Efeu - Die Kulturrundschau

Sie ist die reine Wahrheit

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.05.2021. Sachsen will den Vertrag mit Christian Thielemann nicht verlängern. Die SZ fragt, ob mit dem Dirigenten etwa keine Oper von morgen zu machen sei. FAZ und NZZ nehmen weiter Anstoß an Peter Handkes Auszeichnung durch die Republika Srpska. Die taz stellt fest, dass jetzt sogar der Pop anfällig wird für Verschwörungstheorien. Recht erschrocken schreiben die Feuilletons über den Tod des amerikanischsten aller Architekten, Helmut Jahn.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2021 finden Sie hier

Literatur

Nobelpreisträger Peter Handke hat am Wochenende eine ganze Reihe von Ehrungen in Serbien und der Republik Serbien erhalten. Vahidin du Prel (der zur Nobelpreisehrung auch im Perlentaucher schrieb) fasst bei Facebook nochmal zusammen. Da ist zum Beispiel der Orden der Republika Srpska: "Er wurde im Krieg von Radovan Karadžić gegründet. Karadžić ist auch einer der ersten Träger dieser ehrenvollen Auszeichnung. Auch die Liste der anderen Träger liest sich wie ein Who is Who des Genozids: Ratko Mladić, Biljana Plavšić, Momčilo Krajišnik, Vojislav Šešelj, Slobodan Milošević... allesamt verurteilte Kriegsverbrecher."

Am Samstag nahm Handke zudem den Ivo-Andric-Preis entgegen. Dahinter steckt das "'Andrić-Institut, eine propagandistische Institution zur hagiografischen Andrić-Forschung", erklärt Michael Martens in der FAZ. "Voraussetzung für die Ehrung mit dem Andrić-Preis ist, dass die Ausgezeichneten einer großserbischen Lesart der Geschichte folgen, also nicht etwa dadurch unangenehm auffallen, dass sie serbische Verbrechen der neunziger Jahre beim Namen nennen. ... Freilich, nicht alle Beteiligten am serbischen Volk sehen in Handke einen Freund. Der Belgrader Publizist Teofil Pančić etwa kommentierte dessen jüngste Reise mit den Worten, Handke habe sich wieder einmal wissentlich 'zum Tanzbären der serbischen und bosnisch-serbischen nationalistischen Rechten machen lassen'. Serbien und die bosnische Serbenrepublik seien für Handke ein Zufluchtsort, wo er vor jedweder Kritik sicher sei und als 'Ritter, Prometheus, Prophet und Visionär' verehrt werde."

Auch Paul Jandl findet Handkes Auszeichnungstour durch Serbien "staunenswert" und erinnert in der NZZ an Handkes Zeit-Interview vor anderthalb Jahren, wo der Schriftsteller seine Äußerungen zu Serbien noch als reine Literatur in Schutz nahm. "Wenn das stimmt, dann ist es eine seltsame Sache mit der Literatur. Im Fall Handke lässt sie sich offenbar nicht nur für sehr reale Zwecke einspannen, sondern ist manchmal geradezu das Gegenteil dieses Literaturbegriffs: Sie ist die reine Wahrheit. Handkes 'kompromisslose Verantwortung gegenüber der Wahrheit' lobt denn auch Serbiens Präsident Aleksandar Vucic. ... Handkes einseitiger Starrsinn bleibt immer der gleiche, aber er wird den Feinden anders verkauft als den Freunden. Die Feinde und Kritiker sollen ihn als irgendwie weltferne Literatur zu Kenntnis nehmen, die anderen aber als Gesinnung." Mehr im Blog von Richard Herzinger.

Außerdem: Jasper Nicolaisen denkt auf 54books ausführlich über "schwierige Bücher" nach. Ralph Dutli widmet sich in der Dante-Reihe der FAZ dem Leid der Pflanzen.

Besprochen werden unter anderem Ottessa Moshfeghs "Der Tod in ihren Händen" (NZZ), Goran Ferčec' "Wunder wird es hier keine geben" (Freitag), Christina von Brauns Memoir "Geschlecht" (taz), Kae Tempests Essay "Verbundensein" (FR), Olga Flors "Morituri" (Tagesspiegel), Anna Rakhmankos Comic "Vasja, dein Opa" (Tagesspiegel) und Carl Seeligs "Wanderungen mit Robert Walser" (SZ).
Archiv: Literatur

Bühne

Sachsen will den Vertrag mit Christian Thielemann als Chefdirigent der Semperoper nicht über das Jahr 2024 hinaus verlängern. In der SZ ist sogar Reinhard Brembeck erschrocken über diese Meldung, denn schließlich sei Thielemann bei aller Schwierigkeit schon auch genial: "Die Politik wünscht eine vage formulierte 'Perspektive Semper 2030'. Kulturministerin Barbara Klepsch hat das so versucht zu präzisieren: 'Wir sehen dabei das, was heute gut ist und denken trotzdem an das Übermorgen der Oper. Und eine Oper in zehn Jahren wird eine andere als die Oper von heute sein...' Das heißt also, dass die Politik Thielemann eine Oper von Morgen oder gar von Übermorgen nicht zutraut. Zugegeben: Thielemann ist kein genuin der Moderne zugewandter Dirigent. Sein Reich ist die deutsche Romantik, Experimente auf der Bühne sind ihm ein Gräuel, mit der historischen Aufführungspraxis hat er genauso wenig im Sinn wie mit modern nüchternen Auffassungen von Künstlertum und Dirigieren. Sein Repertoire ist so überschaubar wie die Zahl seiner Auftritte. Aber wenn er auftritt, dann versetzt er mit sorgfältig ausgewählten wenigen Stücken sein Publikum in Trance."

Weiteres: In der Welt beklagt Manuel Brug angesichts von Führungsschwächen und Intrigen den blamablen Zustand des Berliner Staatsballetts. Für die FAZ nimmt Kevin Hanschke beim Heidelberger Stückemarkt Einblick in das Theater Litauens, das in diesem Jahr zu Gast ist und Hanschke zufolge einen radikalen Sozialrealismus folgt.

Besprochen werden Sibylle Bergs Gender-Dystopie "In den Gärten oder Lysistrata 2" vom Staatstheater Karlsruhe (Nachtkritik), Giacomo Puccinis Oper "Il trittico" im Stream des Wiesbadener Staatstheaters (FR), Jan Martens Auftakt zur Münchner Dance-Biennale mit der Choreografie "Any attempt will end in crushed bodies and broken bones" und dem Berliner Ü-40-Ensemble Dance On (SZ) und der Theatermonolog "Die Politiker" im Stream des Thalia-Theaters (SZ).
Archiv: Bühne

Architektur

Radikal vertikal: Der Münchner Highlight Tower. Foto: Helmut Jahn

Mit Helmut Jahn ist der amerikanischste aller Architekten gestorben. Dass ausgerechnet der Liebhaber der großstädtischen Vertikalen bei einem Fahrradunfall im beschaulichen Camptons Hills westlich von Chicago ums Leben kam, birgt für Gerhard Matzig in der SZ eine sehr bittere Ironie. In der FAZ schreibt Matthias Alexander über Jahns Bauten, zu dessen bekanntesten hierzulande der Frankfurter Messeturm oder das Berliner Sony-Center gehören: "Hierzulande blieb die Rezeption Jahns gleichwohl immer gemischt zwischen der Bewunderung gegenüber dem deutschstämmigen Star, der es in Amerika geschafft hatte, und Vorbehalten gegenüber einem vermeintlich oberflächlichen Artisten, der vor allem auf Überwältigung aus sei. Jahn blieb ein Architekt der Investoren, die sich mit seinem Namen schmückten, und wurde nicht zum Architekt der Architekten (und der Kritiker)."  Für Welt-Kritiker Marcus Woeller zeigt gerade das Sony-Center, wie nah Fluch und Segen von Jahns Architektur beieinander liegen. Im Tagesspiegel schreibt Bernhard Schulz.

Besprochen werden die Ausstellung "Le Corbusier und die Farbe" im Corbusier Pavillon in Zürich (NZZ) und der Band "Rechte Räume" des Architekturtheoretikers Stephan Trüby (Tsp).
Anzeige
Archiv: Architektur

Kunst

Christoph Gurk stellt in der SZ die Serie "Necropoli(s)tics" vor, für die der Fotograf Leonardo Finotti in imposanten Bildern aus der Luft die Massengräber dokumentiert, die in Brasilien für die Opfer der Pandemie ausgehoben werden.

Besprochen werden die Ausstellung "Wonderland" mit Beständen der Wiener Albertina (Standard) und und Hérica Valladares' Band "Painting, Poetry, and the Invention of Tenderness in the Early Roman Empire", der die zärtlicheren Seiten der für ihre Brutalität berüchtigten Römer zeigt (Hyperallergic).
Archiv: Kunst

Film

Zuckersüße Szene aus "A Suitable Boy"


Indische Filmemacher versprachen sich von den großen Streamingdiensten die Aussicht darauf, aus dem strikten Korsett des Bollywoodkinos ausbrechen zu können - das ist auch geschehen, bringt aber jede Menge Ärger mit sich, schreibt David Pfeifer in der SZ: Hindu-nationalistische Sittenwächter wachen mit Argusaugen darüber, dass Sitte, Anstand und gesellschaftliche Normen gewahrt bleiben. Dass es in der Netflix-Serie "A Suitable Boy" zu einem Kuss zwischen einem Hindu-Mädchen und einem muslimischen Jungen gekommen ist, ist da schon zu viel: "Das Ganze ist so zart und kulleräugig verliebt inszeniert, dass man, will man die Empörung verstehen, wissen muss, dass es in Indien eine Verschwörungskampagne von Hindu-Nationalisten unter dem Schlagwort 'Love Jihad' gibt. Angeblich hätten es sich muslimische Männer zur Aufgabe gemacht, Hindu-Frauen zu verführen, um die indische Gesellschaft zu unterwandern. Und das ist im Jahr 2021 nicht nur Chauvinismus, das bereitet vielen Paaren in Indien konkrete Probleme, zusätzlich zum Klassen- und Kastendenken."

Weitere Artikel: Bert Rebhandl (Standard) und Daniel Kothenschulte (FR) resümieren die Kurzfilmtage Oberhausen. Besprochen werden Valentin Vasyanovichs auf Mubi gezeigtes Science-Fiction-Drama "Atlantis" (online nachgereicht von der FAZ, mehr dazu hier) und der beim Münchner Dokfest gezeigte Dokumentarfilm "Hinter den Schlagzeilen" über die Investigativarbeit der SZ (FAZ).
Archiv: Film

Musik

Jenni Zylka denkt in der taz darüber nach, wie Corona Pop und den Mainstream spaltet. Den Anlass dafür bietet ihr Van Morrisons neues Album, der darauf unter anderem seine so gar nicht vorhandene Lust auf irgendwelche Coronamaßnahmen zum Ausdruck bringt. Früher beschwor Pop ein Gemeinschaftsgefühl, heute zeigt Pop mit dem Finger und öffnet sich für Verschwörungserzählungen, lautet Zylkas Befund. "Dabei macht gerade das Unspezifische, Allgemeingültige einen Teil jener Qualität aus, die Pop und Rockmusik so viele verschiedene Menschen berühren lässt. Diese kollektive Wirkung lag einerseits im gemeinsamen Hörerlebnis etwa bei Konzerten oder in Clubs - Situationen, die in Zeiten des Social Distancing flachfallen."

Weitere Artikel: Nicolas Freund wirft für die SZ einen Blick auf den Auktionshandel mit Rockdevotionalien. Christian Schmidt schreibt im Tagesspiegel über die Chefsuche beim Dresdner Kreuzchor und Leipziger Thomanerchor.

Besprochen werden neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Box der Aufnahmen des New York Philharmonic Orchestras unter Artur Rodzinski (SZ) und das neue, nach langer Pause veröffentlichte Album von Attwenger (Standard). Wir hören rein:

Archiv: Musik