Efeu - Die Kulturrundschau

Hart für den Verstand

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04.05.2021. Der Observer feiert Überschwang und Lebensfreude in Jean Dubuffets Art Brut. Der DlfKultur berichtet von den Schikanen gegen kritische KünstlerInnen in Russland. Ohne Arbeit bleibt die Kunst ungefährlich, erkennt die SZ bei den Ruhrfestspielen. Dem CrimeMag bleibt Lee Daniels' Biopic über die große Billie Holiday zu lau. Als Soziologe des Gangstarap erklärt Martin Seeliger in der taz, was Haftbefehl zu irre geilem Punk macht. Und das ZeitMagazin lernt von Alexander McQueen: Leder ist die neue Seide.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2021 finden Sie hier

Kunst

Jean Dubuffet: 'Paysage aux argus' (Landschaft aus Schmetterlingen), 1955. © Fondation Dubuffet, Paris

Im Observer kann Laura Cummings die große Jean-Dubuffet-Schau kaum abwarten, mit der die Barbican Gallery dem französischen Meister der Art brut Mitte Mai huldigen wird: "Seine frühen Bilder versuchten, Schutt, Schlamm und Schotter zu rehabilitieren, die verdickten Oberflächen sollten sich rau anfühlen und hart für den Verstand sein. Seine Lithografien wollten wie Graffiti auf den geschwärzten Pariser Mauern sein. In einer berüchtigten Ausstellung von 1947 wurde ein Porträt aus der Serie französischer Intellektueller mit dem Titel 'Limbour Fashioned from Chicken Droppings' gezeigt. Die Franzosen zeigten ihren Abscheu in organisierten Protesten. Aber wie sonst, scheint Dubuffet zu fragen, kann man arbeiten, wenn die hungernden Franzosen am Ende des Krieges um Nahrung und Brennmaterial kämpften und Ölfarbe ein Luxus à la Marie Antoinette zu sein schien? ... Doch Dubuffet ist weder Tragiker wie sein Malerfreund Jean Fautrier, noch ist seine Kunst auffallend politisch. Er erscheint als verschmitztes Gegengift zum zutiefst ängstlichen Giacometti. Der Überschwang in seiner Kunst kommt zum Teil direkt aus seiner eigenen charakteristischen Lebensfreude, aber auch aus dieser rebellischen Faszination für unkonventionelle Materialien.

Weiteres: FAZ-Autorin Kerstin Holm lässt sich vom österreichsichen Kunsthistoriker und Kurator Simon Mraz durch die lebendige russische Kunstszene jenseits offzieller Kunstereignisse führen. Besprochen werden die Schau "Stadt und Land" mit Landschaftsbildern auf Papier in der Wiener Albertina (Standard) und die Retrospektive der Avantgarde-Künstlerin Sophie Taeuber-Arp im Kunstmuseum Basel (SZ).
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Film

Andra Day als Billie Holiday. (Paramount Pictures/Takashi Seida)

Sonja Hartl und Thomas Wörtche haben sich für das CrimeMag Lee Daniels' loses Biopic "The United States vs. Billie Holiday" angesehen. Die wegen Drogenkonsums gegen die Sängerin geführten Verfahren werden hier als rassistisch motiviert kenntlich, schreibt Hartl. Allerdings fehle es dem Film an einem "dramatischen Zentrum". Thomas Wörtche steigt tief ein in den historischen Kontext ein, sieht hier "Kino als Geschichtsunterricht", der Billie Holiday einer neuen Generation überhaupt erst wieder erschließe - hat aber dennoch einiges kritisch anzumerken: "Der Film verwischt die systemische Dimension, mit der der 'Krieg gegen die Drogen' zur Kriminalisierung von Minderheiten aus rassistischen und ökonomischen Gründen erfunden und betrieben wurde. ... So dominiert, möglicherweise sogar contre cœur, doch wieder das alte, bekannte Narrativ von der schwarzen Sängerin mit schlimmer Kindheit, schlimmen Lebensumständen und gebrochener Biographie, die sich mit ihrer Haltung gegen das Establishment gestellt und deswegen grausam bestraft wurde, weil sie einen nützlichen Angriffspunkt geboten hatte. Und das ist mir angesichts des Formats der großen Künstlerin Billie Holiday dann doch zu wenig. Oder zu lau."

Besprochen werden ein Bildband über DEFA-Filmplakate (CrimeMag), die Serie "The Mosquito Coast" (Freitag) und die auf Netflix gezeigte Anime-Serie "Yasuke" (Presse).
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Stichwörter: Holiday, Billie, Jazz, Netflix

Bühne

Im DlfKultur berichtet Florian Kellermann, dass der Kreml nicht nur gegen die Organisationen von Alexei Nawalny vorgeht, sondern auch kritische Künstlerinnen und Künstler schikanieren lässt: "In Moskau beendete die Polizei gewaltsam eine Premiere im Theater Dok. Eine halbe Stunde nach Beginn der Aufführung mussten Schauspieler und Zuschauer den Raum verlassen - angeblich wegen einer Bombendrohung. Regisseur Sergej Gindilis sagte dem Radiosender Echo Moskwy: 'Wir wollten die Aufführung unter freiem Himmel fortsetzen, auf der Treppe vor dem Theater. Aber die Polizei vertrieb uns auch von dort. Wir sind dann auf die Straße gegangen und haben es dort versucht. Aber auch dort kamen Polizisten vorbei und haben gedroht, uns zu verhaften. Wir verstießen gegen die Versammlungsbeschränkungen, hieß es. Dabei haben wir alle Masken getragen und die Abstandsregeln eingehalten.' Das Stück 'Nachbarn' verarbeitet die Ereignisse in Belarus im vergangenen Jahr."

Ein furchtbarer Verdacht kommt SZ-Autor Till Briegleb nach der Eröffnung der Ruhrfestspiele, bei denen Bundespräsident Steinmeier den Bürokratismus der Künstlersozialkasse geißelte, und die junge Dichterin Enis Maci allzu flüchtig die Morde in Hanau, den Verbrennungsmotor und ihre Utopie der Allmende verwirbelte: "Der Text hätte Sprengstoff werden können auf einem Festival, das seine Wurzeln in der Arbeiterkultur hat, die einmal Alternativen zum Kapitalismus suchte. Aber diese Idee gehört dann eben ausgeführt. Deswegen ist die neue Arbeiterklasse der Kulturschaffenden in dieser Form für die Politik so leicht zu ignorieren: Sie dreht sich um sich selbst, und davon geht keine politische Gefahr aus." In der FAZ verneigt sich Simon Strauß nach der Auftaktinszenierung von Yoshi Oidas "Seidentrommel", deren "feine Traurigkeit" ihn tief berührt hat.

Weiteres: Susanne Lenz und Ulrich Seidler melden in der Berliner Zeitung, dass die Komische Oper die noch bis Juli laufende Saison gleich ganz abgesagt hat.

Besprochen werden Alexander Giesches "Afterhour " im Schauspielhaus Zürich (Nachtkritik) die Inszenierungen vom Heidelberger Stückemarkt (FR), die Ausstellung "Der absolute Tanz" im Berliner Georg-Kolbe-Museum, die den Tanz als Kunstform der zwanziger Jahre (und die Tilman Krause in der Welt wirklich großartig findet) und der erste Ballettabend "Walking Mad" im wiedereröffneten Zürcher Opernhaus vor handverlesenem Publikum ("Das ist so wahnsinnig schön, dass man darüber den Verstand verlieren möchte", seufzt Lilo Weber in der NZZ).
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Archiv: Bühne

Design

In seiner Stilkolumne fürs ZeitMagazin verneigt sich Tillmann Prüfer vor dem widerstandsfähigen und im Grunde unkaputtbaren Leder. In den aktuellen Sommerkollektionen ist es auch oft zu sehen, allerdings nicht nach alter Rockermanier: "Die Schnitte der neuen Lederhosen sind weit und leger. Bei Alexander McQueen und Louis Vuitton erinnern die Hosen sogar an Bürokleidung mit Bügelfalte. Dank neuer Schnitttechniken und Laser-Technologie lässt sich Leder heute so exakt verarbeiten wie Seide. Doch sobald es anfängt, zu altern und sich zu verhalten wie ein lebendiges Material, verrutscht die Bügelfalte, und nichts passt mehr. In diesem Sinne ist jede Lederhose auf dem Oktoberfest nachhaltiger."

Weiteres: In der taz freut sich Bettina Maria Brosowsky, dass das Georgia Institute of Technology in Atlanta nun einen seiner Gründer würdigt, den Bauhaus-Absolventen und Industriedesigner Hin Bredendieck. Besprochen wird die große, von Karl Kolbitz herausgegebene Monografie über Gio Ponti ("ein Buch über die Herstellung der Schönheit. Im Kleinen wie im Großen", schwärmt Alf Mayer im CrimeMag).
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Stichwörter: Leder, Modedesign, Ponti, Gio

Literatur

Aldo Keel erinnert in der NZZ daran, wie lange es dauerte, bis Hermann Hesse den Literaturnobelpreis bekam. Claus-Jürgen Göpfert besucht für die FR den Dichter Franz Mon, der am 6. Mai seinen 95. Geburtstag feiert. In den "Actionszenen der Weltliteratur" schreibt Frank Trende darüber, wie es August Strindberg einmal sehr eilig mit dem Heiraten hatte.

Besprochen werden unter anderem Tomasz Jedrowskis Debütroman "Im Wasser sind wir schwerelos" (taz), David Peace' "Tokio Neue Stadt" (CrimeMag), Lorenza Foschinis Buch über Marcel Proust und Reynaldo Hahn (Tagesspiegel), Stephen Kings "Später" (CrimeMag), Neuübersetzungen aus George Orwells Frühwerk (NZZ), ein Hörbuch über Heinrich Heine (Tagesspiegel), neue Bücher von Ben Lerner (SZ) und Marc Petitjeans "Das Herz - Frida Kahlo" (FAZ).
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Musik

Der Pianist Hasaan Ibn Ali gilt als wichtiger Jazzpionier und Stichwortgeber unter anderem für John Coltrane. Nur zu hören war von ihm bislang kaum etwas, nämlich exakt gerade mal ein einziges Album. Umso mehr freut sich SZ-Kritiker Andrian Kreye darüber, dass mit dem nach einem Archivbrand jahrelang als verschollen geltendem Album "Metaphysics" von 1965 Alis Diskographie nun doch noch schlagartig aufs Doppelte anwächst. Wie auf dem bereits bekannten Album "The Max Roach Trio Featuring the Legendary Hasaan" spielen Ali und seine Musiker "außerhalb der gewohnten Formen, aber innerhalb der musikalischen Regeln" - so entsteht auch hier "ein so dichtes Flechtwerk aus musikalischen Ideen und emotionalen Höhenflügen, dass man sich zwei, drei Mal darauf einlassen muss, bis sich die Tragweite erschließt, die diese Musik vor 56 Jahren hatte. Die Geschichte des Albums passt zwar auch gut in die aktuellen Debatten um die rassistische Drogenpolitik der USA, um die tragischen Folgen psychischer Erkrankungen, die damals nur mangelhaft behandelt wurden, wenn Rauschgift ins Spiel kam. Doch auch ohne den gesellschaftsgeschichtlichen Kontext öffnet 'Metaphysics' einen Spaltbreit die Tür in ein musikalisches Leben, das zum größten Teil für immer ein Geheimnis bleiben wird." Einen kleinen Einblick bietet dieser Albumtrailer:



Martin Seeliger kommt zwar aus dem Punk, hat aber eine "Soziologie des Gangstarap" geschrieben und schäumt im taz-Gespräch regelrecht über vor Begeisterung für sein Sujet, das vielleicht zum großen Teil auch lautet, warum sich Bürgersöhne für Rap von der Straße interessieren: "Wir haben das erst ironisch gehört. Dann war es auch ein bisschen Sozialkino: Der kriminelle Asikanake, das hat uns geflasht. ... Ich würde auch lügen, wenn ich sagen würde, ich bin total reflektiert und gucke mir das nur intellektuell an. Ich bin aber Fan der Energie. Jan Müller von Tocotronic hat neulich in seinem Podcast gesagt, Haftbefehl erinnere ihn an die Punkband Vorkriegsjugend. Das habe ich auch gedacht, als er in '069' geschrien hat: 'Fick deine Integration, ich knall dir die Kugel direkt durch dein Schädel.' Das ist ja Punk, das ist Hardcore, wie er da rumschreit. Das finde ich ästhetisch geil. Was für ein geiler, irrer Typ!"

Besprochen werden Joaquim Paulos und Julius Wiedemanns Bildband "Jazz Covers" (CrimeMag), neue Alben von Tom Jones (NZZ), The Still (taz) und das Debütalbum von Marie Ulven alias Girl in Red, die mit ihren zuhause aufgenommenen EPs schon Millionen Streams einholte und sich nun, laut ZeitOnline-Kritiker Daniel Gehardt, in Richtung "Popweltherrschaft" orientiert. Wir hören rein:

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