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Efeu - Die Kulturrundschau

Röcke, die sich als Distanzwaffe eignen

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14.04.2021. Knarzend debattenfern finden taz und DlfKultur die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse. Die NZZ lernt von São Paulo, dass zu einer wahren Großstadt soziale Freiräume gehören. Und Architekten, die ihrer Stadt auch mal was zurückgeben, ergänzt die New York Times nach einem Treffen mit Frank Gehry. Die SZ erlebt in den Videos von David Wojnarowicz hell loderndes Hadern mit Krankheit und Gesellschaft. In der FAZ erzählt Dirigent Franz Welser-Möst von den Unwuchten, die Corona den amerikanischen Orchestern beschert. Und in der FAQ lernt Peter Glaser die smarte Mode der Zukunft fürchten.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.04.2021 finden Sie hier

Literatur

Die Leipziger Buchmesse hat die Shortlist für ihren Buchpreis bekannt gegeben (alle nominierten Büchern bei Eichendorff21). Je für sich genommen sind die Romane zweifellos lesenswert, meint Dirk Knipphals in der taz. Aber von den großen Literaturdebatten der letzten Monate - "Identität, Sprechweisen, Klassismus, Rassismus" - wirkt diese Liste als großes Ganzes doch sonderbar unberührt, findet er: "Sie strahlt insgesamt etwas Debattenanschlussfreies, fast schon Knarzendes aus. Der deutschsprachige Literaturbetrieb öffnet sich gerade, doch diese Liste macht die Schotten dicht." Ähnlich sieht es Wiebke Porombka im Dlf Kultur: Nicht nur debattenfern wirke diese Liste, sie werfe auch "größtenteils zusätzliches Licht auf Bücher, die ohnehin im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung stehen." Immerhin, meint Judith von Sternburg in der FR: "Noch nie waren vier Frauen unter den fünf Nominierten", nämlich Iris Hanika, Judith Hermann, Friederike Mayröcke und Helga Schubert.

Außerdem: Für die taz porträtiert Frank Keil den Romandebütanten Florian Knöppler.

Besprochen werden unter anderem Dana Grigorceas "Die nicht sterben" (Standard), Gabriela Adamesteanus "Das Provisorium der Liebe" (FR), Blake Baileys Biografie über Philip Roth (Welt), Steffen Kopetzkys "Monschau" (ZeitOnline), John Sauters Gedichtband "Zone" (Dlf Kultur), Arnold Stadlers "Am siebten Tag flog ich zurück" (Tagesspiegel), Jia Tolentinos Essayband "Trick Mirror" (SZ) und Blai Bonets "Das Meer" (FAZ).
Archiv: Literatur

Architektur

Ausstellungsansicht "Access for All. São Paulos soziale Infrastrukturen". Foto: SAM Basel

Die Autobahnen am Sonntag für den Verkehr gesperrt, die Straßenbelege von Künstlerinnen gestaltet: In der Ausstellung "Access for All" im Schweizerischen Architekturmuseum erfährt NZZ-Kritikerin, wie Schweizer Städte, von São Paulo lernen können, Großstadt zu sein. "Mit dieser Schau über soziale Freiräume in São Paulo fordert der Direktor Andreas Ruby die Basler zu einem Vergleich heraus. Die Stadt wird zur Bühne: Draußen blickt man aufs kürzlich von Herzog & de Meuron umgebaute Stadtcasino, drinnen auf eine raumhohe Tapete mit dem Bild eines dicht bevölkerten Swimmingpools vor einer Hochhauskulisse. Das Wasserbecken liegt auf dem Dach des vor drei Jahren eröffneten Komplexes 24 de Maio. Die vierzehn Geschosse des ehemaligen Einkaufszentrums wurden von Paulo Mendes da Rocha und MMBB Architekten zu einem Gemeinschaftszentrum umgebaut. Es machte international Furore, zurzeit ist das Projekt auch in der aus Wien übernommenen Schau 'Critical Care' im Zentrum Architektur Zürich (ZAZ) zu sehen."

In der New York Times erzählt Robin Pogrebin von ihrem Besuch bei Pritzker-Preisträger Frank Gehry, der ihr mit 92 Jahren recht aufgeräumt vorkam: "Durch seinen weitläufigen Arbeitsbereich schwirrend erklärt der Architekt, dass er an einen Punkt seiner Karriere gelangt sei, an dem er sich erlauben könne, das zu machen, woran ihm am meisten liegt: Projekte, die der sozialen Gerechtigkeit dienen: 'Ich bin frei' sagt er, 'ich muss mich nicht mehr um Honorare sorgen.' Gehrys wachsende Emphase des Zurückgebens scheint auch seine Bindung an die Stadt verstärkt zu haben. Er entwirft zum Beispiel gerade ein Haus am Wilshire Boulevard für obdachlose Veteranen. Und vor sechs Jahren gründeten er und die Aktivistin Melissa Shriver die gemeinnützige Organisation 'Turnaround Arts: California', die Kunst an bedürftige Schulen bringt. 'Das ist Liebesmüh', sagt Gehry."

Weiteres: In der Welt riskiert Boris Pofalla einen Blick auf die nach der Generalsanierung strahlend schöne Neue Nationalgalerie, die noch nicht wieder eröffnet, aber zumindest enthüllt ist. Der Tagesspiegel berichtet allerdings von einem weiteren Schlag für das Museum des 20. Jahrhunderts: Der Bundesrechnungshof fordert Kürzungen bei den veranschlagten Baukosten.
Archiv: Architektur

Kunst

Feuer im Bauch, brennende Augen: David Wojnarowicz' Video "A Fire in my Belly". Bild: JSC

Ziemlich aufgewühlt kommt SZ-Kritiker Peter Richter aus der Schau "A Fire in My Belly", in der die Julia Stoschek Collection dreißig Video-Arbeiten zum Thema Körper und Konflikt zeigt. Anne Imhof etwa lässt in einem Video das Meer auspeitschen, doch den Ton setzt eindeutig der amerikanische, 1992 an Aids verstorbene Künstler David Wojnarowicz, meint Richter: "Man sieht da zwischen Aufnahmen eines Mexikotrips - wegen der vielen Ringkämpfermasken in sich ja oft schon unheimlich genug - Bilder von brennenden Augäpfeln und bei lebendigem Leibe zugenähten Mündern. Hinschauen muss man trotzdem, das Ganze hat durchaus hypnotische Qualitäten. Im Katalogheft gibt es dazu Wojnarowicz' Essay 'Postcards from America: X-Rays from Hell' aus dem Jahr 1989, den Robin Detje erstmals ins Deutsche übertragen hat. Es ist eine erbitterte Wutpredigt, ein hell loderndes Hadern mit der Seuche, die ihn töten wird, aber mehr noch mit der Gesellschaft und den politischen Verhältnissen, in denen schwule Männer wie er in Konfrontation mit christlichen Bußpredigern, kalt rechnenden Pharmafirmen und konservativen Politikern an dieser Krankheit leiden und sterben müssen."

Weiteres: Tabea Köhler annonciert in der taz die Eröffnung des neuen Zentrums für immersive Medienkunst, Musik und Technologie (ZIMMT) in Leipzig. Im Monopol-Interview mit Philipp Hindahl spricht die iranische Filmemacherin Shirin Barghnavard über ihre Arbeiten mit der Berliner Mauer, über Grenzen und  Nationalismus. Besprochen werden die Ausstellung "Kunst und Kapitalverbrechen" zum Münnerstädter Altar von Veit Stoß und Tilman Riemenschneider im Bayerisches Nationalmuseum München (taz) und Damien Hirst in der Gagosian Britannia Street (Guardian).
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Archiv: Kunst

Design

Peter Glaser wirft für Frankfurter Allgemeine Quarterly einen Blick in die Zukunft der Mode - immerhin ist schon deren Gegenwart mit algorithmenbasierten Designs und smart mit dem Netz verdrahtete Kleidung ziemlich Science-Fiction. So richtig fix wird es aber erst nach dem totalen Takeover der Smart-Technologie: "Das Problem der modischen Wechsel erübrigt sich in dem Augenblick, in dem man sich mit Lichtgeschwindigkeit umziehen kann. Vielleicht ist dazu in Zukunft nur noch ein einziges, universelles Textil nötig, um sich die gesamte Entwurfspalette menschlichen Modeschaffens aus offenen und Markendesigner-Datenbänken verfügbar zu machen. Realisierbar werden dann auch Hemdsärmel, die sich auf Zuruf hochrollen, auf erotisierende Männerstimmlagen programmierte Spaghettiträger, die selbsttätig abrutschen, oder kreissägenhaft rotierende Röcke, die sich als Distanzwaffe eignen."
Archiv: Design
Stichwörter: Mode

Bühne

In der taz sieht Barbara Behrendt mit Blick auf Marburg und Zürich in der Doppelspitze einen möglichen Ausweg aus Machtmissbrauch und Überforderung in der Theaterintendanz. Reichlich spät findet es Till Briegleb in der SZ, dass die deutschen Theater erst jetzt beginnen, ihre "Betriebsökologie" in Angriff oder zumindest zur Kentnis zu nehmen: "Die meisten Bühnen in Deutschland wissen nach einem halben Jahrhundert ökologischer Debatte immer noch nicht, wie man eine Klimabilanz erstellt."  Der Tagesspiegel irritiert mit der Meldung, dass trotz monatelanger Schließungen nicht alle Bühnen Verluste gemacht haben. Und die Nachtkritik beginnt morgen ihr Festival zum Netztheater der Freien Szene.
Archiv: Bühne

Film

Momente jugendzimmerpoetischer Kraft: "Love and Monsters" auf Netflix


Berückt ist FR-Kritiker Daniel Kothenschulte von Michael Matthews' offenbar durch und durch liebenswertem Netflix-Monsterfilm "Love and Monsters" (den "deutschen" Verleihtitel "Monster Problems" mag er gar nicht), in dem es um Postapokalypse, sehnsüchtige Liebe und großäugige Monstren geht. "Es gibt einen gigantischen Frosch mit klebriger Zunge, der sich wie ein moosbewachsener Felsen aus einem Tümpel erhebt. Noch eindrucksvoller ist eine schleimige Riesenschnecke, wie sie schon Doktor Doolittle gekannt haben könnte. Die Figuren sind so kunstvoll entworfen, als hätte Tim Burton einen Muppets-Film nach Zeichnungen von Alfred Kubin ausgestattet." Mit diesem Film reist auch FAZ-Kritiker Oliver Jungen gern zurück in sein Jugendzimmer: "Der Referenzrahmen sind emotional gelungene Initiationsfilme der achtziger Jahre. Wenn Joel eine pottwalgroße Killermade in letzter Sekunde in die Luft sprengt (ein Jungstraum!) und danach ausruft 'Ich fühle mich wie Tom Cruise', dann riecht das, ja, nach 'Teen Spirit'."


Weitere Artikel: David Steinitz berichtet in der SZ, dass Will Smith und Antoine Fuqua ihre Dreharbeiten im US-Bundesstaat Georgia abgebrochen haben, um damit gegen die vom republikanischen Gouverneur auf den Weg gebrachte Verschärfung des Wahlrechts zu protestieren. Im Filmdienst schreibt Kristina Jaspers über Uli Hanischs Produktionsdesign des Netflix-Erfolgs "Das Damengambit". Fritz Göttler gratuliert Julie Christie in der SZ zum 80. (oder 81.?) Geburtstag.

Besprochen werden Nicolás Rincón Gilles auf Mubi gezeigtes Spielfilmdebüt "Valley of Souls" (Standard) und die auf Amazon gezeigte Doku "Schwarzer Adler" über Rassismus im Fußball (SZ) - Daneben gibt es ein kurzes Interview mit dem Ex-Profifußballer Jimmy Hartwig, der meint, nicht nur habe sich am Rassismus im deutschen Fußball nichts geändert, "es wird zurzeit sogar schlimmer. Obwohl wir in einer globalen Welt leben, gibt es noch Menschen in diesem Land, die etwas gegen andere Menschen haben, nur weil sie anders aussehen. Und solange es diese Engstirnigkeit gibt, müssen noch mehr Filme wie 'Schwarze Adler' gezeigt werden. Der Rassismus ist nicht weg, er ist unterschwelliger geworden.".
Archiv: Film
Stichwörter: Monsterfilm, Rassismus, Netflix

Musik

Im Interview mit der FAZ spricht der Dirigent Franz Welser-Möst vom Cleveland Orchestra über das Corona-Desaster in den USA: Die Musiker seines Orchesters werden zwar mit Lohnabstrichen gehalten, aber die Metropolitan Opera in New York hat mal eben seine Künstler gesammelt auf die Straße gesetzt: "Das künstlerische Herz eines Opernhauses als Erstes herauszuschneiden, empfinde ich als fatalen Fehler. Aber es steckt politisches Kalkül dahinter. Die Verträge mit den Gewerkschaften enthalten in New York so horrende Bedingungen, dass Peter Gelb das Haus langfristig nur absichern kann, wenn er bei den Gehältern - und da geht es bei den Bühnenarbeitern um Summen von dreihunderttausend Dollar an aufwärts als Jahresgehalt pro Person - Zugeständnisse erzielt. ... Trotzdem ist das Signal von Gelb katastrophal. Anna Netrebko singt auch an anderen Häusern der Welt, aber das Orchester spielt jeden Abend in diesem Haus."

Weitere Artikel: Tabea Köbler freut sich in der taz auf die heutige Eröffnung des Zentrums für immersive Medienkunst, Musik und Technologie (ZIMMT) in Leipzig: Mit einer außergewöhnlichen Lautsprecherkonstruktion wolle man es dort mit der klanglichen Immersion so richtig ernst nehmen. Für The Quietus unterhält sich Robert Barry mit Marie Staggat und Timo Stein, die einen Fotoband über Berlins wegen Corona leerstehende Clubs veröffentlicht haben.

Besprochen werden Alyona Alyonas Album "Galas" (FR), Matthias Corvins Biografie über den Komponisten Engelbert Humperdinck (Tagesspiegel) und neue Popveröffentlichungen, darunter Neues von der norwegischen Indierockband Motorpsycho, die SZ-Popkolumnist Jens-Christian Rabe auch mit ihrem 24. Album noch völlig umbläst. Die spielt nämlich "Led Zeppelin für Erwachsene, die auch minimalistisch mäandernden Krautrock und in Zeitlupe donnernden Drone lieben." Wir hören rein:

Archiv: Musik