Efeu - Die Kulturrundschau

Bewohnerin der Schrift

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05.06.2021. Die Feuilletons trauern um die Dichterin Friederike Mayröcker, deren musikalische Form der Grenzenlosigkeit sie würdigen. Die Architektur der Zukunft wird nicht gebaut, sondern überbaut, lernt Zeit online von dem australischen Architekten Liam Young. Tagesspiegel und Dlf Kultur staunen über die Provokationen der israelischen Videokünstlerin Yael Bartana. Die Berliner Zeitung ist auch nach dreißig Jahren noch fasziniert von Rebecca Horn. Die Musikkritiker feiern den pianistischen Furor der Marta Argerich, die heute achtzig Jahre alt wird.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2021 finden Sie hier

Literatur

Friederike Mayröcker, 2015 (Bild: Franz Johann Morgenbesser, CC BY-SA 2.0)

Große Trauer um die österreichische Lyrikerin Friederike Mayröcker, die im Alter von 96 Jahren gestorben ist. Distanziert war sie in ihren öffentlichen Auftritten, aber in ihrer Arbeit von "verzehrender Gegenwärtigkeit", schreibt Beatrice von Matt in der NZZ: "Schreiben erlebte sie als absolute Hingabe; sie sprach selber von 'écriture érotique'. Als lebensgefährliche Unternehmen pflegte sie ihre ausufernden Prosaarbeiten zu bezeichnen, jene Bücher also, in denen sie eine ganz eigene musikalische Form der Grenzenlosigkeit, ein anarchisches und gebändigtes Dichten, entwickelte."

"Die Natur war ihr nah, überhaupt alles Kreatürliche, die Flora und Fauna, die explodierenden Blüten des Frühlings", erklärt Meike Feßmann in der SZ: "Die Sprache war ihr Material. Sie spielte mit ihr, ließ sich von Wortfindungen überraschen, von Klängen, Einfällen, Korrespondenzen. Dabei war sie stets auf Empfang: jederzeit freudig bereit, etwas entgegenzunehmen, das sich nicht der eigenen Kreativität zuschreiben ließ." Ihre Texte verfasste sie in der "Trance einer Weltaufschreiberin, wie es sie in der europäischen Literatur sonst kaum gegeben hat", schreibt Paul Jandl in der Literarischen Welt: "Die Poesie Friederike Mayröckers ist synästhetisch, es ist ein Zugleich der Töne, Bilder und Dinge, eine dezidiert unhierarchische Form der künstlerischen Arbeit, in der das Grenzenlose poetologisches Programm ist."

"Liebe, Verlust, Weltangst, Alter und Krankheit sind die Kerne, um die herum sich die Texte, flirrend gesponnen aus Erinnertem, Erlebtem, Geträumtem und Angelesenem, anlagern", schreibt Michael Wurmitzer im Standard. "Ständig machte Mayröcker sich zu diesem Zweck Notizen, die sie dann immer wieder aufs Neue hervorkramte und an der Schreibmaschine collagierte." Diese Notizen stapelten sich mit Büchern meterhoch in ihrer legendären Wohnung in der Wiener Zentagasse - für tazler Dirk Knipphals war Mayröcker auch deshalb eine "Bewohnerin der Schrift" und eine "avantgardistischen Leserin der eigenen Gefühle". Weitere Nachrufe schreiben Andreas Platthaus (FAZ) und Björn Hayer (FR, ZeitOnline). Dlf Kultur wiederholt ein Porträt aus dem Jahr 2014.

Außerdem: Andreas Breitenstein spricht für die NZZ mit der serbisch-bosnischen Schriftstellerin Lana Bastašić, die gerade ihren (in der NZZ auch besprochenen) Debütroman "Fang den Hasen" veröffentlicht hat. Weder das "Literarische Quartett" noch Denis Schecks "Druckfrisch" taugen als annehmbare Literatursendungen im Fernsehen, ärgert sich Johanna Adorján in der SZ. Reinhart Meyer-Kalkus plädiert im Literarischen Leben der FAZ für ein verfeinertes Vokabular zur Beschreibung von Rezitationskunst.

Besprochen werden unter anderem die Neuausgabe von James Baldwins "Ein anderes Land" (taz), Olga Grjasnowas "Die Macht der Mehrsprachigkeit" (taz), Kazuo Ishiguros "Klara und die Sonne" (Tagesspiegel), Zeruya Shalevs "Schicksal" (Tagesspiegel), Lisa Krusches "Unsere anarchistischen Herzen" (Tagesspiegel, SZ), Anna Nerkagis "Weiße Rentierflechte" (Freitag), Tarjei Vesaass "Die Vögel" aus den 50ern (NZZ), Lutz Hachmeisters "Hotel Provencal" (Literarische Welt) und Hermann Hesses "Große Zeiten hinterlassen große Schutthaufen" mit Briefen aus den Jahren 1940 bis 1946 (FAZ).
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Architektur

Ein Beispiel für Liam Youngs "Planet City"


Auf Zeit online begeistert sich Laura Helena Wurth in einem mit vielen weiterführenden Links gespickten Artikel für Liam Youngs "spekulative Architektur". Das ist "eine Architektur, die sich mit dem befasst, was sein könnte. Keinesfalls mit dem Ziel, irgendetwas davon auch wirklich zu bauen. Was nicht bedeutet, dass die Ideen nicht umgesetzt würden. Nur eben nicht in Beton, Glas und Stahl, sondern ressourcenschonender als visuell erklärte Ideen." Dabei geht es, wie Wurth aus Youngs Buch "Planet City" lernt, vor allem darum, die Städte nicht mehr zu expandieren, sondern zu verdichten: "Er und sein Team haben das ganze Projekt akribisch durchdekliniert. Sie haben genauestens festgelegt, wie die Wasser- und Solarkreisläufe funktionieren, wie viele Menschen in der dichtesten Stadt leben können und wie man die Abfallentsorgung organisiert. Das flexible Prinzip des Überbauens, das Young städtebaulich benutzt, hat Ende der Fünfzigerjahre bereits der französische Architekt und Stadtplaner Yona Friedman vorgeschlagen. Seine Ville Spatial, die einfach über die alte Stadt drüber gebaut wird und die beliebig den aktuellen Bedürfnissen angepasst und entsprechend vergrößert oder verkleinert werden kann, ist bis heute eine der einflussreichsten Stadtutopien."

Hier eine kurze Einführung:



Weiteres: In der taz stellt Tom Mustroph den überdachten Theaterrundbau aus Holz für das Globe Theater in Berlin vor. In der FAZ zieht Matthias Alexander die Nase kraus angesichts von Plänen der Stadt Kassel einen kleinen Fichtenwald als "Grimms Wald" auf dem Brüder-Grimm-Platz zu pflanzen - komplett mit Wassernebel und Lichtspielen. Das Gewächs ist nicht nur kitschig, unhistorisch und offenbar denkfaul, es verstellt auch noch wichtige Blickachsen, klagt Alexander. Besprochen wird die Ausstellung "Anything goes?" zur Architektur der 1980er Jahre in der Berlinischen Galerie (taz).
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Film

Am 9. Juni beginnt die nachgereichte Publikumsberlinale als Open-Air-Festival - obwohl Kinos angesichts der jüngsten Entwicklung sogar schon wieder öffnen könnten (allgemein los gehen wird es aber wohl erst am 1. Juli). Dass die Berlinale sich für Open Air statt für einen Saal entschieden hat, liegt in der planerischen Natur der Sache, sagt Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek im taz-Gespräch: "Wir können nicht innerhalb einer Woche ein Festival programmieren. Es hätte keinen Sinn gehabt, auf Risiko zu gehen und zu denken, dass die Kinos schon werden öffnen dürfen." Und der künstlerische Leiter Carlo Chatrian - als früherer Leiter des Locarno-Festivals an Open-Air-Vorführungen sowieso gewöhnt - sieht darin "auch als Symbol die beste Option. In Berlin gab es einen langen Lockdown, und jetzt ein Dach über dem Kopf zu haben, würde stark an diese Erfahrung erinnern. Die Möglichkeit, Filme unter den Sternen zeigen zu können, weckt ein völlig anderes Gefühl."

Außerdem: Daniel Kothenschulte freut sich auf den hochkarätigen Cannes-Wettbewerb (mehr dazu bereits hier). Laura Ewert zappt sich für ZeitOnline durch die Heimatdokus der Dritten, um auf diese Weise langsam wieder Kontakt zu ihren Mitmenschen aufzubauen. Besprochen wird die Stephen-King-Serie "Lisey's Story" mit Julianne Moore (SZ).
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Kunst

Endlich darf auch das Jüdische Museum in Berlin wieder Publikum einlassen, freut sich Nicola Kuhn im Tagesspiegel anlässlich der Eröffnung mit "Redemption Now", einer Werkschau der israelischen Videokünstlerin Yael Bartana. "Ein Besuch der Schau geht eben nicht digital, Bartanas Videoarbeiten muss man körperlich erfahren, um die Faszination zu spüren, die von ihren charismatischen Führerfiguren ausgeht. In Philadelphia schickt die Künstlerin eine weißhaarige Frau mit einer Gruppe bewaffneter Menschen durch die Straßen der Stadt, die ihre Gewehre auf dem Laurel-Hill-Friedhof rituell begraben wie einst nordamerikanische Ureinwohner. ... Einer "Amateuranthropologin", wie Bartana sich nennt, die kollektive Vorstellungskraft und Gruppenidentitäten untersucht, müssten die Ereignisse der letzten anderthalb Jahre hervorragendes Material liefern. Doch die Künstlerin arbeitet sich vornehmlich an israelischen Traumata ab. Es ist berührend, in der Ausstellung zu verfolgen, welche Motive sie im Laufe der vergangenen zwanzig Jahre dafür gefunden hat."

Ein Beispiel beschreibt Simone Reber im Dlf Kultur: "In der Ausstellung ist auch die Videotrilogie 'And Europe will be stunned' zu sehen, die Yael Bartana 2011 im polnischen Pavillon bei der Biennale von Venedig zeigte. In den Filmen inszeniert sie mit Mitteln der Propaganda eine politische Bewegung, die drei Millionen Juden zur Rückkehr nach Polen aufruft. Schon im Vorfeld erreichte das Jüdische Museum eine Anfrage, ob das Jewish Renaissance Movement ernst gemeint sei. Die Filme werden jetzt im musealen Zusammenhang gezeigt und machen auf einmal bewusst, wie schmal die Grenze ist zwischen politischer Aktion und Manipulation. 'Yael Bartana ist eine Beobachterin ihrer Zeit', sagt die Kuratorin Shelley Harten. 'Wir haben das als Drohnenflug beschrieben, also eine Art Drohnenflug der kollektiven Identität, sie guckt sie sich von oben an, von unten, von der Seite und im Nachhinein kommen wir an einen Punkt, wo wir aus der Distanz heraus unsere eigene Identität hinterfragen und beleuchten können.'"

Hier als Beispiel "And Europe will be stunned", von Yael Bartana (ab 2:07):



In der Berliner Zeitung erinnert Ingeborg Ruthe angesichts einer Ausstellung von Rebecca Horn in der Berliner Galerie Thomas Schulte an die Anfänge der Künstlerin, deren Witz und Wut die Rezensentin seit 30 Jahren fasziniert. Man betrachte nur "'Bees Planetary Map', ein Heer aus stalaktitengleich von der Galerie-Decke hängenden, zu Lampen umfunktionierten Bienenkörben, die über zerbrochenen Spiegeln baumeln. Und aller zehn Minuten zuckt der Besucher zusammen, weil ein an ein Seil gebundener Felsstein herabkracht und einen Spiegel zerscherbelt. Welch scharfkantige Metapher für die Klimakatastrophe, der nicht nur die Bienen zum Opfer fallen."

Weiteres: Sandra Danicke berichtet in der FR von der Fotografie-Triennale Ray in Frankfurt.
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Bühne

Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt Regisseur Tobias Kratzer, warum er an der Komischen Oper die Operette "Der 'Zigeuner'baron" von Johann Strauss in Anführungszeichen und nicht als "Der Z-Baron" inszeniert. Für ihn habe das Anführungszeichen "eine ähnliche Funktion wie ein Genderstern. Es ist ein öffentliches Signal dafür, dass sich da jemand Gedanken gemacht hat, dass die Begrifflichkeit dieses Operettentitels nicht unreflektiert reproduziert wird. Shitstormvermeidung ist jetzt nicht die primäre Aufgabe, aber hoffentlich auch ein angenehmer Nebeneffekt dieser Anführungszeichen."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel freut sich Frederik Hansen auf die kommende Saison der Berliner Staatsoper: "320 Veranstaltungen sollen Unter den Linden stattfinden, 31 verschiedene Opernproduktionen werden zu sehen, 90 Konzertprogramme zu erleben sein, von großer Sinfonik bis zur Familienaufführung. Wie aus einem Füllhorn ergießen sich illustre Namen über das potenzielle Publikum..." Na bitte, wird doch alles wieder.

Besprochen werden Christoph Marthalers Inszenierung von Hölderlins "Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten" am Hamburger Schauspielhaus (taz), Ersan Mondtags Inszenierung von Thomas Köcks "wagner - der ring des nibelungen (a piece like fresh chopped eschenwood)" am Berliner Ensemble (nachtkritik, Berliner Zeitung), Helge Schmidts Stück "Tax for free" am Lichthoftheater Hamburg (nachtkritik), die "Konferenz der Abwesenden" von Rimini Protokoll in Marl (SZ)
Archiv: Bühne

Musik

Die Pianistin Martha Argerich wird heute 80 Jahre alt, für SZ-Kritiker Helmut Mauró "die bedeutendste Pianistin des 20. Jahrhunderts. ... Wie bei allen herausragenden Musikern erreicht sie eine Intensität, bei der sich die Ordnung der Klänge in etwas begriffslos Sprechendes verwandelt, ohne seine klangliche Sinnlichkeit zu verlieren. Bei Argerich kommt aber noch etwas hinzu: ein charmanter Furor, der auch jene Zuhörer mitreißt, die das Konzert mit geschürzten Lippen und gemessener Emphase verfolgen." Dieser "legendäre pianistische Furor der Argerich, dieses 'klare Feuer' (Joachim Kaiser), verschlägt einem immer wieder schier den Atem", schreibt auch Julia Spinola in der NZZ: Argerich "zeigt uns, auf welch radikale und riskante Weise ein Interpret sich preisgibt, wenn er die dramatischen Gewalten eines Werkes entfesselt. ... Aber auch die Gegenpole zum oft beschriebenen vulkanischen Temperament darf man nicht aus dem Blick verlieren: diese traumwandlerische, hoch nuancierte Beredtheit, mit der sie eine fragende melodische Linie in einer Chopin-Mazurka gestalten kann; ihre Poesie, ihren Klangsinn." Im Tagesspiegel gratuliert Ulrich Amling. Hier eine Aufnahme von Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 aus dem Jahr 2019:



Außerdem: Ulrich Stock berichtet auf ZeitOnline von der Verleihung des ersten Deutschen Jazzpreises. Angenervt nimmt Amira Ben Saoud im Standard zur Kenntnis, dass der als Krypto-Rechtsrocker geltende Andreas Gabalier sich in seinem neuen Song nun an die queere Community heranwanzt.

Besprochen werden Mustafas Debütalbum "When Smoke Rises" (Tagesspiegel) und ein Soloalbum von Billy Gibbons von ZZ Top (SZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Argerich, Martha, Zz Top