Efeu - Die Kulturrundschau

Rechts und links um die Ohren

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01.04.2021. Die Welt verteidigt die Klassische Musik als ganz und gar unkolonialistische Kunstform. In Monopol erzählt Torben Giese, wie das Stadtmuseum Stuttgart die Stuttgarter - und vor allem die jungen Stuttgarter - zu sich holt. Bei Artechock erklärt die Filmemacherin Elke Lehrenkrauss ihr umstrittenes "Lovemobil" zur künstlerisch- dokumentarischen Form.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2021 finden Sie hier

Film

Das "Lovemobil" aus Elke Lehrenkrauss' gleichnamigem Film


Die Dokumentarfilmemacherin Grit Lemke und Ludwig Sporrer vom Dok.Fest München sprechen für Artechock sehr ausführlich mit Elke Lehrenkrauss, deren maßgeblich von inszenierten Szenen getragener Dokumentarfilm "Lovemobil" in den letzten zwei Wochen die filmpolitischen Debatten bestimmt hat: Sie habe von vornherein ein Exposé für eine experimentellere, an filmischen Brüchen interessierte Arbeit eingereicht, sagt sie. Aber ihr Redakteur beim NDR sei wenig ansprechbar gewesen: "Wir waren verabredet, es wurde abgesagt. Wenn es diese Kommunikation nicht gibt, kommt man nicht zu einer Atmosphäre, in der man mal ruhig am Tisch sitzt und redet. Weil immer alles schnell gehen muss. Nur geil, geil, geil, schnell, schnell, schnell. ... In meiner Pressemitteilung, die ich an die Redaktion geschickt hab, hatte ich geschrieben: Es ist eine künstlerische, dokumentarische Form und keine journalistische Dokumentation Und dann habe ich gesagt, das muss mit in die Programmankündigung, es ist keine Dokumentation! Ich habe darauf bestanden, und sie haben es nicht gemacht. 'Das verstehen unsere Zuschauer nicht', wurde mir gesagt. Hätte ich den Film als Hybrid gekennzeichnet abgegeben, die hätten ihn mir rechts und links um die Ohren gehauen."

Simone Gaul sieht im Fall "Lovemobil" auch eine Chance, schreibt sie auf ZeitOnline. Weil keiner vorab wissen kann, was bei einem Dokumentarfilm tatsächlich geschieht und es entsprechend schwierig ist, vorab die Finanzierung einzuholen, werden entsprechende Exposés gerne mal auf knallig frisiert. "Irgendwo zwischen dem Anspruch an Authentizität, der Suche nach einer krassen Geschichte und den realen Produktionsbedingungen wird das Genre des Dokumentarischen regelrecht zermalmt." Nun "besteht die Hoffnung, dass wieder mehr Platz für leise Filme geschaffen wird. Dass die Erwartungen an Dramatik und Emotionalität nicht noch weiter steigen. Ein bisschen Bescheidenheit wäre schön. ... Eine Chance ist die neu entfachte Diskussion auch, weil Filmemacherinnen und Redakteure sich angewöhnen könnten, künftig transparenter zu arbeiten und genauer hinzuschauen, wie eigentlich produziert wird."

Die FAZ unterhält sich mit Susanne Binninger und David Bernet von der AG Dok über den "Lovemobil"-Fall. Der Unterschied zwischen Claas Relotius und Lehrenkrauss besteht darin, dass Relotious ein gut bezahlter Festangestellter des Spiegel war, während Lehrenkrauss eine prekäre Freelancerin ist, betont Bernet. Binninger beklagt die wenigen Leuchtturm-Sendeplätze für dokumentarische Formen, während das weite Feld für Dokus erheblich vorformatiert ist, also "mit vorformulierten Ansprüchen an Form und Inhalt verbunden. ...In unserem Bereich zählen Quoten, obwohl das völlig absurd ist. Die Quote an sich ist absurd. Wir brauchen Vertrauen in Autorinnen und Autoren und dokumentarisches Arbeiten und darin, dass man den Zuschauern etwas zumuten kann,. Wenn alle nur noch dramatisierte Filme für Netflix machen, gibt es nur noch Netflix. Das ist nicht die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks."

Weitere Artikel: Der Freitag übersetzt Lanre Bakares Reportage über Dreharbeiten afrikanischer Netflix-Filme aus dem Guardian. Christian Albrecht denkt auf 54books über die Renaissance von Stummfilm-Ästhetiken auf TikTok nach. Tobias Kniebe staunt in der SZ mit etwas Verspätung über die Studiotechnik der "Star Wars"-Serie "The Mandalorian", bei der die Schauspieler vor einem in Echzeit manipulierbaren, mit den Kamerabewegungen synchronisterten Kuppel-Bildschirm agieren, was einen bis dato ungekannten Realismus ins künstliche Bild bringt. Ein Erklärvideo verdeutlicht die Technik:



Besprochen werden Cristi Puius angeblich auf Mubi gezeigter, dort aber gerade offenbar nicht abrufbarer Film "Malmkrog" (taz), der Doku-Thriller "Der große Fake" über den Wirecard-Skandal (ZeitOnline), John Torturros "Big Lebowski"-Sequel "The Jesus Rolls" (taz) und Roland Ernsts Biografie über den Schauspieler Karl Obermayr (taz).
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Literatur

Für Intellectures vergleicht Thomas Hummitzsch die zahlreichen Orwell-Neuübersetzungen, die jetzt auf den Markt gekommen sind, da George Orwells Werke gemeinfrei wurden. Edo Reents wirft für die FAZ einen schwermütigen Blick in Bücher von Gottfried Benn und Goethe, die über das mittlere Alter nachdenken, eine Kohorte in der Bevölkerung, die ja nun, jedenfalls laut Christian Drosten, pandemisch besonders gefährdet sei. Christian Thomas schreibt in der FR zum Tod des Lektors Walter Pehle.

Besprochen werden unter anderem Pola Oloixaracs "Wilde Theorien" (FR), Lauren Wolks "Echo Mountain" (Tagesspiegel), die deutsche Übersetzung von Amanda Gormans Gedicht "The Hill We climb" (NZZ, SZ) und Peter Handkes "Mein Tag im anderen Land" (FAZ).
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Musik

"Absurd" findet es Manuel Brug in der Welt, dass einer Meldung der Sunday Telegraph zufolge die University of Oxford in ihr Curriculum mehr schwarze Musik aufnehmen will, um den Fokus auf die europäische Klassik aufzuweichen. Dabei sei doch gerade "die klassische Musik westlicher Prägung eine der wenigen Kunstformen, die sich weltweit ohne Unterdrückung und Sklaverei verbreitet haben und an der auch Menschen Geschmack gefunden habe, die selbst in komplett anderen Notations- ud Harmoniesystem aufgewachsen sind. Und das mag etwas heißen: Wir überprivilegierten Europäer merken es doch selbst im akustischen Schnelltest, wie schwer hörbar für uns arabische, afrikanische oder asiatische Musik ist. ... Welche Kleinmeister sollen aus den staubigen Fugen der Archive gekratzt werden, nur weil sie heutige politisch korrekte Bedingungen erfüllen?"

Außerdem: Für VAN wirft Volker Hagedorn einen Blick in die Streitigkeiten in Leipzig um den nächsten Thomaskantor Andreas Reize. Die NZZ dokumentiert Navid Kermanis vor dem Sinfonieorchester des WDR gehaltene (und hier nachhörbare) Lobrede auf die Musik und die Orte ihrer Aufführung. Für die WamS sprach Eva Eusterhus mit dem Musiker Bernd Begemann über die Folgen der Coronapandemie. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen schreibt Arno Lücker über Anna Bon di Venezia.

Besprochen werden Serpentwithfeets Album "Deacon" (Tagesspiegel) und ein Album des Allstar-Projekts Elegiac (Standard).
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Bühne

In Tübingen darf man vorläufig mit einem negativen Corona-Schnelltest wieder ins Theater. Aber auch vorher haben sie in Tübingen gespielt, erzählt Intendant Thorsten Weckherlin im Interview mit dem Van Magazin: "Es haben ja bundesweit viele Theater, auch in Baden-Württemberg, gesagt: 'Es bringt doch alles nichts, wir machen zu.' Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass wir hier weiterarbeiten müssen, damit wir in einem Rhythmus bleiben. Wir haben in den letzten viereinhalb Monaten während des Lockdowns ganz normal weitergearbeitet, wir haben geprobt, wir haben die Stücke herausgebracht, nur für uns, das waren Geisterpremieren und ich war der Claqueur, der Bravo schrie. Wir haben sogar zweimal die Woche Repertoire gespielt, völlig absurd, da ruft der Inspizient die Leute rein, da gibt es Einlasspersonal, die Tür geht auf, es kommt bloß keiner. Für mein Seelenheil und für das der Schauspielerinnen und Schauspieler war das wichtig."

Weiteres: Im Interview mit der NZZ erklärt Milo Rau, warum er mit "Das Neue Evangelium" in Matera einen Jesus-Film gedreht hat. Georg Kasch untersucht in der nachtkritik die Lage des zeitgenössischen Musiktheaters in der Pandemie und seinen Umgang mit den digitalen Medien. Im Van Magazin versucht Matthias Kreienbrink eine Annäherung an Wagners "Parsifal". Besprochen werden Marco Štormans Inszenierung von "Glaube, Liebe, Hoffnung" als virtuelle Oper (SZ) und Roland Ernsts Biografie des Schauspielers Karl Obermayr (taz).
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Stichwörter: Corona, Baden-Württemberg

Kunst

Derzeit im Stadtmuseum Stuttgart: "Tiefschwarz", eine Ausstellung über Nachtleben und Clubkultur des Elektronik-Duos Ali und Basti Schwarz. Räumliche Installation: Tobias Rehberger

Im Interview mit Monopol stellt Direktor Torben Giese das ganz eigene Programm des Stadtmuseums Stuttgart vor: "Alles ist möglich, alles ist richtig, auch ohne Bezug zur Geschichte. Nehmen Sie 'Außergewöhnliche Jobs': Das ist ein starkes Insta Live Format bei uns. Wir befragen dazu Stuttgarter mit ungewöhnlichen Berufen. Das würde man mit einem stadthistorischen Ansatz niemals tun, aber für uns macht das Sinn, denn wir erzählen die Geschichte dieser Stadt mit den Menschen, die diese Stadt ausmachen. ... In dem Moment, in dem ich den sicheren Hafen der Geschichte verlasse, habe ich als Museum überhaupt keinen Wissensvorsprung. Die Hälfte unserer Ausstellungsideen werden an uns herangetragen. Wir haben jede Woche fünf Anfragen, und wir sagen immer wieder ja. Zum Beispiel unsere Ausstellung zur Skateboarding: sie wurde von den Skatern selbst gemacht. Ein schöner Nebeneffekt: Wenn die Szene sich mit unserer Hilfe selbst ausstellt, sind die auch hip und cool und alles, was wir nie sein würden, wenn der Herr Direktor im Anzug dasteht. Zur Eröffnung war alles voll mit jungen Menschen."

Wer hätte das gedacht: Selbst Farben können "unter westlicher Palette" betrachtet werden, oder eben anders, lernt FR-Kritiker Steffen Herrmann in der Ausstellung "Grüner Himmel, blaues Gras" im Weltkulturenmuseum Frankfurt: Richtig klar wird dann aber nicht, welche Farben andere Kulturen anders sehen. Außerdem: Stefan Trinks betrachtet für die FAZ Horst Sakulowskis Gemälde "Passion".
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