum. Es geht um Kritikübungsräume. Um Solidaritätsversicherungsversuche. Um Übungen von Nähe und Abstand. Darum, voneinander zu wissen."

Für die Welt unterhält sich die frühere Intendantin Angela Richter mit dem Theaterwissenschaftlerin Thomas Schmidt, der eine Studie zu Machismo, Übergriffen und Machtmissbrauch durchgeführt hat. Nicht der alte weiße Mann sei das Problem, meint Schmidt, sondern die Position der Intendanz und veraltete Vorstellung von Gefügigkeit: "Intendantinnen und Intendanten, die Schläge androhen oder auch Schläge ausführen und deren Faust im Eifer an einer Wand zerschellt und die dann einen Gips tragen muss über Wochen. Und jeder weiß es. Alle wissen es. Alle schauen schamerfüllt weg, und keiner traut sich etwas zu sagen. Und dann gibt es die ganz harten Fälle: Eine Vergewaltigung wurde genannt, viel häufiger sexuelle Handgreiflichkeiten. Die geplante Vergewaltigung, eine sehr häufige Form. Von zwei Intendanten wurde berichtet, die extra Zimmer anmieteten, Einladungen zu Rotwein und Musik aussprachen. Nicht immer lassen sich Künstlerinnen darauf ein. Manche Künstlerinnen oder Künstler geben zu, mit Intendanten und Regisseuren geschlafen zu haben, weil sie sich nicht trauten Nein zu sagen. Dürfen wir sie deshalb verurteilen?"

Weiteres: In der FR berichtet Stefan Brändle von den Theaterbesetzungen in Frankreich. Besprochen werden Jan-Christoph Gockels Stück "Wir Schwarzen müssen zusammenhalten - eine Erwiderung" im Stream der Münchner Kammerspiele und nach dem entsprechenden Bonmot vom einstigen CSU-Chef Franz-Josef Strauß bei einem Besuch in Togo (Egbert Tholl bejubelt die Produktion in der SZ als "irre, witzig, klug und voller Zorn", Nachtkritik), Pınar Karabuluts theatrale Miniserie "Edward II. Die Liebe bin ich" mit dem Schauspiel Köln und nach Ewald Palmetshofers Überschreibung von Christopher Marlowes Tragödie (Nachtkritik) ein  Tom-Waits-Liederabend im Vorarlberger Landestheater (Standard).
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Literatur

Richard Müller liest im Standard den Aktivisten, die den Streit um die niederländische Amanda-Gorman-Übersetzung vom Zaun gebrochen haben, geharnischt die Leviten: "Die vermeintlich gemeinsame Sache der Diversität läuft auf das Gleiche hinaus wie die Internationale der Nationalisten: Zuerst erklären die vereinten Partikularisten dem Universalismus den Krieg. Am Ende bekriegen sie sich gegenseitig." Noch dazu werde Marieke Lucas Rijneveld, die für die Übersetzung zunächst vorgesehen war und sich als nicht-binär versteht, von den Aktivisten geradewegs zum literarischen Schaffott geführt: "Worüber, um alles in der Welt, soll Rijneveld denn schreiben, wenn 99,9 Prozent aller Menschen eine andere Identität haben, weil diese binär oder nicht weiß sind, und Marieke Lucas sich in andere Welten eingestandenermaßen nicht einfühlen können?! Geht es nach der Logik der Cancel-Culture, taugt Rijnevelds Literatur künftig bestenfalls als exotischer Reisebericht aus einer anderen Welt."

Weitere Artikel: Senta Wagner porträtiert im Standard die Schriftstellerin Teresa Präuer. In Frankfurt stellte Ulrich Peltzer seinen Roman "Das bist du" vor, berichtet Judith von Sternburg in der FR. Andreas Pflitsch schreibt in der NZZ einen Nachruf auf die ägyptische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Nawal al-Saadawi. Unter anderem ZeitOnline meldet, dass der polnische Dichter Adam Zagajewski gestorben ist.

Besprochen werden unter anderem Gabriele Tergits Band "Vom Frühling und von der Einsamkeit" mit Gerichtsreportagen (taz), Daniel Kehlmanns "Mein Algorithmus und ich" (Standard), Tillie Waldens Comic "Auf einem Sonnenstrahl" (Tagesspiegel), Michael Horowitz' "H. C. Artmann. Bohemien und Bürgerschreck" (Standard), Juli Zehs "Über Menschen" (Tagesspiegel), Andreas Maiers "Die Städte" (Tagesspiegel), Ottessa Moshfeghs "Der Tod in ihren Händen" (54books), T. C. Boyles "Sprich mit mir" (Freitag) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Kirsten Boies "Dunkelnacht" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Dirk von Petersdorff über Wolf Biermanns "Heimweh":

"Die heile Heimat Utopie hab ich verloren
Dafür und ganz kaputt die halbe Welt gewonnen
..."
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Kunst

Alvaro Barrington: Untitled (1964-2019, 1965-2019, 1966-2019, 1967-2019, 1968-2019, 1969-2019), 2020. Bild: Galerie Ropac

Die Pariser Galerie Ropac zeigt eine Schau des New Yorker Malers Alvaro Barrington, mit dem einem Drake-Song entlehnten Titel "You don't do it for the man, men never notice. You just do it for yourself, you are the fucking coldest". Im Tagesspiegel spricht Barrington mit Eva Karcher über seine Kunst, das Sampeln und Mixen: "Ich bin ein Kind des Hip-Hop, der mächtigsten popmusikalischen Bewegung des Globus. Als ich acht Jahre alt war, zog ich mit meiner Mutter nach Flatbush in Brooklyn, New York. Beim Rap geht es ebenso um Sampling und Mixing. Es stimmt, die Kultur der schwarzen Musik - Soul, Funk, Reggae, R & B - ist die eine Lizenz, die ich habe. Gleichzeitig befinde ich mich in einem ständigen Zwiegespräch mit der Kunst und ihrer Geschichte. Nehmen Sie noch einmal Matisse: Er hörte Jazz, gleichzeitig beschäftigte er sich mit chinesischer Kalligraphie und Tuschemalerei und fragte sich, wie er diesen Sound und diese Ästhetik verbinden könnte, die sich für ihn einander zugehörig anfühlten." Aber Mark Rothko und Louise Bourgeois mag er auch gern!

Weiteres: Laura Cumming begutachtet für den Observer die Auswahl der Waliser Online-Biennale "Artes Mundi". Sandra Danicke freut sich in der FR mit dem Frankfurter Museum für Moderne Kunst über die Schenkung der Crespo-Foundation, deren Werke sich das Museum selbst aussuchen durfte. Besprochen wird noch die Ausstellung "Hidden - Tiere im Anthropozän" im f3 freiraum für fotografie (Tsp).
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Stichwörter: Barrington, Alvaro, Rap

Architektur

Beinahe wäre in Kaiserslautern ein Bau des Architekten Hermann Hussong abgerissen worden, erzählt Matthias Alexander in der FAZ, weil die Behörden vergessen haben, ihn in die Denkmalliste aufzunehmen. Die Bagger hatten sogar schon einen Anbau niedergelegt, da wurde ihnen Einhalt geboten. Maßgebliche Kommunalpolitiker hatten in buchstäblich letzter Sekunde begriffen, was dort zermalmt werden soll."
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Film

"Oleg" von Juris Kursietis

"Oleg", der neue Film des lettischen Regisseurs Juris Kursietis, erzählt von ausländischen Arbeitern in einer belgischen Fleischfabrik. "Kursieti hat einen düsteren Film über die Mechanismen der modernen Sklaverei gedreht", berichtet Freitag-Kritiker Jens Balkenborg. "Selten wird von diesen Menschen erzählt, die auf der Suche nach einem neuen Leben in tatsächlich sklavenähnliche Abhängigkeitsverhältnisse gedrängt werden. ... Der Metzger wird in Kursietis' Film zum Lamm auf der Schlachtbank. Ein an sich eindringliches Bild, das der lettische Regisseur etwas zu gewollt mit einem biblischen Fundament unterfüttert."

Außerdem: Karl Fluch (Standard), Kathleen Hildebrand (SZ) und Dietmar Dath (FAZ) gratulieren William Shatner zum 90. Geburtstag. Besprochen werden Amy Poehlers Netflix-Film "Moxie" (NZZ), Mark Harris' Biografie über Mike Nichols (SZ) und die ZDF-Serie "Kudamm 63" (FAZ).
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Design

Jürg Zbinden schreibt in der NZZ einen Nachruf auf die Modedesignerin Ursula Rodel. Gemeinsam mit Katharina Bebié und Sissi Zoebeli gründete sie "1972 in einem Akt der Selbstermächtigung ein Prêt-à-porter-Label für all jene, die sich nicht mit der Rolle als selbstlos dienende Ehefrau und Mutter abfinden mochten. ... Rüschen und Schleifchen waren Ursula Rodels Ding nicht, ihre Formensprache ist eher androgyn oder dezent maskulin." Daneben "wirkte sie als Kostümdesignerin in Filmen berühmter Regisseure: Federico Fellini, Claude Berri, Daniel Schmid und zuletzt Lars von Trier."
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Stichwörter: Rodel, Ursula, Modedesign

Musik

Die Berliner Philharmoniker haben ihr erstes Konzert vor Publikum unter Bedingungen des Berliner Pilotprojekts über die Bühne gebracht - mit Vorab-Tests des 1000 Leute umfassenden Publikums, FFP2-Masken im Saal, einer guten Belüftung und etwas Abstand zwischen den Sitzen. Musiker und Publikum - sie haben den Abend gefeiert. Und das Feuilleton feiert mit, auch weil alles so gut organisiert war und wie am Schnürchen funktionierte. "Gott sei Dank gibt es Berlin", jubelt da Reinhard J. Brembeck in der SZ, der die Sicherheitsvorkehrungen im Detail vorstellt und in dem hier gegebenen "Programm ein gesellschaftliches Statement" sieht, nämlich "ein Protest gegen Nationalismus und Hegemonien, ein Bekenntnis zur Kunstamalgamierung, zu Weltbürgertum und sexueller Freiheit."

"Dass sich jeder aus dem Publikum durch die Nase in den Rachen stochern ließ, um später Rachmaninow hören zu dürfen", wertet Clemens Haustein in der FAZ "als Ausweis für eine grundlegende Bedürftigkeit". Kirill Petrenko aber ließ sich auch diesmal ästhetisch zu keinen überschwänglichen Ekstasen hinreißen: Kein Pathos, "das außerhalb dessen liegen würde, was die Musik verlangt. Erstaunlich nüchtern beginnt die 'Romeo und Julia'-Ouvertüre von Peter Tschaikowsky im verschatteten Holzbläserchoral. Wie es zu seinen Markenzeichen gehört, achtet Petrenko auf Linearität und Stringenz." Auch NZZ-Kritikerin Julia Spinola bewundert die Tschaikowsky-Passage des Abends: "Wie Kostbarkeiten hinter Glas werden die kontrastierenden Szenen in einer Fülle instrumentaler Klangmischungen ausgestellt."

Außerdem: In der WamS plaudert Martin Scholz mit dem Musiker und Komponisten Robbie Robertson. Besprochen werden Madlibs neues Album "Sound Ancestors" (Jungle World), eine Neuausgabe von Peter Schreiers "Schöne, strahlende Welt" (Tagesspiegel) und das Album "Rain Is Coming" des Kollektivs Faraway Friends (taz). Wir hören rein:

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